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Regina Rätz-Heinisch, Wolfgang Schröer u.a.: Lehrbuch Kinder- und Jugendhilfe

Cover Regina Rätz-Heinisch, Wolfgang Schröer, Mechthild Wolff: Lehrbuch Kinder- und Jugendhilfe. Grundlagen, Handlungsfelder, Strukturen und Perspektiven. Juventa Verlag (Weinheim) 2009. 291 Seiten. ISBN 978-3-7799-2201-8. 18,00 EUR, CH: 28,60 sFr.

Reihe: Studienmodule soziale Arbeit.
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Thema

Historisch gesehen einer der älteren Aufgabenbereiche der Sozialen Arbeit zählt die Kinder- und Jugendhilfe in der Bundesrepublik zu den – sowohl im Blick auf ihre gesellschaftliche (Korrektur-) Funktion, ihren Stellenwert als Arbeitgeberin wie ihre ökonomische Relevanz – zu den bedeutenden Feldern Sozialer Arbeit. Das vorliegende (in der von Hans-Jürgen Dahme und anderen herausgegebenen Reihe „Studienmodule Soziale Arbeit“ erschienene) Lehrbuch tritt mit dem Anspruch auf, „in dieses vielfältige Feld sozialer Dienstleistungen für Kinder, Jugendliche und Familien einzuführen“ (S. 5) und „Grundlagen, Handlungsfelder, Strukturen und Perspektiven“ (Untertitel) darzustellen.

Autorinnen und Autor

Dr. Regina Rätz-Heinisch ist Professorin für Soziale Arbeit an der Alice-Salomon-Fachhochschule Berlin, Dr. Wolfgang Schröer Professor für Sozialpädagogik an der Stiftung Universität Hildesheim und Dr. Mechthild Wolff lehrt als Professorin an der Fakultät Soziale Arbeit der Hochschule Landshut. Alle drei weisen als Arbeitsschwerpunkte unter anderem die Kinder- und Jugendhilfe aus und sind in der Vergangenheit durch einschlägige Veröffentlichungen (Wolfgang Schröer und Mechthild Wolff unter anderem mit dem „Handbuch der Kinder- und Jugendhilfe“, vgl. die Rezension, und Regina Rätz-Heinisch mit „Gelingende Jugendhilfe bei aussichtslosen Fällen“, vgl. die Rezension) hervorgetreten.

Aufbau und Inhalt

Das Lehrbuch ist in vier Kapitel (mit insgesamt 15 Abschnitten – und insofern der Zahl von Lehrveranstaltungen eines durchschnittlichen Semesters entsprechend) gegliedert:

  • Zunächst führt das Autorenkollektiv in die „Grundlagen der Kinder- und Jugendhilfe“ (S. 15 – 65) ein und thematisiert dort historische Grundzüge des Arbeitsfeldes, die Lebenslage(n) von Kinder- und Jugendlichen, ihre Rechte und das dem Kinder- und Jugendhilfegesetz eigene Erziehungs- und Entwicklungsverständnis.
  • Die Gesamtstruktur der Präsentation im Bereich der Handlungsfelder der Kinder- und Jugendhilfe (2. Kapitel) folgt – nach einer allgemeinen Einführung (S. 69 – 82) über die Zugänge zur Kinder- und Jugendhilfe als Dienstleistung mit besonderen Schutzaufgaben – im Kern dem biografischen (Normal-) Verlauf: zunächst Kindertagesstätten (S. 83 – 94), dann Kinder- und Jugendarbeit einschl. Jugendsozialarbeit (S. 95 – 108) und Erziehung in der Familie (S. 109 – 127), schließlich die Hilfen zur Erziehung, differenziert nach ambulanten und teilstationären (S. 128 – 149) sowie stationären Formen (S. 150 – 165). Nicht nur inhaltlich, sondern auch im Umfang der Darstellung, der den einzelnen Handlungsfeldern eingeräumt wird, dürfte deren Stellenwert in der aktuellen Wahrnehmung und Diskussion über Kinder- und Jugendhilfe damit aussagekräftig abgebildet sein.
  • Die kommunale Verfasstheit, die kooperative Trägerstruktur, Organisationsformen, Finanzierung, Fachkräfteentwicklung und Beteiligungssysteme der Kinder- und Jugendhilfe werden unter dem Titel „Organisationsformen der Kinder- und Jugendhilfe“ im 3. Kapitel (S. 169 – 235) behandelt.
  • Abschließend werden theoretische Ansätze (insbesondere im Kontext von Lebensweltorientierung und Lebensbewältigung) und politische Perspektiven der Kinder- und Jugendhilfe (d. h. Kinder- und Jugendhilfe in einer globalisierten Welt) im 4. Kapitel (S. 235 – 263) angesprochen.

