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Michael Galuske: Flexible Sozialpädagogik

Rezensiert von Prof. Dr. Ruth Enggruber, 30.06.2003

Cover Michael Galuske: Flexible Sozialpädagogik ISBN 978-3-7799-1701-4

Michael Galuske: Flexible Sozialpädagogik. Elemente einer Theorie sozialer Arbeit in der modernen Arbeitsgesellschaft. Juventa Verlag (Weinheim ) 2002. 384 Seiten. ISBN 978-3-7799-1701-4. 28,00 EUR.
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Einführung in Thema und Zielsetzung des Buchs

Ausgehend von der Erfolgsgeschichte der Sozialpädagogik im 20. Jahrhundert stellt Michael Galuske zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Sozialpädagogik sozusagen 'vom Kopf auf die Füße'. Denn es gelingt ihm - ausgehend von der historischen Entwicklung der Arbeitsgesellschaft und ihres Sozialstaates - an die sozialpolitischen Wurzeln und damit Finanzierungsgrundlagen der Sozialpädagogik zu erinnern. Diese drohten insbesondere in den auf fachliche Autonomie abzielenden professionstheoretischen Debatten Ende des 20.Jahrhunderts in Vergessenheit zu geraten. In Anlehnung an Lothar Böhnischs und Wolfgang Schröers "... Ansätze für eine sozialpolitisch reflexive Pädagogik" (2001) kann Michael Galuskes "Flexible Sozialpädagogik" somit auch als 'sozialpolitisch reflexive Sozialpädagogik' verstanden werden. Ihre theoretischen Eckpfeiler sind die Lebensweltorientierung auf der einen und die Vermarktlichung Sozialer Arbeit auf der anderen Seite: Während Lebensweltorientierung die subjektorientierte Flexibilisierung "als biografische und sozialräumliche Sensibilisierung" (S. 293ff.) markiert, bezeichnet Vermarktlichung die systemorientierte Flexibilisierung in Form der "Ökonomisierung und Privatisierung der Sozialen Arbeit" (S. 298ff.).

In Zeiten, in denen die sozialen Sicherungssysteme an ihre Grenzen stoßen und ihr Reformbedarf die Berichterstattung in den Medien ebenso bestimmt wie hohe Arbeitslosenquoten, Globalisierung und Debatten über den "aktivierenden Sozialstaat", leistet Michael Galuske einen entscheidenden Beitrag zur "Selbstreflexivität und Sozialbeobachtung" (S. 19) von Institutionen der Sozialpädagogik und der dort tätigen Subjekte. Gerade bezogen auf die Ausbildungsinstitutionen der Sozialpädagogik ist dieses Verdienst besonders hoch zu schätzen, denn sie entlassen ihre AbsolventInnen im Sinne Michael Galuskes in eine "andere" sozialpädagogische Praxis (S. 347) - die Praxis der "Flexiblen Sozialpädagogik" -, auf die sie ausreichend vorbereitet sein sollten.

Inhaltsübersicht

1. Einleitender Teil

Zunächst skizziert Michael Galuske kurz und prägnant die enorme Erfolgsgeschichte der Sozialpädagogik bzw. der Sozialen Arbeit - beide Begriffe werden von ihm synonym verwendet - im 20. Jahrhundert. Es wird deshalb auch als das "sozialpädagogische Jahrhundert" bezeichnet. Von dieser Erfolgsgeschichte ausgehend begründet er die Fragestellung und den Aufbau seiner Studie, ohne dabei zu vernachlässigen, dass einige seiner Ausführungen als "wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Zukunft" Gefahren bergen, auf die hier auch nachdrücklich hinzuweisen ist:

"Aussagen über die Zukunft stehen in einer doppelten Gefahr: sich entweder in den Sicherheiten, Selbstverständlichkeiten und quasi naturalisierten Normalitätsannahmen des Gestern und Heute zu verfangen und entsprechend das Morgen als einfache Hochrechung des Gestern zu begreifen, oder aber sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen und den Wunsch zu Wirklichkeit zu erklären" (S. 25).

Neben diesen inhaltlichen und methodischen Ausgangspunkten klärt Michael Galuske in seinem einleitenden Teil die drei zentralen Begriffe, die seinen gesamten Argumentationsgang durchziehen: Arbeit, Arbeitsgesellschaft und Zweite Moderne. Für den Begriff der Zweiten Moderne greift er auf Ulrich Becks Verständnis zurück.

2. Teil: "Die Arbeitsgesellschaft und ihre Sozialpädagogik"

Unter dieser Überschrift führt Michael Galuske die verschiedenen historischen Befunde und sozialwissenschaftlichen Debatten zusammen, die die historische Entwicklung des Sozialstaats von seinen Anfängen bis heute mit seinen verschiedenen Funktionen in der Arbeitsgesellschaft der Ersten Moderne thematisieren. Ausgehend von der Entstehung des Sozialstaates unter Bismarck in den frühen Zeiten des "Industriekapitalismus" skizziert er, wie der bis heute für alle behauptete Lebensentwurf der 'Erreichbarkeit'" (Böhnisch) die normative Leitfigur des lohnarbeitszentrierten Sozialstaats bestimmt hat: Denn für eine auf Wirtschaftswachstum angewiesene kapitalistische Wirtschaftsordnung, die spätere Marktwirtschaft, wurden (immer besser) qualifizierte Arbeitskräfte benötigt, die mit ihrer Arbeit und ihrem Lohn die für eine prosperierende Wirtschaft notwendigen Produktivitäts- und Konsumleistungen sicherten. Mit Bourdieu bestimmt Michael Galuske den "arbeitsgesellschaftlichen Habitus", über den alle Menschen verfügen sollten, um den normativen Bezugspunkt des "Normalarbeitsverhältnisses" und als dessen Ergänzung die "Hausfrauenehe" erreichen zu können. Gefordert waren also der "(selbst)disziplinierte Arbeitsbürger und als Gegenstück die (selbst)disziplinierte Familienarbeitsbürgerin" (S. 95):

"Damit Arbeit und Beruf zum 'großen Sinnstifter der Moderne' (...) werden konnten, bedurfte es mehr als der technischen Innovationen des 18. Jahrhunderts, wie der automatischen Steuerung für Webstühle (um 1740) oder der Dampfmaschine (1769). Man brauchte in erster Linie Menschen, die gewillt waren, diese Maschinen 'produktiv' zu nutzen" (S. 95).

Die zunehmende Ausdifferenzierung sozialstaatlicher Institutionen und die damit verbundene rasante Verbreitung sozialpädagogischer Angebote steht unter dieser lohnarbeitszentrierten Leitidee. Sie umreißt die Normalisierungserwartungen gesellschaftlicher Integration, die die Sozialpädagogik mit ihrem gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen hatte und auch bis heute zu erfüllen hat. In diesem Zusammenhang greift Michael Galuske die in den letzten Jahren vernachlässigten Chiffren der 70er Jahre auf wie das "doppelte Mandat" oder das "Hilfe-Kontroll-Paradigma". Er präzisiert sie in Rauschenbachs Verständnis der Sozialpädagogik als "intermediärer Instanz", die zwischen der Lebenswelt der KlientInnen und dem Normalisierungsauftrag des Gesellschaftssystems zu vermitteln hat.

3. Teil: "Die flexible Arbeitsgesellschaft und ihre Sozialpädagogik"

Zur Begründung seiner zentralen These, dass mit der Zweiten Moderne "das Ende der Vollbeschäftigungsgesellschaft" (S. 149) in einer "flexiblen Arbeitsgesellschaft" erreicht sei, trägt Michael Galuske zahlreiche empirische Befunde zusammen und diskutiert sie vor dem Hintergrund der dazu geführten sozialwissenschaftlichen Debatten. Diese andere Arbeitsgesellschaft erfordert von den Menschen - in einer modernisierungskritischen Lesart - den "flexiblen Habitus", um mit den damit verbundenen Risiken und Chancen in der alltäglichen Lebensführung umgehen zu können. Schlagworte wie "Patchwork-Biografien" oder "Jeder ist seines Glückes Schmied!" kennzeichnen diese Individualisierungstendenzen fern ab von für alle erreichbaren 'Normalbiografien' oder Normalarbeitsverhältnissen. Am markantesten steht der "unternehmerische Mensch" (S. 242) für den "flexiblen Habitus". Die erst vor kurzem eingeführten "Ich-AGs" im Arbeitsförderungsrecht unterstreichen diese Tendenz.

