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Dieter Basener, Silke Häußler u.a.: Bamberg bewegt

Cover Dieter Basener, Silke Häußler, Axel Nordmeier: Bamberg bewegt. Integration in den Arbeitsmarkt: eine Region wird aktiv. 53° NORD Agentur und Verlag GmbH Ein Geschäftsbereich der GDW Mitte eG (Kassel) 2008. 159 Seiten. ISBN 978-3-9812235-1-4. 19,80 EUR.

Reihe: Im Gespräch.
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Thema

Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) haben nach den gesetzlichen Bestimmungen des SGB IX in erster Linie die Aufgabe, dem Beschäftigen eine angemessene berufliche Bildung anzubieten. Die Leistungs- und/ oder Erwerbsfähigkeit der in den Einrichtungen beschäftigten Menschen soll durch eine individuell geplante Förderung erhalten, erhöht oder wiedergewonnen werden, wobei – gleichzeitig – auch eine kontinuierliche Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen ermöglicht werden soll.

Grundsätzliches Ziel und Vision für die Maßnahmen der beruflichen Rehabilitation in der WfbM ist letztlich der Übergang entsprechend geeigneter Personen auf den sogenannten allgemeinen Arbeitsmarkt.

Im Kontext der aktuell weltweit wirkenden Wirtschaftskrise geraten auch manche der Werkstätten für behinderte Menschen in zunehmende Schwierigkeiten; sinkende Auftragszahlen aus Wirtschaft und Industrie belasten z.T. die wirtschaftliche Stabilität der Organisationen; ohne ausreichende, vielfältige und an den Bedarf der Beschäftigten angepasste Produktionstätigkeiten kann der Auftrag der beruflichen Bildung vielfach schwerer erfüllt werden.

Die Integration behinderter Menschen außerhalb des geschützten Rahmens der „Sondereinrichtung“ WfbM wird durch die geschilderten Rahmenbedingungen nicht gerade erleichtert, und es erscheint kaum vorstellbar, dass sich die – ohnehin immer schon geringe – Anzahl der Übertritte von Beschäftigten aus der Werkstatt heraus auf reguläre, „normale“ Arbeitsplätze gerade jetzt erhöhen wird.

Letztlich war es niemals eine leichte Aufgabe für die Werkstätten ihre Beschäftigten beruflich einzugliedern und in die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen zu integrieren; die derzeitige Wirtschaftslage verdeutlicht letztlich nur, wie notwendig es für die Einrichtungen ist, im Hinblick auf die beruflichen Teilhabe für Menschen mit Behinderung neue Wege zu beschreiten und dabei die „traditionellen“ Organisations- und Förderstrukturen innovativ zu erweitern.

Ausgehend von der Fragestellung wie Menschen mit geistiger und psychischer Behinderung am allgemeinen Arbeitsleben teilhaben können, haben die Bamberger Lebenshilfe-Werkstätten mit ihrem Projekt „Integra MENSCH“ bereits im Jahr 2004 begonnen, die konzeptionellen und organisatorischen Voraussetzungen einer möglichen Alternative zur Betreuung und Begleitung behinderten Menschen jenseits der „klassischen“ Werkstatt zu schaffen.

Mittlerweile hat sich aus der Projektidee eine erfolgreich arbeitende eigene Betriebsstätte der Bamberger Lebenshilfe Werkstätten entwickelt, die das von den Beteiligten entwickelte „Bamberger Modell“ einer sozialraumorientierten Beschäftigung von Menschen mit Behinderung in Betrieben des allgemeinen Arbeitsmarktes unter dem Slogan „Bamberg bewegt“ öffentlichkeitswirksam bewirbt und sich darum bemüht, als Vorbild für ähnliche Initiativen in der gesamten Bundesrepublik zu fungieren.

Die vorliegende Publikation aus der Reihe „Im Gespräch“ des Verlages 53° Nord soll die innovative Arbeit des Fachdienstes „Integra MENSCH“ beschreiben.

