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Michael Billmann, Benjamin Schmidt u.a.: In Würde altern

Cover Michael Billmann, Benjamin Schmidt, Bernd Seeberger: In Würde altern. Konzeptionelle Überlegungen für die Altenhilfe. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2009. 269 Seiten. ISBN 978-3-940529-43-5. 29,00 EUR.

Reihe: Mabuse-Verlag Wissenschaft - 109.
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Junge sind auf Alte und Alte auf Junge angewiesen

Spätestens seit die demographische Entwicklung überwiegend in den Industrieländern dahingehend eingesetzt hat, dass die Neugeborenen weniger und durch die medizinischen Standards die Alten immer älter und damit immer mehr werden, wird die bis dahin selbstverständliche Aufgabe in Frage gestellt, dass die jungen, arbeitenden und Geld verdienenden Menschen für die alten, nicht mehr berufstätigen und deshalb über kein selbst verdientes Einkommen mehr verfügen, sorgen. Das, was mit dem „Generationenvertrag“ über lange Zeit hin die verschiedenen Sozialsysteme unserer Gesellschaft stützte, gerät von dem Zeitpunkt an aus den Fugen, wo eine niedrige Geburtenrate und Anstieg der Arbeits- und Erwerbslosigkeit nicht mehr das Gleichgewicht zu den zunehmenden Alten in der Gesellschaft bilden. Schreckensszenarien werden deshalb seit Jahren an die gesellschaftliche Wand gemalt: Es drohe ein Krieg der Generationen; ja es gibt sogar Horrormeldungen aus den USA, dass undankbare Kinder ihre alten Familienmitglieder wie ungeliebte Haustiere an der nächsten Autobahnraststätte aussetzen würden. In der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die man ohne Zweifel als die individuell und global geltende Ethik für ein gerechten, friedliches und humanes Zusammenleben der Menschen in unserer Einen Welt ansehen muss, heißt es zuoberst: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen“; und in Artikel 25 wird eindeutig formuliert: „Jedermann hat das Recht auf einen für die Gesundheit und das Wohlergehen von sich und seiner Familie angemessenen Lebensstandard., einschließlich ausreichender Ernährung, Bekleidung, Wohnung, ärztlicher Versorgung und notwendiger sozialer Leistungen…"(Hinweise auf drei praxisorientierte Beispiele von Altenarbeit: Hinrich Olsen, Offene Altenarbeit als Empowerment, 2002, vgl. die Rezension; Sandra Eggers / Kathrin Rasper, Dienstleistungsmanagement im Setting „Wohnstift. Zur Konzeptionalisierung von Case Management im Spektrum Wohnen, 2004, vgl. die Rezension; Anja Reißmann, Pflegebedürftigkeit und Institutionalisierung. Chancen und Grenzen häuslicher Pflege, 2005, vgl. die Rezension, alle Paulo-Freire-Verlag, Oldenburg).

Autoren

Doch die Verhältnisse sind nicht so…, das beklagen immer wieder und immer öfter besonders die in der Altenhilfe tätigen Kräfte und in den schulischen und wissenschaftlichen Einrichtungen der Sozialpädagogik und im Sozialmanagement arbeitenden Experten. „Die derzeitige Situation in der Altenhilfe wird durch ein leistungsorientiertes Menschenbild geprägt, ethische Werte treten dabei in den Hintergrund“. Zu dieser Bestandsaufnahme kommen drei Wissenschaftler der privaten Gesundheits-Universität Hall in Tirol: Michael Billmann, Kommunikationstrainer und Qualitätsmanager; Benjamin Schmidt, Pflegesachverständiger und Bernd Seeberger, Leiter des Instituts für Gerontologie der Haller Hochschule. Sie legen mit der Studie die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung vor zum Fragenkomplex: „Können ältere Menschen noch in Würde altern?“. Hinter der Formulierung freilich steckt schon ein Gutteil Skepsis, ob diese Frage in der Hier-und-Jetzt-Situation in unserer Gesellschaft mit „Ja“ beantwortet werden könne.

Inhalt

Doch schauen wir uns die Studie erst einmal an: Die Forscher haben die Lebensbedingungen von zwei Gruppen von Menschen im Großraum Nürnberg betrachtet: Menschen über 65 Jahren, die zu Hause leben; über 65jährige, die in Altenhilfeeinrichtungen wohnen. Eine dritte Gruppe, mittlere Führungskräfte von Altenhilfeeinrichtungen, wurde einbezogen; sowie schließlich, gewissermaßen eine „Kontroll-Gesprächs-Gruppe, Experten im Bereich der Sozialarbeit. Diese Konzeptualisierung des Forschungsvorhabens ermöglichte es, eine empirische, qualitative Exploration in diesem schwierigen, bisher wenig erforschtem Gebiet „Altenwürde“ vorzulegen. Die Autoren setzen sich im ersten Teil der Arbeit mit „Ethik in der Altenhilfe“ auseinander, indem sie die verschiedenen, mentalen, professionellen, historisch gewachsenen und gesetzlichen Grundlagen in der Altenpflege diskutieren. Mit dem Konzept einer „anwaltschaftlichen Ethik“ präferiert das Forscherteam einen Werte- und Normenkanon, der „als universeller Handlungsansatz für die Altenhilfe dienen könnte“. Wenn die ethische, philosophische, gesellschaftliche und alltagstaugliche Forderung nach der Würde des Menschen als theoretische Reflexion und praktischen Vollzug in der Altenpflege diskutiert wird, bedarf es der Nachschau, wie der Würdebegriff sich historisch, gesellschaftlich und philosophisch entwickelt hat; und der Betrachtung, wie würdebezogene Ansätze im wissenschaftlichen Diskurs an- und aufgenommen werden. Die Diskussion der in der empirischen und qualitativen Sozialforschung benutzten Methoden und Forschungsansätze leitet über zu der wichtigen Frage, welche Einstellungen und Meinungen alte Menschen zu den drei Kategorien ihrer Existenz – persönliche und soziale Situation, Würdeaspekte im Alltag, Würde und Pflegebedürftigkeit – haben. Dabei werden wichtige, meines Wissens in dieser Form anderweitig noch nicht erhobene Auffassungen sichtbar, die von der positiven Äußerung reicht, dass Mobilität und Vitalität Anerkennung im Alter schafft, bis hin zu der negativen Erfahrung, dass Pflegebedürftigkeit als Last und unwürdig empfunden wird; und wem wundert es, dass das Pflege- und Leitungspersonal in den sozialen Einrichtungen beklagt, dass die pflegerische Arbeit zu sehr von wirtschaftlichen Aspekten bestimmt werde, dadurch bei allen Beteiligten Stress und Unzufriedenheit herrsche und in den wenigsten Einrichtungen so etwas wie ein „Leitbild“ entwickelt würde. Diese Einschätzung finden die Forscher auch bei den Interview-Partnern aus der Gruppe der Experten vor: „Es muss eine Begleitkultur entwickelt werden, anstatt das Alter zu bekämpfen“. Die ausführliche Darstellung des Forschungsfeldes der Studie – von der Situationsschilderung in der stationären Altenhilfe insgesamt, über das Konkurrenzverhalten der einzelnen Einrichtungen, den Erfahrungen von Entfremdung und Zwang, von Macht- und Ohnmachtsstrukturen – ist eher von der pessimistischen Einschätzung bestimmt, dass viele Vorgänge in der Altenpflege als „Tragödie“ bezeichnet werden und allzu oft bei den Pflege- und Verwaltungskräften in den Pflegeeinrichtungen zu „beruflichen Deformationen“ führen.

Das Forschungsteam greift besonders den letztgenannten Aspekt auf, indem es eine Reihe von Konzepten und Projekten eingeht, um das Heim zu einem würdigen Lebens- (und Sterbe-)ort zu machen; etwa mit Palliativen Care-Konzepten, der Pflege und Betreuung nach dem Marte-Meo-Konzept, u.a. Denn es geht um eine „Alchemie der Nähe“, mit den menschlichen Grundwerten: Achtsamkeit, Beachtung,, Berührung, Fürsorge und Kommunikation; einer Care-Ethik eben. Um das zu ermöglichen, bedarf es seitens des Pflegemanagements und –personals einer Professionalisierung auf der Grundlage einer „Kultur des Herzens“, dieser uralten pädagogischen und sozialen Tugend, die im Zeichen des allzu hektischen, bürokratischen und funktionalen Denkens und Handelns unterzugehen droht.

Fazit

So wird mit der Studie erneut darauf aufmerksam gemacht, dass die Würde des Menschen, auch im Alter, durch Kontakte und Begegnungen erfahren wird, die in Pflegeeinrichtungen allzu selten möglich sind. Dadurch finden „unwürdiges Handeln und … Würdeverstöße gegen Bewohner ebenso statt wie gegen Pflegemitarbeiter“. Die Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass „Würde im Alter“ und „Würde in der Altenpflege“ vernachlässigte Themen sind. Damit weist der Zeigefinger auf die Gesellschaft zurück und damit auf jeden von uns, ob jung oder alt; denn „würdevoller Umgang mit älteren Menschen in Pflege, Betreuung und in deren Alltagshandeln heißt, den Streit um die Würde zu führen und den Konflikt anzunehmen, der in Strukturen liegt“. Was dann bedeutet, die Verhältnisse nicht einfach so hinzunehmen, sondern sich politisch und gesellschaftlich dafür einzusetzen, sie zu verändern.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.11.2009 zu: Michael Billmann, Benjamin Schmidt, Bernd Seeberger: In Würde altern. Konzeptionelle Überlegungen für die Altenhilfe. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2009. ISBN 978-3-940529-43-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8155.php, Datum des Zugriffs 19.09.2020.


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