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Birgit Wiese: Konsumentensouveränität im Bereich sozialer Dienstleistungen

Cover Birgit Wiese: Konsumentensouveränität im Bereich sozialer Dienstleistungen. Ein Mittel zur sozialen Integration? : Eine qualitative Studie am Beispiel der Obdach- und Wohnungslosenhilfe. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2009. 254 Seiten. ISBN 978-3-631-58541-2. 45,50 EUR.

Europäische Hochschulschriften - Reihe V - 3327.
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Thema

Die Wohlfahrtspflege in Deutschland vollzieht seit geraumer Zeit einen wesentlichen Umbruch, da sie unter Legitimations- und Kostendruck geraten ist. Sie stand und steht in der Kritik, so von den Ökonomen der Monopolkommission, die mangelnde Kundensouveränität beim Aushandeln von Leistungen, ihren Preisen und der Qualität der Leistungen durch die Sonderstellung der Wohlfahrtsverbände im sozialhilferechtlichen Dreieck beklagten. Kritik kam und kommt auch aus den Reihen der Sozialen Arbeit. Ihr ging es dabei nicht um Kostenersparnis, wie den Ökonomen, sondern um Stärkung der Nutzer sozialer Dienstleistungen im Empowerment-Ansatz in der Theorie der Sozialen Arbeit. Die Soziologie leistet ihren Beitrag zur Kritik, in dem sie für die durch die Wohlfahrtspflege geschaffenen Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten ihrer Klientel im Inklusions – Exklusions-Ansatz diese als Messlatte aufstellt. Diese doch recht unterschiedlichen Kritikstränge aus Ökonomie, Sozialer Arbeit und Soziologie, haben eine Schnittfläche in der Frage: Wie ist die Position der Nutzer zu stärken? Für viele Insider liegt die Antwort in einem auch als Pardigmenwechsel bezeichneten Wechsel in der Finanzierung sozialer Dienstleistungen, hin zur Subjektfinanzierung, wie es nach schwedischen und niederländischen Vorbildern zunächst in Modellprojekten ab 1999 als Persönliche Budgets im Bereich der Hilfen für Menschen mit Behinderung erprobt und nun auf Basis entsprechender Rechtsvorschriften in manchen Regionen stark und in anderen deutlich schwächer nachgefragt wird. Im empirischen Teil der vom Umfang her, stärker theoretischen Ausarbeitung, prüft Birgit Wiese mittels Gruppendiskussionen – einem anspruchsvollen qualitativen Erhebungsverfahren – ob es möglich ist, das Konzept der Kundensouveränität auch auf die Gruppe der wohnungs- und obdachlosen Menschen anzuwenden. Einer randständigen Gruppe von Menschen, die in der Sozialen Arbeit aufgrund ihrer Multiproblemstellungen und häufig vorhandenen Suchterkrankungen als „schwieriges Klientel“ gelten. Die Monopolkommission, die den angesprochenen Aufbruch der nicht-schlüssigen Tauschbeziehungen in der Finanzierung von sozialen Hilfen angestoßen hat, hatte ausdrücklich keine Nutzergruppe ausgeschlossen.

Autorin

Birgit Wiese war zunächst Polizistin. Dann studierte sie zunächst Sozialarbeit / Sozialpädagogik und dann Wirtschaftswissenschaften an Fachhochschulen in Berlin. Der Titel ist die publizierte Fassung ihrer Dissertation an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2006 bis 2009 war sie Gastdozentin an der Alice-Salomon-Hochschule. In diesem Jahr folgte sie einem Ruf an die Hochschule der Bundesagentur für Arbeit am Standort Schwerin.

Aufbau und Inhalt

Nach der Einleitung befasst sich die Autorin in ihrem zweiten Kapitel mit den Veränderungen, die die Wohlfahrtspflege in den letzten rd. zehn Jahren erfahren hat. Dazu unternimmt sie auch eine Zeitreise in die Entstehungsgeschichte der Wohlfahrtspflege und zu historischen, sozialpolitischen Eckpunkten. Ferner gibt sie einen Überblick über den aktuellen Zustand der Wohlfahrtspflege. Dann wendet sie sich den Entwicklungen zu, die dazu geführt haben, dass das ökonomische Kalkül auch im Bereich sozialer Dienstleistungen Einzug hielt. Das zweite Kapitel schließt mit einem ersten Praxisbeispiel der Subjektfinanzierung aus dem Bereich der institutionellen Kinderbetreuung.

Im nächsten Kapitel geht es um die Gruppe der Obdach- und Wohnungslosen. Wer gehört dieser Gruppe an? Wie umfangreich ist sie? Welche Ursachen hat Obdach- und Wohnungslosigkeit? Diese Fragen klärt die Autorin und zeigt die Funktionsweisen des Hilfesystems auf. Mit einer Fallstudie aus ihrem umfangreichen Material beleuchtet sie hier auch erstmals die Frage, was es bedeuten würde, wenn das Persönliche Budget auch bei dieser Nutzergruppe sozialer Hilfen eingesetzt würde.

