Hannah Neumann: Friedenskommunikation
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 22.09.2009
Hannah Neumann: Friedenskommunikation. Möglichkeiten und Grenzen von Kommunikation in der Konflikttransformation.
Lit Verlag
(Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2009.
118 Seiten.
ISBN 978-3-8258-1779-4.
14,90 EUR.
CH: 23,90 sFr.
Reihe: Studien zur Friedensforschung - Band 17.
Weil Kriege im Geiste der Menschen entstehen, müssen auch die Bollwerke des Friedens im Geiste der Menschen errichtet werden,
so heißt es in der Präambel der Verfassung der UNESCO, der Sonderorganisation der Vereinten Nationen für Bildung, Erziehung, Kultur und Wissenschaft, die am 16. 11. 1945 mit dem Ziel gegründet wurde, „die Erziehung des Menschengeschlechts zur Gerechtigkeit, zur Freiheit und zum Frieden für die Würde des Menschen“ zu befördern. Darin ist das Bewusstsein emiment, dass ein friedliches Zusammenleben der Menschen, lokal und global, nicht von irgendwoher kommt oder verordnet werden kann, sondern aktiv herbeigeführt werden muss; durch Bildung und Erziehung, wie dies bereits ein Autorenteam 1981 in einem Sammelband formuliert hat: Heinz Dedering (Hg.), Konflikt als paedagogicum. Zum Frieden erziehen, das gilt als eine schulische und außerschulische Bildungs- und Erziehungsaufgabe. Darüber gibt es mittlerweile eine Fülle von Veröffentlichen, die inhaltliche und didaktisch-methodische Aspekte darstellen (vgl. z. B.: Martin Kaiser, Friedensproben. Interkulturelle Begegnung und interreligiöser Dialog in der politischen Bildung. Praxisberichte aus Projekten der Internationalen Arbeit, Wochenschau Verlag, 2006).
Inhalt
Dabei ist klar, dass Friedenserziehung und die Kompetenz, aktive Toleranz zu üben, ohne Kommunikation und Auseinandersetzung mit dem Konflikt und die Irritationen nicht möglich ist; und zwar professionell und weniger darauf hoffend, dass „der gesunde Menschenverstand es schon richten würde“. Sowohl bei persönlichen und um so mehr bei gesellschaftlichen und internationalen Konflikten sind Formen von Konfliktbearbeitung und –management unerlässlich, soll nicht aus dem Konflikt Resignation, Isolation und Gewalt werden. Bei regionalen und globalen Konflikten werden verschiedene Konzepte angewandt, die sich auf rechtliche, psychologische, verhaltenstherapeutische, gruppendynamische oder ethnologische Grundlagen berufen; selten werden dabei bisher Erkenntnisse der Kommunikationswissenschaft berücksichtigt. Das jedenfalls ist die Auffassung der Berliner Medienwissenschaftlerin Hannah Neumann. Sie ist der Frage nachgegangen, weshalb es bei den zahlreichen innerstaatlichen Konflikten, ob in Nordirland, im Nahen Osten, in Afrika, Lateinamerika oder Südostasien, so wenig erfolgreich ist, „tief gespaltene Gesellschaften ’von oben’ zu befrieden“.
In ihrem Buch, Grundlage ihrer Dissertation, stellt sie ein Beispiel vor, das auf der philippinischen Insel Mindanao seit 1988 praktiziert wird: Die Friedenszone. Der jahrzehntelange, gewaltsame und blutige ethnopolitische Konflikt zwischen den dort ansässigen Christen und Muslimen, der sich auch durch Marginalisierungsgewalt gegen die indigene Bevölkerung richtet, wird – das weist die Autorin in eindrucksvollen und überzeugenden Informationen und Bewertungen nach – durch die seit 2000 eingerichtete Friedenszone in Nalpaan/Pikit weitgehend aufgehoben. Es handelt sich um gemeinsam definierte Orte, an denen keine gewaltsamen Auseinandersetzungen stattfinden, keine Waffen getragen werden dürfen und alles unterlassen werden muss, was immanente oder plötzliche Konflikte zum Ausbruch bringen würde. Diese „Peace Zones“ sind gewissermaßen von allen Konfliktparteien akzeptierte Gebiete, die als „Space for Peace“ auf gewissen kulturellen Mentalitäten, Praktiken und Erfahrungen in der Bevölkerung beruhen.
Fazit
In ihrer Fallstudie über die Friedenszonen auf Mindanao zeigt Hanna Neumann die theoretischen Grundlagen und Strukturprinzipien auf, die etwa auf dem Senghaaschen „Zivililsatorischen Hexagon“ fußen; aber auch auf anderen theoretischen Zugängen für eine konstruktive Konfliktbearbeitskultur, wie z. B. dem Pyramidenmodell des US-amerikanischen Friedensforschers John Paul Lederach vom „Wandel auf individueller Ebene zum Wandel auf gesellschaftspolitischer Ebene“ (Grassrouts Leadership – Middle-range Leadership – Top-leven Leaderscip). Mit dem Begriff „Friedenskommunikation“ führt die Autorin in ihrer Studie über die Friedenszonen auf der philippinischen Insel Mindanao eine (neue) Betrachtungsweise ein, die es ermöglicht, über Theorien, Projekte und Methoden im Rahmen der Kommunikationswissenschaft nachzudenken, ein lokales und globales friedliches Zusammenleben der Menschen in unserer Einen Welt zu ermöglichen. Es ist ein Baustein für ein Denken und Handeln, das bisher im Diskurs um Frieden in der Welt zu kurz gekommen ist. Und es ist eine Antwort auf die allenthalben skeptische Frage: Kann es Frieden in dieser unfriedlichen Welt und einer Menschheit, die scheinbar nicht lernfähig ist für den Frieden, überhaupt geben? Hanna Neumann stellt fest: „Friedenszonen funktionieren“. Wenn das kein Beleg dafür ist, Friedenserziehung als Friedenskommunikation weiter zu denken!
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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