Autoren

Der Diplom-Psychologe und Diplompädagoge Dieter Basener arbeitet seit 1981 in verschiedenen Werkstätten für behinderte Menschen (Aurich und Norden sowie in den Elbe-Werkstätten in Hamburg); er ist Mitbegründer der überregional bekannten Hamburger Arbeitsassistenz und des Integrationsbetriebs Bergedorfer Impuls sowie Vorsitzender von EUCREA Deutschland (einem Netzwerk für behinderte Künstler); der Autor ist weiterhin Geschäftsführer der 53° NORD Agentur und Verlag GmbH und Chefredakteur des durch diesen Verlag publizierten Magazins „KLARER KURS“.

Silke Häußler hat einen Magister in Philosophie erworben; sie ist als freiberufliche Journalistin, Autorin und Kulturschaffende aktiv; seit acht Jahren schreibt sie über soziale Themen für unterschiedliche Magazine, wie die Zeitschrift der „Aktion Mensch“ oder ebenfalls für „KLARER KURS“; daneben erarbeitet sie Features für den Hörfunk (Deutschlandfunk, SWR oder WDR).

Dieter Basener und Silke Häußler haben im Verlag 53° NORD mit dem Titel: „Hamburger Arbeitsassistenz – Das Original der unterstützten Beschäftigung“ mittlerweile in weiteres Buch veröffentlicht.

Für die Gestaltung und die Photographien des vorliegenden Buches zeichnet der Diplom-Photodesigner Axel Nordmeier verantwortlich.

Aufbau und Inhalt

Getreu dem Verlagsmotto für die Buchreihe: „Im Gespräch“ nimmt die Darstellung von locker geführten Unterhaltungen und/oder strukturierten Interviews den inhaltlichen Schwerpunkt der 159 Seiten starken Publikation ein; zu Wort kommen sowohl die behinderten Menschen wie auch die professionellen Helfer der „Integra MENSCH“; Angehörige, Vertreter der beteiligte Wirtschaftsunternehmen und Betriebe werden ebenso in die Ausführungen integriert, wie politische Entscheidungsträger oder als Unterstützer auftretende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Konzeptionell bedingt ist „Bamberg bewegt“ somit weniger ein „klassisches“ Fachbuch als vielmehr ein interessantes – durch Photographien aufgelockertes – Lesebuch; kurze thematisch-inhaltliche Kapitel wechseln dabei stets mit Erfahrungsberichten von Beteiligten.

Nach dem obligatorischen Vorwort verdeutlichen die Autoren kurz Die Idee, die hinter dem praxisnahen, wissenschaftlich begleiteten Konzept der Bamberger Lebenshilfe Werkstätten steht; Kuno Eichner – der Initiator des „Bamberger Modells“ der beruflichen Integration behinderter Menschen – wollte bzw. will mit dem Projekt vor allen Dingen zwei Grundgedanken verwirklicht sehen:

  • Menschen mit Behinderung sollen – so weit dies möglich ist – ihre individuellen Berufswünsche und ihren eigenen Willen formulieren lernen und die daraus abzuleitenden Zielsetzungen auch umsetzen können.
  • Die Arbeitsplätze, die der Zielerreichung dienen, sollten wohnortnah eingerichtet sein, damit die behinderten Menschen in ihr unmittelbares Lebensumfeld eingebunden sind.

Da diese beide Ideen nur schwer im Kontext einer „herkömmlichen“ Werkstattstruktur umzusetzen sind, versuchen die Mitarbeiter der „Integra MENSCH“, die Beschäftigten – die dies auch wollen – in gemeindenahen Betrieben des ersten Arbeitsmarktes zu vermitteln.

In ihrer Arbeit greifen die sogenannten Integrationsbegleiter der „Integra MENSCH“ dabei im Kern auf den – an der Universität Bamberg von Prof. Dr. Gudrun Cyprian und Ihren – hier leider nicht erwähnten Kollegen Wolfgang Budde und Frank Früchtel – maßgeblich entwickelten – Handlungsansatz der Sozialraumtheorie zurück.

