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Christof Beckmann: Qualitätsmanagement und soziale Arbeit

Cover Christof Beckmann: Qualitätsmanagement und soziale Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 221 Seiten. ISBN 978-3-531-16799-2. 24,90 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Um die 750 bibliographische Nachweise finden sich im Literaturverzeichnis und werden in diesem theoretisch wuchtigen und mehr als gehaltvollen Buch auf ca. 180 Seiten verarbeitet. Es handelt sich um die leicht überarbeitete Dissertation (Titel: ‚Soziale Arbeit und Qualitätsmanagement‘) von Christof Beckmann, der in Bielefeldt studiert und seither in und um Bielefeldt als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig ist. Und in der Tradition der vielen Veröffentlichungen zu diesem und den benachbarten Themen[1] im Umfeld von Hans-Uwe Otto steht auch dieses Buch, das im Rahmen des DFG-Projektes ‚Dienstleistungsqualität in der Sozialen Arbeit‘ am Beispiel der Sozialpädagogischen Familienhilfe (SPFH) entstanden ist.

Aufbau und Inhalt

Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Feststellung, dass sich zwei Positionen im Hinblick auf die Fragen, die sich im Zuge der Einführung von Qualitätsmanagement in der Sozialen Arbeit ergeben, gegenüber stehen: “ Die einen betonen, dass Qualitätsmanagement ein bloßes Mittel ist, welches für jegliche Zwecke eingesetzt werden kann, die anderen bezweifeln dies und fürchten, dass sich mit den Mitteln der Sicherung und Entwicklung von Qualität auch die Zwecksetzungen und die Rahmenbedingungen der Dienstleistungserbringung grundlegend ändern“ (S. 14) – und sich auch zu ihrem Nachteil verändern könnten, so eine der impliziten Thesen dieses Buches. Um diese Frage entscheiden zu können, unternimmt Beckmann zunächst zwei große theoretische ‚Anmärsche‘ und schließt ihnen dann eine eigene empirische Untersuchung an:

  • Im ersten Teil wird das Verhältnis zwischen Staat und Leistung erbringenden Organisationen sehr grundsätzlich untersucht: Dazu geht Beckmann u.a. der Frage nach, „wie sich das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft gewandelt hat, also auf welche gesellschaftlichen und sozialen Veränderungsprozesse der sog. ‚aktivierende Staat‘ Bezug nimmt.“ (S. 15)
  • Im zweiten Teil behandelt Beckmann die Frage nach dem Verhältnis zwischen Sozialer Arbeit als Profession und den Organisationen, in deren Rahmen diese Arbeit stattfindet. Auch hier findet eine sehr umfangreiche und grundlegende Diskussion organisations- und professionssoziologischer Fragestellungen statt – mit dem Ziel, die Beziehung zwischen professioneller Sozialer Arbeit, bürokratischer Organisation und Qualitätsmanagement empirisch greifbar zu machen.
  • Der auf diesen Überlegungen schließlich aufbauenden Studie liegen Daten aus Einrichtungen der SPFH zugrunde, die Beckmann als exemplarisches Forschungsfeld für seine grundsätzliche Fragestellung ausgewählt hat. Allerdings nimmt er dabei in Anspruch, dass seine Ergebnisse vor allem aufgrund der Auswahl der relevanten dienstleistungstheoretischen Dimensionen eine gewisse Generalisierbarkeit in Anspruch nehmen können: In Nordrhein-Westfalen wurden im Rahmen dieser Untersuchung Leitungspersonen, Fachkräfte und Familien aus insgesamt 30 Einrichtungen durch standardisierte Telefoninterviews befragt.

Wollte man die wichtigsten Ergebnisse dieser Untersuchung vor dem Hintergrund der theoretischen Überlegungen zuvor zusammenfassen, so könnte dies in aller Kürze so formuliert werden:

  • Die Arbeitsbedingungen der Fachkräfte in der SPFH sind nach wie vor überwiegend als professionell zu bezeichnen. Sie lassen sich als ‚ermächtigend ‚ beschreiben. Eine Marginalisierung in großem Umfang ist nicht zu beobachten. Allerdings lassen sich in einzelnen Fällen durchaus Tendenzen der Einschränkung von Ganzheitlichkeit und eine Verringerung von Ermessensspielräumen erkennen. (vgl. S. 154)
  • Bislang hat sich aufgrund der Ergebnisse noch keine flächendeckende ‚ideologische Überformung‘ des professionellen Habitus durchgesetzt. Die Fachkräfte beharren auf ihrer Deutungsmacht für qualitätsrelevante Prozesse und Entscheidungen. Dies wird ihnen von den Leitungskräften auch weitgehend zugestanden. Sie haben also, so Beckmann, „das innerhalb des TQM betonte ‚leadership‘ noch nicht verinnerlicht. (S. 171)
  • Qualitätsentwicklungsvereinbarungen beruhen vor allem auf dem Grundgedanken der Qualifizierung der Mitarbeitenden. Das den Einrichtungen hierfür zur Verfügung stehende Budget wurde allerdings nicht mit untersucht.

Interessant schließlich auch die von Beckmann vor dem Hintergrund dieser Befunde entwickelte Organisationstypologie im Hinblick auf den Umgang mit Qualitätsmanagement und seine Folgen. Er unterscheidet bei den 30 untersuchten Einrichtungen – ohne den Anspruch auf Repräsentativität – drei verschiedene Typen:

  • ‚Atomisierte Profibürokratien‘ (N=4), gekennzeichnet durch einen geringen Konsens in Qualitätsfragen und gleichzeitig ermächtigenden Arbeitsbedingungen,
  • ‚Managerielle Maschinenbürokratien‘ (N=13), die sich ebenfalls durch eine kaum vorhandenen Konsens, gleichzeitig aber zudem durch restringierende Arbeitsbedingungen auszeichnen, und
  • ‚Kollegiale Profibürokratien‘ (N=13), die sowohl eine hohen Konsens in Qualitätsfragen als auch ermächtigende Arbeitsbedingungen für die Fachkräfte vorweisen können.

Fazit

„Im Verhältnis zu den Einrichtungsleitungen zeigt sich, dass in der Mehrzahl der Einrichtungen eine tendenziell gelungene Kooperationsbeziehung zwischen Leitungs- und Fachkräften vorherrscht, durch die es nicht zu einer Entmachtung der Fachkräfte gekommen ist. Stattdessen existiert dort ein relativ weitgehender Konsens darüber, dass Fragen der Qualität der Dienstleistungserbringung zuallererst professionelle Fragen sein sollten.“ Gott sei Dank, könnte man sagen und: war ja eigentlich auch zu erwarten. Allerdings zeigen sich nach Beckmann durchaus auch „tendenziell deprofessionalisierende Wirkungen des Controlling, … wiewohl … noch nicht von einer Schrumpfung des qualitativen und quantitativen Leistungsniveaus Sozialer Arbeit gesprochen werden kann“ (S. 191)

Es bleibt zu fragen, wer in welchem Umfang – abgesehen von den Befunden der Untersuchung selbst – von den langen und differenzierten theoretischen Anmarschwegen profitieren könnte. Die empirischen Methoden, vor allem im Bereich der Datenanalyse, sind bestechend und können für große Untersuchungen im Bereich der Grundlagenforschung durchaus als vorbildhaft angesehen werden.

Schließlich könnte eines den Ergebnissen dieser Untersuchung aus dem Erfahrungsschatz derjenigen, die sich mit der Praxis des Qualitätsmanagement in den Einrichtungen der Sozialen Arbeit auseinandersetzen, wohl noch hinzugefügt werden: Der strukturell verankerten, inhaltlichen und auch motivationalen Beteiligung der Fachkräfte an der Konzeption und Entwicklung passgenauer und effizienter Strategien der Sorge um die Qualität der eigenen Arbeit kommt eine besondere Bedeutung zu. Wenn es gelingt, dass alle an einem Strang ziehen und Gelegenheiten geschaffen werden, die unterschiedlichen Vorstellungen zur Sprache zu bringen und zu diskutieren, sind wohl die meisten Bedenken im Hinblick auf Entmachtung, Deprofessionalisierung und Verringerung der Spielräume eher unbegründet, egal um welches QM-System es sich im Einzelfall handelt. Genau in diese Richtung scheint Beckmanns Argumentation auch zu gehen.


[1] vgl. dazu z.B. Beckmann, Ch., Otto, H.-U., Richter, M. & Schrödter, M. (Hg.) (2004). Qualität in der Sozialen Arbeit. Zwischen Nutzerinteressen und Kostenkontrolle. VS Verlag für Sozialwissenschaften sowie die dazu vorliegende Rezension bei socialnet.


Rezension von
Prof. Dr. Joachim König
Evangelische Hochschule Nürnberg
Allgemeine Pädagogik & Empirische Sozialforschung
Leiter des Instituts für Praxisforschung und Evaluation
Homepage www.evhn.de/hochschule/organisation/personenverzeic ...
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Zitiervorschlag
Joachim König. Rezension vom 31.10.2009 zu: Christof Beckmann: Qualitätsmanagement und soziale Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16799-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8259.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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