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Edeltraud Hanappi-Egger, Peter Schnedlitz (Hrsg.): Ageing Society

Cover Edeltraud Hanappi-Egger, Peter Schnedlitz (Hrsg.): Ageing Society. Altern in der Stadt: aktuelle Trends und ihre Bedeutung für die strategische Stadtentwicklung. Facultas Verlag (Wien) 2009. 770 Seiten. ISBN 978-3-7089-0357-6. D: 124,60 EUR, A: 128,00 EUR, CH: 209,00 sFr.
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Thema

Zunehmend beschäftigt der demographische Wandel, speziell die Alterung der Gesellschaft auch die Stadtpolitik. Stadtentwicklungsplanung unter den Bedingungen einer schrumpfenden und zudem älter werdenden Bevölkerung stellt die Städte vor eine besondere Herausforderung. Sowohl das Altern - also der Prozess des Älterwerdens -, als auch die Zunahme einer alten Bevölkerung erfordert neue Überlegungen hinsichtlich der urbanen Struktur, der sozialen Integrationspotentiale, der Gestaltung öffentlicher Räume und der Ausgestaltung einer angemessenen sozialen, kulturellen und sozialräumlichen Infrastruktur.

Dieses Buch befasst sich unter all den genannten Aspekten mit der Stadt Wien. Unter dem Stichwort "Wien denkt Zukunft" hat ein gemeinsames Team der Stadt Wien und der Wirtschaftsuniversität Wien, speziell das Forschungsinstitut Gender und Diversität in Organisation und das Institut für Handel und Marketing ein Grundlagenforschungsprojekt durchgeführt, dessen Ergebnisse in diesem Buch zusammengefasst werden.

Herausgeberin und Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Edeltraud Hanappi-Egger ist Professorin für Gender und Diversität in Organisationen an der Wirtschaftuniversität Wien; Peter Schnedlitz ist Professor an der Universität Wien und leitete das Institut für Handel und Marketing. Die weiteren Autorinnen und Autoren sind entweder Angehörige der Stadtverwaltung Wien oder arbeiten an der Wirtschaftuniversität Wien. Außerdem ist ein Beirat an dem Projekt beteiligt, der sich aus Mitgliedern der Stadtverwaltung Wien, der Wirtschaftsuniversität Wien und anderer in Wien tätigen und in diesem Kontext relevanten Organisationen zusammensetzt.

Das Projekt

Die Herausgeber beschreiben das Projekt und seine Bedeutung folgendermaßen (11 f):

  1. Es galt, der Komplexität des Themas Alter aus wissenschaftlicher Sicht gerecht zu werden, was in den Vertiefungsprojekten und den Fachgutachten zum Ausdruck kommt.
  2. Die verschiedenen thematischen Analysen sollten in einen gemeinsamen konzeptionellen Rahmen eingebunden werden, wobei vor allem den sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Theorien (Lebenslauf- und Diversitätsforschung, Marketingforschung und Bourdieus Handlungstheorie) eine besondere Berücksichtigung erfahren.
  3. Wichtig war die Kombination von Zeitdimensionen und Handlungs- und Diskursebenen. So musste es gelingen, aus der Vergangenheit zu lernen, gleichzeitig Zukunftsmodelle zu entwickeln und Handlungsempfehlungen für die Gegenwart zu formulieren.
  4. Gleichzeitig ging es um die Frage, wie man Verwaltungshandeln und die ihm zugrunde liegende bürokratische Logik zusammenbringt mit wissenschaftlichem Denken und das in einem Projekt, das sich als Grundlagenforschung versteht und nicht im Sinne angewandter Forschung die Akteure der Praxis, der Verwaltung und Politik von vornherein schon mit einbezieht.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in zwei Teile.

  • Der erste Teil besteht aus einem Synthesebericht "Ageing Society" und umfasst 120 Seiten.
  • Der zweite material größere Teil (613 Seiten) umfasst Teilprojekte und Fachgutachten zu unterschiedlichen Teilaspekten des Projektes.

