Rolf Meinhardt, Birgit Zittlau: BildungsinländerInnen an deutschen Hochschulen [...]
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 28.09.2009
Rolf Meinhardt, Birgit Zittlau: BildungsinländerInnen an deutschen Hochschulen am Beispiel der Universität Oldenburg. Eine empirische Studie zu den erfolgshemmenden Faktoren im Studienverlauf und Empfehlungen zur Verbesserung der Studienleistungen durch HochschullotsInnen.
BIS-Verlag
(Oldenburg) 2009.
175 Seiten.
ISBN 978-3-8142-2151-9.
10,80 EUR.
Schriftenreihe des Interdisziplinären Zentrums für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen (IBKM.
Integration bedarf der aktiven Gestaltung, und die Beseitigung von Integrationshemmnissen ist eine gesellschaftliche Aufgabe für Alle.
Diese Aufforderung subsumiert eine Diskussion, die spätestens seit der (späten) ehrlicheren politischen und öffentlichen Erkenntnis, dass die Bundesrepublik Deutschland ein Einwanderungsland sei, entstanden ist. Ein Aspekt neben der wichtigen Aufgabe, die Eingewanderten von früh an und intensiv zu fördern, um ihnen eine gelingende Integration in Deutschland zu ermöglichen, ist die Frage, wie neben der schulischen die berufliche Eingliederung möglich wird. Es geht hier um den Hochschulzugang, die Qualifizierung von Studierenden zur Erreichung eines universitären Abschlusses und die Eingliederung von hoch qualifizierten Akademikern in den Arbeitsmarkt (vgl. dazu: Anwar Hadeed: Sehr gut ausgebildet und doch arbeitslos. Zur Lage höher qualifizierter Flüchtlinge in Niedersachsen. BIS-Verlag (Oldenburg) 2004, vgl. dazu die Rezension vom 09.08.2005).
Autor, Autorin und Thema
Der Erziehungswissenschaftler an der Universität Oldenburg, Prof. Dr.Rolf Meinhardt (em.) und die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Interdisziplinären Zentrums IBKM, Birgit Zittlau, legen die Ergebnisse einer empirischen Studie „zu den erfolgshemmenden Faktoren im Studienverlauf und Empfehlungen zur Verbesserung der Studienleistungen durch HochschullotsInnen“ vor, die im Auftrag des Niedersächsischen Ministeriums für Inneres, Sport und Integration in der zweiten Hälfte von 2008 durchgeführt wurde. Die Studie wurde an der Universität Oldenburg durchgeführt. Zwar seien die Ergebnisse der Studie, wie Meinhardt betont, wegen der untersuchten Stichprobe nicht repräsentativ zu bewerten; doch seien die Befunde durchaus geeignet, „die Frage nach der Relevanz des Besitzes der deutschen Staatsangehörigkeit für den Studienerfolg aufzuwerfen“.
Inhalt
Betrachten wir die Situation: Nach den statistischen Daten (2007/08) erreicht fast jeder zweite Studierende mit Migrationshintergrund den Studienabschluss nicht; 45 Prozent der betreffenden Studierenden brechen ihr Studium vorzeitig ab; doppelt so viele wie ihre deutschen KommilitonInnen. Dabei ist zu registrieren, dass die Zahl der studierenden „BildungsinländerInnen“ (die im Gegensatz zu den „BildungsausländerInnen“, einen Migrationshintergrund aufweisen, jedoch – vergleichbar mit den deutschen Studierenden - oft den gleichen Bildungsweg aufweisen) sich von 1997 bis heute verdoppelt hat. Im Wintersemester 2007/08 studierten an deutschen Hochschulen (nicht inbegriffen die Studierenden an den Fachhochschulen) insgesamt 55.754 BildungsinländerInnen; ein Anteil von 2,9 Prozent von allen Studierenden. Gleichzeitig aber, analysiert man die Zugänge über eine kürzere Zeitspanne, lässt sich feststellen, dass in den letzten Jahren ein Rückgang der genannten Studierenden zu verzeichnen ist; immerhin um rund 15 Prozent.
