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Martin R. Textor: Die Familie in Gegenwart und Zukunft

Cover Martin R. Textor: Die Familie in Gegenwart und Zukunft. Positionen, Provokationen, Prognosen. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2009. 96 Seiten. ISBN 978-3-8370-8606-5. 9,80 EUR, CH: 18,50 sFr.
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Autor

Dr. Martin R. Textor war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Münchener Staatsinstitut für Frühpädagogik und leitet jetzt in Würzburg das Institut für Frühpädagogik und Zukunftsforschung. Er gibt das Online-Handbuch „Kindergartenpädagogik“ heraus und bearbeitet das Online-„Familienhandbuch“. Er hat zahlreiche Fachbücher und Fachartikel zu den Themen Kindergartenpädagogik, Familienforschung und Elternbildung verfasst und ist auch Rezensent von Socialnet.de.

Aufbau und Inhalt

Das schmale Buch reiht sich ein in eine Vielzahl aktueller Veröffentlichungen zu den Themen „Entwicklung der Familie“ und „Familiensoziologie“ und ist auch ein Beitrag zur aktuellen Diskussion über unterschiedliche Konzepte der Familienpolitik und die Rolle der Familie in Beziehung zur familienergänzenden Erziehung in Deutschland. Insofern ist dem Buch von Martin R. Textor schon einige Aufmerksamkeit sicher, insbesondere, als es aus dem Rahmen anderer Veröffentlichungen deutlich herausfällt, denn es beinhaltet wirklich das, was der Untertitel verspricht: Positionen, Provokationen und Prognosen. Thema ist einerseits eine Darstellung der Situation und der Lebenslage von Familien in Deutschland heute, basierend z.T. auf aktuellen qualitativen Untersuchungen, z.T. auf den persönlichen Anschauungen und Schlussfolgerungen des Autors (den „Positionen“ des Untertitels), und zwar in thesenartiger, zugespitzter Form (den „Provokationen“), andererseits enthält es einen Ausblick zur Entwicklung der Familie (den „Prognosen“). Doch dazu mehr unter der Überschrift „Diskussion“.

Der erste Teil des Buches wird bestimmt von einer Zusammenfassung von fünf recht aktuellen repräsentativen Umfragen zu den Einstellungen von Eltern zu verschiedenen Aspekten von Elternschaft heute. Diese betreffen die Gebiete

  • Mutterschaft heute
  • Einstellungen zur Berufsunterbrechung
  • Wertschätzung der Familien- und Hausarbeit
  • Vaterschaft heute
  • Erziehungsziele und -einstellungen von Eltern.

In diesem Teil wird zu dem jeweiligen Thema eine Zusammenfassung der wichtigsten Daten aus den Untersuchungen vorgenommen, teils in Text-, teils in Tabellenform. Da die Fragestellungen in den einzelnen Untersuchungen natürlich unterschiedlich waren, ergibt sich aus der Zusammenstellung in Textform für den Leser eine recht unübersichtliche Datenflut, insbesondere, da die Daten vom Autor auch kaum gewichtet werden. Dies zeigt sich auch bei der Wiedergabe des Modells sozialer Milieus nach SINUS, bei dem zwar erfreulich ist, dass endlich auch den Migranten unterschiedliche Milieus zugestanden werden, bei der aber die stichwortartige Charakterisierung der Angehörigen unterschiedlicher Milieus etwas ärgert, da dies leicht zu Verallgemeinerungen und oberflächlicher Betrachtung führt.

Auf diesen Teil folgen vier Kapitel, in denen der Autor im Stile von Essays (also fast ohne Literaturangaben oder Verweise) zu vier Themen Stellung nimmt:

  • Familienkindheit heute
  • Ehe- und Familienprobleme
  • Auf dem Weg zur elternlosen Gesellschaft
  • Zukunft der Familie.

Wichtige Aspekte des jeweiligen Themas werden hier dargestellt, wobei die Schwerpunkte auf denjenigen Bereichen liegen, die in der öffentlichen Diskussion zur Zeit bestimmend sind. (Als Beispiel: Im Kapitel „Familienkindheit heute“ stehen folgende Themen im Mittelpunkt: Pluralität der Lebensformen, Einzelkinder, Kindheit in pädagogisch besetzten Räumen, Selbsttätigkeit und Konsum, Einfluss der Medien.) Leider stehen diese Essays in keinem erkennbaren Bezug zu den vorher dargestellten Ergebnissen der empirischen Untersuchungen. Im Gegenteil: Im Kapitel „Familienkindheit heute“ steht auf S. 50: „Erwerbstätige Mütter und Alleinerziehende sind hingegen vielfach überlastet. Sie haben häufig Probleme mit der Kinderbeitreuung und erleben Trennungsschmerz und Schuldgefühle, wenn sie morgens Kleinkinder in der Krippe, bei der Tagesmutter und in der Kindertagesstätte abgeben. Sie sind leicht gereizt und ungeduldig, leiden unter ihrer zersplitterten Existenz und der fortwährenden Hetze.“

In dem Kapitel „Mutterschaft heute“ werden diese Aussagen durch die empirischen Untersuchungen nicht gestützt, im Gegenteil: Nur 5 % aller Mütter geben „Organisation des Alltags“ als Schwierigkeit an (S. 22), und … „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wurde von ihnen seltener als größte Schwierigkeit erlebt“ (ebd.), „Allerdings werden heute junge Mütter nicht mehr von der Bevölkerung stigmatisiert, wenn sie ihr Kind in eine Kinderkrippe geben – … 90% aller Frauen und 85 % aller Männer (hielten) in diesem Fall den Begriff ‚Rabenmutter‘ für nicht passend.“ (S. 24).

In dem Kapitel „Auf dem Weg zur elternlosen Gesellschaft“ (ohne Fragezeichen!) geht es, ganz vereinfacht, um die Frage, welche Rolle der Erziehung in der Familie und der familienergänzenden Erziehung zukommt. Hier wird allerdings auch deutlich, dass der Autor eine klare persönliche Präferenz hat (was ja an sich nicht verwerflich hat, er hat es ja im Untertitel seines Buches angedeutet), die er aber in die Form einer Sachaussage kleidet, deren Inhalt unzutreffend ist. Zitat S. 66: „Es ist schon verwunderlich, dass inzwischen selbst höher gebildete Eltern glauben, dass Kleinkinder in einer Kindergartengruppe mit rund 25 Kindern durch eine Erzieherin mit mittlerem Bildungsabschluss und zweijährigem Besuch einer Fachschule für Sozialpädagogik und durch eine Zweitkraft mit Hauptschulabschluss und zweijährigem Besuch einer Berufsfachschule intensiver gefördert werden könnten als durch ihre Eltern. Wie viele Minuten pro Tag wird sich die Fachkraft wohl jedem einzelnen Kind widmen können?“ Zur Information: An keiner Stelle seines Buches geht der Autor auf die pädagogische Wirklichkeit in deutschen Kindergärten ein, auf Bildungspläne, Qualitätsmanagement, Anhebung des Qualifikationsniveaus, Kinder- und Familienzentren oder die Ausbildung von Erzieherinnen etc. etc.

Aber auch die Erziehung in der Familie kriegt „ihr Fett weg“: Unter der Überschrift „Das Ende der Gemütlichkeit“ schreibt der Autor auf S. 71: „Die mangelnde Wertschätzung und die geringe Zeit für die Haushaltsführung bedingen aber auch die in immer mehr Familien fehlende ‚Gemütlichkeit‘. Viele Wohnungen sind heute rationell ausgestattet, wirken kühl und unwohnlich. (…) Die mangelnde Gemütlichkeit trägt zu der schon erwähnten Lockerung der Eltern-Kind-Beziehung bei: Es ist einfach nicht mehr schön, zu Hause zu sein.“

Das letzte Kapitel, „Die Zukunft der Familie“, zeichnet in 24 Thesen zur Situation von Familien zwischen Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst ein überwiegend düsteres Bild von Familien zwischen Kinderarmut, zunehmender Spaltung der Gesellschaft, starker Kinderfeindlichkeit und damit einhergehender abnehmender Geburtenrate, zunehmenden Familienproblemen, zunehmender Fremderziehung, zunehmendem Medienkonsum. Alles in allem eine riskante Prognose, die lediglich auf einer Fortschreibung gegenwärtiger Tendenzen und Ängste beruht.

Diskussion

Im Untertitel des Buches fehlt eigentlich ein viertes „P“ für „Polemik“, denn zweifellos beabsichtigte der Autor nicht, der Vielzahl von wissenschaftlichen Darstellungen eine weitere hinzuzufügen, sondern eine Streitschrift zu verfassen, die zum Teil auf veröffentlichten Meinungen unterschiedlichster Art beruht, zum Teil auf der Summe der persönlichen Erfahrungen des Autors, weshalb es auch keiner Quellenangaben bedarf. Einen Beleg dafür bietet die Eingangsthese des Autors, mit der auch im Klappentext geworben wird: „Das Experiment mit dem Sozialismus ist gescheitert. So haben sich immer mehr Staaten von ihrer sozialistischen Wirtschaft- und Gesellschaftsordnung befreit. (…) Hierbei wird jedoch übersehen, dass der Sozialismus im Herzen der bürgerlichen Gesellschaft einen großen Sieg davongetragen hat: Das sozialistische Familienbild hat sich gegenüber dem bürgerlichen durchgesetzt.“ (S. 13). Wer weiß, was das „sozialistische Familienbild“ in der DDR (und anderswo) bedeutete, wird mit diesem Begriff vorsichtiger umgehen. Auch der historische Verweis auf das 19. Jahrhundert ist falsch, denn was der Autor hier als „sozialistisch“ bezeichnet – Erwerbsethos, Unabhängigkeit der Frau, Schulbildung für Jungen und Mädchen, familienergänzende Erziehung – wurde auch vom aufgeklärten Bürgertum vertreten, die ersten Kindergärten in Deutschland wurden von Frauen aus dem Bürgertum gegründet. Die Unterstützung der Familie durch externe Institutionen – Schule, Frühpädagogen, Nachbarschaftsnetzwerke – ist in Ländern, die wahrhaftig nicht des Sozialismus geziehen werden können, stärker ausgeprägt als bei uns (USA, Frankreich, Niederlande…).

Durch große Teile des Buches zieht sich ein kulturpessimistischer Duktus, der in vielen gegenwärtigen Veränderungen nur das Negative sieht. Fortschreibungen gesellschaftlicher Entwicklungen sind aber gefährlich: Wer in den noch von traditionellen Familienvorstellungen geprägten 50er Jahren oder in den kinderladenbewegten 70er Jahren in Westdeutschland eine Prognose für die Zukunft von Ehe und Familie abgegeben hätte, die auf einer einfachen Fortschreibung beruhte, wäre großartig gescheitert.

Fazit

Das Buch hätte eine gute Streitschrift sein können, wenn es nicht zahlreiche Entwicklungen in der öffentlichen Erziehung, über die der Autor natürlich bestens informiert ist, einfach ausgeblendet hätte, und wenn eine durchgehende Argumentation – z.B. von einer These über eine Darstellung von Umfrageergebnissen über eine Interpretation davon hin zu einem zusammenfassenden Ausblick bzw. einer vorsichtigen Zukunftsprognose – vorhanden wäre. So ist es ein provozierendes, gut geschriebenes Buch mit vielen persönlichen Argumenten, in die auch noch diverse Exkurse eingeflochten sind, über all das, was uns an der heutigen Gesellschaft und ihrer Familienpolitik so oft ärgert.


Rezensent
Wolfgang Dohrmann
M.A., Dozent am Pestalozzi-Fröbel-Haus, Berlin
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Zitiervorschlag
Wolfgang Dohrmann. Rezension vom 20.10.2009 zu: Martin R. Textor: Die Familie in Gegenwart und Zukunft. Positionen, Provokationen, Prognosen. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2009. ISBN 978-3-8370-8606-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8176.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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