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Britta Hoffarth: Performativität als medienpädagogische Perspektive

Cover Britta Hoffarth: Performativität als medienpädagogische Perspektive. Wiederholung und Verschiebung von Macht und Widerstand. transcript (Bielefeld) 2009. 267 Seiten. ISBN 978-3-8376-1095-6. 25,80 EUR, CH: 45,80 sFr.

Reihe: Pädagogik.
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Thema

Sieht man den in der Performativität innewohnenden Ereignischarakter, so ist es nahe liegend, die Erkenntnisse aus den Gedanken dieses kulturwissenschaftlichen Diskurses auf die Medienpädagogik zu übertragen und anzuwenden. Performative Prozesse wirken durch ihre Praxis auf die Wirklichkeit und besonders auf die soziale Wirklichkeit und die Wahrnehmung dieser ein. Dies ist ein interessanter Ansatz für die Medienpädagogik.

Britta Hoffarth hat sich in ihrer erziehungswissenschaftlichen Dissertation zur Aufgabe gemacht, diesem Phänomenen nachzuspüren und getragen von den dekonstruktivistischen Überlegungen Derridas und den diskurstheoretischen Gedanken Foucaults die medienpädagogische Theorie zu bereichern. Von daher setzt sich die Autorin hauptsächlich mit dem Konstrukt der dekonstruktivistischen und der diskursanalytischen Theorie auseinander, folgt den einzelnen Begriffen der Theorien, die sie anhand des aktuellen deutschen Forschungsstandes dem Leser präsentiert. Mit Hilfe der Cultural Studies bringt sie diese dem Medium Fernsehen näher und wendet sie in ihrer Analyse von unterschiedlichen Dialogfragmenten aus drei verschiedenen Episoden der Fernsehserie Star Trek - The Next Generation an. Das Ziel der Autorin ist es, mit Hilfe der Theorien von Derrida, Foucault und den Cultural Studies den Begriff des Performativen für die Medienpädagogik im Sinne der Verhandlung der Konstruktion von Differenz nutzbar zu machen.

Autorin

Britta Hoffarth ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bielefeld im Arbeitsgebiet Migrationspädagogik und Kulturarbeit angestellt. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Kulturarbeit, Pop- und Alltagskulturen, Gender, Diskurstheorie, Dekonstruktion und Cultural Studies.

Aufbau und Inhalt

Ihr Buch ist, grob gesehen, in drei Abschnitte gegliedert. Im ersten steht eine theoretische Einführung des Dekonstruktivismus im Vordergrund, während im zweiten die gewonnenen theoretischen Erkenntnisse der diskurstheoretischen Analyse von Star Trek dienen und der dritte die Cultural Studies mit ins Spiel bringt.

Mit poppigen Überschriften wie "What do the people do to the media" oder "Further down the road", aber auch mit klaren und strukturierten Kapiteln führt Britta Hoffarth über Jacques Derrida (différence und itérabilité), Michel Foucault, Judith Buttler und den Cultural Studies ihre Diskussion zur Performativität und der Darstellung in den Medien. Hierbei spielen Macht und die Kritik an Herrschaftsverhältnissen für die Autorin eine ebenso große Rolle wie eine feministische Lesart von medialen Texten. Zu Anfang vieler, aber nicht aller, Kapitel steht ein flottes Zitat mit einem, wenn auch manchmal vagem, Bezug zum Inhalt des Textes.

Philosophie ist für andere wissenschaftliche Disziplinen häufig ein Minenfeld und mit gebotener Vorsicht bewegt sich Hoffarth durch diese schwierige Materie. Dabei bleibt die Autorin verständlich und genau. Der Aufbau des Werkes ist logisch und er führt den Leser durch die verschiedenen Ansätze mit einer Stringenz, wenn auch mit Hilfe einiger Exkurse, die jedoch zum Verständnis notwendig sind. Britta Hoffarth bleibt in ihren ersten Kapiteln meist auf der abstrakten theoretischen Ebene und holt selten Beispiele zur Veranschaulichung heran. Im zweiten Teil ihres Buches geht sie hingegen auf einzelne Szenen aus drei Episoden der Fersehserie Star Trek, the next Generation ein, die von 1987-1994 in 178 Episoden gedreht und seit den Neunziger Jahren auf dem ZDF, SAT1 und später auf Kabel1 ausgestrahlt wurden. Nach dem Ablauf der Serie hat die Geschichte um die Crew von Captain Jean-Luc Picard auch vier Kinofilme hervorgebracht. Das Gebilde des "Star Trek Universums" um die verschiedenen Serien und Filme gilt als eines der wichtigsten Werke im Science Fiction Genre.

Mit Hilfe der Diskursanalyse und den Cultural Studies analysiert Hoffarth die Serie anhand ihrer Konstruktion und Infragestellung von Gender und Machtverhältnissen, sowie der kulturellen Codes, die in der Serie verhandelt werden. Hierfür ist Star Trek ein geeignetes Mittel, weist die Serie doch die unterschiedlichsten Facetten des Lebens auf, spiegelt diese, überträgt sie auf die Rollen und außerirdischen Charaktere und lässt gleichzeitig bestimmte Dinge, wie genauere Einblicke in die Zivilgesellschaft der Zukunft, in der Abwesenheit verweilen. In ihrer Analyse beschränkt sich Hoffarth auf die textuale Ebene. Dies ist auch richtig, da diese Ebene für ihre Untersuchung fruchtbar ist und das Visuelle von ihr eventuell einen anderen Fokus verlangen müsste.

In Anlehnung an John Fiske stellt Hoffarth fest, dass die Serie Star Trek dem Zuschauer einen Text zur Verfügung stelle, "… auf den sich die verschiedenen Leser auf unterschiedlichste Art beziehen können, indem sie Zusammenhänge herstellen zwischen ihnen und ihrem Leben, ihren Beziehungen und Erfahrungen" (208). Eine fiktive Serie muss, um den Zuschauer anzusprechen, seine Vorbilder stets aus der nichtfiktiven Welt holen. Die Autorin sieht, dass die Performativität in Star Trek zweifach auftrete: Einmal im Medientext selber, als fiktive Geschichte, welche Diskurse aus der Wirklichkeit aufgreift, fragmentiert und wiedergibt und zum zweiten Mal in der binären Unterscheidung zwischen Fiktion und Nichtfiktion, die im Rahmen der Konventionen verhandelbar und nicht statisch ist. Auch außerhalb des Textes trete dieser performative Text auf, indem er zirkuliert, d.h. diskutiert oder ausgestellt wird und somit "quasi transmedial" wird (234).

Ihre Prämisse, dass neben einer dominanten Lesart eines Medientextes auch immer hybride Lesarten möglich sind, führt zu einer Pädagogik von unterschiedlichen Readings, die selbstreflexiv auf ihr eigenes Unbehagen mit dem Nichteindeutigen, zwischen Störung und Bekräftigung, blickt und mit diesem Potential umzugehen lernt, da das Performative für Hoffarth als "…das Unbestimmte, Ungesichtete, Ereignishafte der Produktion von Machtverhältnissen" (227) erscheint. Diese Erkenntnis soll dem Rezepienten helfen, mediale Inhalte Gegen-den-Strich lesen zu können, was wiederum dadurch eine kritische Haltung gegenüber dem was die Medien produzieren generieren mag. Hierfür sieht Hoffarth die Entwicklung einer performativen Praxis in der Medienpädagogik vor.

Fazit

Das vorliegende Buch von Britta Hoffarth ist inhaltlich sehr dicht geschrieben ohne Überladen zu wirken und zeigt im zweiten Teil mit Hilfe der Serie Star Trek Anwendungsmöglichkeiten der von ihr beschriebenen Analysewerkzeuge. Das Buch ist explizit an ein wissenschaftliches Publikum gerichtet und bietet im Grunde weder eine Anleitung für Anwendungsmöglichkeiten in einer medienpädagogischen Praxis, noch eine genaue Analyse von Star Trek, sondern ein theoretisches und philosophisches Rüstzeug, das, von ihr angestoßen, nun mit praktischen Konzepten fruchtbar gemacht werden müsste.


Rezension von
Michael Christopher
Filmwissenschaftler, Theaterwissenschaftler und Mitherausgeber der Zeitschrift manycinemas
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Zitiervorschlag
Michael Christopher. Rezension vom 18.11.2009 zu: Britta Hoffarth: Performativität als medienpädagogische Perspektive. Wiederholung und Verschiebung von Macht und Widerstand. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-8376-1095-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8125.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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