Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Gabriele Klein (Hrsg.): Tango in Translation

Rezensiert von Jens Siebeneicher, 21.09.2010

Cover Gabriele Klein (Hrsg.): Tango in Translation ISBN 978-3-8376-1204-2

Gabriele Klein (Hrsg.): Tango in Translation. Tanz zwischen Medien, Kulturen, Kunst und Politik. transcript (Bielefeld) 2009. 303 Seiten. ISBN 978-3-8376-1204-2. 28,80 EUR. CH: 49,90 sFr.
Reihe: TanzScripte - Band 19
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Tango ist Tanz, Musik, Kultur und Medium. Er hat sich beginnend vom Ende des 19. Jahrhunderts auf der ganzen Welt verbreitet und überall seine eigenen Formen entwickelt. Tango, das ist Leidenschaft und Poesie, Romantik und Erotik, Improvisation und Konvention, Politik, Wirtschaftsfaktor und Emotion, getanzt in unterschiedlichsten Milieus weltweit.

Im September 2009 zeichnete die UNESCO den Tango als Meisterwerk des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit aus.

Grund genug, sich mit den vielfältigen Übertragungsbewegungen und Erscheinungsformen dieses kulturellen Hybrids auseinanderzusetzen.

HerausgeberIn

Gabriele Klein ist Professorin für Soziologie und Psychologie von Bewegung, Sport und Tanz am Fachbereich Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg. Sie leitet an selbiger Universität die Abteilung Kultur, Medien und Gesellschaft. Weiter ist sie Mitglied im Team des Zentrums für Performance Studies der Universität Hamburg.

Entstehungshintergrund

Im November 2007 fand in Hamburg die Internationale Konferenz „Translation Dance. Translokale Tanzkultur Tango“ statt. Das vorliegende Buch versammelt einen großen Teil der Beiträge dieser interdisziplinären Konferenz, die den Abschluss des Forschungsprojekts „Trans/nationale Identität und körperlich-sinnliche Erfahrungen. Lateinamerikanische Tanzkulturen im europäischen Kontext. Das Beispiel Tango und Salsa“ bildete. Vervollständigt wird es durch zusätzliche Beiträge ebenso renommierter Autorinnen und Autoren, die sich mit Übertragungsbewegungen im Tango beschäftigen.

Aufbau und Inhalt

Folgende vier Kapitel bilden den Inhalt des Buches:

  1. Transkulturelle Praktiken,
  2. Körper-Übertragungen,
  3. Geschlechterinszenierungen und
  4. Strategien des Politischen.

Jedes Kapitel weist mehrere Konferenz- oder Zusatzbeiträge auf, die sich unter der jeweiligen Kapitelüberschrift zusammenfassen lassen. Von den insgesamt dreizehn Beiträgen sind fünf in englischer Sprache verfasst.

Das erste Kapitel, Transkulturelle Praktiken, erklärt den Zusammenhang zwischen dem kulturtheoretischen Konzept von Übersetzung und seiner Anwendung auf den Tango als transkulturelle Praxis. Es bildet somit die wissenschaftliche Grundlage für das Verständnis von Tango als kulturelle Übersetzung. Dieser ist wiederum von Ritualen, Symbolen, Leidenschaft und Schauspiel geprägt.

Da das erste Kapitel die allgemeinen Grundlagen für das Verständnis spezifischer Fragestellungen an Übertragungsbewegungen im Tango bereitstellt, sollen im Folgenden die wesentlichen Argumentationslinien nachgezeichnet werden.

Es werden grundsätzlich zwei Anknüpfungspunkte für kulturelle Übersetzungen in der kulturtheoretischen Debatte ausgemacht: Einerseits ist dies die Multikulturalismus- und Interkulturalismusdebatte, die zwar eine Pluralität verschiedener Kulturen akzeptiert, deren Kulturkonzept allerdings von Homogenität und Separiertheit gekennzeichnet ist (politische Form Nationalstaat). Auf der anderen Seite steht das Konzept der Dekonstruktion, bei dem die unterschiedlichen Bausteine und Merkmale einer Kultur keine (materiellen oder historischen) Ursprünge haben, sondern nur mit sich selbst gegenseitig in Bezug stehen. Nach dem Konzept der Dekonstruktion konstituieren sich Kulturen somit selbst im Gegensatz zu einer originären Gegebenheit. Ausprägungen wie „Deutschsein“ ist beispielsweise also nur das Produkt einer kulturellen Aktivität, verstanden als kulturelle Übersetzung. Die dekonstruktivistische Kulturtheorie der Übersetzung ist das für den gesamten Band ausschlaggebende Konzept.

Der zentrale Ausgangspunkt für das Verständnis dieses Konzepts liegt in der Analogie zu der Frage begründet, was Übersetzung überhaupt ist. Die Antwort auf diese Frage lässt sich mit der Diskrepanz zwischen der binären Übersetzungstheorie Schleiermachers und der darauf bezogenen Kritik Walter Benjamins in seinem Essay „Die Aufgabe des Übersetzers“ erklären. Dem Übersetzungsprozess liegen zwei wesentliche Elemente zugrunde. Der Originaltext in seiner Sprache und seine Übersetzung (Sekundärproduktion) in einer anderen Sprache. Die Beziehung zwischen Original und Übersetzung kann verschieden verstanden werden. Während Schleiermacher genau zwei Möglichkeiten der Übersetzung vorsieht, Originaltreue oder ästhetische Wirkung, widerspricht Benjamin, indem er Übersetzung als Wandlung und Erneuerung versteht, nicht als Original und Kopie. Übersetzung wird somit selbst Kultur, sowie Kultur ständige Übersetzung ist.

Das Verständnis kultureller Übersetzung, das diesem Band inhärent ist, basiert folglich auf Transformation, auf Veränderung binärer kultureller Codes zu etwas Neuem. Ein daraus folgendes Verständnis für Kultur ließe sich als Transkultur bezeichnen, Kultur als performative Praxis und Subjektivierung. Kulturelle Übersetzung verstanden als Praxis des Alltagslebens.

Im Gegensatz zu kulturellen Übersetzungen in Sprache und Text bedarf der Tanz in dieser Hinsicht anderer Kategorien, da Tanz permanente Bewegung bedeutet, ohne Ausgangs- und Zielpunkt. Ein binäres Verständnis von Tanz ist somit nicht möglich. Der Tango lässt das Konzept der kulturellen Übersetzung im Besonderen deutlich werden, da er nicht - wie teilweise Folklore – ein rein lokaler Tanz ist, sondern vor allem als urbane und dynamische und Tanzform erscheint, die unterschiedlichste mediale Begleiterscheinungen mit sich bringt.

Die Analyse dieser tanzkulturellen Übertragung basiert auf verschiedenen Parametern, die sich auf folgende drei Untersuchungsfelder verdichten lassen:

  • Transformationen der tänzerischen Formen (zeitlich und räumlich definierte Kontexte)
  • Übertragungsbewegungen zwischen tänzerischen Praktiken, Bildern, Texten und Musik
  • Performativität der Übertragungsbewegungen (Besonderheiten, poetische Potentiale der Übertragungen in einzelnen Tanzkulturen)

Der Aspekt der Interkorporalität im Tango stellt dabei ein besonderes Übertragungsmoment dar.

Nachdem nun also die Argumentationslinie des ersten Kapitels - von der Übersetzung als kulturtheoretisches Konzept (allgemein) über die kulturelle Übersetzung als tanzkulturelle Übertragung (spezifischer) - zusammengefasst wurde, schließt sich in der logischen Folge die begriffliche Explikation des Tangos und seine Verbindung zur tanzkulturellen Übertragung an.

Im vorliegenden Buch spielt der Begriff Erzählung bzw. Narrativ in diesem Zusammenhang eine bedeutende Rolle. Tango als globales Narrativ umfasst die Aspekte Sinnlichkeit, Erotik und Passion, die über die oben bereits angesprochenen Medien transportiert und in verschiedene kulturelle Kontexte übersetzt werden. Dem globalen Narrativ zugehörig sind symbolische Codes einer weltweiten Tangokultur wie Kleidung, Accessoires, Rituale und Interaktionsordnungen, Identitätsentwürfe der Tangotanzenden, der Tanguera und des Tanguero, und die theatralen Aufführungen in den Milongas. Sie bilden den Rahmen für eine jeweils subjektive Übersetzung in lokalen Tangoszenen. Entscheidend ist die Performanz der sozialen, rituellen und tänzerischen Praktiken, die zu den lokalen Unterschieden innerhalb der globalisierten Tangokultur führen.

Tango als Narrativ zu bezeichnen, bedeutet, die Tangokultur als Zusammensetzung einzelner konstitutiver Erzählungen zu verstehen, die erst durch den Akt des Erzählens (Performanz) geformt wird. Dazu tragen zum einen die Neukontextualisierungen in stadtbezogenen Tanzszenen (z.B. die Hamburger oder Berliner Tangoszene) bei, zum anderen das Erzählen und Sprechen über Tango in unterschiedlichen medialen Formen. Zu nennen sind an dieser Stelle vor allem die Schrift, das Bild, die Musik, die mündliche Erzählung und natürlich das Tanzen als körperliche Erzählung. Im Tango wird Körperlichkeit einerseits erfahrbar gemacht und in Sprache übersetzt. Andererseits beeinflusst das Erzählen jedoch auch die tänzerischen Bewegungen. Es bestehen also Wechselwirkungen zwischen den Medien. Besonders die Interkorporalität des Paartanzes Tango ermöglicht es, die abstrakten Narrative erlebbar werden zu lassen. Im Zuge dieser Wechselwirkung zwischen Globalität und Lokalität wird die Erzählung Tango immer wieder aktualisiert und neu übersetzt.

Tango als transkulturelle Praxis versammelt unterschiedliche Tangokulturen (z.B. Finnischen, Japanischen und Queer- Tango) homogenisiert unter dem Begriff des globalen Narrativs Tango. Die kulturellen Erscheinungsweisen der lokalen Milongas werden durch die Praxis aktualisiert, bestätigt, transformiert und konventionalisiert. (Tango) Tanzen schafft so Identität.

Die bereits angesprochene Tangosymbolik ermöglicht auf einer nicht-sprachlichen Kommunikationsebene über Rituale den kulturübergreifenden Erfolg des Tangophänomens. Die Praxis der tangospezifischen Rituale erzeugt Gemeinschaften, communitas, die Grenzen überschreiten und global existieren.

Im zweiten Kapitel Körper-Übertragungen wird die Interkorporalität des Tango näher beleuchtet. Dabei wird die zwischenmenschliche Kommunikation via Tango im Hinblick auf den einzelnen Körper, aber auch auf die Intensität und Besonderheit des gemeinsamen, die Körper verschmelzenden Tanzens fokussiert. Weiter geht es in diesem Kapitel um die komplexen Übertragungsphänomene in der Praxis und im Diskurs des Tangotanzens: um Probleme bei der Produktion von Tango, um Probleme, Schritte nachzuahmen und zu kopieren, die zu anderen Bewegungen führen; um Tango als Original im Gegensatz zu Tango als Wellness und Fitness- Hype.

Das dritte Kapitel Geschlechterinszenierungen thematisiert die Geschlechterbilder des Tanguero und der Tanguera. Hinterfragt wird das Verständnis von Maskulinität und Machoismus vor dem Hintergrund der Übersetzung (der Tangokultur nicht Zugehöriger). Die Maskulinität wird am Beispiel zweier unterschiedlicher Tangochoreographien untersucht. Des weiteren wird die transkulturelle Kontingenz von Tango und Medien insofern akzentuiert, als die vorgestellten, imaginierten Geschlechterbilder in Tangotexten und der zeitgenössischen argentinischen Belletristik analysiert werden.

Das vierte und letzte Kapitel trägt den Titel Strategien des Politischen, in dem das wechselseitige Verhältnis zwischen Politik und Tango expliziert wird. Beispielsweise wird der in Argentinien bestehende Zusammenhang zwischen Peronismus und Tango beleuchtet, dessen Übertragungsbewegung durchaus als reziprok anzusehen ist und weiterer Analyse bedarf.

Diskussion

Der Herausgeberin gelingt es, die vielen interessanten Beiträge der internationalen Fachkonferenz zum Thema „Translation Dance. Translokale Tanzkultur Tango“ strukturiert zu bündeln und um weitere wichtige und interessante Aufsätze zu ergänzen. Die besondere Qualität dieser Sammlung liegt in der Interdisziplinarität begründet, die alle eines gemeinsam haben: sie kennzeichnen den Tango als kulturellen Hybrid - sei es aus einer kulturwissenschaftlichen, bewegungstheoretischen, politisch- historischen oder Gender-Perspektive - ohne jemals Übertragungsbewegungen als roten Faden und konstitutives Merkmal aus den Augen zu verlieren.

Fazit

Die vorliegende Sammlung von Aufsätzen richtet sich nicht nur an Tanz- und Bewegungswissenschaftler sondern an alle, die sich für Interdisziplinarität in der Tanzforschung interessieren. In diesem Sinn sind die kulturellen Übertragungsbewegungen im Tango sicherlich auch für Politik-, Sozial- und Kulturwissenschaftler gewinnbringend. Außerdem ist das Buch für alle Tango-Interessierten lesenswert, da zahlreiche Aspekte der Tangorezeption thematisiert und analysiert werden. Die Tatsache, dass es sich um eine Aufsatzsammlung handelt, hat dabei den Vorteil, einen umfangreichen Einblick in die tangospezifische, interdisziplinäre Tanzforschung zu bekommen. Eine weiterführende, vertiefende Lektüre einzelner Aspekte, die durch die Anordnung der Kapitel allein deutlich werden, wird durch das aufsatzspezifische Literaturverzeichnis ermöglicht und angeregt. Betonen möchte ich an dieser Stelle, dass es sich bei dem Buch um eine wissenschaftliche (Aufsatz-) Sammlung handelt, bei der zudem gute Kenntnisse der englischen (Fach-) Sprache notwendig für das Verständnis sind.

Rezension von
Jens Siebeneicher
Mailformular

Es gibt 1 Rezension von Jens Siebeneicher.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jens Siebeneicher. Rezension vom 21.09.2010 zu: Gabriele Klein (Hrsg.): Tango in Translation. Tanz zwischen Medien, Kulturen, Kunst und Politik. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-8376-1204-2. Reihe: TanzScripte - Band 19. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8174.php, Datum des Zugriffs 19.05.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht