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Rainer Volz, Paul M. Zulehner (Hrsg.): Männer in Bewegung

Cover Rainer Volz, Paul M. Zulehner (Hrsg.): Männer in Bewegung. Zehn Jahre Männerentwicklung in Deutschland ; ein Forschungsprojekt der Gemeinschaft der Katholischen Männer Deutschlands und der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2009. 416 Seiten. ISBN 978-3-8329-4610-4. 49,00 EUR.

Herausgeber: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Forschungsreihe Band 6.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Autoren bezeichnen die Studie selbst als Element eines „Männer-Langzeitforschungsprojektes“, deren jeweilige Stufen sie als Autoren zu verantworten hatten: Gewissermaßen der Start zu diesem Projekt war die - vom Familienministerium in Österreich in Auftrag gegebene - Österreichische Männerstudie von 1992. Es folgte die bundesdeutsche Männerstudie von 1998, als Auftragsprojekt der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Gemeinschaft der Katholischen Männer Deutschlands, die nun, 10 Jahre später, erneut Auftraggeber dieser vorliegenden Studie sind. Beide Studien wurden im wesentlichen vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend finanziert. Als leitendes Interesse gilt für alle vorgelegten Studien „…die forscherische Unterstützung bei der Neuorientierung moderner Männerarbeit“ (S. 22).

Aufbau und Übersicht über die behandelten Themen

Befragt wurden 1470 Männer und 970 Frauen. Ausgangspunkt der Männerstudie von 1998 war eine vierteilige Typologie von Männern, die durch 15 Items gewonnen worden war, von denen acht eher traditionelle Ansichten über die Rollenbilder von Männern und Frauen wiedergeben, sieben beziehen sich auf eher moderne Vorstellungen. Zwischen diesen beiden polar konstruierten Typen sehen die Autoren zwei weitere Typen: den „balancierenden“, in pragmatischer Weise traditionelle und moderne Positionen verknüpfenden, Typen und den „Suchenden“, der sich mit den nach wie vor dominanten öffentlichen Bildern von Männern als dem starken Geschlecht nicht identifizieren kann und auf der Suche nach neuen Männerbildern ist. Auf der Folie dieser vier Typen, die für die aktuelle Untersuchung weitgehend übernommen wurden, werden wesentliche Ergebnisse der Studie vorgestellt; dies ergibt für den Hauptteil der Publikation (324 Seiten) folgenden Aufbau:

Teil I: Die Studie

  • Ouvertüre
  • Typologie
  • Lebensfelder
  • Lebenswelt Arbeit
  • Familiale Lebenswelt
  • Innenwelt
  • Spiritualität, Religion, Kirche
  • Was ist ein Mann?
  • Männerentwicklung
  • Highlights
  • Challenges

Teil II enthält auf 90 Seiten sieben Kommentare von externen Autoren zu zentralen Aspekten der Studie:

  • Alles nur Konstruktion: Männer- und Frauenbilder zwischen Biologie und Kultur
  • Männer: Arbeit, privates Leben und Zufriedenheit
  • Männergewalt - ein nachwachsender Rohstoff?
  • Bürgerschaftliches Engagement der Männer
  • Männer im Lernfeld – Bildungsanlässe und pädagogische Szenarien;
  • Männerspezifische Perspektiven in Kirche und Theologie
  • Vom Aufbruch in die Bewegung… Die Entwicklung männlicher Identitäten als Herausforderung für die Männerarbeit der Kirchen in Deutschland.

Inhalte

Als Gesamteindruck ergibt sich für die Autoren, dass in den letzten zehn Jahren drei der vier konstruierten Geschlechtertypen weitgehend stabil geblieben sind; es gab also nur geringfügige Verschiebungen in der Bewertung der jeweiligen Items. Nur der als „traditionell“ gekennzeichnete Typ habe sich merklich verändert: er sei in einigen Aspekten „moderner“ geworden, dies gelte vor allem für die Bewertung der Berufstätigkeit von Frauen, die Auswirkungen dieser Tätigkeit auf Kinder sowie auf die Zuschreibung von Frauen allein auf Haushalt und Familie. Die Interpretation dieser Veränderung wird leider nur knapp gestreift: Sind diese Veränderungen Ausdruck einer durchgesetzten Emanzipation und frauenfreundliche(re)n Perspektive oder ist es schlicht die Einsicht in finanzielle Notwendigkeiten, derzufolge viele Haushalte inzwischen auf zwei Einkommen angewiesen sind?

Der Blick auf einige Detailbefunde ergibt ein sehr heterogenes Bild aktueller Männlichkeitseinstellungen:

Familie und familiale Lebensräume genießen hohe Wertschätzung: für 87% der Männer ist die Partnerschaft bzw. Ehe und Familie die ideale Lebensform. Freunde haben ist für Männer anscheinend wichtiger geworden (plus 10% gegenüber 1998). Freizeit (plus 14%) hat gegenüber der Arbeit (minus 8%) eine Aufwertung erfahren. Gleichzeitig ist der Erfolgdruck auf Männer in der Arbeitswelt gestiegen: vor allem bei den traditionellen Männern sind 36% 2008 der Auffassung, dass ein Mann der beruflich nicht aufsteigt ein Versager ist.

Der Autoritarismus ist in den letzten zehn Jahren bei Männern von 44% auf 51% angestiegen. Noch deutlicher als zehn Jahren wird bei den Befragten die Eigenschaft „gewalttätig“ überwiegend „männlich“ konnotiert. Dies entspricht auch der Beschreibung der eigenen Einstellungen: Eine stark rassistisch und sexistisch begründete Gewaltakzeptanz findet sich bei 28% der befragten Männer (14% der befragten Frauen). Die Befürworter von Gewalt finden sich vor allem bei den „traditionellen“ Männern (58%); bei dem „modernen“ Typus sind dies nur noch 3%.

Viele Männer stellen nach wie vor „Arbeit über ihre Gesundheit“. Vor allem bei den teiltraditionellen Männern ist mit 66% diese Gruppe sehr groß, obwohl sie gegenüber 1998 etwas gesunken ist (70%). Ca. 50% der befragten Männer geben an, jährlich zu einer Vorsorgeuntersuchung zu gehen (eine Zahl, die dem Rezensenten angesichts anderer Gesundheitsuntersuchungen sehr hoch erscheint), bei den Frauen sind es 66%.

Fazit

Die Autoren haben mit dieser Studie – vor allem auch mit der Kontinuität der Männerstudien über die letzten zehn Jahre – vielfältiges Datenmaterial zusammen getragen, das zur Erhellung der Bewussteins von Männern und Frauen beitragen kann. Dieser lange Atem bei der Verfolgung eines Thema verdient hohen Respekt! Die Ergebnisse werden in nicht weniger als 254 Abbildungen und 75 Tabellen präsentiert, was gelegentlich dazu führt, dass man sich im Dickicht der Daten verliert und die Übersicht abhanden kommt. Da macht das Kapitel „Highlights“ Sinn (als Kapitelüberschrift etwas reißerisch), das zentrale Befunde noch einmal knapp zusammenfasst. Dass das Thema „Spiritualität, Religion, Kirche“ einen großen Stellenwert einnimmt, ist natürlich den kirchlichen Auftraggebern geschuldet. Ob dies aber dem realen Leben und Denken bundesdeutscher Männer entspricht, darf bezweifelt werden.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz Bartjes
Hochschule Esslingen, Fakultät für Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
Arbeitsschwerpunkte: Soziale Altenarbeit; Männer- und Geschlechterforschung; Theater und Soziale Arbeit, Bürgerschaftliches Engagement.
Homepage www.hs-esslingen.de/mitarbeiter/Heinz.Bartjes
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Zitiervorschlag
Heinz Bartjes. Rezension vom 06.11.2009 zu: Rainer Volz, Paul M. Zulehner (Hrsg.): Männer in Bewegung. Zehn Jahre Männerentwicklung in Deutschland ; ein Forschungsprojekt der Gemeinschaft der Katholischen Männer Deutschlands und der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2009. ISBN 978-3-8329-4610-4. Herausgeber: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Forschungsreihe Band 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8221.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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