16 Seiten Literatur (aktuell im Kern bis 2007, ergänzt um einige Publikationen auch bis ins Jahr der Veröffentlichung des Lehrbuches hinein) und ein neunseitiger Serviceteil (u. a. mit ausgewählten Hand- und Wörterbüchern zur Sozialen Arbeit und Kinder- und Jugendhilfe, Kommentaren und Zeitschriften sowie Internetmaterialien und Adressen relevanter Institutionen und Verbände) runden die Veröffentlichung ab.

Insgesamt schließt das Lehrbuch an die erreichten fachlichen Standards der Kinder- und Jugendhilfe an. Die einzelnen Kapitel enthalten Beispiele und Vertiefungen und sind jeweils auf eine Lehreinheit zugeschnitten. Stets wird eine Kernaussage vorangestellt (z. B.: „Ambulante und teilstationäre Hilfen zur Erziehung bieten Unterstützung bei besonderen Belastungen und in krisenhaften Lebenssituationen der Kinder und Jugendlichen“, S. 128), die dann zunächst noch thesenartig ausgeführt und anschließend systematisch (unterschiedlich unter Einbezug der Hilfetraditionen, Rechtsgrundlagen, methodischen Entwicklungslinien und anderen Aspekten) erläutert und besondere Aspekte präzisiert werden.

Zum Ende eines Abschnitts folgen (lehrbuchgemäß) Übungsaufgaben, allerdings ohne „Lösungswege“ anzubieten. Hin und wieder mögen die Aufgabenstellungen etwas anspruchsvoll anmuten, z. B. wenn die Studierenden aufgefordert werden, mit Zeitzeugen Interviews zum Erleben des Nationalsozialismus‘ zu führen und danach zu fragen, welche Berührungspunkte sie mit der Jugendbewegung bzw. der Jugendpflege hatten (S. 25). In der Sache sicher ein richtiger und gangbarer Weg, muss doch zweifelhaft bleiben, ob dies den im „Bolognasystem“ gegebenen Möglichkeiten der Studierenden Rechnung trägt.

Knappe und aktuelle Literaturempfehlungen (meist aus den zurückliegenden zehn Jahren) schließen einen Abschnitt ab.

Diskussion

Der Band wartet also mit einer interessanten Kombination verschiedener Präsentationsformen auf: so werden zum Beispiel die Kinder- und Jugendhilfe besonders prägende Persönlichkeiten (etwa Gertrud Bäumer, S. 17, Marie Baum, S. 129f) kurz porträtiert, zentrale rechtliche Aspekte (z. B. zur Rechtsgrundlage der Jugendsozialarbeit, S. 101) und Schlüsselbegriffe (z. B. das „sozialpädagogische Jahrhundert“ nach Ellen Key, S. 84, „Drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus“, S. 259, Subsidiarität, S. 210) erklärt sowie Verweise auf besonders richtungsweisend empfundene Ansätze (z. B. „Flexi®WGs“ als erweiterter Ansatz der Flexibilisierung erzieherischer Hilfen, S. 147) gegeben. Auch historische Aspekte (z. B. „Die autoritäre Familie“, S. 116f) und für die Jugendhilfepraxis anspruchsvolle Gesichtspunkte (z. B. „Junge Elternschaft“, S. 125) werden so eingeführt. Was auf den ersten Blick zu sehr nach Patchwork klingen mag, dürfte freilich dem Aneignungsverhalten Studierender Rechnung tragen und darf auch deshalb als gelungen bezeichnet werden.