Im vierten Kapitel setzt sich Birgit Wiese mit den drei Ansätzen oder Konzepten „Konsumentensouveränität“, „Exklusion“ und „Empowerment“ intensiv auseinander. Dabei greift sie beispielhaft wiederum auf ihr Datenmaterial zurück und klärt, welche Beiträge die Ansätze zu einer Kundensouveränität leisten könnten.

Im fünften Kapitel wird das Design ihrer Studie vorgestellt und auch deren Befunde. Diese gleicht sie ab mit den Ergebnissen der wissenschaftlichen Begleitforschung der Modellprojekte zum Persönlichen Budget für Menschen mit Behinderung. Die Möglichkeiten, die Subjektfinanzierung auch für ihre Referenzgruppe einsetzbar zu machen, werden zum Schluss des fünften Kapitels ausgelotet.

Das sechste Kapitel stellt das Fazit der Arbeit von Birgit Wiese dar und nimmt eine Schlussbewertung der Ausgangsfrage „Kundensouveränität – Ein Mittel zur sozialen Integration“ vor. Ja, es geht sagt Birgit Wiese, das Persönliche Budget ist auf die Nutzer des Hilfesystems für Obdach- und Wohnungslose übertragbar, wenn auch mit Modifikationen, die sie benennt, wie auch mögliche Fallstricke und Besonderheiten, die bei Suchtkranken zu beachten wären.

Fazit

Der Titel von Birgit Wiese ist ein Plädoyer für die Stärkung der Nutzersouveränität im Bereich sozialer Dienstleistungen. Für all diejenigen, die diesen Interessen folgen, ist das Buch eine wichtige Argumentationshilfe. Dieses auch deshalb, weil sie die verschiedenen Kritikstränge an der Wohlfahrtspflege an deren noch verbreiteter Sonderstellung im sozialhilferechtlichen Dreieck vorsichtig aufnimmt, beleuchtet und hinsichtlich der ihnen innewohnenden Beiträge zu mehr Kundensouveränität sinnvoll verknüpft. Der empirische Teil der Arbeit stützt und unterstreicht die theoretischen Überlegungen und führt zudem eindruckvoll vor Augen, wie mit der anspruchsvollen Methode der Gruppendiskussion tragfähige Befunde generiert werden können. Dabei stört beim Lesen ein wenig, dass die kodierten Passagen mit Fundstellennachweisen in den fließenden Text ohne etwa Einschübe sind oder über andere Gestaltungsmittel die Lesbarkeit erhöht wurde. Das strengt den Leser ein wenig an. Erfreulich: die konsequente Einbeziehung der Nutzerperspektive und dass hier wiederum eine qualitative Studie auf dem Feld der Sozialen Arbeit Erkenntniszugewinne generierte. Irritierend: Den Teilnehmern an der Gruppendiskussion mit Sozialarbeitern und einer Psychologin wurde vorab ein Text zugesandt, den der Leser im Anhang finden sollte. An anderer Stelle wird darauf verwiesen, dass sich ein Beispiel einer Zielvereinbarung aus dem Verfahren bei der Einführung des Persönlichen Budgets im Bereich der Hilfen für Behinderte im Anhang befindet. Beides sucht der interessierte Leser leider vergeblich. Etwas Stirnrunzeln erzeugte auch die offensichtlich im Forschungsdesign vorgenommene Unterscheidung bei den Gruppendiskussionen der Nutzerinnen und Nutzer der Hilfen der Obdachlosen- und Wohnungslosenhilfe in eine gemischte Gruppe und eine reine Frauengruppe. Das macht Sinn, da hat sich die Forscherin auch sicher einiges dabei gedacht, doch im Text findet sich dieses nicht erkennbar wieder. Der Preis für das Buch ist stolz – so ist das nicht selten bei Peter Lang, gemessen am Aufwand für die Studie auch sicher angemessen, der Verlag hätte dafür gern beim Finish des Werkes in die Feinheiten schauen dürfen.


Rezension von
Prof. Dr. Harmut Bargfrede
lehrt am Studiengang Sozialmanagement der Hochschule Nordhausen u. a. das Vertiefungsgebiet „Bürgerschaftliches Engagement, Freiwilligenmanagement und Bürgerstiftungen“


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Zitiervorschlag
Harmut Bargfrede. Rezension vom 25.09.2009 zu: Birgit Wiese: Konsumentensouveränität im Bereich sozialer Dienstleistungen. Ein Mittel zur sozialen Integration? : Eine qualitative Studie am Beispiel der Obdach- und Wohnungslosenhilfe. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2009. ISBN 978-3-631-58541-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8138.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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