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Sabine Maasen: Wissenssoziologie

Cover Sabine Maasen: Wissenssoziologie. transcript (Bielefeld) 2009. 2., komplett überarbeitete Auflage. 126 Seiten. ISBN 978-3-89942-421-8. 10,80 EUR.
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Thema

Die Wissenssoziologie hält sich hartnäckig als Ansatz der theoretischen und empirischen Analyse der Gesellschaft. Das zeigt sich eben auch daran, dass der Transcript Verlag das von Sabine Maasen verfasste kurze Überblickswerk in die Reihe „Einsichten. Themen der Soziologie“ aufgenommen hat, in der bisher rund zwanzig Bücher zu sehr unterschiedlichen Gegenständen erschienen sind – angefangen mit Darstellungen einzelner Subdisziplinen wie „Familiensoziologie“, „Wirtschaftssoziologie“, Monographien zu zentralen bis schwerwiegenden Begriffen wie „Subjekt“, „Identität“, „Kultur“ oder „Natur“ bis hin zu gesellschaftsanalytischen Ansätzen wie den „Neo-Institutionalismus“, der „Netzwerktheorie“ oder wie eben hier der „Wissenssoziologie“.

Zielsetzung

Die unverkennbare Zielsetzung besteht im kompakten Blick über das behandelte Gebiet. Das zeigt sich auch sofort im Buch von Sabine Maasen. Auf etwas mehr als 80 Seiten Fließtext, 55 Fußnoten und einer 21 Seiten langen Literaturliste berichtet sie die Geschichte der Wissenssoziologie, ihrer Ansätze und ihrer Vertreter.

Aufbau und Inhalt

Der historische Aufbau der präsentierten Theoretiker beginnend mit der französischen Soziologie über Scheler und Mannheim bis zu aktuellen VertreterInnen wie David Bloor oder Karin Knorr-Cetina ist gelungen, gerade auch im Hinblick auf die treffsichere Auswahl der einbezogenen Ansätze. So beginnt Maasen ihre Darstellung mit vorklassischen Wissenssoziologien (wie etwa die Marxsche Ideologiekritik) und geht danach über zu den klassischen Wissenssoziologien von Max Scheler und Karl Mannheim. Der Umstand, dass sie auch die morphologisch-strukturale Analyse von Klassifikationen (merkwürdigerweise fehlt dabei Levi-Strauss) und auch die pragmatischen Institutionalisten wie Thorstein Veblen zu den Klassikern zählt, verdeutlicht auch, dass sie einen weiten Begriff der Wissenssoziologie zugrunde gelegt hat, der auch Ansätze mit einbezieht, die sich nicht selbst als wissenssoziologisch bezeichnet haben.

Die im dritten Teil des Buches behandelten „Disziplinierungen und Differenzierungen“ lassen sich als Fortentwicklungen der im zweiten Teil unterschiedenen Ansätze lesen. So führen Schütz, Luckmann und Berger die Wissenssoziologie explizit weiter und ergänzen sie um die phänomenologischen Konzepte der „Lebenswelt“ (Schütz/Luckmann) und „Alltagswelt“ (Berger/Luckmann), die bei den klassischen Vertretern eher in Ansätzen entwickelt waren. In neuerer Zeit ist die hermeneutische Wissenssoziologie (Soeffner, Oevermann) hinzugetreten. In den Ansätzen von Michel Foucault und Pierre Bourdieu zeigen sich die Ausdifferenzierungen der strukturalen Analyse in poststrukturalistische Rekonstruktionen des Wissens und seiner Inkorporation im Habitus (Bourdieu), während vor allem David Bloor und Karin Knorr-Cetina pragmatistisch und sozialkonstruktivistisch orientierte Fortsetzungen der Wissenssoziologie repräsentieren. Nicht eindeutig zuordnen lassen sich Niklas Luhmanns Beschäftigungen mit Wissensmustern im Rahmen seiner Analysen zu Gesellschaftsstruktur und Semantik.

Abgeschlossen wird das Überblicksbändchen mit dem vierten Teil, in dem sechs aktuelle Themen und Forschungsfelder der Wissenssoziologie vorgestellt werden, unter anderem die „Metaphernanalyse“, die derzeit sehr populäre „visuelle Wissenssoziologie“ oder die Debatte um die Wissensgesellschaft.

Diskussion

Wer Sabine Maasens Buch gekauft und gelesen hat, weiß, wer zur Wissenssoziologie gehört, was die- oder derjenige getan hat und mit welchen Büchern man sich beschäftigen muss, um einzelne Richtungen der Wissenssoziologie vertieft zu studieren.

Die Kompaktheit hat aber vielleicht auch gewisse Nachteile. So richtig ich es finde, dass die Autorin Theoretiker wie Foucault, Bourdieu oder Luhmann mit in den Kreis der Wissenssoziologen einbezieht, so problematisch ist die jeweilige Abhandlung ihrer Theoriegebäude auf gerade einmal zwei bis vier Seiten. Dies schlägt sich dann zuweilen in einem apodiktischen Sprachstil nieder, der auch da unbeirrt formuliert, wo es sich eher um Kommentare und Anregungen zur Reflexion handeln sollte – zum Beispiel bei Einschätzungen, auf welche Weise nachfolgende Ansätze ihre Vorläufer überboten haben könnten. Solche oftmals bestreitbaren und in der Literatur durchaus umstrittenen Aspekte in ein bis zwei unumstößlich formulierten Sätzen zu lesen, irritiert als Duktus doch etwas.

Fazit

Es wird sich zeigen, ob derart kompakte Buchpublikationen eine Konkurrenz zur schnellen Wissensbeschaffung im Internet – wie z.B. auf Wikipedia – etablieren können, was auch eine wissenssoziologische Frage wäre, deren Antwort man gespannt abwarten kann.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Corsten
Professor für Soziologie am Institut für Sozialwissenschaften der Stiftung Universität Hildesheim


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Zitiervorschlag
Michael Corsten. Rezension vom 27.11.2009 zu: Sabine Maasen: Wissenssoziologie. transcript (Bielefeld) 2009. 2., komplett überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-89942-421-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8168.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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