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Ines Braune: Aneignungen des Globalen

Cover Ines Braune: Aneignungen des Globalen. Internet-Alltag in der arabischen Welt. transcript (Bielefeld) 2008. 259 Seiten. ISBN 978-3-89942-971-8. 25,80 EUR, CH: 45,80 sFr.

Reihe: Global studies.
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Internet bedeutet nicht überall auf der Welt dasselbe

Diese Auffassung ist erst einmal in Frage zu stellen. Ist es nicht so, dass die www-Welt mittlerweile die „McDonalds- “ und „Jeans“-Welt abgelöst hat? Internet ist überall, und die globalisierte Vernetzung schreitet nirgendwo so rapide und rasant voran wie im Internet. Die Diskussion um die negativen Auswirkungen der Globalisierung bewegt sich nicht nur auf ökonomischen Gebieten – gekennzeichnet in der Metapher: Die Reichen werden reicher und die Armen werden ärmer – sondern spätestens seit NineEleven, auch in den Bereichen von Sicherheit und Terrorismus. Dabei gerinnen die Ängste der „Wohlhabenden“ und „Sicheren“ in der westlichen Welt zu unförmigen und kaum zu definierenden Klumpen von (Kultur)Rassismen, Höherwertigkeitsvorstellungen und dem Bau von „Wohlstandsfestungen“ (vgl. dazu auch die Rezension zum Buch von Lisa Rosen und Schahrzad Farrokhzad, Hrsg., Macht – Kultur – Bildung).

Die Forderungen, wie sie in der internationalen und interkulturellen Diskussion laut werden, nämlich über den eigenen kulturellen Gartenzaun zu schauen und einen Perspektivenwechsel zu vollziehen, werden lauter und drängender. Voraussetzung dafür ist freilich, empathiefähig zu werden; also den Anderen in seinem Anderssein zu erkennen, zu akzeptieren und sich in dessen Denk- und Lebensweise hineinfühlen zu können, entsprechend der Aufforderung, wie sie die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ (1995) uns aufgegeben hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“.

Autorin und Entstehungshintergrund

Ines Braune, die am Orientalischen Institut der Universität Leipzig studierte, hat mit dem auffordernden Titel „Aneignungen des Globalen“ ihre Dissertationsschrift vorgelegt, eine Fallstudie, die sie in mehreren Jahren mit marokkanischen Jugendlichen durchgeführt hat. Ihr Forschungsinteresse dabei ist gar nicht so „exotisch“, wie es sich vielleicht erst einmal anhört. Es basiert auf mehreren Analysen, die ganz nah bei uns und mit uns sind: Da ist erst einmal die Feststellung, dass Jugend und Internet, der (selbstverständliche) Umgang der jungen Menschen überall auf der Welt mit der Digitalisierung und www-Vernetzung, augenfällig und dabei ist, das alltägliche wie das globale Zusammenleben der Menschen zu verändern. Dann zum zweiten, mit dem Fokus auf Marokko als ein arabisches Land, die Situation, dass in dem nordafrikanischen Staat zwei Drittel der Bevölkerung junge Menschen unter 30 Jahren sind. Und nicht zuletzt zum dritten, dass viele junge Marokkanerinnen und Marokkaner ihre Zukunft nicht in erster Linie im eigenen Land sehen – wegen der für sie unbefriedigenden Lebens- und Arbeitsmöglichkeiten – sondern im westlichen Ausland.

Thema

Mit dem medienethnographischen und dem „Cultural Studies“ – Blick stellt die Autorin erst einmal fest, „dass das Internet keine ihm innewohnende, gleichgeartete Wirkung (beispielsweise Stärkung der Demokratie) entfaltet, sondern dass es in Abhängigkeit von Raum und Zeit und in Abhängigkeit der konkreten Nutzung zu definieren“ ist. Das Forschungsprojekt, bei dem die Autorin mit den verschiedenen (ethnographischen und interkulturellen) Methoden insgesamt 240 marokkanische (davon rund zwei Drittel männliche und ein Drittel weibliche) Jugendliche interviewt, direkt und Online-befragt und in Internetcafés in der Stadt Fes beobachtet hat, geht von der Annahme aus, dass die vorgefundenen Situationen von marokkanischen Jugendlichen bei der Internetnutzung exemplarisch für viele Jugendliche in der arabischen Welt gelten können; mit der Einschränkung natürlich, dass es sich dabei überwiegend um Jugendliche handelt, die in urbanen Regionen leben und des Schreibens und Lesens mächtig sind. Die Ergebnisse weisen eine weitere bemerkenswerte Erkenntnis aus: „Für diejenigen, die das Internet nutzen, ist es … in höchstem Maße relevant und zentraler Bestandteil der Alltagsgestaltung“. Ob dabei für die Internetnutzer und Chatter in Marokko so völlig andere (Aus)Wirkungen auf Einstellungen und Verhaltensweisen zu beobachten sind, im Vergleich zu Jugendlichen in den westlichen Industrieländern, oder ob hier tatsächlich so etwas wie eine „globale www-Mentalität“ zu erkennen ist; darauf gibt die Studie keine Antwort. Nur diese – und das kann in der Tat als ein Hinweis auf einen notwendigen Paradigmenwechsel in der Medien- und interkulturellen Forschung verstanden werden – dass es nämlich wenig Sinn macht, das Internet als das umfassende, manipulative und (gesellschafts-)verändernde Instrument entweder teuflisch oder utopisch an die Wand zu malen. „Die Erforschung der Internetnutzung muss immer bei den Nutzenden selbst und deren spezifischen Kontext ansetzen, da nur die Nutzer bestimmen, was das Internet bedeutet“.

Aufbau und Inhalt

Ines Braune geht zunächst auf das Thema „Das Globale. Konzepte der Globalisierung“ ein, in dem sie unter anderem darauf verweist, dass die Metapher „Globalisierung“ mit Erkenntnissen gefüllt werden muss: „Es ist nicht allein die Anwesenheit einer technischen Struktur oder eines Mediums in einem vorgestellten Raum, sondern die konkrete Ingebrauchnahme des Mediums in spezifischen lokalen Kontexten…“.

Im zweiten Teil geht es um die Frage nach der „Vernetzung zwischen Globalem und Lokalem“. Die Autorin setzt sich hierbei in drei Diskursen mit dem Schlagwort „Global denken, lokal handeln“ auseinander: entwicklungstheoretisch, technisch und ethnographisch.

Der dritte Teil befasst sich mit den verschiedenen Konzepten der Aneignung, und zwar „sowohl die Perspektive auf die Internetnutzung als auch der Moment des Wandels“. Dabei wird der „lokale Wandel“ als neue Routine und Grenzverschiebung zugleich definiert.

Im vierten Teil stellt die Autorin ihr Forschungsfeld in der marokkanischen Stadt Fez im Spannungsverhältnis „zwischen Altstadt und Ville Nouvelle“ vor. Obwohl die Forschungsarbeit keine „Jugendstudie“ ist, wird die Situation der Jugendlichen in Marokko (und Vergleichbarkeit beanspruchend, in den arabischen, muslimischen Ländern) anders als es in den Stereotypen der westlichen Beobachtung dargestellt. Die Autorin will dagegen „ein Bild kreativer, den Umständen trotzenden Jugendlicher“ setzen.

Fünftens bringt Ines Braune die zweigegliederte Bedeutung des Internets, als Anwendungs- und Kommunikationsgerät und als Symbol, zur Sprache. Besonders letzteres ist es, was marokkanische Jugendliche am Internet fasziniert: Die Möglichkeit, Kontakt mit dem Faszinosum der „Welt“ zu haben. Das wird in Marokko zudem dadurch gefördert, dass seitens der staatlichen Autoritäten, im Gegensatz zu durchaus anderen Situationen in einer Reihe von arabischen Ländern, keinerlei Zensur oder Zugangsbeschränkungen ausgeübt werden. Möglicherweise kommt an dieser Stelle die Frage nach den religiösen Autoritäten zu kurz.

Im sechsten Teil werden die „Lokalitäten der Internetnutzung“ dargestellt. An erster Stelle stehen dabei die Internetcafés, von denen es in Fes rund 70 gibt, Tendenz steigend. Abgesehen von den (relativ wenigen) Jugendlichen aus wohlhabenderen Familien, die über private Internetanschlüsse verfügen, nutzt die Mehrzahl der jungen Leute in Marokko das Internet ausschließlich in den Internetcafés im Stadtzentrum und in den Wohnvierteln. Der Besuch im Internetcafé gewinnt dadurch für die Jugendlichen, neben der Nutzung, auch Freizeitcharakter.

