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Ulrike Tikvah Kissmann (Hrsg.): Video interaction analysis

Cover Ulrike Tikvah Kissmann (Hrsg.): Video interaction analysis. Methods and methodology. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2009. 224 Seiten. ISBN 978-3-631-57473-7. 39,00 EUR.
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Thema

Der Band zeigt Wege der qualitativen Videoanalyse in den Sozialwissenschaften auf. Sie entstammen der linguistischen Anthropologie, der Konversationsanalyse, der soziologischen Hermeneutik und Ethnografie sowie der Phänomenologie. Behandelt werden sowohl Themen aus der Theorie als auch der Forschungspraxis. Es sollen die verschiedenen Zugänge strukturiert und ihr Herkommen erkennbar werden. Praktische Fragen der Forschung sollen besonders bedacht werden.

Herausgeberin

Dr. Kissmann hat Universitätsabschlüsse in Soziologie, Physik, Philosophie sowie Wissenschafts- und Technologieforschung. Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Humboldt-Universität in Berlin zur Wirkung computerisierten Wissens.

Entstehungshintergrund

Das Buch geht auf einen internationalen Workshop zurück, der 2007 in Berlin stattfand unter dem Titel „Video Interaction Analysis – and how to do it“.

Kissmann setzt an der wachsenden Bedeutung an, welche die Visualität in der qualitativen Sozialforschung gewinnt. Das zeigt sich etwa, wenn es bei der Analyse von Interaktion nicht nur um das Gesprochene geht, sondern auch um Blicke, Mimik und Gesten sowie jede andere Form außersprachlichen Handelns. Dafür gebe es aber noch keine Methodologie oder Forschungsmethode, die durchweg anerkannt ist.

Aufbau

Auf eine zehnseitige Einleitung der Herausgeberin folgen neun Beiträge. Diese umfassen im Durchschnitt etwa 20 Seiten und sind nach den genannten Wissenschaftsfeldern geordnet.

Inhalt

In der Einleitung schreibt Kissmann, der Sammelband habe den Charakter und die Funktion eines Kaleidoskops. Den zu erwartenden lebendig-bunten Wechsel bündelt sie durch kurze Antworten auf drei Fragen, die sie vorab an die Beiträge richtet: 1. Wie werden die Interaktionen ausgewählt, die man per Video aufzeichnet? 2. Wie werden die Videoaufzeichnungen in Segmente unterteilt und Ausschnitte für die Analyse ausgewählt? 3. Welche Eigenschaften hat eine Interaktionseinheit – wenn man vom jeweiligen Handlungskonzept der Wissenschaftsrichtung ausgeht? Hierbei geht es um Kriterien wie Eigenständigkeit, Vorbestimmtheit oder Vorhersehbarkeit.

Die in den Beiträge dargestellten Studien haben folgende konkrete Gegenstände: ein Konflikt zweier Mädchen beim Himmel-und-Hölle-Spiel; die Konstruktion sozialer Ordnung in der informellen Interaktion einer Mädchengruppe; der Austausch zwischen Mensch und computergenerierter Bildschirmfigur (embodied conversational agent); Missverständnisse zwischen ÄrztInnen und PatientInnen beim Ausfüllen medizinischer Formulare; der Grenzfall der Interaktion zwischen Mensch und Roboter; Unterweisung im Kampfsporttraining; Begegnung von Personen an öffentlichen Orten mit dem filmenden Forscher; das Verhalten Gläubiger bei einer Marienerscheinung; Videosequenzen aus der Anästhesie als erzählgenerierender Impuls für Interviews mit AnästhesistInnen (videographic elicitation interviews).

Diese Forschungen nehmen in den Artikeln unterschiedlich viel Raum ein. In jedem Artikel finden sich die theoretischen Voraussetzungen dargestellt – zum Teil sehr systematisch herausgearbeitet auf der Basis der jeweiligen Wissenschaftsrichtung. Ich wähle ein Beispiel aus, das stärker methodologisch orientiert ist: Hubert Knoblauchs Beitrag über „Social constructivism and the three levels of video analysis“ (S. 181–198; aus Platzgründen schränke ich die Darstellung auf wenige Aspekte ein).