Ansatzpunkt für alle Aktivitäten, die die „Integra MENSCH“ ergreift, ist der Mensch als soziales Wesen und der entsprechend geäußerte Wille des Einzelnen; ausgehend von der Analyse der derzeitigen sozialen Einbindung des Beschäftigten werden - mit Hilfe von sogenannten Familienschatzkarten und Netzwerkkarten - die zur Verfügung stehenden Ressourcen ermittelt und zielgerichtet zur Integration in entsprechende Betriebe genutzt, die bereit sind, eine berufliche Patenschaft für einen oder mehre behinderte Menschen zu übernehmen.

Eine der ersten Integra-Mitarbeiterinnen, die aus der Werkstatt in ein Unternehmen des ersten Arbeitsmarktes wechselte, wird im Kapitel – Die Hartnäckige –vorgestellt; zu Wort kommt eine junge Frau, die mit Nachdruck darauf bestanden hat, eine Beschäftigung im pflegerischen Bereich auszuüben; mittlerweile ist sie seit mehreren Jahren als Hilfspflegerin in einem Seniorenheim tätig und schildert, wie sie sich mit Freude und Unbefangenheit der Pflege ältere Menschen widmet und wie ungern sie dabei doch in Urlaub gehen mag.

Nach dieser ersten Begegnung mit einer Betroffenen wird Die Theorie erläutert, die das professionelle Handeln der „Integra MENSCH“ leitet. Der schon erwähnte sozialraumorientierte Handlungsansatz unterscheidet vier Handlungsebenen und entwickelt daraus das sogenannte SONI- Schema, welches sich wie folgt gliedert:

  • Sozialstrukturell-sozialpolitische Ebene: Hier geht es um die Fragestellung, wie Menschen mit Behinderung gesellschaftlich und beruflich teilhaben können und um die Thematisierung dieser Teilhabechancen; im Mittelpunkt steht die Forderung, das Menschen mit Behinderung gleichberechtigt und ohne Besonderheiten und/oder Ausgrenzungen so gemeindenah wie möglich arbeiten können.
  • Organisationsebene: Auf dieser Handlungsebene wird die vorhandene organisatorische Struktur der Werkstätten hinterfragt; dabei soll insbesondere geklärt werden, wie eine Einrichtung der beruflichen Rehabilitation gestaltet sein muss, dass Sie an den Wünschen und Bedürfnissen der Menschen mit Behinderung ansetzen kann.
  • Netzwerke: Hier liegt der Schwerpunkt der auszuübenden Arbeit im Aufspüren und dem Auf- und Ausbau eines regionalen Unterstützerkreises mit entsprechend einflussreichen Personen im Sozialraum; es gilt zu klären, welche Unterstützerkreise es für die berufliche Integration geben kann, welche Menschen als Integrationspaten gewonnen werden können usw.
  • Individuelle Ebene: Auf dieser Handlungsebene erfolgt die Orientierung an den Stärken und dem Willen der Beschäftigten; dabei soll insbesondere geklärt werden, was der einzelne Mensch will, welchen Berufswunsch er oder sie hat oder entwickeln kann; darauf aufbauend wird versucht, eine völlig individuelle Form der Teilhabe zu gestalten, die sich an den Neigungen, Fähigkeiten und Talenten der Betroffenen orientiert.

Die Darstellung des theoretischen Handlungskonzepts mündet in das folgende Kapitel: Die Methodik. Als wesentliche Instrumente zur Umsetzung der Theorie der Sozialraumorientierung werden genannt:

  • Familienschatzkarte: Die Bewerber sollen über ihre Angehörigen, deren Berufe und auch außerberufliche Tätigkeiten berichten; in einer Art „Familienstammbaum“ erfolgt – auch graphisch – die Abbildung von Verwandtschaftslinien und der beruflichen / sozialen / gesellschaftlichen Situation der Familienmitglieder; nicht selten finden sich hier zu einem späteren Zeitpunkt hier Grundlagen für die berufliche Eingliederung in einen Betrieb, zu dem es bereits über ein Familienmitglied Anknüpfungspunkte gibt.
  • Netzwerkkarte: Ausgehend von der Annahme, dass jeder Mensch Netzwerke baut / besitzt wird mit dieser Technik das Umfeld des Menschen mit Behinderung beleuchtet und für die Belange der Betroffenen aktiviert; es geht hier erneut darum, (weitere) Personen zu finden und zu benennen, die Unterstützung bei der Suche nach einem geeigneten Arbeitsplatz geben können.
  • Ressourcencheck: Die Bewerber sollen in diesem Arbeitsschritt – gemeinsam mit einem Kompetenzteam aus Integrationsbegleiter, Familienangehörigen und/oder Unterstützern – die individuellen Fähigkeiten und Stärken herausfinden und konkrete Ideen für Arbeitsfelder und mögliche betriebliche Einsatzorte ermitteln.

