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Reinhilde Stöppler, Meindert Haveman: "Spielen will gelernt sein!?"

Rezensiert von Prof. Dr. Erik Weber, 19.10.2010

Cover Reinhilde Stöppler, Meindert Haveman: "Spielen will gelernt sein!?" ISBN 978-3-8080-0644-3

Reinhilde Stöppler, Meindert Haveman: "Spielen will gelernt sein!?". Spiele für Menschen mit geistiger Behinderung. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2009. 152 Seiten. ISBN 978-3-8080-0644-3. 19,80 EUR. CH: 32,00 sFr.

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Thema

Dass der Mensch nur da ganz Mensch sei, wo er spiele, ist ein gern überliefertes Bonmot Schillers und taucht auch in der Veröffentlichung „Spielen will gelernt sein!?“ von Stöppler und Haveman als eines der den laufenden Text illustrierenden Zitate auf. Der Frage, ob und inwieweit Spiel auch für Menschen mit geistiger Behinderung von Bedeutung ist, versuchen die beiden Autoren in ihrem kleinen Band nachzugehen. Herausgekommen ist in erster Linie eine Sammlung von Praxisbeispielen, einer Spielesammlung also, die sich an die Zielgruppe Menschen mit geistiger Behinderung wendet. Diese Sammlung ist nicht zuletzt durch das Engagement von Studierenden der Universitäten Gießen und Dortmund zustande gekommen, was die Autoren im Vorwort betonen.

Aufbau

Der Band besteht aus einem Theorieteil und einem Praxisteil.

Der sehr kurz gehaltene Theorieteil (21 Seiten) widmet sich zunächst den theoretischen Aspekten des Spiels allgemein, indem der Begriff Spiel beleuchtet, seine Bedeutung aufgezeigt wird und Formen des Spiels systematisiert werden (Kapitel 1). Das zweite Kapitel analysiert sodann Spieltheorien und ihre Bedeutung für Menschen mit Behinderung. Unter entwicklungsdynamischen Aspekten wird zunächst der Frage nachgegangen, warum Kinder, Jugendliche und Erwachsene überhaupt spielen, welche Bedeutung das Spiel in der Entwicklung hat, um schließlich die Spielentwicklung bei Kindern mit geistiger Behinderung zu untersuchen. Die Frage, ob Kinder und Jugendliche mit einer geistigen Behinderung prinzipiell anders spielen, verneinen die Autoren entschieden, weisen aber darauf hin, dass die Spielentwicklung insgesamt langsamer ablaufe. Eine weitere Einschränkung machen die Autoren in Bezug auf Kinder und Jugendliche mit schweren geistigen Behinderungen, die „in ihrer Entwicklung nicht über ein einfaches Funktionsspiel hinaus“ (25) kämen. Leider wird dieser Aspekt nicht näher beleuchtet, was bedauerlich ist, da es bereits im Jahre 1993 diesbezüglich eine interessante Veröffentlichung von Lamers gegeben hat (Wolfgang Lamers u.a. (Hg): Spielräume – Raum für Spiel. Spiel- und Erlebnismöglichkeiten für Menschen mit schweren Behinderungen. (Düsseldorf) verlag selbstbestimmtes leben), die dem Autorenteam offenbar nicht vorlag.

Ungeachtet dessen durchzieht den Band aber eine positive Sicht auf die Entwicklungs- und Spielfähigkeit von Kindern und Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung, was die Autoren im dritten Kapitel des Theorieteils herausstellen, wenn sie der These Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung würden weniger und passiver als nichtbehinderte Kinder spielen (Hetzer 1967), kritisch nachgehen.

Der Praxisteil des Bandes nimmt dann den Hauptumfang des Buches ein (ab der Seite 31 bis Seite 147) und hier finden die Leserinnen und Leser eine große Anzahl von Spielen mit praktischen Anleitungen zur eigenen Herstellung, Nachahmung oder Variation. Der Praxisteil ist noch einmal unterteilt in eine Zusammenstellung von so genannten Modifikationen bekannter Spiele (etwa Jeopardy, Kniffel oder Mensch ärgere dich nicht) und einer Zusammenschau von insgesamt sieben neu entwickelten Spielideen, die jeweils aus der Seminararbeit mit Studierenden entstanden sind. Die Spiele werden durchgehend in Bezug auf ihre Spielform, auf Material, Gruppengröße, Spieldauer, spieldynamische Grundmuster, Arbeitsaufwand und Herstellungskosten dargestellt, ehe sie erklärt und mit einer Materialsammlung im Sinne von Vorlagen, Kopiervorlagen und bildlichen Beispieldarstellungen versehen werden.

Diskussion

Eine Besonderheit stellt die Tatsache dar, dass alle vorgestellten Spiele auch bezüglich möglicher Förderbereiche für Kinder und Jugendliche mit einer geistigen Behinderung durchleuchtet werden. So findet sich dann auch bei jedem vorgestellten Spiel eine Anmerkung, welche Förderbereiche angesprochen werden.

Das ist einerseits sehr löblich, andererseits scheint es aber in gewissem Widerspruch zur Aussage der Autoren zu stehen, dass Spiel in erster Linie zweckfrei sei (vgl. Punkt 1.2.2). Es besteht hierdurch bei der Nutzung des Buches durch Fachleute (Lehrerinnen und Lehrer, Unterstützerinnen und Unterstützer in der Behindertenhilfe) trotz der Aussage der Autoren, dass das ODER, bei der Frage nach Spiel als (Unterrichts-)Methode oder Spiel um des Spielens willen in ein UND geändert werden müsse (13), die latente Gefahr, dass der Fördergedanke doch wieder den einfachen Spielgedanken überlagert und nur dann gespielt wird, wenn man sich gleichzeitig eine Förderung verspricht. Daher verlangt der Umgang mit den im Buch vorgestellten Spielen ein verantwortungsvolles und bedachtes Vorgehen.

Fazit

Letztlich bleibt festzustellen, dass der Band von Stöppler und Haveman eine Bereicherung für das Thema Spiel und geistige Behinderung darstellt und die vorgestellten Spiele allesamt zu spannend sind, um in Buchform in den Regalen von Bibliotheken zu landen. Vielmehr braucht das Buch Menschen, die die Spielideen aufgreifen, umsetzen und mit Leben versehen. Dazu leistet es eine hervorragend und im positivsten Sinne praxisrelevante Vorlage.

Rezension von
Prof. Dr. Erik Weber
Diplom-Heilpädagoge, Ev. Hochschule Darmstadt, Studiengangsleitung im BA-Studiengang Inclusive Education/Integrative Heilpädagogik
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Es gibt 9 Rezensionen von Erik Weber.

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Zitiervorschlag
Erik Weber. Rezension vom 19.10.2010 zu: Reinhilde Stöppler, Meindert Haveman: "Spielen will gelernt sein!?". Spiele für Menschen mit geistiger Behinderung. Verlag modernes lernen Borgmann GmbH & Co. KG. (Dortmund) 2009. ISBN 978-3-8080-0644-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8222.php, Datum des Zugriffs 03.12.2022.


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