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Jens Bergmann, Bernhard Pörksen (Hrsg.): Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 10.10.2009

Cover Jens Bergmann, Bernhard Pörksen (Hrsg.): Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung ISBN 978-3-938258-47-7

Jens Bergmann, Bernhard Pörksen (Hrsg.): Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2009. 352 Seiten. ISBN 978-3-938258-47-7. 18,00 EUR.
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Unerhört! – Das darf doch nicht wahr sein!

Skandal ist, wenn man es trotzdem tut – trotz der in der jeweiligen Gesellschaft fixierten Normen, die auf die scheinbare Übereinkunft zusammengeschrumpft wird: „So etwas tut man nicht!“. Die Empörungen bei diesen Grenzüberschreitungen wachsen sich, je nach der gesellschaftlichen und politischen Position, die derjenige, der sich skandalös verhält, zu einem öffentlichen Aufschrei aus – oder sie werden, keiner kann sagen warum, gar nicht wahrgenommen und versanden in den Kuhlen des gesellschaftlichen Gedächtnisses. Öffentliche Skandalisierung kann also sowohl dazu beitragen, Gesellschaft zu verändern, als auch völlig unskandalös als Ansichtssache abgetan werden. In unserer modernen Gesellschaft werden Skandale meist von den Medien in die Öffentlichkeit gebracht. Die Mittel und Strategien, wie etwa Journalisten Skandalen auf die Spur kommen – von der Recherche bis zum investigativen Journalismus und zum kalkulierten Voyeurismus – sind so vielfältig wie die Skandale, die die öffentliche Meinung empören oder auch unberührt lassen. Seitens der „Aufdecker“ – als bekanntestes Beispiel ist hier Günter Wallraff zu nennen – variieren die Motive vom echten journalistischen Interesse, über Karrierespekulationen, bis hin zur Jagd nach der Story. Weil aber diskutierte und aufgedeckte Skandale zwei Seiten einer Medaille sind, nämlich die des Jägers und des Gejagten, sind die Auswirkungen, die bei der Aufdeckung von Skandalen auch doppelbödig zu betrachten: „Die Wucht öffentlicher Empörung kann Menschen, die von ihr erfasst wurden, für immer gefangen nehmen – ganz gleich, ob sie Täter sind, Opfer oder wie häufig beides“. So lässt sich sagen: „Der Skandal endet nie“, auch wenn die Vergesslichkeit der Medien- und Sensationsgesellschaft dies vermuten ließe.

Thema und Autoren

Das ist die grundlegende Erkenntnis eines Projektes, das Jens Bergmann, Absolvent der Henri-Nannen-Schule und derzeitiger Geschäftsführender Redakteur des Wirtschaftsmagazins brand eins, und der Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen, Bernhard Pörksen mit 29 Studentinnen und Studenten für Journalistik, Kultur- und Medienwissenschaften und Politische Wissenschaft an der Universität Hamburg durchgeführt haben. In Interviews mit Menschen, die öffentliche Skandale ausgelöst bzw. von ihnen betroffen wurden, sollten „Einblicke in die Logik und Macht öffentlicher Empörung“ werden. Die Herausgeber knüpfen mit ihrem Projekt auch an die Erfahrungen an, die sie in ihrem 2007 erschienenem Buch „Medienmenschen. Wie man Wirklichkeit inszeniert“ dargestellt haben. Es sind aufgezeichnete Gespräche mit Skandalierern, Skandalisierten und Analysten von Skandalen. Die Interviews werden in alphabetischer Reihenfolge abgedruckt.

Inhalte

Die Studierenden Christopher Beschnitt und Kübra Yücel interviewten Sascha Anderson, indem sie ihr Interview mit einem Ausspruch ihres Interview-Partners titelten „Einfach idiotisch“. Der Schriftsteller Sascha Anderson war nämlich, wie Jürgen Fuchs und Wolf Biermann 1991 herausfanden, Stasi-Spitzel. In dem Gespräch versucht „Sascha Arschloch“, wie ihn Biermann öffentlich beschimpfte, sein Verhalten in der ehemaligen DDR zu relativieren; etwa mit der Aussage: „Ich bin nicht als Spitzel durch das Leben gegangen, sondern als Mensch. Die Spitzeltätigkeit war nur eine Funktion, die ich ab und zu annehmen musste“; eine klassische Antwort aller „Spitzler“. Dass die Interviewer die Antworten ihrer Gesprächspartner nicht bewerteten, macht die besondere Qualität dieser „Bestandsaufnahme des öffentlichen Skandalösen“ aus. So kann der Leser sich seine eigene Meinung bilden und seine eigenen Schlüsse aus den Antworten der Inverviewten ziehen.