Erfreulich ist auch, dass sich das Autorenkollektiv auch Themen zuwendet, die sonst eher am Rande eine Rolle spielen, obgleich sie „eigentlich“ in das Zentrum der Erörterung gehören (z. B. zu den internationalen Kinder- und Jugendrechten, S. 49ff), und durchaus aktuelle Bezüge (z. B. zum „Fall Kevin“, S. 42f) wagt. Gelungen ist auch die vom Volumen angemessen umfangreiche Auseinandersetzung mit den Überlegungen zu einer Neuen Steuerung in der Kinder- und Jugendhilfe, wobei nicht nur die Grundzüge von Konzept und Praxis dargestellt werden, sondern auch erläutert wird, welche Rolle die KGSt hierbei spielt(e) und welche Bedeutung („neuer Trend“) der Wirkungsorientierung in der Kinder- und Jugendhilfe zukommt (S. 187 – 196). Ein wenig zu knapp fällt nur der Hinweis zur Zusammenarbeit mit Freiwilligen in der Kinder- und Jugendhilfe („Die Ehrenamtlichen“, S. 215) aus.

Bei der Präsentation statistischer Daten (z. B. zum Ansteigen der Inanspruchnahme von ambulanten Hilfen, S. 144) ist die Argumentation (noch) auf dem aktuellen Stand (hier: Berücksichtigung der Daten des Jahres 2005), allerdings dokumentiert sich an dieser Stelle auch die Halbwertszeit des Materials, sind doch die entsprechenden Daten des Jahres 2009 bereits in der Aufbereitung. Eine Aktualisierung liegt damit „in der Luft“, was aber bei einem Lehrbuch ohnehin zu erwarten ist.

Wie bereits angedeutet trägt das Lehrbuch „Kinder- und Jugendhilfe“ in der Präsentation durchaus dem aktuellen Diskurs über Kinder- und Jugendhilfe Rechnung. An dieser Stelle fällt daher auch auf, dass der Kinder- und Jugend(sozial)arbeit eben nur noch ein nachrangiger Stellenwert in der Kinder- und Jugendarbeit zufällt. Der Breite dieser Arbeitsfelder und ihrer faktischen Bedeutung insbesondere bei der Bewältigung des Übergangs von Schule in Ausbildung und Beruf kann die Darstellung an diesem Punkt daher nicht immer genügen.

Zielgruppen

Der Band ist ausdrücklich als Studienmodul konzipiert und gestaltet: Für Studierende bietet das „Lehrbuch Kinder- und Jugendhilfe“ alle derzeit relevanten Informationen zu diesem zentralen Handlungsfeld der Sozialen Arbeit. Auch für jene Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe, die mit der Einsozialisierung von Novizinnen und Novizen der Sozialen Arbeit in das Handlungsfeld befasst sind, bietet der Band wertvolle Informationen, die diesem Prozess weitere Gelingensperspektiven erschließen können. Selbst Lehrende, die sich der Kinder- und Jugendhilfe verschrieben haben und in sie einführen wollen, werden die eine oder andere Anregung zur Gestaltung ihrer Lehrveranstaltungen mitnehmen können.

Fazit

In der Hoffnung, „eine Balance zwischen übersichtlicher Gesamtdarstellung und beispielhaften Detailinformationen gefunden zu haben“, mussten sich Rätz-Heinisch, Schröer und Wolff immer wieder der Entscheidung unterziehen, „welche Punkte vertiefend betrachtet und insoweit einzelne Aspekte nur kurz und zusammenfassend angesprochen werden sollten“ (S. 5). Dies ist dem Kollektiv freilich gut gelungen. Der Band kommt als Studienmodul (für Studierende des Bachelorstudiengangs „Soziale Arbeit“ im 3. und 4. Semester) angemessen daher, überfordert nicht durch zu hohe (auch sprachliche) Zugangsanforderungen, ist illustrativ formuliert, abwechslungsreich gestaltet und wird Studierende zur Auseinandersetzung mit diesem Handlungsfeld anregen.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 29.03.2010 zu: Regina Rätz-Heinisch, Wolfgang Schröer, Mechthild Wolff: Lehrbuch Kinder- und Jugendhilfe. Grundlagen, Handlungsfelder, Strukturen und Perspektiven. Juventa Verlag (Weinheim) 2009. ISBN 978-3-7799-2201-8. Reihe: Studienmodule soziale Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8128.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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