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Frank Dammasch, Hans-Geert Metzger u.a. (Hrsg.): Männliche Identität

Rezensiert von Prof. Dr. Eckhard Giese, 06.03.2010

Cover Frank Dammasch, Hans-Geert Metzger u.a. (Hrsg.): Männliche Identität ISBN 978-3-86099-598-3

Frank Dammasch, Hans-Geert Metzger, Martin Teising (Hrsg.): Männliche Identität. Psychoanalytische Erkundungen. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2009. 202 Seiten. ISBN 978-3-86099-598-3. 19,90 EUR. CH: 35,90 sFr.
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Thema

„Nach dem Tode des ödipalen Denkers und Vaters der Psychoanalyse Sigmund Freud standen die Mutter und die Mutter-Kind-/Dyade und die weibliche Identitätsentwicklung im Zentrum der psychoanalytischen Konzeptentwicklung. Weitgehend auf der Strecke blieb dabei die klinische und empirische Erforschung der männlichen Entwicklung“, heißt es im Klappentext zu dem vorliegendem Buch.

Tatsächlich ist Männlichkeit in den letzten Jahrzehnten zu einer randständigen Thematik geworden; Männlichkeit steht andererseits im Vordergrund vieler (Medien-) Veröffentlichungen zu sozialen Pathologien wie Gewaltexzessen und verstümmelter Emotionalität.

Das vorliegende Buch ist mit seinen zwölf Einzelbeiträgen – einer von diesen von einer Autorin, ein weiterer unter weiblicher Mitwirkung verfasst - eine facettenreiche (Psycho-) Analyse heutiger Männlichkeit und ihrer Probleme. Das mit 202 Seiten Umfang mittelschwere Buch erweist sich als gehaltvoll und anregend. Auch für Nicht-psychoanalytiker/-innen ist es gut verständlich, aber keine schnelle Lektüre.

Die Bestandsaufnahme

Männlichkeit ist in die Krise geraten. Die Frage „warum Männer offensichtlich so defensiv, veränderungsresistent und wenig flexibel“ reagieren; warum sie den Krisenerscheinungen von Männlichkeit in ihrer Mehrzahl so gleichgültig gegenüber stehen, hat auch den Rezensenten selbst beschäftigt (Giese, 2005). Die schwache Performance des männlichen Geschlechts gibt mittlerweile auch Frauen zu denken (Scheub, 2010).Schließlich ist die „patriarchale Dividende“ unwiderbringlich dahin ; der weibliche Anteil nicht zuletzt in psychosozialen Berufen steigt ebenso wie in solchen Studiengängen, in denen Frauen früher gering repräsentiert waren (Tiermedizin, Jura). Es ist etwas in der gesellschaftlichen Entwicklung, das Mädchen und Frauen gut tut und Jungen/ Männer zurückfallen lässt – doch was ist es?

Die Herausgeber Dammasch, Metzger und Teising entfalten im Eingangskapitel „Männliche Identität“ ein Krisenpanorama der Männlichkeit und damit auch quasi eine Agenda für das vorliegende Buch. Die aktuelle Geschlechterforschung sei Kind der Frauenbewegung, und so mag sich zum Teil die Dominanz feministischer Blickweisen erklären (die andere Erklärung: ein traditionell geringes Interesse von Männern an der Forschung von Männlichkeit und damit an sich selbst).
Eine „geschlechtersensible Erziehung und das Verändern von Rollenklischees sind „in pädagogisches Handeln umgesetzte Werte weiblich dominierter Erziehung geworden„(S.7). Während aber für Mädchen die Eroberung ehemals männlicher Verhaltensrepertoires und gesellschaftlicher Räume Gewinn versprechend ist, konstatieren die Herausgeber, dass Jungen den Bemühungen um ihre ´stärkere Verweiblichung´ Widerstand entgegen bringen.

Frank Dammasch referiert unter dem Titel „Die Angst des Jungen vor der Weiblichkeit“ die bekannten Daten zu den besonderen Gefährdungen (Autismus, ADS, Suchtverhalten, Gewaltneigung ), von denen Jungen deutlich stärker betroffen sind als Mädchen und Frauen, denen zudem ein produktiveres Hilfesuchverhalten eigen ist. Diese Unwucht in den Entwicklungschancen beider Geschlechter dringt erst langsam in das Bewusstsein der Öffentlichkeit, die nach wie vor von der Dominanz älterer Männern in Führungspositionen von Wirtschaft und Politik geblendet ist.
Für die unsicherere Geschlechteridentität von männlichen Jugendlichen referiert Dammasch viele Belege und wirft die Frage auf, warum diese sich diese von den bisexuellen androgynen Identitätsentwürfen einer feministischen Pädagogik angezogen fühlen sollten (S.19).
Wie eh und je sind männliche Jugendliche auch heute damit beschäftigt, ihre Männlichkeit über besonders männlich konnotierte Verhaltensweisen, Rituale, Sprachstile und Kleiderordnungen abzusichern. Der soziologisch-pädagogische Diskurs hierzu vernachlässige die Bedeutung des Körperbildes und der Psychosexualität, indem das psychosoziale Selbst mit dem psychischen Selbst gleichgesetzt wird. Dabei entwickeln gerade solche Jungen, die in einen „weiblichen Biotop“ aufwachsen (S.20) eine besondere Tendenz, zwar weibliche Interaktionsmuster zu beherrschen, aber gleichzeitig besonders mit „männlich phallischen und destruktiv zerstörerischen Themen“ aufgeladen zu sein.

Die Bedeutung der Triangulierung

Eine gelingende Triangulierung , das heißt das positive Erleben von Männlichkeit und Weiblichkeit sowohl in Mutter wie in Vater (bzw. Vaterersatz) wird in dem gesamten Buch als Voraussetzung einer gelingenden ´integrierten Männlichkeit´ betont . Dies bedeutet, dass sowohl eine liebevolle Hinwendung des Vaters zum weiblichen Geschlecht wie auch eine positive Männlichkeitserfahrung bei der Mutter die Voraussetzung für eine gelingende männliche Entwicklung darstellen. Mütter, deren verborgene oder offene Botschaft darin besteht: Werde bloß nicht wie dein Vater! können wahrscheinlich keinen wirklich positiven Beitrag zur männlichen Identitätsbildung bei ihren Söhnen leisten. Es scheint, dass die modernen Bedingungen des Aufwachsens mit der weitverbreiteten Vaterentbehrung eine schwierige Prognose für Jungen und Männer eröffnen.

Der Beitrag Philobatische Tendenzen bei Jungen von Hans Hopf behandelt Geschlechtsunterschiede bei psychischen Störungen und wirkt anhand des Beispiels ADHS besonders aktuell. Ein Grundunterschied in der Form der Weltzugewandheit - der ´Philobatismus´ (die klassisch männliche Bevorzugung von Distanz, um Näheängste zu kontrollieren, der tendenziell Bindung vermeidende Selbstentwurf in den Raum- versus weiblicher ´Oknophile´, die „weibliche“ Idealisierung von Objekten bei Bevorzugung von Berührung und Nähe ) dient als Raster für die Erklärung von Geschlechtsunterschieden. Ausgangspunkt ist ein Grimmsches Märchen, nämlich „Von einem der auszog das Fürchten zu lernen“. Der Autor referiert seine eigene Untersuchung von ca. 300 spontan erinnerten Träumen von Mädchen und Jungen. Es zeige sich, dass Jungen signifikant häufiger von Bewegungen, von Abenteuern und grandiosen Fantasien träumen. Nach Chodorow sind schon allerfrüheste Beziehungserfahrungen für Mädchen anders als für Jungen. „Diese werden verfrüht in eine Autonomie entlassen, für die sie nicht vorbereitet sind“ (S. 41) „Das grundlegende männliche Selbstgefühl ist Separatheit “, wird Chodorow (1985) zitiert. Es findet sich das Fallbeispiel eines Jungen, der innerhalb einer übersexualisierten Mutter-Sohn-Beziehung als ruhelos und undiszipliniert wahrgenommen wurde – heute würde man ADHS diagnostizieren und Ritalin verabreichen!? (S. 42).
Fehlende Vaterschaft kann in hyperphallisches Verhaltenen münden ; in den Wunsch „mit der Mutter narzisstisch zu verkleben oder sich zu individuieren…“ (S. 42).
Die ´Flucht in Computerwelten´,wie sie fast ausschließlich männliche Jugendliche praktizieren, wird so gedeutet: Computer mögen paßgenau den Mangel ausgleichen., “ der durch frühe Bindungs –und Beziehungsstörungen entstanden ist“ „(S. 47). „Ein ´gesunder männlicher Philobatismus´ zeigt sich in der Freude an der Entdeckung, im Interesse an Technik und an Zahlen an den Dingen und der Bewegung“ (S. 48) und sei als solcher Ausdruck einer normalen Geschlechterdifferenz. Für den fehlgehenden Philobatismus unserer Tage reklamiert der Autor individuelle und situationale Gründe und fragt „Kann der Junge bei Erzieherinnen und Lehrerinnen mit dem ruhigen, introvertierten und anhänglichen kleinen Mädchen konkurrieren?“ (49). Schließlich seien viele Erzieherinnen und Lehrerinnen mit den hyperaktiven vaterlosen Jungen von heute völlig überfordert. Es gelte:„Mädchen können nicht der Maßstab sein, an denen Jungen gemessen werden“ .

