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Jutta Jacob, Heino Stöver (Hrsg.): Männer im Rausch

Cover Jutta Jacob, Heino Stöver (Hrsg.): Männer im Rausch. Konstruktionen und Krisen von Männlichkeiten im Kontext von Rausch und Sucht. transcript (Bielefeld) 2009. 191 Seiten. ISBN 978-3-89942-933-6. 22,80 EUR, CH: 41,00 sFr.

Reihe: Studien interdisziplinäre Geschlechterforschung - 2.
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Hintergrund und Intention

Sucht und Drogen nehmen in den Lebenskonzepten von Männern und Frauen eine unterschiedliche Rolle ein. Jungen und (junge) Männer verbinden mit dem Konsum psychotroper Substanzen oft eine zeitweilige Lösung von grundsätzlichen Problemen, wie z.B. Sprachlosigkeit, Ohnmacht, Isolation, Bedeutungsverlust, und Identitätskrise, oder

jene dienen als Demonstrationsmittel für Stärke und als Symbol für Grenzüberschreitung. Dauerhaft eingenommen, führen Suchtmittel aber zu erheblichen gesundheitlichen, sozialen oder familiären Schwierigkeiten und verschärfen dadurch die Problematik. Trotz aller Ansätze einer geschlechtsspezifischen Suchtarbeit, wird diese noch immer mit „frauengerechten Angeboten“ gleichgesetzt, ohne zu berücksichtigen, dass der männliche Drogenkonsum besondere Ursachen hat, der individuelle Suchtverlauf und –ausstieg geschlechtsspezifische Merkmale aufweist und die Inanspruchnahme von professioneller Hilfe von Männern im Geschlechtervergleich gering ist. Obgleich in Deutschland die Abhängigkeit oder Gefährdung von psychoaktiven Substanzen unter Männern deutlich stärker verbreitet ist, fehlen männerspezifische Konzepte der Suchtarbeit und es bestehen auffällig wenig Versorgungsangebote mit einer entsprechenden Ausrichtung.

Der vorliegende Band setzt hier an und beabsichtigt, einen Prozess der Auseinandersetzung über das Wechselspiel von Männlichkeit mit dem Phänomen Sucht anzustoßen und damit auch zur Gestaltung von praxistauglichen Ansätzen einer männerbezogenen Suchtarbeit beizusteuern.

Die Beiträge betrachten die Thematik aus unterschiedlicher Perspektive. Einige von ihnen stehen im Zusammenhang mit der Konferenz „Konstruktionen und Krisen von Männlichkeiten im Kontext Sucht“, die 2007 in Bremen vom Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, dem Bremer Institut für Drogenforschung und dem ARCHIDO an der Universität Bremen veranstaltet wurde.

Herausgeber

Jutta Jacob ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Zentrums für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Heino Stöver lehrt und forscht an der Fachhochschule Frankfurt/Main, Fachbereich 4, Soziale Arbeit und Gesundheit.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in einen Grundlagen- und einen Praxisteil und enthält insgesamt zwölf Kapitel.

Grundlagenteil

Nach einer Einleitung und einem Überblick zum Thema von Jutta Jakob und Heino Stöver entfaltet Heino Stöver im Grundlagenteil zunächst in seinem Beitrag Die Entwicklung der männerspezifischen Suchtarbeit in Deutschland – Eine Zwischenbilanz den Nachweis einer einseitigen Ausrichtung bei der Thematisierung von Genderfragen in der Debatte um Suchtprobleme. Folgerichtig unterstreicht der Autor die Notwendigkeit einer gesonderten Betrachtung von Sucht und Männlichkeit und verweist auf die stärkere Beachtung dieser Thematik in der Schweiz. Heino Stöver berichtet anschließend von einigen themenspezifischen Fachtagungen in Deutschland und hebt dabei die Aktivitäten des Arbeitskreises „Mann und Sucht“ in Nordrhein-Westfalen hervor, der 2006 einen Leitfaden mit praktischen Hilfestellungen zur Implementierung männerspezifischer Ansätze in der Suchthilfe erarbeitet hat. Dieser Leitfaden wird in einer Übersicht vorgestellt.

