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Andrea Büchler, Heidi Simoni (Hrsg.): Kinder und Scheidung

Cover Andrea Büchler, Heidi Simoni (Hrsg.): Kinder und Scheidung. Der Einfluss der Rechtspraxis auf familiale Übergänge. Edition Rüegger (vormals Rüegger Verlag) (Zürich) 2009. 468 Seiten. ISBN 978-3-7253-0873-6. 33,30 EUR, CH: 52,00 sFr.

Reihe: Nationales Forschungsprogramm 52, Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel.
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Herausgeberinnen und Thema

Abgesehen von dem nicht unerheblichen Buchumfang von insgesamt 468 Seiten überraschte mich, als ein in Österreich lebender und wirkender Praktiker in den Bereichen Recht und Familie, der äußerst professionelle und mit wissenschaftlicher Sorgfalt gestaltete Aufbau der zugrunde liegenden empirischen Studie. Beim Blick auf die Herausgeberinnen, nämlich Prof. Dr. jur. Andrea Büchler, Professorin an der Universität Zürich, und Dr. phil. Heidi Simoni, Leiterin des Marie Meierhofer-Instituts für das Kind, Zürich, und deren wissenschaftliche Projektmitarbeiterinnen und –mitarbeiter M.A. Diana Baumgarten, Dr.jur. Linus Cantieni, lic.phil. Gabriela Häfliger-Zehnder, lic.jur Martina Rusch und lic.jur Tanja Trost-Melchert wurde klar, dass eine fundierte wissenschaftliche Herangehensweise als Selbstverständnis betrachtet wurde.

Erfrischend der Gedanke, die herausgegebene Studie samt Empfehlungen und eines daraus resultierenden Vorschlages an die Gesetzgebung zusätzlich durch Kommentare von Gastautorinnen und –autoren zu bereichern. Dabei ist eine weitgestreute Kompetenzausrichtung gewählt worden. Es handelt sich um Dr. jur. Urs Gloor, Rechtsanwalt, Bezirksrichter, Familienmediator, Prof. Dr. med. Remo Largo, ehemaliger Leiter der Abteilung Wachstum und Entwicklung des Kinderspitals Zürich, lic.phil. Maria Mögel, Psychologin und Psychotherapeutin, mit einschlägiger Praxis im Bereich Kinder und Jugendpsychiatrie, Dr. phil. Joachim Schreiner, Leitender Psychologe an der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Klinik Basel, sowie Dr. jur. Jonas Schweighauser, Rechtsanwalt und Lehrbeauftragter für Familienrecht an der Universität Basel.

Entstehungshintergrund

Aufgrund der Änderung des Scheidungsrechts in der Schweiz im Jahr 2000, sollte die Umsetzung in der Rechtspraxis und etwaige soziale Auswirkungen geprüft werden. Kernstück der sogenannten Scheidungsrechtsrevision 2000 war die Einführung der Möglichkeit der gemeinsamen elterlichen Sorge nach Scheidung (Art. 133 Abs 3 ZGB) sowie die rechtliche Implementierung des Rechtes jedes Kindes im Rahmen eines Scheidungsverfahrens in geeigneter Weise persönlich angehört zu werden. Festgeschrieben in der UN-Kinderrechtskonvention Art. 12, wobei der schweizerische Gesetzgeber in Art. 144 Abs 2 des schweizerischen Zivilgesetzbuches (ZGB) sogar noch ein wenig über die Kinderrechtskonvention hinaus ging und die Beschränkung auf die Urteilsfähigkeit der Kinder fallen ließ.

Auftraggeber dieser Studie ist der schweizerische Nationalfonds (SNF) zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, welcher im Jahr 2003 das nationale Forschungsprogramm 52-Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen im gesellschaftlichen Wandel initiierte, in dessen Rahmen die vorliegende interdisziplinäre empirische Studie „Kinder und Scheidung – Der Einfluss der Rechtspraxis auf familiale Übergänge“ durchgeführt wurde. Die Arbeiten wurden in den Jahren 2004 bis 2006 durchgeführt, wobei Datenmaterial aus den Jahren 2002 und 2003 verwendet wurde.

Gleichermaßen wohltuend für die größtmögliche wissenschaftliche Überprüfbarkeit einerseits und eines bestmöglichen Verständniszuganges für den interessierten Leser andererseits, ist die fortlaufende Einflechtung und Beschreibung der eigenen Haltungen und Ausgangspunkte der Autorinnen und Autoren.

