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Marianne Leuzinger-Bohleber, Jorge Canestri et al. (Hrsg.): Frühe Entwicklung und ihre Störungen

Rezensiert von Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner, 02.03.2010

Cover Marianne Leuzinger-Bohleber, Jorge Canestri et al. (Hrsg.): Frühe Entwicklung und ihre Störungen ISBN 978-3-86099-599-0

Marianne Leuzinger-Bohleber, Jorge Canestri, Mary Target (Hrsg.): Frühe Entwicklung und ihre Störungen. Klinische, konzeptuelle und empirische psychoanalytische Forschung. Kontroversen zu Frühprävention, Resilienz und ADHS. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2009. 344 Seiten. ISBN 978-3-86099-599-0. 29,90 EUR. CH: 49,90 sFr.

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Herausgeber

Prof. Dr. Marianne Leuzinger-Bohleber ist Direktorin am Sigmund-Freud-Institut Frankfurt a. Main und Professorin an der Universität Kassel, Prof. Dr. Jorge Canestri ist Direktor des Instituts für Psychoanalyse der Italian Psychoanalytical Association und Professor an der Roma 3 Universität, Dr. Mary Target ist Dozentin für Psychoanalyse am University College London und Forschungsdirektorin am Anna Freud Centre.

Entstehungshintergrund

Im März 2008 fand die 9. Joseph Sandler Research Conference in Frankfurt mit dem Thema „Early development and its disturbances“ statt. Diese Konferenz ist die wichtigste Forschungskonferenz der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung und wurde vom Research Subcommittee for Empirical Research (Chair: Peter Fonagy) und dem Research Subcommittee for Conceptual Research (Chair: Marianne Leuzinger-Bohleber) gemeinsam organisiert.

Thema

Im ersten Teil des Buches werden die Hauptvorträge dieser Konferenz einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Im zweiten Teil werden einige grundlegende wissenschaftstheoretische Fragen beleuchtet und im dritten Teil einige konkrete Beispiele zur psychoanalytischen Konzeptforschung aufgeführt.

Aufbau

In ihrem einführenden Beitrag würdigt Marianne Leuzinger-Bohleber die Arbeiten des verstorbenen Professor Stuart Hauser und gibt an einem seiner Fallbeispiele einen Eindruck von resilienten Entwicklungen. Sie benennt sichere Bindung als protektiven Faktor, die ihr als alleiniges Konzept zu kurz greift und als zu vereinfachend erscheint, weil es der kompensatorischen Plastizität der (neuronalen) Entwicklung nicht gerecht wird. Resilienz findet sich bei Individuen mit einer „earned security“ in Bindungsinterviews.

Es folgen drei Abschnitte.

Teil I: Frühe Entwicklungen und ihre Störungen

Der erste Hauptvortrag von Peter Fonagy (London) hat das Thema „Bindung, Trauma und Psychoanalyse: Wo Psychoanalyse auf Neurowissenschaft trifft“. Er zeigt an Fallbeispielen von Misshandlung und Missbrauch durch Bindungspersonen, wie dies mit Gewalt, mit der Unfähigkeit, sich und andere zu verstehen und über eigene Gefühle zu sprechen, verbunden ist. Dabei greift er das Konzept der Mentalisierung auf. Als Folge von Traumata sieht Fonagy eine eingeschränkte Mentalisierungsfähigkeit oder sogar einen Verlust der Mentalisierung, eine Gleichsetzung von Innen und Außen, was ständige Retraumatisierungen begünstigt. Die Verwüstung psychischer Funktionen nach Trauma beeinträchtigt die Fähigkeiten, alle normalen Veränderungen im mentalen Leben zu bewältigen. Er entwickelt ein neurowissenschaftliches, bindungstheoretisches Verständnis für den Verlust der Mentalisierung bei Traumata.

Dieser Beitrag wird diskutiert von Gerd Lehmkuhl (Köln) und Björn Salomonsson (Stockholm). Lehmkuhl stellt das Konzept der Mentalisierung als verbindenden Ansatz zwischen unterschiedlichen Professionen heraus, bezieht dabei auch ADHS mit ein. Er betont, dass Mentalisierungsstörungen nicht nur durch negative Bindungserfahrungen entstehen, sondern dass auch biologische Faktoren eine Rolle spielen. Björn Salomonsson (Stockholm) diskutiert aus einer postkleinianischen Perspektive und merkt an, bevor diskutiert wird, wo die Psychoanalyse die Neurowissenschaft treffen könnte, sollte besprochen und analysiert werden, wo die Bindungstheorie die psychoanalytische Theorie trifft. Er warnt vor einer Ausweitung des Begriffs des Bindungstraumas.

William B. Carey (Philadelphia) bringt die Rolle des kindlichen Temperaments in die Diskussion ein. Er definiert Temperament (entsprechend der New York Longitudinal Study, NYLS; von Thomas und Chess) als Verhaltensstil, mit welchem das Kind die Umwelt wahrnimmt und auf diese reagiert. Die 9 Dimensionen der NYLS werden zu drei Cluster zusammengefasst: einfaches, slow-to-warm-up und schwieriges Temperament. Von Bedeutung für die Entwicklung ist die Passung zwischen dem Temperament und den Reaktionen der Umwelt, der Eltern und anderer wichtiger Personen. Carey weist auf zwei Fehler hin, die bei fehlender Anerkennung des kindlichen Temperaments in seinen natürlichen Variationen zu einer unangemessenen ADHS-Diagnose führen: Normvarianten des Temperaments oder die fehlende Passung zwischen Temperament und Umwelt werden nicht erkannt bzw. fehlinterpretiert und eine pathologische Bedeutung zugeschrieben. „ADHS-Verhalten ist demnach nicht wirklich von normalem Temperament zu unterscheiden. Die Rolle des Umfelds und der Beziehungen werden komplett ignoriert“ (S. 87). Besonders kritisiert er die Mängel der Diagnose-Systeme (DSM-IV oder ICD-10). Der Beitrag wird von Jorge Canestri diskutiert, der Temperament in Zusammenhang mit psychoanalytischen Begriffen und mit der Neurobiologie und Genetik bringt.

Adelheid Staufenberg (Frankfurt) stellt ausführlich die psychoanalytische Behandlung eines Jungen mit einer ADHS-Diagnose dar. Sie stellt dabei die Interpretation der Bewegung des Jungen im Raum, die scheinbare Ziellosigkeit der Unruhe, als die Suche nach dem Einhalt gebietenden Vater und der Männlichkeit dar; eine Suche die ins Leere läuft und durch die Bewegung kompensatorisch befriedigt wird. Annette Streeck-Fischer (Göttingen) diskutiert die dargestellte typische Familienkonstellation und das therapeutische Vorgehen.

Marianne Leuzinger-Bohleber unterscheidet eine Untergruppe von ADHS-Kindern und grenzt sie von den von Fonagy geschilderten Borderline-Symptomatiken ab. Diese sind gekennzeichnet durch eine Devianz der frühen Affektregulierung; Leuzinger-Bohleber zeigt an zwei Fallbeispielen, wie wichtig die psychoanalytische Aufarbeitung dieser frühen Erfahrungen ist und welche Chance diese bietet.

Teil II: Psychoanalytische Forschung: Hoffnungen , Auffassungen, Kontroversen

Im einführenden Kapitel dieses Teils gibt Marianne Leuzinger-Bohleber eine Übersicht über klinische und extraklinische Forschung in der Psychoanalyse, stellt den Forschungsprozess in der psychoanalytischen Therapie, die Wege des psychoanalytischen Erkenntnisgewinns und die Stufen der Abstraktion dar.