Männlichkeit im öffentlichen Duskurs

Die fast ausschließlich negative Diskursivierung von Männlichkeit ist auch Thema des Beitrages von Josef Christian Aigner zu „Männern in öffentlicher Erziehung“. Es imponiert die schlichte Datenlage, das heißt, das fast völlige Fehlen von Männern in Kindertagesstätten in Deutschland und der immense Rückgang männlichen schulischen Lehrpersonals in Deutschland wie in Österreich: Vaterlos aufwachsen, in ´männerfreien Zonen´ sozialisiert , anschließend von einer Therapeutin begleitet und wohlmöglich im Sorgerechtsprozess von einer Familienrichterin der Mutter zugesprochen werden, ist keine seltene´Männlichkeits-erfahrung´.
Der Dekonstruktivismus der vergangenen Jahrzehnte habe jede positive Aussage über Männlichkeit (und Weiblichkeit)in Frage gestellt; ´Misandrie´(Mänerfeindlichkeit) rückt männliche Kindergärtner reflexartig in die Nähe der Pädophilie ; verbindliche, emotionale annehmende und ´trotzdem´ männliche Männer seien öffentlich wenig präsent.

Der Rückzug der Männer aus den Beziehungsberufen

Der Rückzug von Männern aus den sozialen Berufen und insbesonders der psychoanalytischen Ausbildung ist ein Thema eines Beitrages von Heribert Blaß. So waren 2006/2007 nur noch rund 23% der Psychologiestudierenden männlichen Geschlechts (zu meiner Studienzeit betrug das Verhältnis etwa 50: 50). Auch in der psychoanalytischen Ausbildung dominieren Frauen mit 81% gegenüber 19% der Männer (S.67). Es ist von einer Feminisierung der Medizin und der Psychotherapie zu sprechen. Der Empathievorteil, der Frauen generell unterstellt wird und ein im Durchschnitt eher auf Sachen denn auf Personen gerichtetes Interesse von Männern; die eher räumliche Systeme als soziale Signale verarbeiten, werden hier mit Bezug auf Susan Pinker (2008) referiert – der epochale Rückzug von Männern aus Geistes- und Sozialwissenschaften und den ’Beziehungsberufen’ ist damit freilich noch nicht gänzlich aufgeklärt.
Die verbreitete These vom Veralten der Psychoanalyse mache auf Männer mehr Eindruck als auf Frauen. Der „Entwertung der Couch als Ort von Bedächtigkeit und Langsamkeit“ steht die Aufwertung des Coachs als Synonym von Schnelligkeit und Effektivität gegenüber (S. 74). Das suchend tastende Vorgehen der Psychoanalyse und die moderneren Konzepte von Containing und Anlehnung mögen zu einem Rückgang der Attraktivität der Psychoanalyse für Männer geführt haben, die „mit der Fusionsangst in den Afokalbereichen des Arbeitens schlechter umgehen können als Frauen“. Holding und Contaning haben in der Psychoanalyse von heute deutlich mehr Gewicht als noch vor 30. Jahren. So sei der Eindruck entstanden Psychoanalyse sei eine eher mütterlich ausgerichtete Form der Behandlung (S.77).

Die Verweigerung der Vaterschaft

In seinem Beitrag „Der Übergang von Mann zum Vater und die Fantasie der Unsterblichkeit“ problematisiert Hans-Geert Metzger die moderne Verweigerung von Väterlichkeit.Hinter der Angst vor der Vaterschaft wird eine Unsterblichkeitsfantasie vermutet, die sich der Teilnahme an der generationalen Abfolge verweigere (S.82). Eigene Bedürfnisse zurückzustellen und Verzicht zu üben, eigene Freiheiten aufzugeben…findet zunehmend weniger Zustimmung - es scheint, dass Männer von heute noch stärker die Elternschaft scheuen als junge Frauen. Die Angst vor der Endlichkeit der eigenen Existenz kann Vaterschaft verhindern; in anderen Fällen reagieren Männer auf die Konfrontation mit den Älterwerden durch junge Partnerinnen und neue Kinder.

Männlichkeit im Wandel der Epochen

Eike Hinze untersucht den Einfluss der Zeitgeschichte auf Männlichkeitsvorstellungen. Am Beispiel kurzer Vignetten zeigt er das ganze Panoptikum von Männlichkeitserfahrungen und Männerbildern des 20. Jahrhunderts, das sich in Individuen konfliktreich abbildet. Die sich rasch wandelnden Modelle von Männlichkeit machen die Identitätsfindung schwer. Der Raum, den Jungen sich erproben können, schrumpft, und der therapiebedürftige Mann trifft im Bedarfsfall immer seltener auf einen männlichen Therapeuten - ein weiteres Krisenpanorama.

Noch etwas, was Männer nicht können?

Im Beitrag von Martin Teising geht es um männliche Identität im Prozess des Alterns. Die männliche Variante des „forever young“ - z.B. in Gestalt des unaufhörlichen Raubbaus am eigenen Körper und einer rigide Arbeitsorientierung - wird gerade auch im Alter immer unbekömmerlicher, sie könne von Männern im Verlauf des Alterns immer schwerer aufrecht erhalten werden (104). Der Beitrag veranschaulicht am Beispiel eines immerhin 80 jährigen Analysanden, wie ein Trauer-Befreiungsprozess eintreten kann, der einen zufriedenen Rückblick auf das Leben mit dem Eingeständnis eigener Fehler ermöglicht – und der Analytiker mag aufgrund eigener Betroffenheit gerade auch bei älteren Patienten im Gegenübertragungsprozess auch mit der Tatsache des eigenen Alterns konfrontiert sein.

Gewalt und Männlichkeit

Nils Döller und Mirjam Weisenburger thematisieren „Männlichkeitsentwicklung zwischen Konstruktion und destruktiver Aggression“, ein Thema von bleibender und durch dramatische Gewaltakte wie den Schulamoklauf von Winnenden immer wieder aktualisierte Thematik. Ausgangsfeststellung in diesem Beitrag ist die Tatsache, das bis heute bei Abhandlungen z.B.über jugendliche Aggressivität die Geschlechtsspezifik häufig unterbelichtet bleibt.
Die Autorinnen bieten eine dichte Zusammenschau freudianischer und nachfreudianischer Konzepte zur Aggression/Destruktion von Melanie Klein über Winnicott bis zu Kohuts Konzept der narzisstischen Wut. Auch in diesem modernen Entwürfen fehle eine systematische Auseinandersetzung mit dem Vater und dem Geschlecht des Kindes.

Die Arbeiten des amerikanischen Vater-Forschers James M.Herzog (referiert wird u.a.eine 10 jährige Längsschnitt- Studie mit acht intakten Familien) greifen die Unterschiede der Mutter und Vatererfahrung im Hinblick auf den Umgang mit Aggressionen auf. Bei Herzog fungiert der Vater als Modulator und Organisator des Affektsystems, während die Mutter „durch ihre homöostatische Einstimmung mehr den Aspekt der Sicherheit verkörpert“ (ebd. S.118) Herzog hat beobachtet, dass Mädchen eher den Vätern den eigenen Spielmodus beibringen, während sich Söhne dem väterlichen, etwas raueren Spielverhaltens anpassen und sich von ihm führen lassen.
Vaterabwesenheit habe die Folge, dass Jungen möglicherweise aggressive Auseinandersetzungen mit Gleichaltrigen nicht bestehen und andererseits Schwierigkeiten bei der Entwicklung von Lernstilen haben, welche Anpassung erfordern (119). Dem Vater wird für die Befähigung von Jungen, ihre Aggression zu kontrollieren, eine herausragende Bedeutung zugewiesen. Wenn die Vatererfahrung fehlt, so wird mit Bezug auf Jungen-Gangs auf Jamaika argumentiert, flüchten diese in omnipotente Fantasien über männliche Größe und Potenz ( S.121): Die fehlende Vatererfahrung beraube der Möglichkeit, realistische Vorstellungen über Männlichkeit zu erleben und zu verinnerlichen.

Ein integratives Konzept von Männlichkeit

Ika Quindeau entwirft ein integratives Konzept von Männlichkeit. Anders als der Psychoanalyse Jahrzehnte lang von feministischer Seite unterstellt wurde, fand die Entwicklung der Männlichkeit in der psychoanalytischen Theoriebildung bis vor kurzem wenig Beachtung.
Man könnte sagen: Die Grundform der Psyche wurde weiblich gedacht „Männlichkeit bleibt also übrig , wenn sich der Junge von den weiblichen Introjekten befreite“ (S. 131). Den Freud´schen Konzeptionen von Männlichkeit wird eine bemerkenswerte Differenziertheit des Geschlechtsbegriffes zugemessen (133), so findet sich bei Freud durchaus eine Unterscheidung biologischer, psychologischer und soziologischer Wirklichkeitsebene. Die männliche psychosexuelle Entwicklung sei quasi auf eine Halbierung der Sexualität angelegt, indem Männer auf ihre passiv – rezeptiven sexuellen Wünsche verzichten lernen.
Anders als beim Mädchen, das nach der kleinianischen Auffassung in der Verarbeitung des ödipalen Konfliktes zu dem Wunsch gedrängt werde, den väterlichen Penis in sich aufzunehmen (S. 135), sei die Hinwendung des Jungen zum Vater nicht durch Lust , sondern durch Angst angetrieben. Anders als Mädchen oder Frauen, denen die Aneignung männlicher Verhaltensweisen heute quasi ins Stammbuch geschrieben wird, seien weibliche Anteile für männliche Analysanden bis heute stark angstbesetzt. Die Folge: Passivität; der Wunsch, sich anzulehnen bis hin zu der Phantasie, penetriert zu werden, werden verdrängt bzw. treten als Symptome wie z. B. der Erektionsstörung zutage(139)
Die Tatsache, dass die erste und wichtigste Bezugsperson des Jungen ein anderes Geschlecht hat, hat nach Quindeau in der klassischen psychoanalytischen Theoriebildung dazu geführt, das für die Entwicklung von Männlichkeit eine Art Desidentifizierung (140) angenommen werde: „Angesichts der Entdeckung dass er keine Mutter sein könne, wendet sich der Junge von der Mutter ab“ (S.143). Der Gegenvorschlag der Verfasserin besteht darin, die psychosexuelle Entwicklung für beide Geschlechter zu konzipieren und dabei eine vielschichtige Geschlechtsidentität beider zu entwerfen, statt von einer scharf vom weiblichen abgegrenzten Männlichkeit auszugehen (S.145).

Die Bedeutung der Muttererfahrung

In einem eigenen Kapitel wird ein Klassiker von Ralph R. Greenson zur „Beendigung der Identifizierung mit der Mutter und ihrer besonderen Bedeutung für den Jungen“ aus dem Jahre 1967 abgedruckt. Es geht um die schon erörterte Problematik, warum männliche Identität offenbar so viel anfälliger ist als die weibliche. Es geht um die schon erörterte Problematik, warum männliche Identität offenbar so viel anfälliger ist als die weibliche.
Zunächst gilt: das Mädchen muss wie der Junge seine Identifizierung mit der Mutter aufgeben aber „seine Identifizierung mit der Mutter hilft ihm (ihr) seine Weiblichkeit zu begründen" (S. 152). Sodann heißt es: „Jedes Geschlecht beneidet das andere, doch scheint der verdecktere Neid des Mannes…hinsichtlich der Geschlechtsidentität besonders zerstörerisch zu wirken.„(153) Sowohl Transvestitismus wie auch Fetischismus sind nicht zufällig fast ausschließlich männliche Abweichungen. Schließlich gilt im Sinne von Margreth Mead „Frauen mögen an ihrer Attraktivität zweifeln, aber ihre Weiblichkeit sind sie sich ganz sicher“(154). Schließlich gilt im Sinne von Margreth Mead „Frauen mögen an ihrer Attraktivität zweifeln, aber ihre Weiblichkeit sind sie sich ganz sicher „(154).