Dementsprechend wird ein Verständnis von Scheidungen, die einen Teil eines unumkehrbaren gesellschaftlichen Prozesses darstellen, als Übergang und Reorganisationsprozess anstelle eines krisenhaften Endes einer Familie vorausgesetzt. Dabei wird mit der Scheidung zugleich der Zeitpunkt markiert, von dem an Behörden auf die Reorganisation der Familie einwirken und allenfalls einen Beitrag zur Wahrung des Kindeswohles leisten können.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Abschnitt des vorliegenden Buches werden die Fragestellungen und der Aufbau der breit angelegten empirischen Untersuchung sowie das methodische Vorgehen und die Datenbasis erläutert. Dabei werden aufgrund des interdisziplinären, rechtlichen, soziologischen und psychologischen Ansatzes auch die Inhalte und Ergebnisse verschiedener Teilstudien thematisiert.

Im zweiten und dritten Abschnitt des Buches werden die Ergebnisse der Untersuchungen ausführlich dargestellt und analysiert, wobei der zweite Abschnitt die Partizipation der Kinder im Scheidungsverfahren beinhaltet und der dritte Abschnitt die elterliche Sorge (in Österreich als elterliche Obsorge bezeichnet) im Blick hat.

Besonders spannend dann der vierte Abschnitt, wo aus den Forschungsergebnissen eine Schlussbetrachtung in der Form erfolgt, dass ganz konkrete Umsetzungen empfohlen werden. Im fünften Abschnitt des Buches kommen die vier Gastautoren und eine Gastautorin zu Wort.

Die empirische Studie wurde in vier Teilbereichen durchgeführt. In der Gerichtsaktenanalyse wurden bei 18 erstinstanzlichen Gerichten in den Kantonen, Zürich, Basel-Landschaft und Basel-Stadt aus 3.392 Akten per Zufallsauswahl 567 Scheidungsakten (also 1/6) herausgegriffen und untersucht. Bei diesen insgesamt 567 Fällen waren 933 Kinder betroffen.

In einem zweiten Teilbereich wurden insgesamt 14 Richterinnen und Richter befragt. In einem dritten Teilbereich wurden Eltern per Fragebogen schriftlich befragt, um sowohl Informationen über die Phase der Trennung und der Scheidung zu erhalten, als auch über die Periode danach. Bemerkenswerterweise wurde der Fragebogen in 8 verschiedenen Sprachen, nämlich türkisch, serbisch, kroatisch, spanisch, portugiesisch, französisch, italienisch, englisch und arabisch vorgestellt und diesbezüglich kostenlose professionelle Sprachunterstützung bei der Ausfüllung des Fragebogens angeboten.

Verschickt wurden 6.412 Fragebögen an Elternteile, wobei 4.966 an die Zielpersonen zugestellt und schließlich die Daten von 2.112 Fragebögen der Auswertung unterzogen werden konnten.

In einer vierten Teiluntersuchung erfolgte eine mündliche Befragung von Familien mit Kindern, wobei sowohl Eltern als auch Kinder interviewt wurden. Insgesamt wurden 21 Mütter, 13 Väter und 42 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 5 und 19 Jahren, befragt. Von den 23 Familien waren 14 mit alleiniger elterlicher Sorge der Mutter und 7 mit gemeinsamer elterlicher Sorge und 2 mit alleiniger elterlicher Sorge des Vaters.

Im zweiten Abschnitt des Buches wurde die allgemeine Forschungsabsicht der Studie, nämlich die Erfassung des Alltages von Scheidungsfamilien nach der Scheidungsrechtsrevision 2000 aus juristischer und sozialwissenschaftlicher Perspektive auf den Fokus der Partizipation der Kinder am Scheidungsprozess ihrer Eltern gelegt.

Dabei ergab sich, dass lediglich knapp 30% der scheidungsbetroffenen Minderjährigen zur Anhörung vor Gericht eingeladen werden, wobei dann letztendlich nur rund jedes 10 scheidungsbetroffene Kind tatsächlich angehört wird. Zusammenhänge ergaben sich zwischen der Art der Einladung des Kindes und der Häufigkeit des daraus resultierenden Verzichtes auf die Anhörung. Wird nämlich ein sogenanntes Verzichtsformular mitgeschickt, verzichten über 90% auf eine Anhörung. Erfolgt die schriftliche Einladung mit der Bitte um Kontaktaufnahme, so verzichten nur noch 4 von 5 Kindern. Eine markant niedrigere Verzichtsquote ergibt sich dann, wenn die Einladung der Kinder mit einem bereits gerichtlich fixierten Termin kombiniert wird, dann nämlich nur mehr in jedem dritten Fall. Bei einer mündlichen Einladung der Kinder zur gerichtlichen Anhörung seitens der Eltern liegt die Verzichtsquote dazwischen, nämlich bei knapp 60%.

Kein Zusammenhang bei der Anhörungshäufigkeit bestand mit dem Bildungsniveau der Eltern oder dem Nettoeinkommen der Eltern. Ebenso wenig ob sich der Standort des Gerichtes im städtischen oder im ländlichen Bereich befand.

Diese Praxis steht vor dem Hintergrund eines klaren rechtlichen Auftrages, der seitens der oberstgerichtlichen Rechtssprechung auch noch unterstrichen wurde. So wird in einem Grundsatzentscheid von 2005 seitens des Schweizer Bundesgerichtes festgehalten, „dass fast jedes Scheidungskind in einem latenten oder offenen Loyalitätskonflikt stehe, der sich mehr oder weniger belastend auswirke, und die Anhörung insofern mit dem bloßen Verweis auf die Belastungssituation systematisch unterlaufen werden könnte. In aller Regel jedoch stelle nicht die (einmalige) Anhörung, sondern die (gegebenenfalls chronisch konfliktbeladene) Familiensituation die eigentliche Belastung für das Kind dar, weshalb von einer Anhörung nur dann abgesehen werden dürfe, wenn eine eigentliche Beeinträchtigung der physischen und psychischen Gesundheit des Kindes zu befürchten sei“.

Aus den Interviews mit den Kindern und Eltern ergibt sich zu diesem Thema der Partizipation der Kinder, dass dem Informationsstand sowohl der Eltern als auch der Kinder enorme Bedeutung zukommt. Die Kinder schildern, dass sie ausführliche und auf sie zugeschnittene Informationen und Antworten auf ihre eigenen Fragen brauchen. Demgegenüber sind punktuelle Informationen entweder unbedeutend oder schüren sogar die Verunsicherung der Kinder.

Jene Kinder die angehört wurden, erleben positiv, wenn sie von den Personen bei Gericht mit ihren individuellen Anliegen und Wünschen ernst genommen wurden und bei der Anhörung ein wirklicher Dialog stattfand. Die gründliche Beschreibung der Regelungen der elterlichen Scheidungsvereinbarung in den die Kinder betreffenden Angelegenheiten wird als Voraussetzung beschrieben, um mögliche Auswirkungen auf den eigenen Alltag abschätzen und sich dementsprechend äußern zu können. Wesentliches Ergebnis bei der Partizipation der Kinder ist die Klarheit der Unterscheidung der Ebene der Entscheidungsverantwortung, die klar bei den Eltern und allenfalls bei den Behörden zu verbleiben hat und der Ebene der Mitgestaltung, worauf Kinder ein Recht haben. Dabei werden vor allem bei den Eltern die Ebenen der Meinungsbildung und die Ebene der Entscheidungsverantwortung immer wieder vermischt, wobei die Äußerungen der Kinder darlegen, dass diese durchaus in der Lage sind oder bei entsprechenden Informationen in der Lage wären, zwischen ihrer Beteiligung und der Übernahme der Verantwortung durch die Erwachsenen klar zu unterscheiden. Wenn Kinder angehört werden, dann wollen sie auch, dass ihre Sicht nicht nur tatsächlich gehört, sondern auch gebührend berücksichtigt wird. Ebenso möchten sie ihre eigenen Fragen stellen können und auch darauf Antworten erhalten.

Aus den Interviews mit Richterinnen und Richter ergibt sich das Dilemma, dass bei strittigen Fällen die Aussagen des Kindes auch zur Sachverhaltsfeststellung und somit zur Entscheidungsfindung genutzt werden. Jene Richterinnen und Richter die das Recht des Kindes gehört zu werden betonen, schildern hingegen Schwierigkeiten die Sicht der Kinder überhaupt gebührend in das Verfahren einzubringen, wobei die Rückbindung der Informationen der Kinder an die Eltern als schwierig betrachtet wird. Gut die Hälfte der befragten Richterinnen und Richter bezweifelt, ob eine konsequente und regelmäßige Kindesanhörung im Scheidungsverfahren anzustreben sei. Außerdem fehlt es an Zeit, Energie und Kosten für die sehr aufwendigen Kinderbefragungen. Ebenso wäre der Stellenwert der Kindesanhörung im Verfahren unklar und auch die zeitliche Einbindung. Schließlich wird die Schwierigkeit der Umsetzung eines Gesetzes geschildert, wenn in der Bevölkerung noch eine breite Akzeptanz fehlt.

Die Autorinnen betonen, dass die Anhörung des Kindes um seiner Persönlichkeit willen stattfinden soll, weswegen die Kindesanhörung nicht als Privatsache abgehandelt werden dürfe. Weiters sei die Anhörung des Kindes durch eine neutrale Instanz außerhalb der Familie sinnvoll und notwendig, da diese Möglichkeit wichtig für die Bewältigung von Belastungen und die weitere gesunde Entwicklung der Kinder ist. Um Missverständnisse zu vermeiden wird ein Paradigmenwechsel gefordert, wonach anstelle der Einbeziehung des Kindes als Hilfe zur Sachverhaltsermittlung zum Recht des Kindes auf Beteiligung und zur Anerkennung eigenständiger kindlicher Interessen übergegangen werden möge. Als hilfreiches äußeres Zeichen ist in diesem Zusammenhang die Erwähnung der Kinder im anhörungsfähigen Alter (ab 6 Jahren) an einzelnen Zivilgerichten am Deckblatt der Akte als „Partei“ aufgefallen.

Bei der Untersuchung der elterlichen Sorge im dritten Abschnitt des Buches wird das Ergebnis vieler soziologischer Untersuchungen bestätigt, dass sich ein Wandel im Bereich der Aufgabenteilung der Geschlechter bei der Kinderbetreuung kaum widerspiegelt. Dementsprechend ist das sogenannte Residenzmodell, wonach Kinder bei einem Elternteil und dabei überwiegend bei der Mutter den Hauptaufenthalt haben und sich nur fallweise beim zweiten Elternteil aufhalten (betrifft meistens die Väter) nach wie vor der Regelfall. Selten kommt das sogenannte Wechselmodell zur Anwendung, bei dem die Kinder in regelmäßigen Zeitabständen zwischen zwei Haushalten hin- und herpendeln. In drei Viertel der Fälle gibt es nach wie vor die alleinige elterliche Sorge eines Elternteiles und in einem Viertel der Fälle die gemeinsame elterliche Sorge. Die alleinige Sorge der Mutter kommt in 70% der Fälle vor, wobei auch bei den Fällen gemeinsamer Sorge zusätzlich noch insgesamt bei 17% sich der überwiegende Aufenthalt also das Lebenszentrum der Kinder ebenfalls bei der Mutter befindet. Demgegenüber kommt den Vätern nur in 5% der Fälle die alleinige Sorge zu und bei gemeinsamer Obsorge der überwiegende Aufenthalt der Kinder bei ihnen ebenfalls nur in 3,5%. Die klassische Rollenverteilung wird also nach wie vor in 87% der untersuchten Fälle gelebt. Auch bei der Sorge gab es kein Stadt-Land-Gefälle. Allerdings ist die gemeinsame elterliche Sorge in den französisch sprachigen Kantonen weitaus stärker verbreitet. Väter mit gemeinsamer elterlicher Sorge haben doppelt so häufig eine höhere Ausbildung abgeschlossen als Väter ohne elterliche Sorge. Eine gewisse Tendenz lässt sich auch bei den Müttern mit gemeinsamer elterlicher Sorge in Verknüpfung mit höherer Ausbildung erkennen. Bei höheren Einkommensschichten kommt die gemeinsame Sorge ebenfalls häufiger vor.

Als markantes Kriterium für die Zufriedenheit der jeweils gewählten Sorgeform stellte sich die Kontaktqualität heraus. Insgesamt betrachtet steht die Wahrnehmung der eigenen Lebenssituation der Eltern im deutlichen Zusammenhang mit der Einschätzung des Wohlbefindens der Kinder, wobei die Zufriedenheit mit der Scheidungsregelung und der Lebenssituation wesentlich mehr Einfluss ausübt als die jeweilige gewählte Sorgeform. Im Bereich der Änderungswünsche mit der aktuellen Situation ergeben sich zwei markante Gruppen von Unzufriedenheiten. Einerseits drei Viertel der Väter bei alleiniger Sorge der Mutter und andererseits ein Drittel der Mütter bei der gemeinsamen Sorge, sofern ein traditionelles Modell bei der Aufgabenteilung gelebt wird. Eine auffallend hohe Zufriedenheit bei beiden Eltern zeigt sich nur dann, wenn die gemeinsame elterliche Sorge im Alltag tatsächlich auch partnerschaftlich im Sinne eines Wechselmodelles ausgeübt wird.

Im Rahmen der Interviews mit Kindern ergibt sich, dass trotz guter Rahmenbedingungen bei den Eltern der Wechsel von einem Wohnsitz zum anderen bei einem zweigeteilten elterlichen Umfeld für die Kinder stets als anstrengend erlebt wird. Dabei ist die immer wieder notwendige Unterbrechung der Kontakte mühsam, wodurch die Zugehörigkeit zur jeweiligen Lebenswelt in Frage gestellt wird. Positiv erleben Kinder die unterschiedlichen Lebensweisen, Wertvorstellungen und Normvorgaben und damit verbunden auch eine unterschiedliche Wohnkultur bei den Eltern. Brennpunkt der Belastung ist nicht das Zurückkommen in die Welt des anderen Elternteiles, sondern das jeweilige Loslassen und Abschiednehmen.

Interessant auch die Zufriedenheit mit dem unterschiedlichen Kommunikationsverhalten von Müttern und Vätern. Auch wenn Kinder grundsätzlich Verhörsituationen, also das Nachfragen wie es denn beim anderen Elternteil gewesen sei, ablehnen, wünschen sie doch das Interessezeigen des Elternteiles hinsichtlich jener Periode wo sie nicht da waren, sofern die Kinder es selbst steuern können, wie viel sie erzählen dürfen.

Aus den Interviews mit den Richterinnen und Richtern ergibt sich im Bereich der gemeinsamen Sorge eine gewisse Unsicherheit, wann und wie eingeschritten werden sollte oder könnte, selbst wenn ein ungutes Gefühl bei der Veranlassung der gemeinsamen Sorge besteht, was wiederum einen gewissen Widerspruch zu den rechtlichen Möglichkeiten im Rahmen der Offizial- und Untersuchungsmaxime darstellt.

Aufgrund dieser vielschichtigen Ergebnisse konnten die Empfehlungen der Autorinnen und Autoren im vierten Abschnitt des Buches mit Spannung erwartet werden. Aufgrund der Untersuchungsergebnisse stellt sich nicht die Frage, ob Kinder am Reorganisationsprozess der Familie beteiligt werden sollen, sondern lediglich wie. Bezogen auf die Eltern scheinen nach wie vor die meisten zu unterschätzen, wie viele Aspekte der Trennung den Kindern nicht verborgen bleiben. Weiters möge den Kindern auch die Kenntnis der eigenen Bedürfnisse nicht abgesprochen werden. Gerade die Beteiligung der Kinder an den erforderlichen Veränderungsprozessen würde das Erleben von Selbstwirksamkeit und somit das Bewältigungspotenzial bei verunsichernden Lebensereignissen stärken.
Auch bei der Richterschaft ist eine verstärkte Fortbildung zur Vermeidung von Unsicherheiten, wie eine altergerechte Information von Kindern aussieht, zu fordern. Auf Seiten sämtlicher Erwachsener setzt es unabdingbar die Bereitschaft voraus, eigene Meinungen und Positionen von Kindern hinterfragen zu lassen und die Bedürfnisse und Anliegen der Kinder adäquat zu berücksichtigen, ohne den Kindern die Last der Entscheidung aufzubürden.

Großartig der Vorschlag des Autorenteams im Bereich der elterlichen Sorge, welcher auch gleich als Gesetzesänderungsentwurf präsentiert wird. Dementsprechend möge in Zukunft die Trennung oder Scheidung keinen Anlass für eine Änderung der elterlichen Sorge darstellen. Sofern eine Kindeswohlgefährdung besteht, möge– unabhängig vom Thema Scheidung – ein Sorgerechtsentzug geprüft und allenfalls beschlossen werden.

Damit kann ein großer Beitrag zur Verbesserung der Zufriedenheit bei Vätern nach der Scheidung geleistet werden. Demgegenüber möge, ebenfalls unabhängig vom Thema Trennung oder Scheidung, jenem Elternteil (vorwiegend Mütter) die ohnedies die Hauptverantwortung tragen, auch bei gemeinsamer Sorge die wesentlichen Berechtigungen alleine zu kommen. Vorbehalten bleiben bloß die Befugnisse des anderen Elternteiles, welche im Zusammenhang mit seiner Betreuung des Kindes stehen.

Der weniger betreuende Elternteil kann eine Überprüfung von Entscheidungen anregen, und zwar lediglich bei Schul- und Berufswahl, Wechsel des Wohnsitzes, Unterbringung bei Dritten, Ausübung gefährlicher Sportarten, Beitritt zu oder Austritt aus einer Religionsgemeinschaft und bei wichtigen rechtlichen Vorkehrungen. Lediglich bei Änderungen des Namens oder länger fristiger Verbringung des Kindes im Ausland und bei medizinischen Eingriffen von besonderer Tragweite und bei Adoption ist zwingend die Zustimmung beider Elternteile notwendig. Damit wird auch den Unzufriedenheiten der verantwortungstragenden Mütter, bezogen auf rechtliche Rahmenbedingungen, entgegen gewirkt.

Dieser Reformvorschlag wäre offenkundig nicht nur für die Schweiz sonder für ganz Europa, wenn nicht sogar weltweit, ein großer Fortschritt, bei dem sich sowohl Theorie und Praxis als auch die Förderung der elterlichen Kooperation und abgrenzende Verantwortungsstrukturen wunderbar die Hand reichen, wobei das Recht der Kinder auf bestmögliche Rahmenbedingungen unterstrichen ist.

Im fünften Abschnitt des Buches finden sich hervorragende Gastbeiträge, die jeweils für sich hervorragend gebündelte Informationen bieten, als seien sie selbst Rezensionen jeweils eigener Grundlagenwerke. Urs Gloor gibt eine passenden Überblick über die Einbeziehung der Kinder im Rahmen von Mediationen. Remo H. Largo befasst sich mit der Einbindung der Väter, die ohne eine tragfähige Elternbeziehung eine schwache Stellung in Bezug auf die Verantwortung für Kinder einnehmen.

Maria Mögel gibt einen phantastischen Überblick über die Situation in der frühen Kindheit und die möglichen Herausforderungen bei der Trennung der Eltern. Anhand von hervorragend beschriebenen Praxisbeispielen beschreibt sie auch das Entwicklungspotential trotz schwieriger Umstände beim Übergang vom alten zum neuen Lebenszusammenhang. Joachim Schreiner beschreibt praktische Möglichkeiten der Einbeziehung von Kindern und Jugendlichen bei der Suche nach passenden Lösungen nach Trennung oder Scheidung. Schließlich beschäftigt sich Jonas Schweighauser mit der Frage, warum es im Regelfall im Scheidungsverfahren keine Kindesvertretungen gibt.

Fazit

Dem vorliegenden Buch ist es gelungen auf der Grundlage fundierter Forschungsergebnisse ebenso fundierte Anregungen für die alltägliche Praxis und die gesellschaftliche Rahmensetzung (Gesetzgebung etc.) zu geben. Dabei wird die internationale Entwicklung zur zunehmend fruchtbringenden interprofessionellen Kooperation von Experten aus rechtlichen, psychosozialen und finanziellen Dienstleistungen bestätigt.

Weiters wurde die Legitimität des Eingriffes des Staates bei familialen Übergängen gestärkt, wobei der Bevölkerung auch die Möglichkeit im Rahmen ihrer Privatautonomie einzuräumen ist, die wesentlichen Interessen auch eigenberechtigt, etwa im Rahmen von Mediationen oder Verfahren der kooperativen Praxis (Collaborative Practice) durch Einbindung von Kinderexperten zu berücksichtigen.


Rezension von
Dr. Friedrich Schwarzinger
Rechtsanwalt, Mediator Collaborative Law-Lawyer Dipl.-Lebensberater
Homepage www.schwarzinger.at
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Zitiervorschlag
Friedrich Schwarzinger. Rezension vom 31.10.2009 zu: Andrea Büchler, Heidi Simoni (Hrsg.): Kinder und Scheidung. Der Einfluss der Rechtspraxis auf familiale Übergänge. Edition Rüegger (vormals Rüegger Verlag) (Zürich) 2009. ISBN 978-3-7253-0873-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8122.php, Datum des Zugriffs 27.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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