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Jutta Aumüller: Assimilation

Cover Jutta Aumüller: Assimilation. Kontroversen um ein migrationspolitisches Konzept. transcript (Bielefeld) 2009. 274 Seiten. ISBN 978-3-8376-1236-3. 28,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Kultur und soziale Praxis.
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Assimilation: Unterdrückung kultureller Identitäten oder Königsweg für Integration?

In der kontroversen Gegenüberstellung der beiden extremen Vorstellungen von Assimilation wird schon deutlich, dass es sich bei dem soziologischen und gesellschaftswissenschaftlichen Begriff um eine mentale, wie um eine wissenschaftliche Bezeichnung eines Zustandes handelt, der in einem Sowohl-als-auch-Diskurs mündet; mental deshalb, weil die populäre Auffassung von Assimilation grundgelegt ist in der Forderung an „Fremde“: Werdet so wie wir, dann seid ihr Wir! Und wissenschaftlich, weil in der sozialwissenschaftlichen Forschung, vor allem in der Soziologie, der Politikwissenschaft, der Ethnologie, der Sozialpsychologie und der sozialökonomischen Strukturanalyse, dem Assimilationsgedanken zahlreiche theoretische Vorstellungen und Definitionen gewidmet werden. Das Auseinanderdriften der Assimilationstheorien hat damit zu tun, dass der Begriff Assimilation „sowohl auf gesellschaftliche Systeme als auch auf das subjektive Verhalten von Individuen bezogen wird“.

Autorin und Thema

Die Politikwissenschaftlerin Jutta Aumüller will mit ihrer Arbeit nicht nur zur Begriffsklärung beitragen, sondern vor allem in den allzu platten Diskurs eingreifen: „Integration ja – Assimilation nein!“. Es geht also um die individuellen, gesellschaftlichen und politischen Erwartungshaltungen an Menschen, die als MigrantInnen, Einwanderer, Flüchtlinge, Asylbewerber, usw., als Minderheiten also, in einer Mehrheitsgesellschaft aufgenommen werden wollen – um in dem Einwanderungsland zu leben, zu arbeiten und sich wohl zu fühlen. Die Frage, wie Assimilationserwartungen und –forderungen seitens der gesellschaftlichen Akteure an diejenigen herangetragen oder per se vorausgesetzt werden, die sich assimilieren sollen, wird im gesellschaftlichen Diskurs sowohl als Hoffnung für einen gelingenden Integrationsprozess propagiert, als auch als Bedrohung und Vereinnahmung verstanden. Der Begriff „Assimilation“ verschwimmt mit anderen Benennungen und Konzepten, wie eben dem der Integration, aber auch: Akkulturation, Eingliederung, Akkomodation, Absorption, Inkorporation, Inklusion, Partizipation, Kohäsion, Tolerierung, Anti-Diskriminierung, Empowerment, usw. Es ist also zu begrüßen, um der wissenschaftlichen Klärung, wie der umgangssprachlichen Diskussion willen, dass Jutta Aumüller den Versuch unternimmt, mit ihrer Arbeit einen sozialwissenschaftlich orientierten Beitrag zur Begriffsgeschichte zu leisten.

Aufbau und Inhalt

Dabei setzt sich die Autorin erst einmal in breiter Form mit dem Begriff „Assimilation“ auseinander, indem sie die unterschiedlichen theoretischen Bezeichnungen auf ihre ursprüngliche etymologische Bedeutung zurückführt, die verschiedenen Bedeutungskontexte herstellt und das begriffliche Verhältnis zwischen Assimilation und Integration klärt.

Im zweiten Teil diskutiert sie die verschiedenen klassischen Assimilationstheorien, die im Zusammenhang mit den großen Wanderungsbewegungen insbesondere in die USA zwischen den 1920er und 1960er entstanden sind (Park, Gordon, Eisenstadt, u.a.). Die dabei reflektierten Entwicklungen vom „Melting Pot“ bis zum „Culturalist Turn“ zeigen bestimmte Leitbilder auf, die einerseits auf eine einer liberalen Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung geschuldeten Betrachtung unterliegen, andererseits die Komplexität bei der Bildung von Einwanderungsgesellschaften abbilden und sich einer Typisierung auf das Anpassungskriterium entziehen.

Im dritten Teil betrachtet Aumüller die seit den 1960er Jahren einsetzende Kritik an den traditionellen Assimilationstheorien und stellt neuere Modelle von Assimilation vor. Während in den Konzepten von Gordon u. a. bei denen die individuelle Anpassung als zentrales Motiv für Einwanderung und Assimilation zugrunde gelegt wird, werden in den neueren Theorien soziale Prozesse zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen in den Vordergrund gestellt. Die Theorien des Neoassimilationismus jedoch trügen „eher zu einer Verwirrung denn einer tatsächlichen Klärung von Assimilation bei“.

Im vierten Teil analysiert Jutta Aumüller die in der deutschsprachigen Migrationsforschung seit den 1970er und frühen 1980er Jahren entwickelten und praktizierten Konzepte in der Migrationssoziologie. Dabei werden im wesentlichen die Theorien diskutiert, wie sie von Hartmut Esser, Bernhard Nauck, Friedrich Heckmann dargestellt werden. Auch hier sieht sie erhebliche Defizite in der Theoriediskussion: „Bei allen definitorischen Bemühungen um eine Klärung der Begriffsinhalte ist es in der Sozialwissenschaft nicht gelungen, eine eindeutige begriffliche Grundlage in der Integrations- beziehungsweise Assimilationsdiskussion zu schaffen“. Die Autorin stellt dabei fest, dass dadurch der Assimilationsbegriff in Deutschland durch die Begriffsverwendung „Integration“ weitgehend tabuisiert bzw. nur im Zusammenhang mit historischen Eingliederungsprozessen, etwa der Assimilation der Juden im 19. Jahrhundert und von Polen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, verwendet wird. „Integration ist ein Prozess, der der politischen Regulierung bedarf und mit entsprechender Institutionalisierung verbunden ist“ (vgl. dazu auch die Rezension zu: Stefan Luft, Staat und Migration. Zur Steuerbarkeit von Zuwanderung und Integration, Campus Verlag 2009).

Im fünften Kapitel stellt die Autorin die politischen Diskurse vor, die in der deutschen Mehrheitsgesellschaft anlässlich der jüdischen Assimilation im 19. Jahrhundert geführt wurden. Dabei unternimmt sie den Versuch, das in diesem Zusammenhang identifizierte „Dilemma der Assimilation“ zu übertragen auf die „Debatte um die prinzipielle Integrierbarkeit des Islam“.

Einen weiteren historischen Blick richtet Aumüller auch im sechsten Teil, indem sie die Assimilationsdiskurse im Nationalismus und in der Volkstumsforschung des frühen 20. Jahrhunderts darstellt. „Assimilation…bleibt bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts in den völkischen Diskurs eingebunden und wird …als ein kollektiver Prozess diskutiert“.

Im siebten Kapitel werden die neueren Diskurse um Zuwanderung und Zuwanderungspolitik in Deutschland dargestellt. Von der „Ausländerpolitik“ hin zur Multikulturalismus-Debatte um die Frage, ob die Bundesrepublik ein Einwanderungsland sei oder nicht, den Diskussionen um „Leitkultur“ und „Parallelgesellschaften“ – deutlich wird, dass in diesen Auseinandersetzungen assimilatorische Konzepte kaum mehr eine Rolle spielen; vielmehr werden Begrifflichkeiten wie „Assimilation“ und „Integration“ zu ideologischen Schlagwörtern, „die zur symbolischen Inszenierung von Politik verwendet werden“.

Das achte Kapitel reflektiert die individuellen und ethnischen Belastungen, die bei einer erzwungenen Anpassung entstehen. Jutta Aumüller diskutiert dabei die „akkulturativen Belastungen“, die insbesondere in der Sozialpsychologie untersucht werden und zeigt auf, wo überall in der Praxis der deutschen Integrationspolitik die Fallen dafür aufgestellt sind; etwa in der kulturellen Homogenisierung in der deutschen Sprach- und Schulpolitik, den Regelungen bzw. Nichtregulierungen zum Minderheitenschutz. Dabei redet die Autorin nicht einem „Laissez -faire“ und einem „Laissez passer“ in der Integrationspolitik das Wort. Sie macht deutlich, dass ein Zusammenleben von Menschen in einer Gesellschaft Anpassungsnotwendigkeiten von Minderheiten in die Mehrheitsgesellschaft voraussetzt; gleichzeitig aber auch in umgekehrter Weise. Es bedarf also Rahmenbedingungen, die eine „freiwillige Assimilation“ möglich machen; denn: „Assimilation wird dann zum Zwang, wenn sie ihr Scheitern allein dem Individuum aufbürdet“.

Diskussion

Auch wenn Jutta Aumüller den Konnotationen von Theoretikern und Kritikern der Migrationspolitik nicht zustimmt, dass Assimilation ein „empty signifier“ (Ernesto Laclaus) oder eine „ideologische Leerformel“ (Wolf-Dieter Narr) sei, dürfte es ihr mit ihrer Arbeit gelungen sein deutlich zu machen, dass im theoretischen Diskurs wie in der praktischen und gesellschaftlichen Wahrnehmung der Begriff „Assimilation ein problematisches diskursives Konzept“ darstellt. In realiter aber ist die Eingliederung von Menschen mit Migrationserfahrung in eine Mehrheitsgesellschaft verbunden mit dem Wechsel des kulturellen und sozialen Bezugssystems: „Assimilation bedeutet (jedoch) nicht einfach die Aneignung kultureller Praktiken und Wertvorstellungen der Zuwanderungsgesellschaft, sondern Assimilation bedeutet auch, in einem neuen sozialen Zusammenhang akzeptiert zu werden“.

Fazit

Mit dem wissenschaftlichen Beitrag „Assimilation. Kontroversen um ein migrationspolitisches Konzept" liefert Jutta Aumüller einen wichtigen Baustein zum kontroversen Diskurs um Integrations- und Einwanderungspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Es ist zu wünschen, dass er sowohl für die Bereiche der Migrationsforschung, als auch für die konkrete gesellschaftliche Auseinandersetzung benutzt wird, um ein „gemeinsames Menschenhaus“ im Zusammenleben der Menschheit in unserer Einen Welt errichten zu können.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.11.2009 zu: Jutta Aumüller: Assimilation. Kontroversen um ein migrationspolitisches Konzept. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-8376-1236-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8169.php, Datum des Zugriffs 02.12.2020.


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