Der erste Teil

Im ersten Teil wird in einem so genannten Synthesebericht die Forschungsfrage noch einmal vorgestellt, das Forschungsdesign entfaltet und das Thema des Buches theoretisch grundgelegt.

Die Frage ist ja, wie sich eine Stadt als verdichteter und zugleich komplexer Raum für Ereignisse, Prozesse, Widersprüche, von Inklusion und Exklusion, von Segregations- und Differenzierungsprozessen auf Alterungsprozesse strukturell auswirkt und wie eine Stadtverwaltung und eine Stadtpolitik mit dem Altern als Prozess und mit den Alten als Bevölkerungsgruppe umgeht.

Für eine strategische Stadtentwicklungspolitik ist dabei von Bedeutung, wie sie sich in Zukunft eine Stadt vorstellt; deshalb ist es wichtig, wie die heutigen 30 - 50jährigen ihre Stadt sehen und wie sie sich vorstellen, dass sie sich in 20 Jahren entwickeln soll. Dabei scheint wichtig zu sein, dass die Stadt in ihrer Differenziertheit und Heterogenität auch gesehen wird, so dass sich auch Altersprozesse differenziert darstellen. Auf welche Ressourcen und Kompetenzen kann man bei den Alten zukünftig zurückgreifen; inwieweit ist die Gestaltung des Sozialen vom sozialen Kapital der Alten auch abhängig und wie weit kann eine Stadtentwicklungspolitik auch darauf zurückgreifen? Es geht also auch darum, sich mit dem Alterungsprozess auseinanderzusetzen: Was macht die Alten in der Stadt heute aus - wie werden die Jüngeren alt werden und alt sein?

Im Rückgriff auf bestehende Forschungsergebnisse entwickeln die Autorinnen und Autoren H. Ebersherr, E. Hanappi-Egger, E. Lienbacher, P. Schedlitz. A. v. Dippel und R. Zniva mehrere so genannte "forschungsrelevante Megatrends".

Trend 1: Globalisierung und Mobilität: Globalisierung wird weiterhin voranschreiten und die zukünftigen Alten werden mobiler sein (auch virtuell mobiler).

Trend 2: Individualisierung und neue Lebensformen: Das Individuum wird an Bedeutung im Rahmen des Vergesellschaftungsprozess gewinnen - schon allein durch die Partizipationsansprüche von Bürgern an den sie betreffenden Entscheidungen und Prozessen oder durch die Konsumverhaltensweisen, die viel stärker mit individualisierten Ansprüchen verbunden sind.

Und es wird zu neuen Lebensformen als Alternative zur familialen Lebensform geben. Vor allem in der Stadt setzen sich Alternativen zu traditionellen Lebensweisen durch. Individualisierung bedeutet trotz aller Vergesellschaftung nicht auch schon Vergemeinschaftung - der Mensch kann in der Masse auch vereinsamen (Opaschowski).

Trend 3: Lebenslanges Lernen und Leistungsorientierung: Bildung wird zur Schlüsselressource; sie hat den größten Transferwert, lässt sich am ehesten in Einkommen, Status und Prestige umsetzen.

Trend 4: Feminisierung als Querschnittsthematik: Frauen werden auch in Zukunft dominant sein in Bereichen qualifizierten Erwerbslebens und in Bereichen des Konsums. Es wird verstärkt zu einer neuen Diskussion um Modelle der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie kommen.

Trend 5: Zunahme von Einkommensdisparitäten: Es wird zu einer wachsenden sozialen Ungleichheit kommen, die auch die Integrationspotentiale einer städtischen Gesellschaft an ihre Grenzen bringen wird. Die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen geht weiter auseinander, was zur sozialen Schließung bestimmter Klassen und Schichten, zu "gated communities" führen wird, und zwar sowohl bei den Wohlhabenden als auch bei den Deprivierten.

Trend 6: Geändertes Nachfrageverhalten: Das Konsumverhalten in den Städten wird sich auch auf Grund der veränderten Lebensformen und der Pluralisierung von Lebensstilführungen verändern. Die veränderte demographische Struktur schafft veränderte Nachfragepotentiale und polarisiert sie zum Teil auch.

