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Jonas Lanig, Marion Schweizer: [...] Rechtsradikale Propaganda und wie man sie widerlegt

Cover Jonas Lanig, Marion Schweizer: "Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!". Rechtsradikale Propaganda und wie man sie widerlegt. Verlag an der Ruhr (Mülheim an der Ruhr) 2003. 246 Seiten. ISBN 978-3-86072-394-4. 13,80 EUR, CH: 24,20 sFr.

Herausgegeben von Wilfried Stascheit. Mit Fotos von Bernd Schäfer.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-86072-992-2 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Absicht und Hintergrund des Bandes

Der vorliegende Band schließt an ein erfolgreiches Vorgängerprojekt an. Hierbei handelte es sich um das Buch von Markus Tiedemannn mit dem Titel 'In Auschwitz wurde niemand vergast', 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt" (Erstauflage 1996). Von diesem Band wurden inzwischen, so der Presse-Text zum vorliegenden Band, über 70.000 Exemplare verkauft. Der Verleger, Programmverantwortliche des Verlags und Herausgeber dieses Bandes, Wilfried Stascheit, mag u.a. die Nachfrage für diesen Vorgängerband als Ermunterung für das vorliegende Projekt angesehen haben.

Zielgruppe

Die Programmpalette des Verlags an der Ruhr und die Ausstattung des vorliegenden Bandes (vgl. unten) legt nahe, dass es sich bei dem Band vorrangig um eine Unterstützung für Unterrichtsplanungen von Lehrenden und das Selbststudium von Schülern bzw. Studierenden handelt.

Anlage und Bewertung

Der Band fällt zunächst durch sein ungewöhnliches Layout auf. Die Aufmachung verbindet in graphischer Differenzierungen verschiedene Text- und Bildelemente: (a) Pointierte Behauptung(en) aus dem rechtsradikalen Bereich in direkter Rede, (b) Informationen, Argumentationslinien und Zahlen in Erwiderung, (c) "thematische Karikaturen" von Thomas Plaßmann, (d) eine eingestreute Chronologie fremdenfeindlicher Übergriffe aus dem Jahr 2001, (e) Porträtaufnahmen und Texte aus der Ausstellung "Zu Hause in der Fremde - Gesichter und Gedanken von Menschen, die hier leben" von Bernd Schäfer. Diese graphische und genrebezogene Vielfalt dürfte auf die Rezeptionsgewohnheiten der Teilzielgruppe der jüngeren Lesergruppen abgestimmt sein. Ältere Leser mag sie unter Umständen irritieren.

Inhaltlich werden 44 Lügen aus zehn thematischen Bereichen "abgearbeitet". Die Bereiche umfassen u.a. "Bevölkerung" (z.B. "Wenn das mit den Ausländern so weitergeht, sind wir bald in der Minderheit - und das in unserem eigenen Land), "Arbeit" (z.B. "Ausländer melden sich häufiger krank als ihre deutschen Kollegen"), "Integration" ("Ausländer wollen behandelt werden wie Deutsche. Aber dazu müssen sie erst mal richtig Deutsch lernen.") und "Staatliche Ordnung" ("Das System besteht nur aus unfähigen und korrupten Politikern. Wir leben in einer Scheindemokratie."). Auffällig ist hier, dass sieben der zehn Bereiche sich vorrangig auf Ausländer (und am Rande in Form von zwei Aussagen auch auf Aussiedler) beziehen. Lediglich drei übergeordnete thematische Bereiche (Frauen, Vergangenheitsbewältigung, Staatliche Ordnung) beziehen sich in Teilen oder in Gänze auf anderen Themen.

Durch diese Auswahl von Themen und Behauptungen kann der Eindruck entstehen, dass rechtsradikale Gedankengebäude in der Hauptsache oder gar völlig aus der Auseinandersetzung mit Ausländern bestehen. Dies ist empirisch nicht unbedingt in Frage zu stellen. Entscheidend für die demokratische Auseinandersetzung mit rechtsradikalen (und -extremen) Äußerungen dürfte jedoch die Legitimation der Umsetzung von Einstellungen in Handlungen sein. Und damit dürfte in der Auseinandersetzung mit Rechtsradikalen bzw.- extremen die Gewaltfrage in den Vordergrund rücken. Eine solche Schwerpunktverlagerung bzw. -setzung müsste auch den meines Erachtens demokratietheoretisch wichtigen Aspekt betonen, dass radikale Meinungen in einer Demokratie zulässig sind, die Frage der Demokratiefähigkeit bzw. -feindlichkeit sich aber an der Frage der Zulässigkeit von Gewaltmitteln zur Durchsetzung eben dieser Ansichten entscheidet.

