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Jonas Gabler: Ultrakulturen und Rechtsextremismus

Cover Jonas Gabler: Ultrakulturen und Rechtsextremismus. Fußballfans in Deutschland und Italien. PapyRossa Verlag (Köln) 2009. 153 Seiten. ISBN 978-3-89438-402-9. D: 14,00 EUR, A: 14,40 EUR, CH: 25,90 sFr.

Reihe: PapyRossa-Hochschulschriften - 79.
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Anlässe und Thema

„Im Frühjahr 2008 grölten Fans des Halleschen FC während des Spiels ihrer Mannschaft gegen den FC Carl Zeiss Jena wiederholt „Juden Jena“. Ein paar Wochen später sangen Fans des Rot-Weiß Erfurt, der ebenfalls gegen den Jenaer Drittligisten spielte, ein Hass-Lied mit der Textzeile „Wir bauen eine U-Bahn von Jena bis nach Auschwitz“.“ (Vgl. „ZeitOnline“ 13.09.2009)

Einzelfälle? Typisch Osten? Mitnichten. Dass derartige Vorfälle nicht selten einen rechtsextremistischen Hintergrund haben und dass sie in manchen deutschen und italienischen Fußballstadien nicht selten sind, ist der Ausgangspunkt des vorliegenden Buches. Jonas Gabler fragt, welche Faktoren rechtsextremistisches Verhalten im Fußball begünstigen oder behindern. Dabei vergleicht er die deutsche mit der italienischen Fanszene und geht auf die historische Entwicklung der Fankulturen, die direkte Einflussnahme rechtsextremistischer Organisationen, die soziale Kontrolle innerhalb von Fangemeinden, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sowie auf die repressiven und präventiven Maßnahmen des Staates ein.

Autor

Jonas Gabler ist Politikwissenschaftler und das Buch stützt sich auf seine Diplomarbeit, die von Richard Stöss betreut wurde. Mit seinem Buch präsentiert Jonas Gabler die Ergebnisse einer umfassenden Literaturrecherche, die er in Deutschland und in italienischen Archiven über den Rassismus in italienischen und deutschen Fankurven durchgeführt hat. Es handelt sich um schmales, aber sehr lesenswertes Bändchen.

Aufbau und Inhalte

Das Buch ist in sechs Kapiteln unterteilt.

Im ersten Kapitel, der Einleitung, plädiert der Autor vor allem dafür, Fußballstadien sowohl als Indikatoren als auch als Katalysatoren für rechtsextremistische Tendenzen in einer Gesellschaft anzusehen. Das ist keine neue Einsicht, aber eine, die, weil sie keinesfalls gesamtgesellschaftlich geteilt wird, immer wieder betont werden sollte. Auch die vom Autor für seine Literaturanalysen zugrundegelegte Definition von Rechtsextremismus mag man, ob ihres aufzählenden Charakters, durchaus kritisieren können.[1] Für die Analysen und Vergleiche, um die es dem Autor geht, hat sie sich indes als praktikabel erwiesen.

Im zweiten Kapitel stellt Jonas Gabler seine theoretischen Ausgangspunkte vor. Dabei werden vor allem zwei Perspektiven hervorgehoben, mit denen erklärt werden soll, „wie es dazu kommt, dass rechtsextremistische Verhaltensweisen Eingang in die Fußballfankultur finden“ (S. 18): a. das Freund-Feind-Schema und b. Dispositionen zu rechtsextremistischen Verhalten. Beide Perspektiven kann man auch als sozialpsychologischen, in der das „Freund-Feind-Schema“ vor allem als Folge von Intergruppen-Beziehungen beschrieben und erklärt wird, und als eher persönlichkeitspsychologischen Zugang bezeichnen. Theoretisch interessierte Leser und Leserinnen erfahren in diesem Kapitel nicht viel Neues, aber das bezweckt der Autor wohl auch nicht. Er möchte mit diesem knappen theoretischen Kapitel wohl eher eine Erklärungsbrücke zwischen makro- und mikrosozialen Bedingungen für rechtsextremes Verhalten schlagen.

Im dritten Kapitel kommt der Autor dann zur Sache. Hier werden rechtsextreme Ausdrucksformen in der italienischen Fußballfankultur dargestellt und kritisch beleuchtet. Sehr ausführlich und informativ werden die Entstehung der italienischen Fankultur und die Einflüsse, die der Rechtsextremismus auf diese Entwicklungsprozesse genommen hat, dargestellt. Spannend waren für den zwar politisch engagierten, aber fußballerisch recht unwissenden Rezensenten vor allem die Passagen, in denen der Autor die Wandlungsprozesse von mehr oder weniger unpolitischen oder eher links orientierten Fangruppen zu rechtsextremen Ultras schildert. Dass rechtsextremistische und rassistische Verhaltensweisen und Äußerungen von Fußballfans in Italien nicht immer auf einhellige Ablehnung in der Gesellschaft stoßen (siehe z.B. S. 116), ist nicht sehr überraschend. Optimistischer stimmen aber die vom Autor sehr akribisch analysierten und vorgestellten sozialpädagogischen Projekte, mit denen in Italien dem Rassismus und Rechtsextremismus in den Stadien begegnet werden soll. Diese Informationen dürften auch für manche deutsche Fanprojekte interessant uns lesenswert sein.

Im vierten Kapitel seines Buches geht der Autor auf die rechtsextremen Ausdrucksformen in den deutschen Fankulturen ein. Auch hier wird zunächst knapp die Geschichte der Fans, Kutten, Hools und Ultras aus den 1980er Jahren vorgestellt. Die Auswertung gegenwärtiger Trends zeigt zumindest etwas Beruhigendes: In deutschen Stadien haben Vorfällen mit rechtsextremistischem Hintergrund in den letzten Jahren abgenommen, verschwunden sind sie allerdings nicht. Positiv mag man in diesem Zusammenhang die verschiedenen und durchaus effektiven Repressions- und Präventionsmaßnahmen zur Kenntnis nehmen, die z.B. der DFB gemeinsam mit den Fußballclubs, verschiedenen Fanprojekten und auch der Polizei entwickelt hat.

Der Vergleich zwischen Italien und Deutschland, den der Autor im fünften Kapitel präsentiert, offeriert denn – zumindest aus deutscher Sicht – auch wieder Tröstliches: In Italien nehmen seit den 1980er Jahren rassistische und rechtsextremistische Tendenzen in den Fußballstadien zu, in Deutschland scheinen sie seit Mitte der 1990er Jahre rückläufig zu sein, was wohl – so des Autors Fazit – auch mit dem gewachsenen zivilgesellschaftlichen Engagement in Deutschland zu tun hat. Der Rezensent hofft, dass der Autor Recht haben möge.

Mit großer Zustimmung hat der Rezensent denn auch die Schlussbetrachtungen im letzten, dem sechsten, Kapitel des Buches zur Kenntnis genommen. Dieses Kapitel schließt mit der Feststellung, dass ein Blick in die Fußballstadien, sowohl in Deutschland als auch in Italien, einige Antworten auf die gesamtgesellschaftlich hoch relevante Frage zu liefern vermag, wie wir es mit Rassismus und Rechtsextremismus halten.

Fazit

Das Buch ist informativ und lesenswert, für Journalisten ebenso wie für Politiker, Sozialwissenschaftler, Sportfunktionäre, vor allem aber für Fußballer und ihre Fans.

Zitierte Literatur

Stöss, Richard (2000). Rechtsextremismus im vereinten Deutschland. Berlin: Friedrich-Ebert-Stiftung


[1] Jonas Gabler stützt sich auf von Richard Stöss (2000) vorgelegt Definition, nach der Rechtsextremismus als Weltbild verstanden werden kann, das sich durch Autoritarismus, Nationalismus, Wohlstandschauvinismus, Rassismus, Antisemitismus und Pro-Nazismus auszeichne.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 14.01.2010 zu: Jonas Gabler: Ultrakulturen und Rechtsextremismus. Fußballfans in Deutschland und Italien. PapyRossa Verlag (Köln) 2009. ISBN 978-3-89438-402-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8236.php, Datum des Zugriffs 17.09.2021.


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