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Peter Bünder, Annegret Sirringhaus-Bünder u.a.: Lehrbuch der Marte-Meo-Methode

Cover Peter Bünder, Annegret Sirringhaus-Bünder, Angela Helfer: Lehrbuch der Marte-Meo-Methode. Entwicklungsförderung mit Videounterstützung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2009. 410 Seiten. ISBN 978-3-525-40206-1. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 69,00 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-525-40468-3 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Autoren

Dr. Peter Bünder ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Düsseldorf, Annegret Sirringhaus-Bünder in freier Praxis in Köln tätig. Beide sind „Marte Meo Licensed Supervisor“. Angela Helfer ist pädagogisch-therapeutische Mitarbeiterin in einer Beratungsstelle in Köln; sie ist „Marte Meo Supervisor“.

Thema

Marte Meo ist die geschützte Bezeichnung für eine spezifische Methode, die von der Holländerin Maria Aarts entwickelt wurde. Der Name bedeutet sinngemäß, etwas aus eigener Kraft erreichen.

Zentrales methodisches Instrument sind Videoaufnahmen von Alltagssituationen (z.B. Mahlzeiten, gemeinsames Spielen), die nach bestimmten Kriterien analysiert werden und in Ausschnitten besprochen werden. Die Videoausschnitte ermöglichen die Reflexion der eigenen Wahrnehmung und des eigenen Tuns. Eltern und andere Personen können lernen, die Kinder mit neuen Augen zu sehen und ihr eigenes Kommunikations- und Interaktionsverhalten zu verändern

Aufbau

Das Buch ist in sieben Teile mit jeweils einzelnen Kapiteln untergliedert.

Teil A: Geschichte und Theorie

Nach kurzen Vorbemerkungen und der geschichtlichen Entwicklung von Marte Meo werden die theoretischen Grundlagen erläutert bzw. dargestellt, zu welchen Theorien es welche Bezüge gibt: Entwicklungspsychologie (Bindungstheorie, Säuglingsforschung), Lerntheorie (Scaffolding, sozialkognitive Lerntheorie), Neurowissenschaften, Kommunikationstheorie, Systemtheorie, Theorie der symbolvermittelten Interaktion.

Teil B. Die Methode und ihre Wirkfaktoren

Marte Meo impliziert Modellvorstellungen von Beratung und stellt ein methodisches Inventar für die Beratung zur Verfügung.

Es gibt zwei grundlegende Prämissen:

  • Die kindlichen Verhaltensprobleme werden als Herausforderung für Entwicklung gesehen.
  • Die verantwortlichen Erwachsenen, i.d.R. die Eltern, können das Kind in seinen anstehenden Entwicklungsschritten unterstützen.

Diese brauchen passende Informationen und kompetente Begleitung für einige Zeit, um diese umzusetzen. Die direkte Zielperson ist nicht das Kind mit seinen Bedürfnissen, sondern die Eltern als Unterstützungspersonen.

Marte Meo als Modell förderlicher Kommunikation passt sich in der Vorgehensweise flexibel an die Anliegen, Lebensumstände und Lebenssituationen an.

Als Elemente der Kommunikation werden formuliert: Wahrnehmen, Bestätigen, Benennen, Sich abwechseln, Lenken und Leiten sowie als übergeordnete Elemente angemessener Ton und konstruktive Dialogtechnik.

Als ethische Grundsätze werden Freiwilligkeit, Schweigepflicht und Vertraulichkeit, Wahrung der persönlichen Grenzen der zu Beratenden sowie Respekt vor deren Lebensstil herausgehoben. Als positive Indikation wird die Bereitschaft zur engagierten Mitarbeit gesehen. Kontraindiziert ist Marte Meo bei fehlender oder eingeschränkter Fähigkeit oder Bereitschaft der Eltern zur Mitwirkung (z.B. stark eingeschränkte geistige Fähigkeit oder schwere Erkrankung); es ist kein Instrument zur Krisenintervention oder bei akuter Kindeswohlgefährdung. Der Konflikt im Spannungsfeld zwischen Beratung und Kontrolle wird ausführlich diskutiert.

Der Beratungsprozess umfasst:

  • Beginn: Aufklärung über die Methode, Erarbeiten eines Kontrakts.
  • erste Videoaufzeichnung: 2 Aufnahmen, wobei eine aufgaben- oder regelorientierte und eine spiel- und spaßorientierte Situation gefilmt wird.
  • Videointeraktionsanalyse: In einem Protokoll sollte erfasst werden: was zeigen die Bilder, was haben die Kinder bereits gut entwickelt, welche Entwicklungsbedürfnisse zeigen die Kinder, wo verhalten sich die Eltern förderlich, worin können die Eltern bestätigt werden, was fehlt, was können sie lernen.
    Es wird herausgearbeitet, welche (internalen) Modelle die Kinder bereits ansatzweise gelernt haben und auf das in der Beratung der Fokus gelegt werden kann. Es werden vier Modelle unterschieden: Kooperations- und Austauschmodell, Aktionsmodell, Problemlösungsmodell, Konfliktlösungsmodell.
  • Review (Beratungsgespräch): Das Gespräch wird i.d.R: mit den Eltern geführt, es werden auch Ansätze, in denen die Jugendlichen bzw. Professionelle beteiligt sind, vorgestellt. Im Mittelpunkt stehen die sichtbaren Stärken und Fähigkeiten. Es wird ein Arbeitsthema behandelt, dazu Informationen vermittelt; es können Hausaufgaben gegeben werden
    Als Grundregeln gelten: Keine Erklärung ohne dazu passende Videobilder: wenn gesprochen wird, steht das Videobild still. Das Review dauert etwa 45 bis 60 Minuten (Videofilm von ca. 10 – 15 Minuten).
  • Erneute Videoaufzeichnung, Videointeraktionsanalyse, Review (in erforderlicher Anzahl und in vereinbarten zeitlichen Abständen).
  • Abschluß der Beratung.

Teil C: Beratung von Familien mit Kindern und Jugendlichen

Dieser Teil stellt die Vorgehensweise in vielen Fallbeispielen dar und ist hinsichtlich zweier Blickwinkel gegliedert:

  • nach der Familienstruktur (Familien in Übergängen im familiären Lebenszyklus, Alleinerziehende, Stieffamilien, Pflege- und Adoptivfamilien, Unterschichtsfamilien, Multiproblemfamilien)
  • nach den spezifischen Störungen des Kindes. Im Focus stehen dabei Kinder mit sozial unauffälligen Symptomatiken (ängstlich, anstrengungsvermeidend), mit sozialen Auffälligkeiten (Regulationsstörungen, ADHS, isolierte oder randständige Kinder, oppositionelle und aggressive Kinder) und mit Behinderungen (schwerst-mehrfach behindert, autistisch).

Teil D: Marte Meo in Einrichtungen und Institutionen

Nach der Darstellung der Rahmenbedingungen und damit der Finanzierungsgrundlagen der verschiedenen Bereiche, in denen Marte Meo eingesetzt wird (Kinder- und Jugendhilfe: SGB VIII, Eingliederungshilfe: SGB XII, Krankenhilfe: SGB V), werden viele Beispiele aus den einzelnen Praxisfeldern besprochen. Im Einzelnen sind dies:

  • ambulante Jugendhilfe: Erziehungsberatung, SPFH, Kindertagesstätten mit einem Exkurs zur Arbeit mit Kindergruppen und mit Elterngruppen als Elterngruppenarbeit und Elterncoaching
  • stationäre Jugendhilfe: Heimerziehung (an einem Beispiel aus der Schweiz werden Interventionen auf der Ebene der Kinder, der Eltern und der Fachkräfte beschrieben), stationäre Familienbetreuung, Tagesgruppen
  • ambulante Gesundheitshilfe: ambulante Frühförderung (mit Beispielen aus Ergotherapie, Physiotherapie, Heilpädagogik und der interdisziplinären kollegialen Beratung), kinderpsychiatrische Praxis
  • stationäre Felder der Gesundheitshilfe: Kinder- und Jugendpsychiatrie, Behindertenhilfe
  • Beispiele von Projekten in Alten- und Pflegeheimen und Schulen

Die abschließenden drei Teile sind wesentlich kürzer.

Teil E: Marte Meo in Ausbildung, Weiterbildung und Supervision

Die Ansätze der Integration von Marte Meo in die Ausbildung von Erzieherinnen werden beschrieben. Die berufsbegleitende Weiterbildung umfasst drei Stufen:

  • Berater für Familien oder Mitarbeiter
  • Supervisor (darf eigenständig Weiterbildungen durchführen, aber keine Abschlusszertifikate vergeben
  • Licensed Supervisor“ (werden von Maria Aarts ernannt)

Darüber hinaus gibt es Formen der Supervision und der kollegialen Beratung.

Teil F: Marte Meo in wissenschaftlichen Kontexten

Es wird die noch spärliche Einbindung in die universitäre Lehre beklagt und Beispiele von Evalutionsstudien aus Indien, Dänemark und Schweden erläutert.

Teil G: Marte Meo und Videotechnik

Dieser Teil gibt nützliche Hinweise im Umgang mit der Videotechnik und verdeutlicht, auf was bei den Aufnahmen zu achten ist.

Im Anhang findet sich u.a. eine Marte-Meo-Adressenliste.

Anschaulich gemacht wird die Beratungsarbeit nach dem Marte Meo Ansatz durch die dem Buch beiliegende DVD. Sie enthält Videobeispiele und zusätzliches Material (allgemeine Informationen, Arbeitsblätter und Kopiervorlagen).

Zielgruppen

Fachkräfte der verschiedenen sozialen und medizinisch-therapeutischen Berufe, die in den angesprochenen Arbeitsfeldern (siehe Teil D) arbeiten

Diskussion

Es ist vielfältig belegt, dass Eltern immer unsicher werden im Umgang mit ihren Kindern und zunehmend professioneller Beratung bedürfen. Vor allem zeigt sich dies, wenn besondere Familienkonstellationen vorliegen oder die Kinder spezifische Störungen aufweisen. Marte Meo kann dabei sehr hilfreich sein, vieles „aus eigener Kraft“ zu erreichen.

Der Schwerpunkt der Beratung liegt auf der gemeinsamen Besprechung von gefilmten Alltagsszenen. Dies lenkt die Aufmerksamkeit auf das Gesehene und Gehörte; und Bilder zeigen mehr als tausend Worte. Die Ressourcenorientierung wird auch dadurch deutlich, dass vor allem gelungene Momente in der Interaktion herausgehoben werden.

Die Arbeit mit Video stellt aber keine Einzigartigkeit des Programms mehr dar. Es gibt mittlerweile mehr Programme, besonders aus dem Bereich der frühen Kindheit, die intensiv mit Video und ressourcenorientiert vorgehen. Auch dass die Weiterzubildenden eigene Videobeispiele aus der jeweiligen Praxis mitbringen (was als Besonderheit herausgestellt wird), ist keine Besonderheit mehr. Bemerkenswert ist das weite Spektrum des Alterbereichs (bis in die Altenhilfe) und der Anwendungsgebiete (auch als Instrument der Personalentwicklung), an die die Methode jeweils angepasst werden kann.

Marte Meo wurde von Maria Arts entwickelt, um Menschen zu unterstützen. Die theoretischen Grundlagen waren für sie nicht so wichtig, obwohl sie stets bereit ist, der Wissenschaft Einblick zu gewähren, und an vielen universitären Programmen mitgearbeitet hat. Umso mehr ist es zu begrüßen, dass in diesem Buch die theoretischen Grundlagen explizit dargestellt werden.

Die Beraterin braucht fundierte entwicklungspsychologische Kenntnisse, um die Interaktionsprozesse richtig interpretieren zu können. Eine theoriegeleitete Vermittlung von entwicklungspsychologischem Wissen an die Eltern steht aber nicht im Vordergrund.

Fazit

Das Buch bietet einen guten Überblick über Marte Meo in vielen Arbeitsfeldern. In vielen Fallbeispielen werden nicht nur einzelne Episoden oder Ausschnitte dargestellt, sondern diese vom Erstgespräch bis zur Pause oder zum (vorläufigen) Abschluss dokumentiert. Es werden konkrete Institutionen als Beispiele in den verschiedenen Anwendungsfeldern eingebracht.

Das Buch macht Lust auf mehr.


Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 05.11.2009 zu: Peter Bünder, Annegret Sirringhaus-Bünder, Angela Helfer: Lehrbuch der Marte-Meo-Methode. Entwicklungsförderung mit Videounterstützung. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2009. ISBN 978-3-525-40206-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8184.php, Datum des Zugriffs 06.08.2020.


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ISSN 2190-9245

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