Unter der etwas verwirrenden Überschrift: Den Tanker bei voller Fahrt drehen kommt im Folgenden Frau Prof. Dr. Gudrun Cyprian zu Wort, die kurz erläutert, wie der Ansatz der Sozialraumorientierung aus dem Kinder- und Jugendbereich auf das Arbeitsfeld der Betreuung behinderter Menschen übertragen wurde und was es für die Träger u.U. bedeuten kann, traditionell gepflegte Formen der beruflichen Integration zu verlassen.

Im Weiteren werden Die Betriebe vorgestellt; in diesem Kapitel zeigen die Verfasser auf, wie vielschichtig die Unternehmen und Betriebe sind, in die „Integra MENSCH“ die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vermittelt (das Spektrum reicht hier vom kleinen Einzelhändler, Handwerksbetrieben bis hin zu großen sozialen Organisationen und/oder Industriebetrieben); es wird geschildert, wie wichtig es für den Integrationsfachdienst ist, von Beginn an nicht als Bittsteller sondern als Unternehmenspartner aufzutreten, der dem Betrieb etwas anzubieten hat, was wechselseitige Vorteile bringen kann.

Anschaulich wird im Folgenden thematisiert, dass gerade die Geschäftsführer und Personalleiter der Unternehmen entscheidende „Türöffner“ für das Zustandekommen der entstehenden Beschäftigungsverhältnisse sein können; anhand eines konkreten Beispiels einer Organisation, die im Marktsegment Kassenrollen und Additionsrollen tätig ist, wird geschildert, dass die Integra-Beschäftigten oftmals Arbeitsplätze besetzen, die es ansonsten im Betrieb nicht geben würde; keinesfalls sollen – so ein wichtiges Grundprinzip der „Integra MENSCH“ – durch die Beschäftigung behinderter Menschen bestehende Arbeitsplätze der Stammbelegschaft der beteiligten Betriebes in Gefahr geraten; denn dies würde den Integrationserfolg ja durchaus belasten und in Frage stellen.

Im Bericht: Der Pferdenarr kommen die Autoren anschließend wieder mit einem behinderten Mensch ins Gespräch; berichtet wird von einem jungen Mann mit Migrationshintergrund, der im Kontext der Bamberger Lebenshilfe Werkstatten als durchaus schwierig galt und der mittlerweile als Tierpfleger auf einer Sylvannerranch seine Bestimmung gefunden hat und sich hier – für viele unerwartet – zum verlässigen Helfer seines Integrationspaten – dem Besitzer des Reiterhofes – entwickelt hat.

Im Abschnitt Die Soziale Integration verdeutlichen die Verfasser anhand der Schilderungen einiger Integrationspartner, dass – neben der arbeitspraktischen Bildung und der zielgerichteten Beschäftigung – vor allem die möglichst vollständige, weitgehend normale Einbindung der Integra-Beschäftigten in die Partnerbetriebe entscheidend für den Erfolg der Integrationspatenschaften ist.

Das kurze Kapitel: „Passt scho!“ beschreibt die erfolgreiche Partnerschaft zwischen einem jungen Mann und seinem Integrationspaten in einer Stadtgärtnerei; thematisch leitet dieser Abschnitt über zum Thema: Die Paten; hier stellen die Autoren Aussagen zur Auswahl der Integrationspaten vor und schildern, welche Schlüsselqualifikationen die Paten mitbringen sollten und welche Faktoren für den Erfolg einer Partnerschaft notwendig sind; dass es in diesem Zusammenhang vor allen Dingen auf das Vorhandensein einer persönlichen und wechselseitigen Sympathie ankommt, verwundert nicht.

Im Folgenden werden Die Integrationsbegleiter und ihre Aufgaben und Funktionen im Prozess der Unterstützung und Begleitung der behinderten Menschen vorgestellt; Kuno Eichner und seine Kollegen erläutern, dass für die „Integra MENSCH“ letztlich der gleiche Personalschlüssel gilt, wie er für Werkstätten üblich ist (Berufsbildungsbereich 1:6 / Arbeitsbereich 1:12); die Betreuung der Menschen erfolgt im Kontext dieser Rahmenbedingungen aber höchst unterschiedlich; so gibt es Beschäftigte, die den täglichen Kontakt zum Integrationsbetreuer benötigen, während es bei anderen vollkommen ausreichend sein kann, einmal pro Woche zur Sicherheit und zur Stabilisierung „vorbeizuschauen“.

Unter der Überschrift: Auf Umwegen zum Ziel wird von der erfolgreichen Integration einer jungen Frau in das Arbeitsumfeld eines Kindergartens berichtet; auch in dieser Geschichte wird deutlich, wie entscheidend ein eigener Wille der Betroffenen und die klare Vorstellung eines Berufswunsches für das Zustandekommen und den Erfolg einer dauerhaften Integrationspatenschaft ist.

Der Abschnitt: Die Entwicklung der Integra-Mitarbeiter bietet einen weiteren Einblick in die konkrete Arbeit der Integrationsbegleiter; es wird aufgezeigt, dass die professionellen Helfer insbesondere eine hohe Flexibilität im Umgang mit den behinderten Menschen aufweisen müssen, dass es keinen Standardentwurf für die berufliche Integration geben kann und dass in solchen Prozessen verständlicherweise viele unvorhersehbare Aufgaben entstehen.

Am richtigen Platz beschreibt die Tätigkeit und Entwicklungsperspektiven eines 38-jährigen Mannes in einer kleinen Metzgerei; gerade durch die Aussagen des Chefs des kleinen Familienunternehmens wird hier deutlich, dass im Rahmen der Integrationsbemühungen gelegentlich die Entstehung zwischenmenschlicher Beziehungen wichtiger als die arbeitsvertraglichen Vereinbarungen der Zusammenarbeit sein können.

Das Kapitel: Die berufliche Bildung verweist auf die Möglichkeit, bereits vom ersten Tag der Werkstattbeschäftigung am Integra-Projekt teilzunehmen und bereits den sogenannten Berufsbildungsbereich in Betrieben des ersten Arbeitsmarktes zu absolvieren; dabei bietet diese praxisnahe Gestaltung des Berufsbildungsbereiches auch wieder den Vorteil, das die Beschäftigen z.T. vielfältigere und nachhaltigere Erfahrungen sammeln können, als im Umfeld der Werkstatt.

Der Bezug zur Werkstatt thematisiert, wie sich anfängliche Ängste und Befürchtungen innerhalb der Bamberger Lebenshilfe Werkstätten beim Aufbau des Integrationsfachdienstes schnell aufgelöst haben; es gibt in der weiterhin bestehenden Werkstatt der Lebenshilfe keine Umsatzeinbußen, obwohl auch manche Leistungsträger zur „Integra MENSCH“ wechselten; da das Gesamtangebot an Arbeitsplätzen insgesamt gestiegen ist, hat niemand vom Werkstattpersonal hat seine Arbeit verloren; im Gegenteil: durch die hohe Nachfrage der Beschäftigten konnte mehr Personal eingestellt werden; ein nicht unerheblicher Vorteil ist zusätzlich die Tatsache, dass für die mittlerweile 60 Integra-Beschäftigten kein neues Werkstattgebäude erstellt werden muss.

Die behinderten Menschen behalten auch als Beschäftigte der Betriebsstätte „Integra MENSCH“ ihren arbeitnehmerähnlichen Status als WfbM beschäftigter mit allen sich daraus ergebenden Rechten und Pflichten wie z.B. die Mitgliedschaft in Kranken und Rentenversicherung; sollte der behinderte Mensch den Anforderungen des ausgelagerten Arbeitsplatzes einmal nicht mehr gewachsen sein, steht der Weg zurück in die „traditionelle“ Werkstatt jederzeit offen.

Nach Frau Dr. Cyprian zeigt der Erfolg des Modells der „Integra MENSCH“, dass sich Werkstätten für Behinderte Menschen in ihrer derzeitigen Form verändern und in ihrem Angebotsspektrum ausdifferenzieren müssen; dennoch werden aber auch die bestehenden Einrichtungen in ihrer jetzigen Form Bedeutung behalten.

Der folgende Erfahrungsbericht: Die Nachfolgerin erzählt die berufliche Entwicklung einer Frau vom Arbeitsplatz im Bereich der einfachen Industriemontage in der WfbM hin zur Gehilfin in einer Bäckerei; auch hier verdeutlicht einmal mehr die zitierte Aussage der Integra-Beschäftigten („Jetzt bin ich hier und geh niemals wieder weg!“) wie erfolgreich eine berufliche Weiterentwicklung im Einzelfall verlaufen kann.

Das anschließende Kapitel: Die Organisation von Integra MENSCH zeichnet die Entwicklung der Einrichtung ausgehend von der außergewöhnlichen Initiative des hochmotivierten und einsatzbereiten Sozialdienstmitarbeiters Kuno Eichner bis hin zur Errichtung einer eigenen Betriebsstätte der Bamberger Lebenshilfe Werkstätten nach; erneut wird deutlich, dass Flexibilität im Umgang mit „gewachsenen“ Organisationsstrukturen der wesentliche Schlüssel zum Erfolg eines solchen Projektes sein wird; dabei ist – so wieder Frau Dr. Cyprian – das Gelingen von „Integra MENSCH“ vor allem Dingen auch eine Frage des Wissensmanagements; d.h. Wissen und Kompetenzen aber auch Erfolg müssen im Team aufgeteilt werden.

Mit dem Bamberger Erzbischof Dr. Ludwig Schick kommt im Weiteren einer der prominentesten Fürsprecher des Projektes zu Wort; das mit: Eine Erfahrung, die jeder selbst machen muss überschriebene Interview reflektiert persönliche Anknüpfungspunkte des kirchlichen Würdenträgers mit der Behindertenarbeit und leitet somit gleichsam über zur Darstellung eines wesentlichen Erfolgsfaktors des „Bamberger Modells“: Das Integra-Netzwerk

Dieses außergewöhnliche Netzwerk aus Betroffenen, Angehörigen und einflussreichen Unterstützern ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Integrationsbemühungen der „Integra MENSCH“, die Netzwerkarbeit setzt – so der folgende Abschnitt – eben nicht allein auf die Vermittlung behinderter Menschen in gemeindenahe Betriebe, sondern zielt vielmehr auch darauf ab, die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt und des Landkreises Bamberg für das Thema: „Berufliche Integration“ zu sensibilisieren und somit schließlich eine gesamte Region für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung zu aktivieren.

Man muss einen Motor finden! damit eben diese Aktivierung aller gesellschaftlichen Schichten gelingen kann, weiß ein weiterer Angehöriger des Unterstützerkreises – der Bamberger Oberbürgermeister Andreas Starke – zu berichten, und er findet damit schon gedanklich eine Überleitung zu den nächsten beiden Abschnitten des vorliegenden Erfahrungsberichtes: Die Marketingkampagne und Die Pressearbeit über; hier verdeutlichen die Autoren, dass eine erfolgreiche Projektarbeit – und insbesondere natürlich die effektive Netzwerkarbeit – immer auch mit einem professionellen Marketing verknüpft sein sollte.

Mit Melanie Huml – der derzeitigen Staatssekretärin im bayerischen Sozialministerium – wird eine weitere Fürsprecherin des „Bamberger Modells“ zur notwendigen Aufbruchsstimmung im Bereich der Werkstätten für behinderte Menschen befragt; der Abdruck einer wohlwollenden Stellungnahme von Frau Huml zum Modellcharakter des Integrationskonzeptes unterstreicht einmal mehr die überregionale Aufmerksamkeit, die „Integra MENSCH“ mittlerweile besitzt.

