socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

François Höpflinger: Einblicke und Ausblicke zum Wohnen im Alter

Cover François Höpflinger: Einblicke und Ausblicke zum Wohnen im Alter. Seismo-Verlag (Zürich) 2009. 295 Seiten. ISBN 978-3-03-777073-3. 26,00 EUR, CH: 38,00 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Wohnen und Alter(n) gewinnt als wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand und zugleich auch als (sozial)wirtschaftliches Handlungsfeld (Stichwort: Wachstumsmarkt) zunehmend an Bedeutung. Von besonderer Relevanz sind in diesem Zusammenhang z.B. Studien, Berichte und Tagungsdokumentationen, die innovative Ansätze für das Wohnen im Alter (z.B. generationsübergreifende Quartierkonzepte, Heime der 4. Generation und Assistenzsysteme für Senioren) hinterfragen und wissenschaftlich fundierte Handlungsempfehlungen in Best-Practice-Perspektive offerieren.

Vor diesem Hintergrund präsentiert die vorliegende Publikation empirische Befunde zur Wohnsituation von älteren Menschen in der deutschsprachigen Schweiz, die im Rahmen der jüngsten Age-Wohnumfrage 2008 (1248 Personen im Alter von 60 Jahren und älter) erhoben wurden: „Die Erhebung basierte auf einer mündlichen Befragung (Face-to-Face-Interviews mit geschulten Interviewern) und unter Verwendung eines standardisierten Fragebogens“ (S. 294).

Darüber hinaus werden acht Reportagen zur Wohnsituation von älteren Menschen vorgestellt: „Die Wohngeschichten, die entstanden, sind vom realen Leben bestimmt. Nicht selten mussten Pläne revidiert und Ideen neu durchdacht werden. Und es wird spürbar in den Interviews, dass die Frage nach dem guten und richtigen Wohnen im Alter selten abgeschlossen ist“ (S. 215).

Aufbau und Inhalt

Wissenschaftliche Ergebnisse mit Blick auf Wohnen und Alter(n) (Hauptbezugspunkt: Age-Wohnumfrage 2008) werden im ersten und größten Teil des Buches dargestellt (François Höpflinger).

Kapitel 1 und 2 verdeutlichen zunächst in gerontologischer Perspektive, „dass es keine für alle älteren Menschen gleichermaßen gültige ideale Wohnform gibt“ (S. 17) und „Wohnfragen im Alter und innovative Wohnformen für das Alter in jedem Fall je nach einbezogener Lebensphase unterschiedlich zu konzipieren [sind]“ (S. 29).

In Kapitel 3 werden wirtschaftliche Aspekte (Altersvorsorge, Ungleichheiten im Alter, Bedeutung von Erbschaften, Wohnkosten und Eigentumsverhältnisse) auf der Basis der amtlichen Statistik hinterfragt. Verwiesen wird hierbei z.B. auf „starke und tendenziell anwachsende Unterschiede innerhalb der Altersbevölkerung“ (S. 47).

Kapitel 4 thematisiert unterschiedliche Lebensweisen von Frauen und Männern im Alter, eine Zunahme von Einpersonenhaushalten und auch die Lebenssituation von älteren Menschen in stationären Einrichtungen.

Kapitel 5 greift Indikatoren zur objektiven und subjektiven Wohnsituation von Menschen in privaten Haushalten auf. Hierzu zählen:

  • Wohnungsgröße
  • Ausstattung der Wohnung
  • Wahrgenommene altersspezifische Hindernisse in der Wohnung
  • Wohnumgebung und (intergenerationelle) Kontakte in der Nachbarschaft

Zudem wird auf Ergebnisse der Age-Wohnumfrage 2008 hingewiesen, die eine hohe Wohnzufriedenheit älter Menschen in der Schweiz belegen: „Einzig bei den zuhause lebenden 80-jährigen und älteren Befragten ist die Wohnzufriedenheit zwischen 2003 und 2008 signifikant gesunken“ (S. 89). Allerdings gibt Höpflinger zu bedenken, dass „Zufriedenheit unter Umständen auch eine resignative Komponente einschließen [kann] (man ist zufrieden, weil es keine Alternativen gibt)“ (S. 90).