Karin Flaake beleuchtet im darauf folgenden Kapitel Männliche Adoleszenz und Sucht die besondere Bedeutung der peer group sowie der Familienbeziehungen für adoleszente Sozialisationsprozesse. Sie arbeitet heraus, dass heranwachsende Jungen für die sich vertiefende Kluft zwischen nach außen dargelegter Unabhängigkeit und Stärke einerseits und Gefühlen von Selbstzweifeln, Abhängigkeit und Schwäche andererseits gerade in diesen beiden sozialen Kontexten immer weniger Ausdrucksmöglichkeiten finden. Sie spalten daher jene Gefühle zunehmend ab oder verdrängen diese. Die Autorin stellt diese Sprachlosigkeit in einen Zusammenhang zu (späterem) Suchtverhalten und gibt Hinweise für eine diesbezüglich präventiv ausgerichtete pädagogische Arbeit mit Jungen und Heranwachsenden.

Der mit dem Titel Sucht, Männergesundheit und Männlichkeit – ein neu entdecktes Thema überschriebene Abschnitt von Harald Klingelmann beleuchtet das Thema aus mehreren Perspektiven. Der Leser / die Leserin erhält einen Überblick zur aktuellen Fachdebatte und den Status quo der Forschung, insbesondere zu

  • den Gesundheitsrisiken von Männern im Allgemeinen,
  • dem Rückbezug von Gesundheitsverhalten auf zentrale Geschlechtsrollenerwartungen und Männlichkeitsbilder,
  • genderspezifischen Funktionen und Ausprägungen der Sucht und geschlechtsrollenkonformen Bewältigungsstrategien,
  • der Frage der Angleichung des Suchtverhaltens zwischen den Geschlechtern (Konvergenz- oder Emanzipationsthese),
  • der Annahme von Süchten, die typisch für Männerwelten sein sollen,
  • den Männerrollen und der Sucht in spezifischen Lebenslagen,
  • dem Hilfesuchverhalten und den Männerrollen kompatible Unterstützungsangebote,
  • den Präventionsangeboten in männerspezifischen Settings. (S. 34)

In Männer, Körper, Doping beschreibt Irmgard Vogt wie körperliches Training und Körperpflege sowie Sport und Doping von Männern genutzt werden, um ihren (männlichen) Habitus (Bordieu) zu vollenden und sich damit in dem ins Schwanken geratenen traditionellen Geschlechterverhältnis zu behaupten.

Ausgehend von der übereinstimmend belegten Feststellung, dass trotz eines boomenden Männergesundheitsmarktes die Teilnehmerrate von Männern an Angeboten zur Gesundheitsförderung gering ist, fordert Thomas Altgeld in seinem Beitrag Rein risikoorientierte Sichtweisen auf Männergesundheit enden in präventiven Sackgassen – Neue Männergesundheitsdiskurse und geschlechtsspezifische Gesundheitsförderungsstrategien sind notwendig eine bessere Ausdifferenzierung von Zielgruppen in der Prävention, die über eine einfache Geschlechtsspezifität hinausgeht. Bei der Wahl der Angebotsthemen plädiert der Autor fürierbei

eine Verknüpfung von Geschlechterfragen mit dem Lebensalter, der sozialen Lage von Zielgruppen sowie der Ressourcen im männlichen Lebensverlauf. Eine derart differenzierte Zielgruppenansprache würde auch zu größeren Teilnehmerraten von Männern beitragen.

Die Gruppe der älteren Männer erhält in dem Kapitel von Heino Stöver Ältere Männer, Drogenkonsum und Sucht: Probleme und Versorgungsstrukturen besondere Aufmerksamkeit. Gerade weil die Motivation, Hilfe anzunehmen, infolge eines chronifizierten Routineverhaltens bei dieser Zielgruppe meist eher gering ist, empfiehlt Heino Stöver für die Gruppe der alkoholabhängigen älteren Männer einen akzeptierenden Drogenhilfeansatz, in dem das Konzept der harm reduction eine wesentliche Rolle spielen kann.

Der Grundlagenteil des vorliegenden Buches endet mit dem Beitrag Sinn und Funktion des exzessiven Drogengebrauchs bei männlichen Jugendlichen – zwischen Risikolust und Kontrolle. Mit dem Verweis auf die Geschlechtsidentität stiftende Rolle von (legalen und illegalen) Drogen bei (männlichen) Jugendlichen diskutieren hier Andreas Haase und Heinö Stöver mögliche negative Folgen der Illegalität von Cannabis für die Beratung und Unterstützung von betroffenen Konsumenten. Gerade die Illegalität könnte zu Ausgrenzungs- und Kriminalisierungstendenzen führen und Tabuisierungsprozesse bei männlichen Jugendlichen in Gang setzen, die jeglichen Hilfebemühungen zuwiderlaufen.

Praxisteil

Der Praxisteil des vorliegenden Buches enthält insgesamt vier Beiträge. Ausgehend von Erläuterungen zu Begrifflichkeiten, die im Zusammenhang mit der Strategie des Gender Mainstreaming stehen, behandelt Andreas Haase in seinem Beitrag Genderkompetenz als Bestandteil von männerspezifischer Suchtarbeit relevante Fragestellungen, die sich Fachleute in der Praxis stellen sollten:

  • Mit welchen Geschlechterrollen wird gearbeitet und welche Auswirkungen haben diese auf die Männer?
  • Wie äußern sich männliche Selbstbilder im Beratungsprozess?
  • Wie kann eine gendergerechte Suchthilfe entwickelt werden, die die unterschiedlichen Bedürfnisse und Lebenssituationen von Männern (und Frauen) berücksichtigt? Passen die Methoden und Angebote in Prävention, Beratung und Therapie zu den Ressourcen und Bedürfnissen von Männern?
  • In welcher Wechselwirkung steht das Geschlecht der Professionellen in der Arbeit mit männlichen Klienten? Was muss in den Einrichtungen organisatorisch geschehen, damit die beste Konstellation zum Wohle und Entwicklung der Klienten zu Stande kommt? (S. 144 f)

Es folgt in dem von Herbert Müller verfassten Abschnitt Männerspezifische Suchtarbeit – wie anfangen? eine stichwortartig und primär in Frageform gehaltene Anleitung zur Implementierung von männerspezifischen Angeboten in Einrichtungen der Suchthilfe. In dem darauf folgenden Kapitel stellt Marie-Louise Ernst einen historischen Rückblick und den aktuellen Stand über die Gendergerechte Suchtarbeit in der Schweiz dar. Den Praxisteil runden Carsten Theile und Lennart Westermann mit ihrem Beitrag 10 Jahre Gender-Arbeit in der Prävention mit und für Jungen und Männer – Ein Erfahrungsbericht aus der Arbeit der DROBS Hannover ab. Neben einer Erläuterung des grundsätzlichen Arbeitsansatzes dieser Beratungseinrichtung findet der Leser / die Leserin eine Mehrzahl von Kernthemen und Handlungsformen, die sich dort in unterschiedlichen Projekten zur geschlechtsspezifischen Suchtprävention und Gesundheitsförderung finden.

Fazit

Der vorliegende Band gibt im Grundlagenteil einen fundierten und kompakten Einblick in die Thematik. Die dort zu Wort kommenden unterschiedlichen Perspektiven, spiegeln ein differenziertes Bild der aktuellen Fachdebatte und Forschung wider. Der Praxisteil des Buches fällt m.E. etwas knapp und stichwortartig aus, was allerdings angesichts der Tatsache, dass therapeutische Antworten auf den spezifisch männlichen Umgang mit Krisen, Süchten, Hilfeangeboten, eigenen Ressourcen und Lebensentwürfen noch wenig verbreitet sind, auch nicht überrascht. Im Ergebnis ist das Buch für eine grundlegende Orientierung für Professionelle in der praktischen Suchtarbeit aber auch für alle, die an der Thematik Interesse haben, empfehlenswert.


Rezension von
Prof. Dr. Matthias Brungs
Duale Hochschule Baden-Württemberg - Villingen-Schwenningen - Fakultät für Sozialwesen


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Zitiervorschlag
Matthias Brungs. Rezension vom 30.11.2009 zu: Jutta Jacob, Heino Stöver (Hrsg.): Männer im Rausch. Konstruktionen und Krisen von Männlichkeiten im Kontext von Rausch und Sucht. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-89942-933-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8212.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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