Die sehr grob beschriebenen Trends dienen der Orientierung und als thematischer Bezugsrahmen.

Die Forschungsmethode ist sehr stark an das Konzept der Handlungsfähigkeit von Bourdieu angelehnt. Dabei wird auf die von ihm entwickelten drei Kapitalien - ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital - zurückgegriffen; nicht auf das symbolische Kapital - dafür wird aber ein vierte Dimension des Kapitals eingeführt: Gesundheit. Gerade wenn es um die Handlungsfähigkeit geht, spielt möglicherweise das symbolische Kapital eine große Rolle, weil es um Anerkennung, um Zugehörigkeit und Vertrauen in die Interaktionsbedingungen und -formen geht, die jemanden für andere relevant machen. Es geht nicht nur um Netzwerke und Unterstützungssysteme in diesem Kontext, auf die jemand zurückgreifen kann, sondern an denen er als relevant und anerkannt beteiligt ist.

Was ist eigentliche eine alternde Gesellschaft? Die Jungen werden immer weniger und die Alten nehmen zu. Sinkende Geburtenraten und steigende Lebenserwartungen im Alter prägen die demographische Entwicklung. Allerdings gilt für Wien, dass die Stadt eher mit einem Bevölkerungszuwachs rechnen kann - eine der wenigen privilegierten Metropolagglomerationen in Europa, die wachsen wird. Allerdings wächst auch die Gruppe der über 60jährigen. Die Autorinnen und Autoren diskutieren diesen Zusammenhang auch im Kontext der EU.

In Anschluss an die demographische Entwicklung werden im ersten Teil vor allem Fragen der Ausdifferenzierung von Lebensläufen und -phasen diskutiert, ebenso Altersgrenzen und -klassifizierungen als dynamische Größen, der Strukturwandel des Alter(n)s und geschlechtsspezifische Differenzierung, Marktforschung zum Thema Alter(n). Weiterhin wird ein Vergleich ausgewählter Alterskohorten über die Zeit dargestellt.

In einem weiteren Kapitel wird ein Konzept vorgestellt, das die Stadt Wien offensichtlich schon bereits erfolgreich anwendet: Citizen Relationship Management (CiRM). Dahinter verbirgt sich das, was in anderen Konzepten Bürgerfreundlichkeit, Bürgernahe Verwaltung oder Kundenorientierung der öffentlichen Dienstleistungen heißt. Oder ist damit auch das gemeint, was kommunale Sozialstaatlichkeit ausmacht und für die europäische Stadt ohnehin charakteristisch ist? Sind nicht individuelle Bearbeitung, eine geeignete Kommunikationsform mit dem Bürger und der Dialog mit den Bürgern nicht eigentlich selbstverständlich für eine Leistungsverwaltung in einem Sozialstaat, die nicht mehr den hoheitlichen Anspruch der Versorgung von Untertaten hat?

Ist die Wiener Verwaltung bereits soweit und auch bereit, sich auf einen derartigen "Entbürokratisierungsprozess" einzulassen; der bedeutet nämlich auch über Verfahren zu herrschen. Wo bleibt der Herrschaftsanspruch einer Verwaltung, wenn sie dies noch sein will, also noch verwalten will? Und der Herrschaftsanspruch ist jeder Bürokratie inhärent. Lässt sich CiRM wirklich unkompliziert auf Verwaltungshandeln übertragen und was muss Verwaltung trotzdem noch tun, wenn sich Interessen und Bedürfnisse nicht artikulieren lassen und nicht in partizipatives Handeln umsetzen lassen - etwa bei den sozial schwächeren Bevölkerungsgruppen?