Im siebten Teil geht die Autorin der Frage nach, wie konkret die Jugendlichen das Internet nutzen. Sie beschreiben es als „Entdeckungsreise einer neuen Landschaft“, als Neugier und Interesse, über Chat Kontakte mit Jugendlichen aus Frankreich und anderen Ländern aufzunehmen, sogar, wie eine junge Frau äußert, „um einen Mann zu finden“. Die ersten Schritte im Internet werden dann bald zur Routine, zum Zeitvertreib und zur Entdeckung von neuen Freizeitaktivitäten, bis hin zu den mehrstündigen, täglichen Alltäglichkeiten.

Achtens greift die Autorin mit dem Begriff „Geschlechtergrenzen“ das auf, was in Marokko und anderen arabischen Ländern . Durch die weitgehend intakten, traditionellen Rollenzuweisungen für Männer und Frauen in muslimischen Gesellschaften und die Kodes über familiäre Strukturen, von Ehre und Moral, empfinden die Jugendlichen die Internetnutzung und vor allem das Chatten als das Austesten und Erleben von gesellschaftlichen Grenzüberschreitungen, ohne dass sie dadurch direkte Sanktionen zu erwarten haben; die Mädchen und jungen Frauen stärker als die Männer. Dadurch wird das Internet zu einem „geschützten Raum“ mit einer gewissen Unverbindlichkeit und Unernsthaftigkeit. “In diesem Sinne stellen die Aktivitäten im Internet eine Flucht aus den Zwängen der direkten Umgebung dar und bedeuten einen Druckausgleich durch das Umgehen der erwarteten Rollenmuster und Grenzvorschriften“. Überraschenderweise jedoch kommt die Autorin zu der Einschätzung: „Dadurch werden die Grenzziehungen zwischen den Geschlechtern in der Öffentlichkeit jedoch nicht irritiert, sondern fixiert“.

Im letzten Teil nimmt die Autorin den Aspekt „Emigration als Metapher: Wanderung, Auswanderung und Flucht“ in dem Gesamtkomplex hinein. Weil rund zehn Prozent der marokkanischen Bevölkerung im Ausland leben; die Mehrzahl davon, rund 40%, in Frankreich, ist die Auswanderung tief im marokkanischen Alltag verankert. Die Autorin zieht dabei den Begriff „harraqa“ aus dem marokkanischen Dialekt heran, der „emigrieren“ bedeutet und gleichzeitig „brennen“ und „verbrennen“ ausdrückt. Viele marokkanische Jugendliche, die davon träumen, ins Ausland zu gehen, um Arbeit zu finden und Lebensperspektiven, verbinden das „harraqa“ auch mit Versuchen, illegal ein anderes Ufer zu erreichen. Das Internet mit den nicht selten verführerischen und unrealistischen Darstellungen vom „Paradies“, aber auch mit den dabei entstehenden Chat-Kontakten, wirkt dabei als „Migrationsmedium“, wobei „die Auseinandersetzung mit Emigration ( ) Impulsgeber zum Handeln mit welchem Ergebnis auch immer (ist)“.

Fazit

Mit der Forschungsarbeit legt Ines Braune einen interessanten und für den lokalen und globalen Diskurs um interkulturelle Veränderungen und transkulturelle Wanderungsbewegungen wichtigen Baustein vor. Dabei trägt sie auch zur Entzauberung der „Zauberwörter“ Jugend und Internet bei, indem sie mit ihren Fallbeispielen die Internetnutzung der marokkanischen Jugendlichen nicht illusioniert, sondern als Teil des Alltags der jungen Menschen darstellt. Ein Vergleich zum Internetverhalten von Jugendlichen in westlichen Ländern bietet sich an.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 17.09.2009 zu: Ines Braune: Aneignungen des Globalen. Internet-Alltag in der arabischen Welt. transcript (Bielefeld) 2008. ISBN 978-3-89942-971-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8133.php, Datum des Zugriffs 21.01.2021.


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