Die gesellschaftlichen Analysen, wie sie etwa vom Bonner Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) zur Frage der demographischen Entwicklung in Deutschland vorgelegt werden – „Die deutsche Bevölkerung schrumpft und altert… Wir brauchen eine beständig hohe Zahl von Zuwanderern, deren Integration vor allem durch Bildung und Qualifizierung geleistet werden muss… Der Bedarf an breiter und höher qualifzierten Menschen wird weiter wachsen“ – wie auch die Ergebnisse einer im Frühjahr 2008 vorgelegten Studie über die Abwanderungsbereitschaft von deutsch-türkischen Bildungseliten in die Türkei (futureorg Institut), verdeutlichen einen gesamtgesellschaftlichen Handlungsbedarf. Den BildungsinländerInnen kommt hier eine besonders große Bedeutung für die Zukunft Deutschlands zu: Sie sind hier geboren und werden hier in der Regel ihr weiteres Leben verbringen – auf ihre dringend benötigten Ressourcen kann Deutschland nicht verzichten. Erstmalig hat nun die Universität Oldenburg eine Studie vorgelegt, in der die Faktoren untersucht werden, die zum Studienabbruch bei BildungsinländerInnen führen.
Im ersten Teil der Studie legen die Oldenburger ForscherInnen „statistische Daten zur Situation der BildungsinländerInnen“ vor; eine Fundgrube von Informationen, die von der Anzahl der StudienanfängerInnen, über AbsolventInnen, StudienabbrecherInnen, der Herkunftsländer, bis zur sozialen Herkunft und der wirtschaftlichen und sozialen Lage der Studierenden reichen. Diese Daten werden nun auf 26 ausgewählte Studierende mit Migrationshintergrund an der Universität Oldenburg mit schriftlichen Befragungen und Gruppen-Interviews gespiegelt, durch Informationen der verschiedenen Beratungs- und Service-Einrichtungen der Universität ergänzt und analysiert. Dabei werden „studienerfolgshemmende Faktoren“ heraus gefiltert, die sich sowohl als unzureichende soziale Ausstattung, als auch als hohe Studienanforderungen darstellen, insbesondere was den von der Studienordnung vorgeschriebenen zeitlichen Rahmen, wie auch die Anforderungen der Bachelor- und Masterstudiengänge betreffen. Die folgenden Ergebnisse dürften dabei bemerkenswert sein:
- Mehr als die Hälfte der untersuchten Personen stammt aus bildungsfernen und einkommensschwachen Familien.
- Fehlende, unzureichende und falsche Informationen behindern den Studienverlauf und –erfolg.
- Die Studienstruktur der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge führt zu Überschneidungen von Veranstaltungen.
- Hohe Präsenzzeiten und Arbeitsbelastung, auch angesichts der Situation, dass ein erheblicher Teil der BildungsinländerInnen ihr Studium durch Selbstfinanzierung bestreiten müssen.
Fazit
Das im Herbst 2007 im Auftrag des Niedersächsischen Ministeriums für Inneres, Sport und Integration an der Universität Oldenburg begonnene Pilotprojekt „HochschullotsInnen“, bei dem bisher 35 Studierende mit Migrationshintergrund, ausländische und Interkulturelle Pädagogik Studierende und Gasthörerinnen (ehemalige Lehrerinnen) mit rund 100 Stunden umfassenden Qualifizierungsmaßnahmen ausgebildet wurden, ist, nach Einschätzung der an der Studie beteiligten AutorInnen (Heidi Malin, Rolf Meinhardt, Esther Prosche, Johanna Stutz, Astrid Zima, Birgit Zittlau) geeignet, die studienhemmenden Faktoren für BildungsinländerInnen abzumildern und dazu beizutragen, dass deren Studium erfolgreicher durchgeführt werden kann. Die Forschungsarbeit des Oldenburger Interdisziplinären Zentrums für Bildung und Kommunikation in Migrationsprozessen (IBKM) liefert nur begrenzte Aussagen über Studienerfolge und Studienabbrecher an deutschen Universitäten und Fachhochschulen insgesamt; zumal keine Vergleichsdaten zu Studienbedingungen und -schwierigkeiten bei den herkunftsdeutschen Studierenden erhoben wurden. Sie zeigt aber als erste Pilotstudie einen bedenkenswerten und veränderungsrelevanten Bedarf an den Hochschulen auf. Die Empfehlungen dazu sind deshalb sicherlich für die universitäre und Fachhochschulausbildung von Studierenden mit Migrationshintergrund, sowie von ausländischen StudentInnen, nicht nur in Oldenburg, von großer Bedeutung.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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