In Kapitel 4 werden Szenarien entwickelt. Szenarien für die die Zukunft - so die Autorinnen und Autoren - sind immer auch unsicher und dennoch lässt sich auch etwas prognostizieren. Die Methode der Szenarienentwicklung wird beschrieben und abgrenzt gegenüber den üblichen Prognoseverfahren. Dabei beschränken sich die Autorinnen und Autoren auf die wirtschaftswissenschaftliche Perspektive der Entwicklung eines weltwirtschaftlichen Szenarios (Sim-Vienna). Die daraus abgeleiteten Resultate - bezogen auf die Bourdieu'schen Kapitalien - sind dem Leser nicht ganz einsichtig; gleichwohl wird den Alten eine gewisse Rolle in der Entwicklung des Humankapitals zugeschrieben, wie auch festgestellt wird, dass vor allem in den Kategorien Einkommen, Bildung und soziales Kapital Zusammenhänge bestehen, auf die eine Stadtpolitik reagieren muss.

In Kapitel 5 wird ein Städtevergleich vorgestellt. Dieser bezieht sich auf die Frage, welche der Referenzstädte in Handlungsbereichen der strategischen Stadtentwicklung bereits erfolgreich innovative Konzepte umgesetzt haben, von denen Wien lernen kann. Nach der Diskussion bereits bestehender Städtevergleiche werden vier Referenzstädte vorgestellt und ausführlich in Bezug auf das Thema diskutiert: Hamburg, Berlin, Edinburgh und Zürich.

  • Hamburg ist wie Wien eine prosperierende Wirtschaftsmetropole;
  • Berlin ist wie Wien eine etablierte Hauptstadt;
  • Edinburgh kann wie Wien von einem Bevölkerungswachstum ausgehen;
  • Zürich hat bereits innovative Konzepte vor allem für den Alterungsprozess entwickelt und umgesetzt.

In allen Städten werden mit unterschiedlicher Intensität und auch mit unterschiedlichen Zielrichtungen Bereiche wie Wohnen, Gesundheit, Versorgung und Beteiligung im Alter angesprochen. Dabei spielen Pflege und stationäre Unterbringung vs. Selbst bestimmtes Leben eine große Rolle. Vielleicht ist Hamburg die Stadt, die eher auf eine Wachstumsdynamik durch Jüngere setzt und den Strategien des Umgangs mit dem Alter weniger Gewicht beimisst.

Die Konzepte werden in einer Tabelle synoptisch schön dargestellt (96).

Das für die strategische Stadtentwicklung und auch für das strategische Handeln der Stadtverwaltung wichtigste Kapitel ist das Kapitel 6 des ersten Teils, das sich mit Handlungsfeldern und Empfehlungen szenarienübergreifend beschäftigt.

Auf der Ebene des räumlich-strategischen Handelns wird vor allem auf die Inklusions- und Exklusionsmechanismen verwiesen, die sich aus negativen Effekten räumlicher Segregationsprozesse ergeben. Gleichzeitig wird Diversität unter den Bedingungen hoher Kohäsion als Problem erkannt. Die Autorinnen und Autoren diskutieren unter diesem Gesichtspunkt Wohnen, Nahversorgung und Wohnumfeld, Mobilität und Migration und Alter. Wohnen und Wohnumfeld im Kontext der Nahversorgung heißt auch, fußläufige unmittelbare Versorgung mit dem Effekt der Kommunikation und Integration im "Grätzel", also im Quartier. Dies wird auch mit der eingeschränkten Mobilität Älterer begründbar, wobei zur besseren fußläufigen Erreichbarkeit barrierefreie Zugänge unumgänglich sind. Auch die Migrationssituation erfordert in Bezug auf das Alter andere Strategien, zumal Migranten auch älter werden und veränderte Bedürfnisse haben. Dies hat sicher Einfluss auf die Ausgestaltung einer geeigneten, was heißt diversifizierten Infrastruktur.

Auf einer sozialstrukturellen Ebene werden Bedürfnisse einer Ageing Society diskutiert. Im Spannungsfeld von einer einerseits aktiver werdenden Generation der Alten, die andererseits aufgrund ihres Altseins spezifische Bedürfnisse hat und auf deren Erfüllung auch angewiesen ist, diskutieren die Autorinnen und Autoren sehr differenziert die damit verbundenen Probleme und Aspekte. Wie gelingt etwa eine an den Bedürfnissen orientierte gerechte Unterstützung im Alter und welche sozialen, ökonomischen, aber auch kulturellen Ressourcen haben die Alten, um Netzwerke zu bilden und Unterstützungssysteme zu implementieren, die zugleich aus soziale Verortung und Integration ermöglichen? Das setzt voraus, eine selbstverständliche Engagementkultur in der Stadt zu fördern und auszubauen (113 ff). Es geht dabei weniger um ehrenamtliches Engagement nach der Arbeitsphase als vielmehr um die Inanspruchnahme der Kompetenzen und Ressourcen, die nunmehr brach liegen. Das gleiche gilt auch für das Freizeitverhalten der Alten, wobei auch die Autorinnen und Autoren darauf hinweisen, dass hier auch die öffentlichen Räume entsprechend ausgestaltet sein müssen, damit die Aufenthaltsqualität steigt.

Wie muss eine Verwaltung auf diese Prozesse reagieren? Wie müssen ihre Mitarbeiter befähigt sein, den Prozess strukturell und interaktiv zu begleiten und wie geht die Verwaltung auch mit ihren eigenen Alten um - und das alles unter den Bedingungen von kultureller Vielfalt, sozialer Heterogenität und Diversität?

Diese Fragen führen auch bereits zu einer Conclusio, die überschrieben ist: "Im Spannungsfeld zwischen Ageless und Ageing". Wenn Ageless überhaupt ein Leitbild einer Stadt sein kann, die sich auf ihre Fahnen geschrieben hat, für alle dazu sein - festzuhalten bleibt allerdings, dass die heutige Generation der älter werdenden Bewohnerinnen und Bewohner einer Metropole anders älter wird, mit anderen Voraussetzungen älter wird als Generationen zuvor. Vor allem das Bildungskapital und das soziale Kapital werden in dieser Generation anders verteilt sein als früher, was Auswirkungen hat auf veränderte Bedürfnisse und Interessen, auf die eine Stadtpolitik und eine strategische Stadtentwicklung reagieren muss.

Hier werden einige Empfehlungen ausgesprochen und der Stadt einiges ins Stammbuch geschrieben.

Der erste Teil wird beendet mit dem Fragebogen, der der Studie zugrunde lag und einer ausführlichen Literaturliste.

Der zweite Teil

Der zweite Teil des Buches umfasst eine Reihe von Teilprojekten und Fachgutachten, auf die sich die Autorinnen und Autoren des ersten Teils beziehen. Zunächst zu den Teilprojekten.

B. Böhm und B. Rengs untersuchen unter dem Titel Urbane Ökonomie und Altern die ökonomische Dynamik, die in der Stadt Wien durch die Gruppe der 50-70jährigen ausgelöst wird und machen das an drei unterschiedlichen Szenarien des wirtschaftlichen Verlaufs deutlich.

R. Buber und F. Guschlbauer untersuchen die persönliche Kommunikation mit älteren Menschen am Point-of-Severice in der öffentlichen Verwaltung. Wie kann eine Verwaltung in Mentalität und Organisation so verändert werden, dass ihre Kommunikationsweise eher auf Kunden als auch Bürger und Anspruchsberechtigte ausgerichtet ist?

A. Dörr stellt sich unter dem Titel Ageing Entrepreneurs und ethnische Ökonomien in Wien die Frage, wie unterschiedlich auch in den Alterskohorten ethnische Ökonomien sich entwickeln, wie unterschiedlich ihre Entwicklungslogik und die damit zusammenhängenden Werte und Normen sind. Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass auch die Stadt Wien zunehmend den auf lokaler Ebene angesiedelten Ökonomien Aufmerksamkeit schenkt, weil sie vor allem Quartiere mit prägen.

E. Gittenberger und Chr. Teller setzen sich mit dem Einkaufsverhalten älterer Konsumenten auseinander und setzen dieses Verhalten in Beziehung zu gewissen Betriebstypen, die dieses beeinflussen.

I. Mandel u. a. untersuchen die Auswirkungen der alternden Gesellschaft auf die Kreativwirtschaft, wobei sie sich hauptsächlich mit der Werbung beschäftigen.

A. Podsiadlowski und W. Mayrhofer entwickeln Zukunftsszenarien von Karrieren. Hier geht es um individuelle Karriereverläufe unter externen Rahmenbedingungen. Interessant ist die Frage, inwieweit sich Karrierebilder und -verläufe gegenüber der jetzt älter werdenden Generation von denen früherer Generationen verändert haben.

Th. Reutterer, V. Höchst und D. Wagner diskutieren das bereits angesprochene Konzept des Citizen Relationship Management. Hier steht im Vordergrund, wie sich eine öffentliche Verwaltung kosteneffizient und leistungsorientiert den Bürgern öffnet und deren Bedürfnissen "maßgeschneidert" gerecht wird.

Ansprüche einer alternden Bevölkerung an Wohnen, Wohnumfeld und Mobilität nehmen T. Tötzer und W. Loibl zum Anlass, Zukunftsthemen der Wiener Stadtpolitik zu formulieren. Ansprüche an verbesserte Wohnverhältnisse, differenziertere Wohnstandortentscheidungen und die Realisierung neuer Wohnformen der Älteren lassen dabei kein einheitliches Bild der Wohnverhältnisse und ihrer Einschätzung zu. Gleichwohl nimmt die Wohnung als gesellschaftlicher Ort bei den Älteren an Bedeutung zu.

Allen Teilprojekten ist gemeinsam, dass sie empirische Projekte sind, die auf der Basis ausführlich referierter Theoriebestände die Wirklichkeit Wiens unter die Lupe nehmen, Handlungsempfehlungen an die Stadtpolitik formulieren und mit ausführlichen Literaturlisten ausgestattet sind. Alter(n) in der Stadt Wien ist das allgemeine Thema, allerdings überwiegend wirtschaftswissenschaftliche Überlegungen; sozialpolitische oder stadtsoziologische Überlegungen spielen eigentlich nur rudimentär eine Rolle.

Man gewinnt den Eindruck, dass der Wettbewerb der Metropolen sich hauptsächlich auf die Frage richtet, was sie als Wirtschaftsstandorte und Wohlstandszonen attraktiv macht. Fragen des Gemeinwesens Stadt - auch in seiner Tradition der Sozialstaatlichkeit der europäischen Stadt - tauchen nur vereinzelt auf und fallen nur dem Leser auf, der mit dieser Denktradition vertraut ist.

Zwei Fachgutachten runden das Buch schließlich ab:

R. Maurer diskutiert das Thema Citizen Relationship Management vor dem Hintergrund des demographischen Wandels, dass Bürger als mögliche Kunden von öffentlichen Dienstleistungen zu verstehen sind und die Verwaltung eher als Stadtmanagement zu definieren ist, was den Veränderungen der städtischen Gesellschaftsstruktur entspräche. Kunden sind solche, die für die für sie erbrachten Leistungen bezahlen; was ist mit denen, die diese Leistungen deswegen nicht in Anspruch nehmen (können) weil sie sie nicht bezahlen (können)? Bleiben sie Bürger und werden nie Kunden? Vielleicht lassen sich dann doch nicht alle Handlungsprinzipien und ihre Logiken aus irgendwelchen Branchen - wie hier der Lebensmittelbranche - ableiten.

P. Zellemann und A. Giuliani haben ein Fachgutachten mit dem Titel "Auswirkungen des demographischen Wandels auf das Freizeitverhalten unter Berücksichtigung der Situation von Migranten in Wien und Österreich" verfasst. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass das Freizeitverhalten der Generation 50+ unter Einbeziehung der Situation von Migrantinnen und Migranten im Vergleich zu anderen Altersstufen von mehreren Unterschieden geprägt ist:

  • die Generation 50+ ist weniger mit den neuen Informationstechnologien beschäftigt.
  • die heute älteren Menschen sind weniger mobil oder aktiv in ihrer Freizeit.
  • Das Gesundheitsbewusstsein steigt.
  • Die Generation 50+ fragt kulturelle Angebote mehr nach als andere.
  • Die Menschen nehmen ihre Gewohnheiten mit ins Alter.
  • Migrantinnen und Migranten unterscheiden sich graduell aber nicht prinzipiell von anderen in ihrem Freizeitverhalten.