Der Untertitel des Abschlußkapitel „Das Unbehagen an der Männlichkeit“ von Michael Diamond lautet: „Die Internalisierung und Anerkennung der >Mutter<.“ Abgesehen davon, dass im Rezensenten an dieser Stelle die nicht weiter zu verfolgende Frage aufkommt, ob dies analog auch für die weibliche psychosexuelle Entwicklung gilt, erscheint die Formulierung fast programmatisch. Diamond gibt zunächst einen Überblick über den Gang der psychoanalytischen Theorienbildung zum Thema Männlichkeit. Eine ´reduktionistische und monolithische Auffassung´ habe Männlichkeit in Ablehnung all dessen konzipiert, was als weiblich konstruiert wird (vgl.das Kap.von Quindeau). Immerwährende psychosexuelle Anpassungen und Neuanpassungen würden dem Mann das ganze Leben über abverlangt – überhaupt vermittelt das Kapitel den Eindruck, dass gelingende Männlichkeit ein komplexes, fragiles, ja anstrengendes ´Projekt´darstellt! Übersteigerte, erstarrte Männlichkeit (der „phallische Charakter“) ist gerade nicht Ausdruck einer ideal gedachten Entwicklung – sie äußert sich vielmehr in „Rücksichtslosigkeit, Frauenfeindlichkeit und dem exzessiven Bedürfnis, die eigene Potenz zur Schau zu stellen…„(S.165). Eine gesunde Genitalität öffnet dem Mann innere Räume und eine „nicht penis-dominierte Sinnlichkeit“ (S.166). Diamond verwirft das schon bei Quindeau kritisierte Modell der männlichen Entwicklung, das von der Notwendigkeit der Verwerfung femininer Identifizierungen und eine Gegenidentifizierung mit dem Vater ausgeht – diese Konzeption gebe vielmehr eine problematische Spaltung, ja eine „schwere Pathologie“ zu erkennen(S.172).

Fazit

Der Rezensent hat das Buch mit neuen Einsichten aus der Hand gelegt. Männlichkeit wird hier nicht gefeiert, sondern gerade auch in ihren kritischen, problematischen Aspekten analysiert – eine Haltung, die auch von wissenschaftlichen Diskursen über Weiblichkeit zu erwarten ist. Dass der Duktus der Untersuchungen unpolemisch und keineswegs überpointiert ausgefallen ist, dürfte die Zugänglichkeit auch für ein weibliches Leserpublikum erhöhen – das Buch ist ohne Schaum vor dem Mund geschrieben und vermeidet unfruchtbare Schuldzuschreibung an „die Frauen“. Eher im Gegenteil lautet die Botschaft (S.12) „Eine stabile männliche Identität braucht die eigene Weiblichkeit nicht zu fürchten“. Zwischen weiblich und männlich konnotiertem Verhalten hin und her changieren zu können, ist die Zielvorstellung einer reifen männlichen Identität. Damit diese von möglichst vielen Jungen und Männern erreicht werden kann, bedarf es sicherlich der kritischen Revision der gängigen Konzepte in den „Gender Studies“ wie auch praktischer Konsequenzen in Erziehung, Bildung und Gesellschaft.

Literatur

  • Chodorow (1985): Das Erbe der Mütter. München.
  • Giese, Eckhard (2005): Die Befreiung der Geschlechter in fünfzehn Schritten. In: Lutz, R. (Hrsg.) Befreite Sozialarbeit Oldenburg
  • Pinker, Susan (2008): Das Geschlechter-Paradox. München.
  • Scheub, Ute (2010) Heldendämmerung. Die Krise der Männer und warum sie auch für Frauen gefährlich ist. Pantheon.

Rezension von
Prof. Dr. Eckhard Giese
Dipl. Psych.
Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften, Fachhochschule Erfurt
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Es gibt 8 Rezensionen von Eckhard Giese.

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Zitiervorschlag
Eckhard Giese. Rezension vom 06.03.2010 zu: Frank Dammasch, Hans-Geert Metzger, Martin Teising (Hrsg.): Männliche Identität. Psychoanalytische Erkundungen. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2009. ISBN 978-3-86099-598-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8111.php, Datum des Zugriffs 16.05.2022.


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