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Walter Eberlei: Afrikas Wege aus der Armutsfalle

Cover Walter Eberlei: Afrikas Wege aus der Armutsfalle. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2009. 200 Seiten. ISBN 978-3-86099-611-9. 19,90 EUR, CH: 35,90 sFr.
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Aus Afrika kommt immer etwas Neues

Dieser bekannte, vielfach in unterschiedlichen Zusammenhängen, Ideologien, eurozentrierten Höherwertigkeitsvorstellungen, aber auch hoffnungsvollen Anerkennungen ausgesprochene Slogan, gilt mittlerweile als interkulturelle und intellektuelle Aufforderung, die Einschätzungen weg vom Blick auf den „verlorenen Kontinent“ und hin zu optimistischen Perspektiven auf die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Vielfalten in unserem Nachbarkontinent zu richten (vgl. dazu das interessante Projekt „Entangled – Annäherungen an zeitgenössische Künstler aus Afrika“, das 2006 von der VolkswagenStiftung dokumentiert wurde). Zwar hat der kürzlich von der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zum Welternährungsgipfel im November 2009 in Rom herausgegebene Bericht die erschreckende Nachricht gebracht, dass die Zahl der Hungernden auf der Erde innerhalb eines Jahres um 105 Millionen auf mittlerweile eine Milliarde Menschen angewachsen sei – viele davon in Afrika; gleichzeitig aber vollzögen sich in einer Reihe von afrikanischen Ländern Entwicklungen, die für Optimismus sorgten. Welche sind das? Wen betreffen sie und wer profitiert davon?

Autor und Inhalt

Der Soziologe an der Fachhochschule Düsseldorf, Journalist und Entwicklungsexperte Walter Eberlei, lehrt und forscht seit Jahrzehnten zu den Fragen von Entwicklung, Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit. Die Einschätzung - „Sub-Sahara Afrika ist und bleibt das Armenhaus der Welt“ – wird allerdings relativiert durch die Beobachtungen und Ergebnisse seiner von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Arbeiten. Es gibt viel Neues in Afrika – eben nicht nur Katastrophen, Hunger, Elend und Krieg; sondern eine ganze Reihe von Lichtblicken und Hoffnungssstrahlen. Etwa, dass in mehreren Ländern Afrikas in den Jahren 2004 bis 2007 ein wirtschaftliches Wachstum von vier bis sechs Prozent zu verzeichnen war und das Pro-Kopf-Einkommen jährlich schneller wächst als die Bevölkerung; dass der Anteil der extrem armen Menschen signifikant zurück geht; dass die Bestandsaufnahmen zur Lebenserwartung, Bildung und Alphabetisierung sich positiv darstellen. Eberlei sieht deshalb Anzeichen für einen „entwicklungspolitischen Neuanfang in Sub-Sahara Afrika“. Es seien vor allem drei Entwicklungen, die diese optimistische Einschätzung rechtfertigten:

  1. Zum einen vollzieht sich seit Mitte der 1990er Jahre eine Hinwendung zu den von den Vereinten Nationen für Afrika entwickelten Armutsreduzierungsstrategien (Poverty Reduction Strategy).
  2. Zum zweiten lässt sich in der Politik der internationalen Entwicklungszusammenarbeit eine Veränderung von bisherigen neoliberalen Denk- und Handlungsmustern hin zu Formen der Armutsbekämpfung erkennen;
  3. und drittens sieht der Autor – das dürfte überraschend für den internationalen Diskurs sein – ein zunehmendes Selbstbewusstsein und gesellschaftliches Engagement in der afrikanischen Bevölkerung, das Regierungshandeln in ihren Ländern kritisch zu betrachten und zivilgesellschaftliche Beteiligung einzufordern.

Auf diesen drei vorfindbaren Neuerungen baut Eberlei seine Argumentationsketten in den folgenden Artikeln auf: Mit Jeffrey Sachs (vgl. dazu: Wohlstand für viele. Globale Wirtschaftspolitik in Zeiten der ökologischen und sozialen Krise, in: socialnet Rezensionen unter http://www.socialnet.de/rezensionen/6636.php), Amartya Sen und anderen ist Eberlei überzeugt, dass „eine demokratische politische Kultur der Schlüssel zur Armutsbekämpfung“ ist. Für „Democratic governance“ findet er Beispiele in Afrika, etwa in Ghana, wo eine demokratisch gewählte Regierung demokratisch abgewählt wird, weil die Bevölkerung ihr fehlendes Entwicklungshandeln ankreidet. Der Autor analysiert die Entwicklungen, die sich nach den „verlorenen Dekaden“ der 1980er und 1990er Jahre vollzogen haben und diskutiert die Gründe, die deutliche Wachstumsraten in den Jahren 2000 bis 2008 brachten; er relativiert jedoch gleichzeitig die optimistischen Perspektiven, indem er auf die Krisenanfälligkeit verweist, die der Weltmarkt für die in Afrika erzeugten Produkte und Rohstoffe bereit hält. Dabei zeigt er auf, dass es gerade die unterschiedlichen Entwicklungen in den einzelnen afrikanischen Ländern sind, die das positive Bild trüben: Auf der Grundlage der UN-Millenniumsziele befragt Eberlei die Situationen in einigen afrikanischen Ländern. Dabei kommt er immer wieder zu seiner Schlüsselfrage, wie eine verbesserte, demokratische Regierungsführung erreicht werden kann und welche gesellschaftlichen und institutionellen Instrumente und Kontrollinstanzen eingeführt werden können. Anhand von vier verschiedenen politischen Situationen in Afrika analysiert er die „Wirklichkeit von Regierungsführung in Afrika“:

  1. Bei Staaten mit demokratischer Regierungsführung, deren Qualität sich in den letzten zehn Jahren verbessert hat;
  2. Staaten mit eingeschränkt demokratischer Regierungsführung;
  3. Staaten mit autoritärer Regierungsführung;
  4. und Staaten mit schwacher oder versagender Regierungsführung.

Während er die Gruppe der „hoffnungslosen“ (failing / failed states) Länder in seiner Betrachtung vernachlässigt (warum eigentlich?), nimmt er die politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung der Länder Äthiopien, Ghana und Sambia zum Anlass, um nach Wegen aus der Armutsfalle zu suchen. Es sind vier Pfeiler für eine armutsorientierte Regierungspolitik, die Erfolg versprechen:

  1. Legitimation von Regierungsmacht,
  2. Transparenz des Regierungshandelns,
  3. Partizipation der zivilgesellschaftlichen Akteure und Rechenschaftspflicht und
  4. Regierungskontrolle.

Dabei filtert er drei Gruppen von Ländern aus Sub-Sahara Afrika heraus:

  1. In elf Ländern, also einem knappen Drittel, wird die zivilgesellschaftliche Beteiligung an politischen Prozessen Ernst genommen;
  2. in zehn Ländern mangelt es an einem Dialog zwischen Regierungen und zivilgesellschaftlichen Akteuren;
  3. in den restlichen 13 Ländern kann von zivilgesellschaftlichen Wirkungen keine Rede sein.

Dort, wo zivilgesellschaftliche Einflüsse auf das politische Handeln in den afrikanischen Ländern wirksam sind, zeigen sich positive Entwicklungen: Eine wichtige Erkenntnis, die in die Stammbücher von Politikern und Regierungen in Afrika und überall in der Welt geschrieben werden sollte!

Welche Erkenntnisse lassen sich daraus für die inter- und supranationale Entwicklungszusammenarbeit ziehen? Für die deutsche Entwicklungspolitik, die europäische und die von den Vereinten Nationen (Weltbank)? Ohne schon die „neue“ Politik der Entwicklungszusammenarbeit der schwarz-gelben Koalition diskreditieren zu wollen, in der jedoch bereits eine deutliche Hinwendung zu neoliberalen Formen erkennbar wird (die allerdings der Autor noch nicht in seiner Analyse aufgenommen hat), kommt Eberlei doch zu dem Ergebnis, dass die Programmatik der deutschen Entwicklungszusammenarbeit noch weit von einer konsequenten Ausrichtung auf Armutsbekämpfung sei. Auch in der Entwicklungspolitik der EU klafft eine riesige Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Subventionismus und Partikularismen. Bei der Weltbank wird zwar die Armutsbekämpfung als Ziel ihrer Politik propagiert, doch die Diskrepanz zwischen institutionellen, außenwirtschaftlichen und außenpolitischen Eigeninteressen und der Förderung der wahren Bedürfnisse in den afrikanischen Ländern besteht.

Die zahlreichen Abbildungen, Tabellen, Statistiken und sogenannten Textboxen, das sind Definitionen und Zusammenfassungen zu Fragen wie „Was ist Armut?“, „Armutslagen weltweit“, „Eigenverantwortung versus Konditionalitäten?“, u.a., machen den Forschungsbericht zudem zu einem Nachschlagewerk für Fragen der internationalen Entwicklungszusammenarbeit.

Fazit

Die in den internationalen Diskursen und Programmen in den Jahren 1999 bis 2002 entwickelte „Armutsreduzierungsstrategie“ (PRS = Poverty Reduction Strategy) zeigt, dass sie dort, wo sie eine Chance hat, positive, gesellschaftliche, politische und ökonomische Entwicklungen bewirkt; diese Einsicht schließt ein, dass Geben und Nehmen in der internationalen Politik auf „Augenhöhe“ sich vollziehen muss. Ein internationaler und interkultureller Dialog, in dem menschenrechtliches und zivilrechtliches Denken und Handeln, in Afrika, in Deutschland, in Europa und in der Welt, die Grundlage bildet, trägt dazu bei, „die Armutsfalle (zu) öffnen“. Ein neuer Blickwechsel, in dem erkennbar wird, dass Afrika „eigene Wege aus der Armutsfalle“ entdeckt, ist wichtig. Walter Eberlei bietet diesen Perspektivenwechsel an. Mögen alle diejenigen, die zivilgesellschaftlich an der Entwicklung einer besseren, gerechteren und humaneren Einen Welt arbeiten, das zur Kenntnis und ernst nehmen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.01.2010 zu: Walter Eberlei: Afrikas Wege aus der Armutsfalle. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2009. ISBN 978-3-86099-611-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8110.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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