Am Ende des Buches befinden sich Angaben zu den Autorinnen und Autoren, eine Liste der Beiratsmitglieder sowie ein hilfreiches Glossar fachspezifischer Termini und solcher Begriffe, die sich auf die Wiener Situation beziehen.

Diskussion

Dass das Alter - das alt sein und das alt werden - in der Stadt überhaupt ein Thema der Stadtforschung werden kann - dazu trägt dieses Buch sicher bei. Die Konzentration auf die Stadt Wien schränkt auf der einen Seite die Sichtweise ein, ist auf der anderen Seite aber gerade für Metropolagglomerationen in Europa durchaus interessant.

Der Auftrag der Stadt Wien und die Kooperation der Stadt Wien mit der Wirtschaftsuniversität Wien haben den Charakter des Buches geprägt. Dabei darf es vielleicht verwundern, dass Fragen einer strategischen Stadtentwicklung und deren Leitfragen wenig diskutiert werden. Man geht schließlich davon aus, dass jeder weiß was das ist.

Neben dem relativ kompakten und auch konsistenten ersten Teil des Buches steht ein relativ heterogener und in seiner Unterschiedlichkeit der Themen und der Bearbeitungsmodi nicht stärker diversifiziert sein könnender zweiter Teil. Es ist eher ein Handbuch, das unterschiedliche Facetten des gleichen Themas aufgreift - allerdings auch in einer relativ verengenden Perspektive. Während der erste Teil die komplexe Verwobenheit der Aspekte des Alterns in der Stadt in einem Zusammenhang diskutiert, haben wir es bei zweiten Teil eher mit einem Füllhorn von Themen und Aspekten zu tun, die jeder im einzelnen allerdings sehr differenziert und begründet dargestellt wird, deren konsistenter Zusammenhang aber erst noch erschlossen werden muss.

Das Buch zeichnet sich vor allem durch eine Fülle empirischer Ergebnisse und deren Diskussion aus. Der erste Teil versucht als Synthesebericht die unterschiedlichen Facetten der Teilprojekte und Fachgutachten einzufangen - was auch gelingt. Wer einen Überblick über das gesamte Buch braucht, liest diesen ersten Teil. Der zweite Teil eignet sich für spezifische Fragestellungen durchaus.

Die eher wirtschaftspolitische und -wissenschaftliche Ausrichtung trifft vielleicht nicht immer die strategische Stadtentwicklung oder anders formuliert: eine strategische Ausrichtung der Stadtentwicklung an der Frage, was Wien als Wirtschaftsstandort attraktiv macht und in der Folge auch als Wohlstandsraum - eine solche Ausrichtung verengt auch den Blick strategischer Stadtentwicklung. Und die einzelnen Facetten der Stadtentwicklung werden auch nicht mehr eingebunden in ein umfassendes Konzept einer strategischen Stadtentwicklung, ihrer Leitideen und Leitziele.

Die Auseinandersetzung mit den einzelnen Themen findet auf einem hohen Niveau statt - somit ist das Buch für Fachleute und Experten interessant - für den Studienbetrieb und als Einführung in das Thema eignet es sich sicher weniger.

Fazit

Das Buch "Ageing Society" ist als umfangreicher Abschlussbericht eines Grundlagenforschungsberichts ein wertvoller Beitrag zur stadtsoziologischen Debatte über die Auswirkungen des demographischen Wandels auf Städte und Kommunen in Europa. In der Fülle der Ansätze und Konzepte und der empirischen Befunde ist es sicher auch ein wichtiger Beitrag für die einzelnen Spezialgebiete und Handlungsfelder strategische Stadt(entwicklungs)politik von Metropolen.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 21.09.2009 zu: Edeltraud Hanappi-Egger, Peter Schnedlitz (Hrsg.): Ageing Society. Altern in der Stadt: aktuelle Trends und ihre Bedeutung für die strategische Stadtentwicklung. Facultas Verlag (Wien) 2009. ISBN 978-3-7089-0357-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8147.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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