In zwei kurzen Beiträgen fordert zuerst Charles Hanly (Montreal) die Vereinheitlichung von psychoanalytischem Wissen und listet beispielhaft Widersprüche auf, die klinische und konzeptionelle Forschung klären helfen soll, daran anschließend diskutiert Rachel Blass (Jerusalem) die Bedeutung konzeptueller Forschung für die Psychoanalyse.

Die Tatsache, dass es Unterschiede im Verständnis auch zentraler Konzepte und daraus folgend einen unklaren und widersprüchlichen Gebrauch gibt, greift auch Anna Ursula Dreher (Frankfurt) auf. Zu diesem Theorie-Pluralismus kommt noch das vielschichtige Verständnis, wie psychoanalytische Forschung aussehen soll und kann (Forschungspluralismus). Sie plädiert dafür, die Pluralismen anzuerkennen, sie aber nicht zu „zelebrieren“, und in den Bestrebungen, einen „common ground“ zu finden, nicht nachzulassen, wobei Freuds Menschenbild und sein Erkenntnisinteresse ein gemeinsames Modell bilden könnten.

Den Teil schließen Jorge L. Ahumada und Roberto Doria-Medina (Buenos Aires) mit einem „kontrapunktischen Dialog“ über ihre Ansichten zur psychoanalytischen Forschung ab.

Teil III: Konzeptforschung (exemplarische Beispiel)

Dieser dritte Teil bringt exemplarische Beispiele für Konzeptforschung. Norbert Freedman, Marvin Hurvich und Rhonda Ward (New York) diskutieren das Konzept der Vernichtungsangst sowie Symbolisierung und Desymbolisierung und veranschaulichen dies am Beispiel zweier Therapien bei erwachsenen Patienten. Paulo Duarte Guimarães Filho (Sao Paulo) untersucht am Beispiel Übertragung und Gegenübertragung spontane und informelle Forschung und wie psychoanalytisches Wissen entwickelt und das Wissen integriert wird. Susana Vinocur de Fischbein (Buenos Aires) stellt für die Erforschung von Traumnarrativen ein semiotisches Modell in Verbindung mit einem diskursanalytischen Ansatz vor.

Abschließend diskutiert Ilse Grubrich-Simitis (Frankfurt) die Bedeutung der psychoanalytischen Methode am klassischen Buch von Freud „Die Traumdeutung“. Sie arbeitet heraus, dass dieses Buch nicht die Quelle der psychoanalytischen Methode darstellt, sondern die von Freud bis dahin entwickelte Methode erst die Traumdeutung ermöglichte. Die psychoanalytische Methode eröffnet den Zugang zum Unbewussten; sie ist zudem nach ihrer Meinung der einzige unbestrittene „common ground“.

In ihren Schlussbemerkungen fragt Marianne Leuzinger-Bohleber „Was nun?“ und fordert eine Intensivierung des Dialogs zwischen den unterschiedlichen Kulturen in der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung sowie einen offenen selbstbewussten interdisziplinären Dialog.

Diskussion und Fazit

Im ersten Teil findet der Leser eine interessante interdisziplinäre Diskussion. Die Beiträge stellen interessante Konzepte und ihre Beziehung zur Psychoanalyse bzw. Entwicklung von psychischen Störungen (Mentalisierung, Temperament) sowie psychoanalytische Therapieansätze bei ADHS vor. Im zweiten und dritten Teil beschäftigt sich die Psychoanalyse mit sich selbst, mit Fragen der wissenschaftlichen Ausrichtung und der richtigen Forschung, mit der Frage nach einem „common ground“. Sie enthalten wichtige und interessante Beiträge für die psychoanalytische Diskussion; sie dürften aber vorwiegend diesen speziellen Leserkreis interessieren.

Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
ehem. Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen in Dorfen, Erding und Markt Schwaben im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Es gibt 204 Rezensionen von Lothar Unzner.

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ISSN 2190-9245