Kapitel 6 berichtet z.B. davon, „dass sich die Wohnmobilität älter Menschen in den letzten Jahrzehnten ständig erhöht hat“ (S. 99). Des Weiteren wird auf die hohe Bedeutung des Autofahrens (zwei Drittel der über 64-Jähigen in der Schweiz besitzen ein eigenes Auto) und die Nutzung neuer Medien (Internet) und Technologien (Konzept des intelligenten Hauses / Smart Home) eingegangen.

In Kapitel 7 werden ausgewählte Ergebnisse der Age-Wohnumfragen 2003 und 2008 gegenübergestellt. Benannt werden 11 Wohnungsmerkmale, die aus der Sicht von älteren Menschen wichtig sind:

  • Wohnung muss gemütlich sein
  • Wohnung muss kostengünstig sein
  • Wohnung muss in der Nähe von Einkaufsmöglichkeiten liegen
  • Wohnung muss ruhig sein
  • Wohnung muss geräumig sein und Platz für Gäste haben
  • In der Nähe sollten Angehörige leben
  • In der Wohnung sollten Haustiere (Hunde, Katzen) erlaubt sein
  • Wohnung muss rollstuhlgerecht sein
  • Um die Wohnung soll etwas los sein, Leben sein
  • Ich möchte in meiner Wohnung zusammen mit anderen Menschen wohnen

In Kapitel 8 erfolgt eine Beschreibung verschiedener Typen von Wohnformen für ältere Menschen:

  • Privates Wohnen mit individuellen Serviceverträgen
  • Seniorenresidenz mit integriertem Serviceangebote
  • Alterswohnung mit Anbindung an ein Alters- und Pflegeheim
  • Pflegerisch betreutes bzw. begleitetes Wohnen
  • Klassisches Pflegeheim
  • Pflege- und Demenzwohngruppen

In einer ausführlichen Zusammenfassung des ersten Teils wird darauf aufmerksam gemacht, dass „eine gute Übereinstimmung (Passung) zwischen den individuellen Bedürfnissen und den räumlichen und sozialen Wohnfaktoren“ (S. 183) anzustreben ist.

Der zweite Teil des Buches (Paula Lanfranconi) umfasst acht Reportagen bzw. Wohngeschichten:

  • Ehepaar Blatter «Ich habe mich einfach zusammengerissen»: vom eigenen Haus in eine begleitete Alterswohnung
  • Frau Grebner-Wehrli «Nützliches und Schönes optimieren»: von der Mietwohnung in eine Eigentumswohnung
  • Frau Gatti «Die Erwartungen an andere nicht so hoch hängen!»: vom Einfamilienhaus in zwei Hausgemeinschaften
  • Ehepaar Meyer-Cavelti «Wir mussten es einfach probieren»: von der Stadt in die Berge
  • Frau Bollinger-Albiez «Ein wenig kämpfen liegt mir eigentlich»: von der Eigentumswohnung in eine betreute Alterswohnung
  • Ehepaar Beck «Es ist wie in einem guten Hotel»: vom betreuten Haus in eine betreute Alterswohnung
  • Frau Hilfiker-Egli «Es ist eben doch eine ganz andere Kultur hier unten»: Migration von der Schweiz in ein eigenes Haus in Süditalien
  • Ehepaar Rittmeyer-Homberger «Unsere Idee war nicht wirklich ausgereift»: von einer älteren großen Mietwohnung in eine neue Eigentumswohnung

Zahlreiche Farbfotografien liegen dem Text bei und zeigen ältere Menschen zumeist in der eigenen Häuslichkeit und im häuslichen Umfeld. Somit werden noch intensivere Einblicke hinsichtlich des Alltagshandelns der beteiligten Interviewpartnerinnen und Interviewpartner ermöglicht.

Jede Reportage beinhaltet eine Übersicht mit Angaben zu folgenden Punkten:

  • Wohnkosten
  • Anzahl der Zimmer
  • Zeitaufwand für die Suche
  • Wer hat den Entscheid – z.B. für den Umzug in ein Heim oder den Erwerb einer Immobilie – getroffen?
  • Ideelles Plus der neuen Wohnsituation
  • Konkrete Veränderungen
  • Was wäre im Rückblick anders zu machen?
  • Tipps für Leute in ähnlicher Situation

Diskussion

Der Leser erhält einen äußerst facettenreichen (empirisch gestützten) Einblick zur gegenwärtigen Situation in der deutschsprachigen Schweiz. Auch für Personen, die bereits weitläufige Kenntnisse zur Thematik erworben haben, bietet das Buch neue Erkenntnisse. Gerade aufgrund des aktuellen Zahlenmaterials und der acht Reportagen, die zeigen, wie unterschiedlich Strategien und Entscheidungen im Alter ausfallen können.

Vor allem folgende Schlussfolgerungen / Forderungen des Autors sind aus Sicht des Rezensenten bedeutsam für das Wirken von akademischen Akteuren und Fachleuten aus der Praxis:

  • Erstens gilt es in lebenslaufbezogener Perspektive forschend und planerisch – insbesondere im Kontext von intergenerationellen und quartierbezogenen Projekten – tätig zu werden: „Begriffe wie «Alterswohnung» und «altersgerechte Wohnung» sollten, da sie modernen gerontologischen Prinzipien zum Altern immer weniger entsprechen, höchst sparsam – für sehr spezielle Wohnformen – verwendet werden. Vor allem neue Bau- und Siedlungsvorhaben sollten eher vom Konzept des hindernisfreien Bauens und Gestaltens ausgehen. Auch in einer demographisch alternden Gesellschaft braucht es nicht primär mehr «Alterswohnungen», sondern hauptsächlich mehr hindernisfreie Wohnungen, die unabhängig vom Alter und funktionalen Gesundheitszustand lebensgerecht sind“ (S.145).
  • Zweitens ist der hohen Heterogenität mit Bezug auf Alter(n) Rechnung zu tragen: „Der enormen Buntheit des modernen Alterns ist mit einer verstärkten Buntheit von Wohnformen für die späteren Lebensjahre zu begegnen. Allzu sozialromantisch geprägte Vorstellungen – etwa zum Ideal einer Großfamilie oder zum Wert intergenerationeller Kontakte – sind ebenso störend wie die Idee, dass es eine Wohnform für das Alter gibt, die alle Probleme des Wohnens bis zum Lebensende für alle Zeit lösen mag“ (S. 208f.).
  • Drittens sind dringend fachbereichsübergreifende Kooperationen anzustreben und weiter auszubauen: „Wohnen und soziale Dienste sind eng verknüpft, ebenso wie moderne Haushaltstechnologie erst durch eine enge Verknüpfung mit sozialen Strukturen positive Auswirkungen aufweist. Von Nutzen ist deshalb beim Thema Wohnen im Alter „ein interdisziplärer oder sogar transdiziplinärer Ansatz, der Fachleute aus Architektur, Siedlungsbau, Pflege, Gerontologie, Technik, Psychologie und Soziologie zusammenbringt“ (S. 209).

Kritisch ist anzumerken, dass bei den Reportagen ausschließlich ältere Menschen mit hohen Haushaltseinkommen berücksichtigt wurden: „So ist bei den Porträtierten deutlich mehr Wohnraum auszumachen als im Durchschnitt der Bevölkerung, und im Unterschied zu Statistik bezieht auch niemand von den Porträtierten Ergänzungsleisten zur AHV“ (S. 215). Entsprechend werden Auswirkungen von Armut im Alter und damit verbundene Bewältigungsstrategien völlig ausgeblendet.

Zielgruppe

Als Zielgruppe sind zu benennen: Studierende und Wissenschaftler aus verschiedenen Fachbereichen (z.B. Erziehungswissenschaft, Pflegewissenschaft, Soziologie, Soziale Arbeit, Sozialmanagement, Architektur, Betriebswirtschaft und Sozialrecht), Praxisvertreter (z.B. Entscheidungsträger in Kommunen und Fachkräfte sozialwirtschaftlicher Unternehmen) sowie interessierte – ältere und jüngere – Bürgerinnen und Bürger.

Fazit

Das Buch leistet einen Beitrag zur Erweiterung des Wissensbestands von Experten und kann gleichfalls als Einstiegslektüre zur Thematik Wohnen und Alter(n) empfohlen werden.


Rezension von
Andreas Leopold
M.A., Bildungsreferent der AWO im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt


Alle 2 Rezensionen von Andreas Leopold anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Andreas Leopold. Rezension vom 17.11.2009 zu: François Höpflinger: Einblicke und Ausblicke zum Wohnen im Alter. Seismo-Verlag (Zürich) 2009. ISBN 978-3-03-777073-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8118.php, Datum des Zugriffs 26.05.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung