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Wolfgang Schröer, Steve Stiehler: Lebensalter und Soziale Arbeit

Cover Wolfgang Schröer, Steve Stiehler: Lebensalter und Soziale Arbeit. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2009. 266 Seiten. ISBN 978-3-8340-0430-7. 19,80 EUR.

Basiswissen Soziale Arbeit -Band 5.
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Herausgeber

Der vorliegende Sammelband ist Teil einer Reihe von sechs Bänden zum Thema „Lebensalter und Soziale Arbeit“, die als „Basiswissen Soziale Arbeit“ von Hans Günther Homfeldt und Jörgen Schulze-Krüdener herausgegeben werden.

Herausgeber des fünften Bandes sind Wolfgang Schröer, Hochschullehrer für Sozialpädagogik an der Universität Hildesheim, und Steve Stiehler, Dozent am Fachbereich Soziale Arbeit der Fachhochschule St. Gallen.

Thema

Während Sozialwissenschaften und Soziale Arbeit sich über viele Jahre hinweg vor allem mit den Lebensaltern rund um das Erwachsenenalter beschäftigten (Übergänge von der Jugendphase in das Erwachsen-Sein; Ausdifferenzierung der Altersphase) – und somit diese Lebenszeit als kaum hinterfragte Lebensphase voraussetzten -, wird das Erwachsenenalter in den letzten Jahren als eine zunehmend „kritische“ Lebensphase entdeckt. Das Erwachsenenalter wird nicht mehr (ausschließlich) begriffen als eine Lebenszeit der Stabilität, in der der Mensch seine Identität gefunden hat, in berufliche Kontexte fest integriert und in erziehende und sorgende familiäre Beziehungen eingebunden ist. Das Erwachsenenalter – so die Leitthese des Buches – sieht sich neuen biographischen Anforderungen und Risiken konfrontiert; es „ist längst einer offenen Sozialisationsdynamik unterworfen, in der die – oft erzwungene – Aufgabe des bisher Erreichten und Erlernten mehr in Atem halten, als dass sie durch ein traditionelles Normalarbeitsverhältnis stabilisiert und beruhigt wäre“ (S. 2).

Aufbau und Inhalt

Das einführende Kapitel, von den beiden Herausgebern verfasst, gibt dem Buch seinen thematischen Rahmen. Folgen wir dieser einführenden Argumentation einige Schritte: Der tradierte Erwachsenenstatus – so die Autoren – verliert „in modernen Zeiten“ seine Selbstverständlichkeit. Das konventionelle Bild des Erwachsenen als eines „fertigen“ Menschen, dessen Sozialisationsgeschichte und Identitätsarbeit zu einem kohärenten Selbst verschmolzen sind, bricht auf. Der erwachsene Mensch sieht sich einer neuen Sozialisations- und Bewältigungsdynamik ausgesetzt, die aus mehreren Aspekten des gesellschaftlichen Strukturwandels resultiert:

  • die Entgrenzung der Lebensalter: Nicht nur verwischen die Grenzen zwischen den Lebensaltern, auch innerhalb des alltäglichen Lebens von Erwachsenen lassen sich neue bunte Mischungen zwischen Bildung, Beruf und Familienarbeit beschreiben;
  • der Verlust der Orientierungskraft von Altersnormen: Traditionelle Normalitätskonzepte verlieren ihren Wert; Alternormen, die dem Einzelnen Interpretationshilfen für altersangemessenes Verhalten und für adäquate altersbezogene Statusübergänge sein könnten, verlieren ihre Verbindlichkeit und orientierende Kraft;
  • der Strukturwandel der Arbeitswelt: Arbeitskarrieren werden brüchig - Stichworte sind hier: Diskontinuität durch erzwungene Arbeitslosigkeit; die Flexibilisierung der Arbeit; die Entgrenzung von Arbeit und Privatleben; die Notwendigkeit einer beständigen Renovation von arbeitsmarktlichen Qualifikationen durch das „unternehmerische Selbst (Bröckling 2007);
  • die wachsende Bedeutung privater Netzwerke: Trotz vielfältiger professioneller Versorgungssysteme ist der modernisierte Menschen zunehmend auf Netzwerkressourcen angewiesen, mit deren Hilfe Lebensbrüche und Beziehungsverluste ausbalanciert werden können; und
  • die Zukunft der Bürgergesellschaft: Angesichts einer sich beschleunigenden Dynamik von Verarmung und Exklusion wird es zukünftig bedeutsam, ein gesellschaftliches Klima bürgerschaftlicher Solidarität zu schaffen und zu wahren (S. 2-4).

Vor dem Hintergrund dieser Umbrüche gelten die hier versammelten Einzelbeiträge der Frage, „wie die Erwachsenen ausgehend von ihrem Bewältigungshandeln in ihrer subjektiven Handlungsmächtigkeit (agency) gestärkt werden können“ (S. 5) – es geht um die Herausforderungen einer das Erwachsenenalter begleitenden stärkenden Sozialen Arbeit.

Anknüpfend an dieses einleitende Kapitel widmen sich die weiteren Beiträge drei Schwerpunkten:

  1. Handlungsspielräume Erwachsener: Die Beiträge thematisieren die „riskanten Chancen“ der Lebensbewältigung im Erwachsenenalter, also die neuen Handlungsoptionen, aber auch die kritischen Bruchstellen der erwachsenen Lebensführung. Im Mittelpunkt stehen hier die Themen „Umgang mit Arbeitslosigkeit und Desintegration“; die Gestaltung und die Pflege personaler Beziehungen“; und „(Für-)Sorgende Beziehungen“.
  2. Grundzugänge der Sozialen Arbeit mit Erwachsenen: Im zweiten Teil werden verschiedene Themenfelder besetzt, die im Kontext einer künftigen Pädagogik an Bedeutung gewinnen werden: Netzwerkgestaltung und soziale Unterstützung; die Förderung von Bürgergesellschaft und zivilgesellschaftlicher Kompetenz; Erwachsenenbildung und lebenslanges Lernen; Gesundheitsförderung.
  3. Soziale Arbeit mit Erwachsenen: Exemplarisch werden sechs institutionelle Handlungsfelder der sozialpädagogischen Arbeit mit Erwachsenen vorgestellt – von der Lebens- und Elternberatung bis hin zu Gemeinwesenarbeit und regionaler Netzwerkarbeit.

Ohne hier alle Beiträge würdigen zu können, soll auf zwei Texte gesondert hingewiesen werden. Lothar Böhnisch fasst in einem lesenswerten Artikel seine Überlegungen zur „Lebensbewältigung im Erwachsenenalter“ zusammen (vgl. weiterführend Böhnisch, L. (2005): Sozialpädagogik der Lebensalter, Weinheim/München) und ergänzt diese um eine differenzierte Betrachtung von gender-typischen männlichen und weiblichen Bewältigungsmuster (S. 10 ff.). Andreas Lange und Barbara Keddi führen in ihrem Beitrag den Begriff „agency“ in die Debatte ein (zu übersetzen als „Handlungsbefähigung“; „Stärkung einer gelingenden Lebensführung“) und fragen nach den Bedingungen, die dazu führen, dass Personen „ein stimmiges Leben führen können oder aber durch die Kontingenz, Multioptionalität oder Formen der sozialen Benachteiligung überlastet werden und somit der Hilfe, in Form von Beratung, Therapie oder anderer Unterstützung ihrer agency bedürfen“ (S. 23).

Zielgruppen

Alle in der Sozialen Arbeit Tätigen sowie Studierende der Sozialen Arbeit an Fachhochschulen und Universitäten

Fazit

In diesem Band werden systematisch vielfältige sozialpädagogisch relevante Themen rund um das Erwachsenenalter aufbereitet und dargestellt. Zwei Kritikpunkte zum Schluss. Zum einen: Die Systematik, der die Herausgeber bei der Auswahl der Themen insbesondere in Teil 2 und 3 gefolgt sind, erschließt sich dem Leser nicht; sie wird an keiner Stelle skizziert. So gewinnt der Band in seiner Gesamtschau den Charakter thematischer Beliebigkeit – für den Leser sind auch differierende „Grundzugänge“ und „Institutionelle Handlungsfelder“ der pädagogischen Arbeit mit Erwachsenen denkbar. Und zum anderen: Obwohl als „Basiswissen“ für Studierende und Praktiker werbend ausgewiesen, sind die Beiträge von einem bemüht-soziologischen Tonfall geprägt, der bezweifeln lässt, ob dieser Sammelband für den Gebrauch im (Grund-)Studium der Sozialen Arbeit empfohlen werden kann.


Rezension von
Prof. Dr. Norbert Herriger
Hochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Professor für Soziologie sozialer Probleme, Soziologie der Lebensalter, Theorie der Sozialen Arbeit
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Zitiervorschlag
Norbert Herriger. Rezension vom 03.03.2010 zu: Wolfgang Schröer, Steve Stiehler: Lebensalter und Soziale Arbeit. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2009. ISBN 978-3-8340-0430-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8166.php, Datum des Zugriffs 24.01.2022.


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