Inhaltlich betrachtet gelingt die Widerlegung der ausgewählten rechtsradikalen Behauptungen im Großen und Ganzen betrachtet recht eindrucksvoll. Ich habe hierfür den Bereich der "Kriminalität" als den mir am Vertrautesten intensiver betrachtet: Hervorragend ist die Gegenargumentation zur Behauptung, Ausländer seien "krimineller als Deutsche". Hier wird die Literatur klug und interessant aufbereitet (S.112ff. - ähnliches gilt für die Gewalt an den Schulen im Teilbereich "Bildung", S.101ff). Anders ist dies bei dem Versuch der Widerlegung der Aussage Ausländer seien nicht bereit, "unsere Rechtsordnung zu akzeptieren". Hier werden den rechtsradikalen Beispielen der "Blutrache, Familienfehden, Lynchjustiz" im Kern die fremdenfeindlichen Straftaten des letzten Jahrzehnts gegenüber gestellt. Diese "Aufrechnung" kann meines Erachtens nicht überzeugen (S.117ff.). Auch die Gegenrede zur Behauptung "Viele Ausländer legen es doch nur darauf an, eingelocht zu werden. Denn in unseren Gefängnissen haben sie es immer noch besser als in ihren Heimatländern." fällt eher schwächer aus (S. 126ff.). Als Hauptargument bleibt die Enge und Trostlosigkeit deutscher Gefängniszellen. Ärgerlich ist die mittlerweile beinahe übliche Fehlbezeichnung von "Sicherungsverwahrung" mit dem Begriff "Sicherheitsverwahrung" (S.126, Nr. 3).

Ähnlich wie bei einigen Argumentationslinien im Bereich Kriminalität hatte ich auch bei einigen anderen thematischen Bereichen den Eindruck, dass oftmals auf die moralische, ethische Überlegenheit des (Gegen)Arguments vertraut wurde. An dieser Stelle machte es sich wiederum negativ bemerkbar, dass die Auseinandersetzung primär auf der Einstellungsebene gesucht wird. Hier wird es manches Mal eben bei der je individuellen ethischen, ja politischen Bewertung bleiben (müssen). Problematisch für die Demokratie ist der Einsatz der Gewalt zur Durchsetzung von politischen Haltungen.

Überlegenheit gegenüber rechtsradikalen Ideologien zeigt sich somit letztlich nicht in der Fähigkeit, jede einzelne Haltung zu widerlegen, sondern vielleicht gerade in der Toleranz gegenüber der Haltung und dem Verzicht auf argumentative Überwindung. Dem Umschlag von extremer Haltung in extreme Handlung gilt es argumentativ entgegen zu treten - um auf diese Art und Weise politische Prävention zu betreiben.

Fazit

Mit dem Band wird ein aufwendiges, betont arbeitsteiliges und in der Präsentation äußerst differenziertes Projekt vorgelegt. Meines Erachtens schadet das Bemühen um (auch optische) Differenzierung jedoch an einigen Stellen der Geschlossenheit der Argumentation. Zum anderen wird mit der Gesamtrichtung des Bandes meines Erachtens zu stark die argumentative Überwindung "rechtsradikaler Propaganda" ­betont - und nicht auf argumentative Toleranz einerseits und Intoleranz gegenüber rechtsradikaler Gewaltakzeptanz andererseits hin orientiert.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Ohlemacher
Professor für Kriminalwissenschaften
- Vizepräsident für Forschung und Weiterbildung - Nds. Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege


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Zitiervorschlag
Thomas Ohlemacher. Rezension vom 08.04.2003 zu: Jonas Lanig, Marion Schweizer: "Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!". Rechtsradikale Propaganda und wie man sie widerlegt. Verlag an der Ruhr (Mülheim an der Ruhr) 2003. ISBN 978-3-86072-394-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/823.php, Datum des Zugriffs 24.09.2019.


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