Die Kehrseite dieser Entwicklung wäre also, dass die normative Leitfigur des "Normalarbeitsverhältnisses" mit dem "Lebensentwurf der 'Erreichbarkeit' als gesellschaftliche Integrationsperspektive nicht mehr für alle, sondern nur noch für einige gelten würde. Dies könnte für die Sozialpädagogik bedeutsame Konsequenzen haben: Während sie für einige noch Integrationsförderung und Exklusionsvermeidung übernehmen würde, könnte sie für die, die keinerlei Chancen mehr auf eine Erwerbsarbeit haben, nur noch "Exklusionsverwaltung" (S. 343) leisten. Dass sich solche Entwicklungen der Exklusionsverwaltung bereits andeuten, belegt Michael Galuske mit spannenden Daten der Inhaftierten- und Verurteiltenquoten aus den USA und deutschen Bundesländern. Darüber hinaus greift er die Debatten auf, die unter Schlagworten wie "dritter Weg" und "'aktivierender' Sozialstaat" (S.208ff.) geführt werden. Trotz steigender Arbeitslosigkeit wird damit die Arbeitsverpflichtung der KlientInnen radikalisiert anstatt lebbare Alternativen als normative Bezugspunkte in den gesellschaftlichen Diskurs zu bringen. In diesem Zusammenhang thematisiert Michael Galuske auch die am "Ende der Vollbeschäftigungsgesellschaft" entwickelten Ansätze zur "Bürgerarbeit" und "Bürgergesellschaft" (S. 253ff.) und relativiert sie angesichts der dazu vorliegenden empirischen Befunde.

Auf dieser insgesamt sehr breiten theoretischen und empirischen Basis begründet Michael Galuske abschließend die "Flexible Sozialpädagogik" in der flexiblen Arbeitsgesellschaft:

"In der 'Doppelzange' einer auf Dauer gestellten Verpflichtung zur permanenten Effektivierung ihrer Angebote und einer den realen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt zuwiderlaufenden Radikalisierung der Arbeitsverpflichtung unter dem Stichwort 'aktivierender Sozialstaat'" (Dahme/Wohlfahrt, zitiert in Fußn. 50, S. 346)

versucht sie, neue Institutionalisierungs- und Handlungsformen zu entwickeln und zwar in zweifacher Hinsicht:

(1) Mit der "subjektorientierte Flexibilisierung" (S. 298) nimmt sie die individuellen Biografien der KlientInnen in ihrem sozialräumlichen Bezug stärker in den Blick. Die Förderangebote werden stärker individualisiert unter Vernachlässigung institutionell vorgegebener Maßnahme- bzw. Unterstützungsformen. So werden bereits heute - unter dem Motto "Personen- statt Maßnahmenorientierung" - in den Angeboten zur Jugendberufshilfe nach dem Arbeitsförderungsrecht neue Förderstrukturen entwickelt, die den einzelnen Jugendlichen individualisierte Förderwege ermöglichen sollen.

(2) Die "systemische Flexibilisierung" (S. 315) umreißt die zunehmende Ökonomisierung und auch Privatisierung Sozialer Arbeit, die sich in den Debatten um ihre Effektivität und Effizienz ebenso zeigen wie in jenen zu Soziale Arbeit als Dienstleistung, Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement.

Fazit

Es ist sicherlich der Komplexität des Themas und der großen Anzahl zusammengeführter historischer und aktueller Debatten sowie empirischer Befunde geschuldet, dass möglicherweise die sprachliche Gestaltung auch dieser Buchbesprechung auf so manche/n LeserIn eher sperrig und damit abschreckend wirken mag. Die hier zahlreich eingeflochtenen Zitate sollten zumindest mögliche Hemmschwellen herabsetzen. Außerdem ist bedenkenswert, dass sich diese Buchbesprechung auf wenige Seiten begrenzen muss. Im Gegensatz dazu hat Michael Galuske knapp 355 Textseiten dazu genutzt,

"aus sozialpädagogischem Interesse unterschiedliche Deutungen und Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen und eine Lesart der Modernisierung zu entwickeln," (S. 28f.),

die eine "Flexible Sozialpädagogik" als eine "andere", sozialpolitisch reflexive Sozialpädagogik für das 21. Jahrhundert begründen kann. Dies ist Michael Galuske meines Erachtens voll und ganz gelungen. Er eröffnet für die sozialpädagogischen Institutionen und die dort handelnden Subjekte zahlreiche Reflexionsfolien zur Selbstbeobachtung und Selbstvergewisserung im sozialpädagogischen Alltag. Bereits im Studium sollte dieses Buch zur Pflichtlektüre für Studierende werden, damit sie frühzeitig - zumindest in ihren reflexiven Kompetenzen - auf die "Erfolgsgeschichte einer 'anderen' Sozialpädagogik" vorbereitet werden,

"die ... trotz neuen Dienstleistungsimages wieder schmerzhaft und verstärkt ihrer ordnungspolitischen Wurzeln gewahr wird" (S. 346).

Rezension von
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Hochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Es gibt 61 Rezensionen von Ruth Enggruber.

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Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 30.06.2003 zu: Michael Galuske: Flexible Sozialpädagogik. Elemente einer Theorie sozialer Arbeit in der modernen Arbeitsgesellschaft. Juventa Verlag (Weinheim ) 2002. ISBN 978-3-7799-1701-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/825.php, Datum des Zugriffs 25.05.2022.


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