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Kirsten Puhr: Inklusion und Exklusion [...]

Cover Kirsten Puhr: Inklusion und Exklusion im Kontext prekärer Ausbildungs- und Arbeitsmarktchancen. Biographische Portraits. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 202 Seiten. ISBN 978-3-8350-7033-2. 34,90 EUR.

Reihe: VS research.
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Thema

Im Mittelpunkt des Buches steht mit der Behandlung von erschwerten Zugängen zu einer beruflichen Ausbildung, Schwierigkeiten in einer Ausbildung oder aber auch einer Lebensgestaltung jenseits anerkannter Erwerbsarbeit ein Thema, das durch die sich verschärfende Situation auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt zunehmend an Bedeutung gewinnent. Kirsten Puhr, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Lernbehindertenpädagogik am Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, bearbeitet es anhand von biografischen Porträts von Personen, die von prekären Verhältnissen betroffen sind und richtet ihren Blick dabei auf deren subjektive Deutungen und Gestaltungsspielräume.

Aufbau

Das Buch beginnt mit zwei knappen einführenden Kapiteln, davon eines zur Thematik der Inklusion und Exklusion und eines zum methodischen Vorgehen bei den biografischen Porträts. Auf der Darstellung der Porträts liegt der Schwerpunkt des Buches. Insgesamt werden zehn Erzählungen ausführlich vorgestellt, die in vier thematische Blöcke unterteilt werden. So behandeln jeweils zwei bzw. vier Porträts einen bestimmten Schwerpunkt mit einer je vorangestellten theoretischen Einordnung.

Inhalte

Die zwei ersten Kapitel bilden den theoretischen und methodischen Rahmen. Unter Inklusion und Exklusion als Formen sozialer Ordung geht es zunächst allgemein darum, dass ein Ausschluss aus Erwerbstätigkeit nur dann auch zum sozialen Ausschluss werden kann, wenn Anerkennung allein über eine Erwerbsarbeit erlangt werden kann und andere Formen einer sozialen Partizipation nicht anerkannt werden. Bezogen auf die Porträts wird der Anspruch formuliert, das Augenmerk darauf zu legen, wie es den Interviewten trotz ihrer prekären Situation im Hinblick auf Ausbildung und Erwerbstätigkeit dennoch gelingt, ihre Existenz zu sichern und zum anderen auch ihre persönliche Würde zu bewahren. Der Methodische Zugang zu den biografischen Porträts beschreibt Erhebungsmethode, Vertextlichung, das Vorgehen in der interpretativen Darstellung der Erzählungen und die Analyse der Wechselwirkungen von Inklusion und Exklusion. Inhaltlich behandeln die Interviews durchgängig u.a. das personale Selbstverständnis und die Lebensqualität, das soziale Netz, die Existenzsicherung sowie auch Zukunftsperspektiven.

Nach dieser knappen Einordnung folgen die ausführlich dargestellten biografischen Porträts in der Einteilung in vier inhaltliche Schwerpunkte. Den Anfang bildet die Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang von beruflicher und sozialer Inklusion am Beispiel einer 19-jährigen auszubildenden Kinderpflegerin im ersten Lehrjahr und eines 19-jährigen Teilnehmers einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme. Dieser Teil stellt die Selbstverständlichkeit von Erwerbsarbeit als einzigem Lebensentwurf, der Existenzsicherung, Lebensgestaltung und soziale Teilhabe ermöglicht, kritisch zur Diskussion.

Der Teil Jugendliche mit schlechteren Startchancen stellt eine Absolventin einer ,Maßnahme zur Eingliederung in den allgemeinen Arbeitsmarkt‘, in der der Hauptschulabschluss erworben wurde, vor, sowie einen 24-jährigen jungen Mann, der ebenfalls gerade den Hauptschulabschluss erhalten hat. Ihm ist er allerdings eher für das Selbstbewusstsein als für berufliche Perspektive wichtig. Die Erzählungen in diesem Abschnitt zeigen, dass Arbeit und Beruf nicht mehr zwingend die alleinige Möglichkeit zur Identitätsbildung sein müssen, wenn auch nicht immer bewusst geplant.

Der dritte Schwerpunkt liegt auf der Exklusion aus dem Arbeitsmarkt als sozialer Ausgrenzung. Am Beispiel eines 39-jährigen ,Ein-Euro-Jobbers‘ in einer Jugendfreizeiteinrichtung und einer jungen, Arbeit suchenden Akademikerin findet eine Auseinandersetzung mit eingeschränkten individuellen Gestaltungs- und Teilhabemöglichkeiten, sowie mit nicht gewährter Anerkennung statt.

Der letzte Teil thematisiert die Vielfalt individueller Lebensführung und sozialer Teilhabe. Soziale Inklusion ohne Erwerbsarbeit ist in einer Gesellschaft, die sich als Erwerbsarbeitsgesellschaft versteht, durchaus mit Schwierigkeiten verbunden. Dass dies aber nicht zwingend zu einer Existenz in Prekarität oder als ‚Überflüssiger‘ führen muss zeigen die Porträts von einem 48-jährigen Mann, der seit mehreren Jahren ohne Erwerbsarbeit ist, einer in einem gemeinnützigen Verein tätigen ,Ein-Euro-Jobberin‘ im mittleren Alter, einem 19-jährigen jungen Mann in einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme und einem 25-jährigen Mann ohne berufliche Ausbildung, der sich bewusst außerhalb von Erwerbstätigkeit platziert.

Ein knappes Gesamtfazit am Ende des letzten Porträts rundet das Buch ab.

Diskussion

Kirsten Puhr bietet mit den dargestellten Porträts einen guten Einblick in die Biografien von Personen in prekären Ausbildungs- oder Arbeitssituationen bzw. jenseits von Erwerbsarbeit. Ihr geht es dabei nicht allein um die Reduzierung auf die Beeinträchtigung von Ressourcen oder einer evtl. Ausgrenzung von sozialer Teilhabe. Sie formuliert als ihr Anliegen, „die scheinbare Selbstverständlichkeit des Zusammenhangs von beruflicher Eingliederung und sozialer Teilhabe zu hinterfragen“.

Vor diesem Hintergrund (re)konstruiert sie die Erzählungen im Kontext von möglicher Exklusion und sozialer Ungleichheit. Durch die thematische Bündelung der Porträts in die vier Bereiche lassen sie sich systematisch und auch interessengeleitet lesen. Die knappen theoretischen Einleitungen bringen ausgewählte Aspekte des aktuellen Diskurses um Inklusion und Exklusion, prekäre Ausbildungs- und Arbeitsmarktlagen, und was dies für einzelne Individuen in ihrer Lebensführung bedeuten können, auf den Punkt. Im Anschluss wird dies jeweils durch die ausgewählten Porträts treffend vertieft. So werden mögliche Geschichten hinter dem Phänomen Prekarität sichtbar und auch wie alternative Lebensentwürfe zur Erwerbsarbeit aussehen können.

Das Buch richtet sich laut Klappentext an Dozenten und Dozentinnen sowie Studierende aus der Pädagogik, den Sozialwissenschaften und der Arbeitswissenschaft und ebenfalls an Praktikerinnen aus den entsprechenden Arbeitsbereichen. In der Tat bietet es für alle genannten Gruppen informative Einblicke, wobei unterschiedliche Lesarten möglich sind: Für Dozentinnen und Dozenten bietet es Informationen und Material zu diesem aktuell diskutierten Phänomen. Für Studierende bietet es darüber hinaus auch einen Gesamteinblick in den Forschungsprozess von theoretischem Rahmen, über methodisches Vorgehen bis hin zur Aufbereitung und Präsentation des Materials. Für Praktikerinnen ist sicherlich die fokussierte Verknüpfung der Porträts mit den ausgewählten Aspekten des theoretischen Inklusions- und Exklusionsdirskurses von Interesse.

Fazit

Ein lesenswertes Buch, das sich der aktuellen Problematik von prekären Ausbildungs- und Arbeitsmarktchancen und deren Auswirkungen auf den Einzelnen systematisch entlang des aktuellen theoretischen Diskurses annimmt und in diesem Rahmen die subjektiven Lebensführungen der davon Betroffenen in den Mittelpunkt stellt.


Rezensentin
Dipl. Päd. Sonja Bandorski
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bremen im Arbeitsgebiet Interkulturelle Bildung. Arbeitsschwerpunkte: Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, Ausbildungs- und Arbeitsmarktintegration


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Zitiervorschlag
Sonja Bandorski. Rezension vom 10.12.2009 zu: Kirsten Puhr: Inklusion und Exklusion im Kontext prekärer Ausbildungs- und Arbeitsmarktchancen. Biographische Portraits. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-8350-7033-2. Reihe: VS research. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8150.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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