Dass die Erfolgsgeschichte des Integrationsfachdienstes ungebrochen weitergeht verdeutlichen die Ausführungen den Initiators und Werkstattleiters Kuno Eichner zur weiterhin stetig steigenden Nachfrage an gemeindenahen Arbeitsplätzen für Intregra-Beschäftigte.

Im Erfahrungsbericht: Der Staplerfahrer wird anschließend von einem jungen Mann erzählt, der dort Arbeit gefunden hat, wo auch seine Schulfreunde tätig sind, und der sich so seinen Traum vom Stapler fahren verwirklichen konnte.

Dieser Abschnitt bildet gleichermaßen die Überleitung zur Bedeutung, die Die Eltern für das Projekt haben und den positiven, vielfach überaschenden Erfahrungen die die wichtigsten Bezugspersonen mit ihren am Projekt beteiligten Kindern haben können.

Kinder sind ihr Leben stellt schließlich ein letztes Mal einen behinderten Mensch – es handelt sich um eine 21-jährige Frau – vor, der einen gemeindenahen, ausgelagerten Arbeitsplatz in einem Kindergarten gefunden hat.

Die Übertragbarkeit des Konzepts wird im Folgenden wieder durch Frau Dr. Gudrun Cyprian und Kuno Eichner angeregt und dabei erste Kooperationen mit anderen Werkstätten aufgezeigt.

Das große abschließende Interview mit dem persönlich überaus engagierten „Motor“ des „Bamberger Modells“ - dem Sozialpädagogen Kuno Eichner - trägt die Überschrift: Am Willen des Menschen ansetzen; dieses letzte Gespräch thematisiert noch einmal die zentralen, handlungsleitenden Ideen des Initiators der Initiative „Bamberg bewegt“ und verdeutlicht ein weiteres Mal eindrucksvoll, warum es sich für alle Beteiligten lohnt – so das abschließende Resümee der Publikation– ein Zeichen gegen die Kälte zu setzen.

Ein kurzer Anhang beschließt das Buch mit der beispielhaften Darstellung der im Text erwähnten Familienlandkarte, einer Netzwerkkarte; Patenschaftsvereinbarungen usw.

Diskussion

Als ob die Autoren den Wunsch von Kuno Eichner umsetzten wollen, setzt das hier rezensierte Buch vornehmlich bei den Menschen an; die Verfasser erzählen individuelle Erfolgsgeschichten behinderter Menschen auf dem Weg hin zu größer Selbstbestimmung und Integration; sie berichten von der weitgehend einfachen und reibungslosen Organisationsentwicklung und der damit einhergehenden positiven Entwicklung auf Seiten der professionellen Helfer; sie schreiben von vermeintlich stets erfolgreichen Partnerschaften mit den Betrieben der Region und verweisen immer wieder auf den glücklichen Umstand, dass in Bamberg viele prominente Unterstützer für eine einzigartige Projektidee gewonnen werden konnten.

Beim Lesen der vielen Erfolgsgeschichten macht sich gelegentlich dann doch ein wenig Skepsis breit. Gerade im Hinblick auf die Übertragbarkeit der Projektidee auf andere Regionen wäre es durchaus hilfreich gewesen, auch die Grenzen und Schwierigkeiten, die sich sicher ergeben haben und ergeben, stärker in den Fokus der Darstellung zu rücken; so ist z.B. zu vermuten, dass manche Kostenträger der Eingliederungshilfe das „Bamberger Modell“ nicht so ohne Weiteres tragen können oder wollen; auch wird es nicht in jeder Kommune gelingen, einen derart prominenten Fürsprecher wie den Erzbischof zu gewinnen; und nicht zuletzt gibt es sicherlich behinderte Menschen, die aufgrund ihrer individuellen Voraussetzungen; ihrer Stärken und Schwächen, die – im Vergleich zur traditionellen Werkstatt – doch deutlich veränderten Anforderungen nicht/noch nicht oder auch nicht dauerhaft erfüllen können oder wollen.

Aus fachlicher Sicht wäre natürlich auch eine Vertiefung der theoretischen Grundlagen des sozialraumorientieren Handlungskonzepts eine sinnvolle Ergänzung für den vorliegenden Text gewesen; im konzeptionellen Kontext der Schriftenreihe: „Im Gespräch“ enthält das Buch allerdings ausreichende Hinweise und Anregungen; zur eigenständigen Vertiefung des Lesers wären jedoch zumindest einige Literaturhinweise im Anhang hilfreich gewesen.

Ungeachtet der hier geäußerten Kritikpunkte zeigt die interessante, zum Nachdenken und Weiterdenken anregende Lektüre von: „Bamberger bewegt“, wie mit viel persönlichem Engagement, mit Mut zur Veränderung und dem individuellen Willen der Beteiligten / Betroffenen, die Integration behinderter Menschen in ein Gemeinwesen gelingen kann.

Fazit

Das vorliegender Buch von Dieter Basener und Silke Häußler stellt eine weitgehende gelungene Würdigung – stellenweise aber auch etwas überschwängliche Hommage – der effizienten, innovativen und nachhaltigen Arbeit des Teams um Kuno Eichner und des gesamten Unterstützerkreises der Initiative „Bamberg bewegt“ dar; der Text bietet einen hinreichende Einblick in die konzeptionellen Leitideen des Integrationsprojektes und zeigt – vor allem durch die Gespräche mit den betroffen behinderten Menschen – eindrucksvoll auf, dass es tatsächlich gelingen kann, behinderte Menschen näher an bzw. in die Gesellschaft zu rücken und somit berufliche Rehabilitation und Integration tatsächlich zu verwirklichen.

Dass die Beschäftigten der „Integra-MENSCH“ – trotz ihrer Beschäftigung an einem ausgelagerten Arbeitsplatz in einem gemeindenahen Betrieb – letztlich ihren rechtlichen Status als Mitarbeiter einer Werkstatt für behinderte Menschen beibehalten, verweist zwar darauf, dass auch in Bamberg die große Vision eine vollständigen Inklusion der Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft nicht vollständig erfüllt ist.

Für die Intregra-Beschäftigten hat dieser doch ein wenig „akademisch-wissenschaftlich“ gedachte Einwand aber sicher keine allzu große alltagspraktische Bedeutung; die Menschen mit Behinderung – das zeigen die dargestellten Erfolgsgeschichten in bemerkenswerter Weise – können durch die professionellen Unterstützung und Begleitung durch „Integra MENSCH“ ganz konkrete Veränderungen und Verbesserungen ihrer individuellen Lebensumstände erreichen – und das sollte letztlich der entscheidende Aspekt bei der Bewertung des vorgestellten Projektes sein.

In der Tat sollte „Bamberg bewegt“ also kein Einzelfall bleiben; die vorliegende Publikation kann daher allen Eltern; Betreuern und Betroffenen zur anregenden Lektüre und zum „Mut machen“ empfohlen werden; denjenigen, die – auf Seiten der Werkstätten, der Politik und/oder der Kostenträger – Verantwortung für die Ausgestaltung von Maßnahmen der berufliche Integration für behinderte Menschen tragen, kann das beschriebene Projekt darüber hinaus zur Nachahmung empfohlen werden.


Rezension von
Dipl. Soz.-Päd. Mathias Stübinger
Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Hochschule Coburg, Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit, u.a. in tätig in den Lehrgebieten: Sozialmanagement / Organisationslehre / Praxisanleitung und Soziale Arbeit für Menschen mit Behinderung
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Zitiervorschlag
Mathias Stübinger. Rezension vom 26.09.2009 zu: Dieter Basener, Silke Häußler, Axel Nordmeier: Bamberg bewegt. Integration in den Arbeitsmarkt: eine Region wird aktiv. 53° NORD Agentur und Verlag GmbH Ein Geschäftsbereich der GDW Mitte eG (Kassel) 2008. ISBN 978-3-9812235-1-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8143.php, Datum des Zugriffs 21.01.2022.


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