socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Constance Ohms: Das Fremde in mir

Cover Constance Ohms: Das Fremde in mir. Gewaltdynamiken in Liebesbeziehungen zwischen Frauen. transcript (Bielefeld) 2008. 344 Seiten. ISBN 978-3-89942-948-0. 29,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Studien interdisziplinäre Geschlechterforschung - 1.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Wider Romantisierung und Tabuisierung eines Täter-Opfer-Diskurses

Hier geht es weder um Voyeurismus, noch um Versuche zur Verharmlosung oder Stilisierung einer Thematik, die in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung, wie in der sozialwissenschaftlichen Forschung „out of“ ist; vielmehr wird hier ein Problem diskutiert, das als „Differenz“ – Diskurs im globalen Blickfeld ist; jedoch wird „sowohl in den Analysen zu häuslicher Gewalt in heterosexuellen Partnerschaften als auch in den Untersuchungen zu Gewalt in lesbischen Beziehungen ( ) häufig nicht trennscharf zwischen aggressivem Konfliktverhalten einerseits und einer systematischen Misshandlung andererseits unterschieden“.

Autorin und Thema

Die Sozialwissenschaftlerin Constance Ohms, die ein Forschungsinstitut des Bundesverbandes der lesbischen, lesbisch-schwulen und transidenten Anti-Gewalt-Initiativen Deutschland, „Broken Rainbow e.V.“ in Frankfurt/M. leitet, legt mit ihrer Studie erstmals in Deutschland eine umfangreiche Auseinandersetzung mit dem Tabuthema „Intimpartnerschaften zwischen Frauen“ vor.

Aufbau und Inhalt

Im Mittelpunkt der Forschungsarbeit steht die Reflexion der Sichtweise der Gewalt ausübenden Frauen; wiewohl, wie die Autorin feststellt, „die Vielfalt gewalttätiger Dynamiken, die sich bei Liebesbeziehungen zwischen Frauen zeigt, auch in Partnerschaften zwischen Mann und Frau zu finden ist“.

Es sind die Fallanalysen, die ein (bisher wenig beachtetes) Bild „häusliche Gewalt“ darstellen. Vom Februar 2002 bis September 2003 hat Constance Ohms in Deutschland insgesamt zwanzig Interviews mit lesbischen Frauen geführt, die Gewalt in ihrer Partnerschaft erlebt haben. In ihren Analysen und für ihre Erklärungsmuster benutzt sie dabei einen erweiterten Gewaltbegriff, „der nicht nur körperliche Attacken umfasst, sondern auch psychische und verbale Formen von Gewalt sowie kontrollierende Verhaltensweisen“ umfasst. Dabei arbeitet die Autorin zwei Modelle von gewalttätigen Strukturen heraus: Zum einen eine gewalttätige Beziehungsdynamik, die im Täter-Opfer-Bezug durch die Angst des Opfers gekennzeichnet ist; zum anderen die beidseitige Akteurinnen-Dynamik, bei der sich beide Frauen als gewalttätig erweisen. Während in den ersteren Fällen das Phänomen zu beobachten ist, dass die „Täterinnen“ sich vor der Gewaltausübung ohnmächtig und hilflos fühlen, während sie während der Gewaltausübung Macht und nach der Tat Schuldgefühle und Reue empfinden, sind solche Empfindungen im zweiten Modell nicht in der gleichen Weise zu beobachten; vermutlich deshalb, weil hierbei die Grenzen zwischen Gewaltausübung und Gewalterfahrung fließend sind und das Opfer-Täter-Schema verschoben wird.

Gewaltausübung, -leiden und –tabuisierung bei der gleichgeschlechtlichen Lebensform könnte ihre Ursachen darin haben, dass die überwiegende gesellschaftliche Ablehnung und der Verweis in subkulturelle Existenzweisen dazu führt, dass betroffene lesbische Frauen in ihrer gleichgeschlechtlichen Identität kein positives Selbstbild entwickeln können: Die subkulturelle Tabuisierung bestärkt lesbische Frauen in ihrem Opfersein, „indem diese die erlebte Gewalt als `Strafe` für ihre sexuelle Orientierung betrachten“.

Fazit

Die ausführliche Darstellung der ausgewählten fünf Interviews, die sicherlich für die Forschungsarbeit wertvolle Quellenmaterialien und weiterführende Fragenkomplexe anbietet, trägt dazu bei, dass der immanente Bezug zur eigentlichen Forschungsfrage virulent wird; wie auch die vergleichende Betrachtung von Gewalt in heterosexuellen Paarbeziehungen Verbindungen aufzeigt, die überraschend aber gleichzeitig erklärlich sind und aufklärerisch wirken: Grundlage gewalttätiger Dynamiken in Partnerschaften ist die Bildung von Hierarchien“; und zwar sowohl von strukturell verankerten, wie Herkunft, Ethnie, Einkommen, sozialer Status, Geschlecht oder Bildung; als auch die Erkenntnis, „dass die Auseinandersetzung mit (lesbischen) Frauen, die Gewalt ausüben, in hohem Maß die Notwendigkeit und Fähigkeit zur Selbstreflexion befördert“. Insofern ist der Titel der Studie – „Das Fremde in mir“ – nicht schlecht gewählt!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
E-Mail Mailformular


Alle 1503 Rezensionen von Jos Schnurer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.09.2009 zu: Constance Ohms: Das Fremde in mir. Gewaltdynamiken in Liebesbeziehungen zwischen Frauen. transcript (Bielefeld) 2008. ISBN 978-3-89942-948-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8132.php, Datum des Zugriffs 21.06.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht