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Anke Spies, Nicole Pötter: Soziale Arbeit in Schulen. Eine Einführung

Cover Anke Spies, Nicole Pötter: Soziale Arbeit in Schulen. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 180 Seiten. ISBN 978-3-531-16346-8. 16,95 EUR.
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Thematischer Rahmen

Insbesondere die Anregungen des 12. Kinder- und Jugendberichts (2005) zu den Aspekten von Bildung als Konzept in der Kinder- und Jugendhilfe, mehr noch aber die politisch-motivierten Thematisierung zu Formen schulischen Misslingens unter den Labeln der „Schulverweigerung“, „Schuldistanz“ oder „Schulflucht“ haben dazu beigetragen, Thema, Gegenstand und Handlungsansätze der Schulsozialarbeit (auch unter anderen Begriffen wie z. B. „schulbezogene Jugendarbeit“, „Schuljugendarbeit“, „schulbezogene Jugendsozialarbeit“, „schulbezogene Jugendhilfe“, „Soziale Arbeit an Schulen“, „Schoolwork“ oder „Jugendarbeit an Schulen“ firmierend) in den Fokus zu rücken. Schulsozialarbeit als Aufgabe und Leistung der Kinder- und Jugendhilfe meint alle Formen einer verbindlich zwischen ihr und konkreten Schulen vereinbarten gleichberechtigte und kontinuierlichen Zusammenarbeit in der Regel am Ort Schule, wodurch Schule für sozialpädagogische bzw. sozialarbeiterische Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe geöffnet wird. Schulsozialarbeit kann sich also als zusätzliche Ressource entfalten, „die die pädagogische Qualität der Schule weiterentwickeln hilft und das Repertoire pädagogischer Arbeitsformen und Lernchancen erweitert“ (vgl. www.Schulsozialarbeit.net). Programme in allen Bundesländern haben in den zurückliegenden 20 Jahren dazu beigetragen, dieses Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit flächendeckend, wenn auch oft nur prekär finanziert, zu implementieren. Schulsozialarbeit hat sich damit zu einer wichtigen Dienstleistung im Feld zwischen Kinder- und Jugendhilfe auf der einen und Schule auf der anderen Seite entwickelt (vgl. z. B. Florian Baier und Ulrich Deinet: Praxisbuch der Schulsozialarbeit, 2. Aufl. Opladen und Farmington Hills 2011; www.socialnet.de/rezensionen/11056.php).

Der vorliegende Band eröffnet die Reihe „Soziale Arbeit an Schulen“, mit der die Autorinnen „das Handlungsfeld Schulsozialarbeit aus wissenschaftlicher und praktischer Perspektive in seinen vielfältigen Facetten abbilden“ möchten, und nimmt eine Einführung in dieses Arbeitsfeld vor, der weitere, vertiefende Betrachtungen zu Aspekten der Schulsozialarbeit folgen sollen. „Die Reihe soll einen Beitrag dazu leisten, angehende Praktikerinnen und Praktiker auf ein anspruchsvolles, nicht immer eindeutiges Handlungsfeld vorzubereiten“, heißt es im Vorwort der Verfasserinnen (S. 9).

Autorinnen

Dr. Anke Spies ist Professorin für Erziehungswissenschaften am Institut für Pädagogik an der Universität Oldenburg, Dr. Nicole Pötter wirkt derzeit als Koordinatorin der Bildungsforschungsinitiative des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Aufbau und Inhalt

Anke Spies und Nicole Pötter nutzen den Begriff „Soziale Arbeit an Schulen„; der maßgeblich verwendeten Bezeichnung Schulsozialarbeit stellen sie damit den „Begriff mit der größten Reichweite – ‚Soziale Arbeit an Schule‘“ (S. 9) zur Seite. Damit wird die Intention deutlich, mit der ersten Veröffentlichung der neuen Reihe zugleich den Anspruch zu verbinden, über Schulsozialarbeit hinaus zu denken. Gleichwohl geht es hier „nur“ um Schulsozialarbeit; der vorliegende Band „soll als Lehrbuch unser theoretisches Grundverständnis darlegen und gleichzeitig auf eine vertiefende Auseinandersetzung in den folgenden Bänden neugierig machen“ (S. 11). Dazu hat die Veröffentlichung vier Abschnitte:

Zunächst (S. 13ff) werden begriffliche Präzisierungen in Bezug auf Soziale Arbeit an Schule und Einordnungen im Blick auf die Funktionen Sozialer Arbeit an und mit Schule vorgenommen; Spies/Pötter erläutern die Begriffswahl von Schulsozialarbeit als „Sozialer Arbeit an Schule“ und legen anschließend ihr theoretisches Konzept dar: „Anschlussfähigkeit“ (als Teilhabe der Schülerinnen und Schüler z. B. an Bildung, als „Brücke“ zwischen Bildungssystem und Lebenswelt) wird als Ziel der Schulsozialarbeit bestimmt und Kooperation als „Kerngeschäft“ (S. 29) der Schulsozialarbeit bezeichnet; der Begriff der „Anschlussfähigkeit“ an die gesellschaftlichen Strukturen und an die Lebenswelt bildet systematisch den Ausgangspunkt aller weitergehenden Überlegungen (wobei die Autorinnen ihrerseits Anschluss suchen an Duktus und Begriffswelt Niklas Luhmanns). Im Kontext der Überlegungen zum Beispiel des Bundesjugendkuratoriums von 2002 werden schließlich formale wie non-formale Bildungsprozesse, „Prozesse des Mündigwerdens“ (S. 38) und (insoweit auch informelle) Selbstbildungsprozesse als gemeinsamer Gegenstand („Auftrag“, S. 37) von Kinder- und Jugendhilfe auf der einen und Schule auf der anderen Seite bestimmt, wobei gilt: „Die Kinder- und Jugendhilfe regt (Selbst) Bildung durch nicht-formelle und informelle Angebote an. Ersteres vor allem durch von der formellen (schulischen) Struktur und Atmosphäre oft bewusst abgegrenzte Lernräume, letzteres, indem sie intentional gewollte und gestaltete Erfahrungsräume zur Verfügung stellt … (…) Die sozialen Aspekte der Lebensführung stehen im Mittelpunkt ihrer pädagogischen Konzeption“ (S. 42). Auch deshalb sei es „problematisch …, wenn Sozialpädagoginnen Aufgaben der Lehrkräfte übernehmen. Eine neue Synthese zwischen der Kinder- und Jugendhilfe und der Schule bedeutet also nicht, dass die Grenzen und Unterschiede zwischen den beiden Institutionen verwischt werden, sondern dass man im Bewusstsein um die Grenzen und Möglichkeiten der jeweiligen Institution seine Aufgabe selbstkritisch wahrnimmt und anerkennt, dass das eigene Angebot der Ergänzung um die andere Seite bedarf“ (S. 44). Damit werden in angemessenem Maße auch die Differenzen betont, die Soziale Arbeit im Verhältnis zu Schule zu betonen haben wird. Diesen grundsätzlichen Überlegungen folgen Hinweise zur Zielgruppe der Schulsozialarbeit, zur Notwendigkeit, durch Schulsozialarbeit für die Kinder und Jugendlichen biografisch relevante Aneignungsprozesse zu fördern, und schließlich zu Rechtsfragen und Trägerschaft, womit der große Rahmen für Schulsozialarbeit abgesteckt ist.

Vor diesem Hintergrund nehmen die Autorinnen sodann eine Positionsbestimmung zum methodischen Handeln in der Schulsozialarbeit vor (S. 67ff), wobei sie sich auf „klassische“ Methoden der Sozialen Arbeit (Einzelfallhilfe einschließlich Beratung, Soziale Gruppenarbeit und Vernetzung im Gemeinwesen) konzentrieren.

Ausführlich werden anschließend die Arbeitsbereiche und Aufgabenfelder der Schulsozialarbeit (z. B. Förderung des sozialen Lernens, offene Angebote, sozialpädagogische Beratung, Berufsorientierung, schulbezogene Hilfen, Zusammenarbeit mit Eltern) an Hand einer Reihe von Praxisbeispielen illustriert.

Schließlich nehmen Spies und Pötter eine – allerdings sehr knappe – Einschätzung („Ausblick“) vor, ob sich eine neue Synthese von Jugendhilfe und Schule“ abzeichnet (S. 169 – 171). Ihr Fazit lautet unter anderem: „Eine neue Synthese von Jugendhilfe und Schule … heißt somit durchaus nicht, dass es eine Verwischung an Zuständigkeiten oder Aufgaben zwischen den schul- und sozialpädagogischen Fachkräften gibt. Eine neue Synthese heißt, dass die Schule als formeller Bildungskontext Räume – zeitliche und physische – eröffnet, in denen nicht-formelles und informelles Lernen möglich ist und die solche Bildungsprozesse von Kindern und Jugendlichen bewusst gestalten und unterstützen“ (S. 169).

Abgerundet wird der Band durch ein Literaturverzeichnis, das im Kern den Literaturstand bis 2009 abbildet und auch einige Beiträge aus 2010 bereits umfasst.

Zielgruppen

Es ist der Anspruch der Autorinnen, „mit dem Lehrbuchformat dieses ersten Bandes vor allem künftigen Fachkräften, aber auch interessierten Kolleginnen und Kollegen in Aus- und Weiterbildungskontexten einen einführenden Überblick und einen theoretisch strukturierten Zugang zum Handlungsfeld“ anzubieten (S. 9f). Dieser Anspruch ist berechtigt. „Soziale Arbeit an Schulen“ eignet sich für die Ausbildung künftiger Fachkräfte der Sozialen Arbeit – insbesondere als Einführung – besonders gut. Hier bieten vor allem die Praxisbeispiele, die Anke Spies und Nicole Pötter wählen, gute Anknüpfungspunkte, die in Lehrveranstaltungen vertieft besprochen werden können und Strukturen des Arbeitsfeldes verdeutlichen helfen.

Diskussion und Fazit

Das vorliegende Lehrbuch durchzieht erkennbar der Anspruch, einen Überblick über das Arbeitsfeldfeld Schulsozialarbeit vermitteln zu können, was sich vor allem in der Gestaltung des Bandes konsequent abbildet: So ist es möglich, den Text ohne die eingeschlossenen (grafisch entsprechend kenntlich gemachten) zusätzlichen Angebote (sog. „Vertiefungsabschnitte“, Praxisbeispiele sowie anregende Fragen zum Nachdenken und Literaturverweise) zu bearbeiten. Einige Grafiken veranschaulichen überzeugend die Argumentation.

Phasenweise erfolgt die Einführung freilich etwas knapp. Die Einführung in die Methoden der Schulsozialarbeit erscheint ausbaufähig; womöglich bleibt dies späteren Veröffentlichungen in der neuen Reihe vorbehalten (hier darf man gespannt sein). Die herangezogene Literatur (z. B. zum Unterabschnitt „Beratung“, S. 72ff) muss nicht als immer einschlägig bzw. aktuell gelten (auch hier wird an vertiefende Darstellungen ein anderer Anspruch zu stellen sein). Auch das als „Ausblick“ etikettierte Schlusskapitel verbleibt auf drei Seiten noch in der Form eines besseren Fazits; insbesondere dem Aspekt der Prekarisierung des Arbeitsfeldes durch immer neue und befristete Programmstrukturen muss noch größere Aufmerksamkeit gewidmet werden, wenn dessen Perspektive aussagekräftig taxiert werden soll.

Trotz dieser Hinweise präsentiert sich der erste Band der neuen Reihe insbesondere für Studierende der Sozialen Arbeit erfrischend klar, überschaubar gestaltet, gut lesbar und „anschlussfähig“ an die Praxis. Geliefert wurde eine aussagefähige Einführung in ein Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendhilfe mit wachsender Bedeutung, aber (noch) unsicherer Zukunft.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 24.10.2011 zu: Anke Spies, Nicole Pötter: Soziale Arbeit in Schulen. Eine Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-16346-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8183.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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