Auch Knoblauch schickt voran, dass die interpretative Videoanalyse sich im Moment rasch als ein Zweig qualitativer Sozialforschung etabliere – wobei es eher eine Vielzahl an methodischen Forschungszugängen gebe, zu denen es bisher an einem systematischen Überblick fehle. Wenn er speziell von „interpretativ“ spricht, fokussiert er die Analyse auf die Bedeutungen, die das Beobachtbare aus der Warte der Handelnden selbst hat. Wie drücken sie solche Bedeutungen im visuell Beobachtbaren aus? Da in den Interaktionen meist auch gesprochen wird, bietet es sich für Knoblauch an, mit der Interpretation des Verbaltranskripts zu beginnen. Ja, er hält diese Interpretation sogar für eine Vorbedingung, um die visuellen Handlungselemente zu analysieren. Ferner setzt er voraus, dass die Analyse eines Videos nicht auf das, was das Video selbst zeigt, beschränkt werden kann. Das gelte umso mehr, je wichtiger das Visuelle ist. Hier sei es nötig, durch Beobachtungen, Interviews oder ExpertInnengespräche anderes Material und Informationen zu erheben; erst dann sei eine angemessene Analyse des Visuellen möglich.

Das Erfordernis, zusätzliche ethnografische Forschung zu betreiben, wird zum Teil auch in anderen Beiträgen betont. Wie das Visuelle in das Transkript eingebunden wird, ist unterschiedlich: Man findet Screenshots (video stills) ebenso wie etwa Skizzen und Zeichnungen, die anhand des Videos angefertigt wurden. Einige AutorInnen sehen von einer Einbindung des Visuellen in das (Verbal-) Transkript ab und betrachten stattdessen das Video selbst viele Male oder lassen es in Zeitlupe laufen. Über das Für und Wider sind sich die AutorInnen, vergleicht man die Beiträge, durchaus uneins.

Diskussion

Trotz der kaleidoskopartigen Anlage des Sammelbandes entsteht ein gewisser Zusammenhalt dadurch, dass die meisten AutorInnen der Soziologie entstammen. Dennoch hat man es mit einer Vielfalt an Basistheorien zu tun und, je nach Fragestellung der Untersuchung, auch mit sehr spezifischen Methoden. In frühen Phasen der methodologischen Diskussion wirkt ein solches Nebeneinanderstellen anregend. Die Tagung, auf die der Band zurückgeht, fand 2007 durchaus in einer solchen Phase statt. Aktuell gibt es aber zwei Neuerscheinungen, die einen anderen Weg gehen. Sie stellen den Forschungszugang des Autors oder der beiden Autoren jeweils monografisch dar – das halte ich im Moment für ergiebiger.

Zum einen ist das Ralf BohnsacksBuch „Qualitative Bild- und Videointerpretation“ (2009), das auf der in der qualitativen Sozialforschung bekannten „dokumentarischen Methode“ gründet. Zum anderen haben Jörg Dinkelaker und Matthias Herrle eine Einführung in die „Erziehungswissenschaftliche Videographie“ (2009) vorgelegt, in der sie Analyseverfahren vorstellen, die sich nach dem Baukastenprinzip verbinden lassen (siehe hierzu die socialnet Rezension).

Sicher bietet Kissmanns Sammelband dennoch auch ForscherInnen, die sich bereits mit qualitativer Videoanalyse befassen, weitere Anregung. So ist zum Beispiel die kreative, bezüglich visueller Elemente knappe, aber dem Zweck angemessene Transkriptionsweise zu nennen, die Charles Goodwin gebraucht („Video and the analysis of embodied human interaction“, S. 21–40). In Verbindung mit einem Verbaltranskript werden hier körperliche Interaktionen, Gestik und materielle Merkmale der Situation fixiert, und zwar durch grafisch-zeichnerische Mittel. Durch die prägnante Reduktion scheint dies ein interessanter Weg – gerade gegenüber den sonst häufiger verwendeten, aber oft überkomplexen Screenshots.

Fazit

Der Sammelband stellt eine Vielfalt vor allem soziologischer Zugänge zur Video-Interaktionsanalyse dar, die an konkreten Forschungen demonstriert werden. Grundsätzliches Interesse kann das Buch bei allen SozialwissenschaftlerInnen finden, die eine materiale Analyse des Bildlichen in ihren Forschungen stärker berücksichtigen wollen. Das Buch lädt dann zum Stöbern ein, um sich mit dem einen oder anderen Beitrag, der den eigenen Forschungsinteressen nahekommt, intensiver zu befassen.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 18.11.2009 zu: Ulrike Tikvah Kissmann (Hrsg.): Video interaction analysis. Methods and methodology. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2009. ISBN 978-3-631-57473-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8187.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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