Wolfgang Bergmann: Erziehen im Informationszeitalter
Rezensiert von Dr. Martin R. Textor, 05.08.2003
Wolfgang Bergmann: Erziehen im Informationszeitalter.
Deutscher Taschenbuch Verlag
(München) 2003.
195 Seiten.
ISBN 978-3-423-36304-4.
9,50 EUR.
dtv 36304.
Einführung in das Thema
Der Kinder- und Familienpsychologe Wolfgang Bergmann geht in seinem locker geschriebenen Taschenbuch auf die Fragen von Eltern ein, die Kinder in einer durch Medien, Computer (-spiele) und Internet geprägten Welt erziehen. Er stellt zunächst fest, dass die pädagogischen und psychologischen Wissenschaften keine Antworten liefern - sie hätten noch nie die gegenwärtig in Kinder- und Jugendkulturen ablaufenden Vorgänge verstanden (nur immer im Rückblick): "Aber von den Details des kindlichen Alltags, von den zahllosen Signalen des Kommenden, die aus jeder neuen Kindergeneration an die Erwachsenen ausgeschickt werden, davon verstanden und verstehen sie nichts (von wenigen Autoren und Theoretikern abgesehen...)" (S. 10 f.). Auch die von Bergmann gegebenen Antworten werden von ihm gleich wieder relativiert: "Doch jede Antwort ist nicht mehr und nicht weniger als ein Anstoß zu einer Diskussion, deren Ende ganz offen ist" (S. 11).
Medienwelten
Obwohl inzwischen die meisten Eltern mit Computern arbeiten und im Internet surfen, ist es ihnen unheimlich, wenn Kinder in virtuellen Welten versinken. Sie haben Angst, dass sich dies negativ auf das Sozialverhalten auswirken wird, ihr Kind gewalttätig werden könnte oder in der Schule zurückfällt, weil es sich zu wenig Zeit für die "langweiligen" Hausaufgaben nimmt und sich nicht mehr konzentrieren kann.
Hinzu kommt, dass die neuen Medien Bilder von Perfektion, körperlicher Schönheit und männlicher Potenz vorgaukeln - und damit die Realität unattraktiv wirkt. So flüchten sich Kinder immer häufiger in andere Welten. Hier - gerade auch bei Computerspielen - können sie sich stark und mächtig fühlen. So entwickeln Kinder nicht mehr Frustrationstoleranz, leben nur noch im Hier und Jetzt, können Konflikte nicht mehr aushalten. Tiefer als bisher angenommen prägt die Medienwelt die kindliche Seele.
Die guten Seiten des Computers
Bergmann zeigt aber auch Positives auf: das Internet als Quelle von Wissen, das Ausprobieren von verschiedenen Rollen in Chatrooms, die Entwicklung eines "Wahrnehmungspanzers" gegen schockartige Eindrücke, die hohe Qualität von Simulationsspielen, die evidente Konzentrationsfähigkeit beim Experimentieren mit Programmen oder bei der Suche nach Fehlern, die durch Computerspiele geförderte Reaktionsschnelligkeit und Intuition etc. Immer wieder weist der Autor darauf hin, dass Kinder als Erwachsene in einer durch Computer und Medien geprägten Welt leben müssen und dass man sie deshalb jetzt nicht von dieser Welt abkapseln könne.
Weitere Probleme von Kindern
Bergmann tangiert auch viele andere Themen, die nicht oder nur indirekt mit den (neuen) Medien zusammenhängen: fehlende männliche Vorbilder, "abwesende" Väter, Egozentrismus, Gewalttätigkeit und Kriminalität, Unordnung, das neue Freundschaftsverhalten von Kindern, Schulunlust /-angst etc. So werden viele für Eltern wichtige Erziehungsfragen angesprochen.
Hilfreiche Ratschläge
Und immer wieder wird Rat erteilt: Bergmann betont beispielsweise, dass Kinder Orientierungen, Ideale und Visionen benötigen - vor allem aber gute Vorbilder. Eltern sollten vor allem die positiven Aspekte an ihren Kindern sehen und darauf mit Lob und Anerkennung reagieren. Sie sollten sich aber auch Konflikten stellen, Grenzen setzen, konsequent und disziplinierend wirken. So müssen sie manchmal "Halt!" sagen und z.B. zuviel Medien- und Computernutzung unterbinden. Ganz wichtig ist schließlich, dass Eltern für ihre Kinder da sind.
Fazit
Das mit vielen Fallbeispielen - zum Teil aus der Beratungspraxis des Autoren - und mit Interviews versehene Buch liest sich flüssig und gut. Es wirkt aber etwas unübersichtlich. Eltern ist es eher als allgemeine Lektüre zur Thematik denn als Erziehungsratgeber zu empfehlen.
Rezension von
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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