Hanna Klimpe und Sara Uhlemann sprechen mit dem Soziologen Ulrich Beck, der mit seinem Buch „Risikogesellschaft“ die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf lokale und globale Katastrophen gelenkt hat. Die Ankläger, Warner und Beschwichtiger in Katastrophenfällen gerieren sich als Giftmischer und Lebensretter; und es bedarf der „Individualisierung (als) … Prozess einer neuen Vergemeinschaftung“, damit sich die Hoffnung in der risiko- und skandalträchtigen Weltentwicklung erfüllen könne, „dass die Risikowahrnehmung und damit auch die Medienöffentlichkeit über Grenzen hinweg Gemeinschaft herstellen können.

Mirko Marquardt und Sara Uhlemann reden mit dem ehemaligen Greenpeace-Geschäftsführer und dem Gründer der Organisation Foodwatch, Thilo Bode. Mit der Charakterisierung „Den Nerv treffen“ äußert sich Bode zu Fragen und Strategien bei der Initiierung und Durchführung von öffentlichen Kampagnen gegen Skandale; wie etwa der Brent-Spar-Kampagne von Greenpeace gegen Shell. Eine vielleicht allzu simple Einschätzung, dass eine gute Kampagne, ob zum „Gammelfleisch“ oder zum Umweltschutz, den Nerv der Öffentlichkeit treffe, den sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht kenne, bedarf freilich der Diskussion.

Der ehemalige Chefredakteur des Spiegels, Erich Böhme, wird von Olivia Konieczny und Mirko Marquardt interviewt. Böhme war es, der 1987 die so genannte „Barschel-Affaire“ publik machte. Auch Böhmes Aussage – „Für mich ist die Aufgabe des Journalisten eher eine pädagogische als eine politische. Er sucht die Wahrheit, verbreitet sie und öffnet den Leuten so die Augen. Das allerdings kiann auch … politische Konsequenzen haben“ – gehört in das Sammel-Paket „Skandalisierung der Gesellschaft“.

Anne Kunze und Marcus Schuster sprachen mit dem ehemaligen Terroristen und umstrittenen Chronisten des Deutschen Herbstes, Peter-Jürgen Boock, über die Medienstrategie der RAF, seine Schuld und seine Lügen. Wer wertet seine Aussagen, z. B.: „Wir draußen wurden von denen drinnen bewusst manipuliert… wenn ich gewusst hätte…, dann hätte ich möglicherweise anders gehandelt“ – „Ich war ein Idiot“?

Der Journalist, Schriftsteller, Kolumnist und Spiegelreporter Hendryk M. Broder ist ein „ironisierender Polemiker“. Im Gespräch mit Dominik Betz und Gregor Haschnik. Seiner Meinung nach müsse man bei Missständen auch mal brutal auf den Tisch hauen dürfen. Es sei vor allem der krankhafte Umgang der Deutschen mit dem Nationalsozialismus, der Judenhass und Antizionismus produziere. Sein provokanter Standpunkt jedoch ist anerkennenswert und wahr: „Eine fortschrittliche Gesellschaft zeichnet sich nicht dadurch aus, dass man über alles reden kann, sondern dass es Grundsätze gibt, die außerhalb jeglicher Diskussion stehen“.

Der österreichische Öffentlichkeitsarbeiter Dietmar Ecker ist vor allem dadurch bekannt geworden, dass er das Entführungsopfer Natascha Kampusch betreute und vor den Zugriffen der gierigen Presse schützen wollte; mit ihm sprachen Friederike Meister und Silvia Worm. Er macht deutlich, dass in Krisensituationen die Gesetze der Mediengesellschaft wie unter einem Vergrößerungsglas sichtbar(er) werden. Medienopfern rät er, „ihre eigenen seelischen Wunden zu pflegen und sich von Journalisten fernzuhalten“.

Der Rechtsanwalt und Fernsehmoderator Michel Friedman setzt sich mit Linnea Riensberg und Sugárka Sielaff darüber auseinander, wie jemand, der in der Öffentlichkeit als „moralischer Zeigefinger“ wahrgenommen wird und auftritt, über eigenes moralisches Versagen denkt und damit lebt. Eine Konsequenz ist: Konsequenzen ziehen! – und sich weiter darum bemühen, die wahren Gründe des Handelns von Menschen zu ergründen: „Sie ein Stück zu demaskieren sehe ich als meine Aufgabe“.

Carmen Denker, Inse Leiner und Friederike Meister reden mit der Gerichtsreporterin des Spiegel, Gisela Friedrichsen, über „Empörungswellen“. Die anerkannte Journalistin geht streng ins Gericht mit den Foto- und Filmreportern, die Sensationsbilder provozieren; aber auch mit der Inszenierung von Strafprozessen als Medienspektakel. Sie plädiert dafür, (auch) Tätern ein Gesicht zu geben und sie nicht von vornherein und dramaturgisch als Monster zu stempeln. Sich ein eigenes Bild machen und eine eigene Meinung bilden, das ist eine journalistische und aufklärerische Aufgabe, die sogar bei der Berichterstattung über Skandale positiv auf eine veränderte gesellschaftliche Entwicklung einwirken können.

Der Publizist und Kommunikationsberater Fritz Goergen legt im Interview, das von Claudia Beckschebe und Annika Giese geführt wird, offen, wie er als politischer Berater von FDP-Politikern, insbesondere von Jürgen Möllemann. Goergens pessimistische Einschätzungen – „Wo Macht im Spiel ist, bleibt keine Menschlichkeit“; „Westerwelle ist beratungsresistent“ – gehören auch auf die Agenda der Skandaleinschätzungen und –bewältigungen.

Es war der ehemalige Stern-Reporter Gerd Heidemann, der auf die größte Ente der deutschen Pressegeschichte hereingefallen ist: Die so genannten Hitler-Tagebücher. Ina Almeroth und Marina Leunig befragten ihn. Diese, beinahe wie eine Kriminalstory anmutende Erzählung von Gerd Heidemann, klingt so, dass man an jeder Stelle seiner Aussage das Bedürfnis verspürt, journalistisch nachzuforschen. Denn auf die Frage der Interviewer, ob er es denn nicht als ungerecht empfinde, dass er, neben dem Fälscher der Tagebücher, Kujau, als einziger für den Skandal büßen musste, antwortet er mit der lapidaren und irgendwie unglaubwürdigen Aussage: „So ist das Leben. Ich bin nicht verbittert. Einer muss der Sündenbock sein…“.

Die dubiosen Geschäfte, die der ehemalige Schatzmeister der CDU-Sozialausschüsse, PR-Manager und zeitweilige Leiter des Infas (Institut für angewandte Sozialwissenschaft), Moritz Hunzinger, tätigte und die Einflüsse, die er auf Politiker ausübte, stellt in dem Interview mit Dominik Betz und Marina Leunig trotzig fest: „Es hat sich nichts verändert. Alle machen mir nach wie vor alles nach“. Es waren die Geschäfte und Zumutungen, die er unter anderem mit dem SPD-Politiker Rudolf Scharping und dem Grünen-Politiker Cem Özdemir tätigte, die diese stolpern ließen.

Friederike Meister und Silvia Worm sprechen mit dem Entführungsopfer Natasche Kampusch. Auf die Erklärung der FAZ, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf habe, die Geschichte der Natascha Kampusch kennen zu lernen, antwortet sie entwaffnend: „Ich bin nicht so, wie man mich in den Medien darstellt“. Indem sie erkennt, „dass es dabei nicht um mich als Mensch geht. Sondern lediglich um die Kunstfigur Natascha Kampusch“, gelingt es ihr scheinbar, sich von aggressiven Medienansprüchen zu lösen und sich auf den Weg zu begeben, Mensch zu sein.

Michael Kneissler nennt sich selbst einen investigativen People-Journalisten. Er ist bekannt dadurch, dass er für zahlreiche Zeitungen, Zeitschriften und Magazine Klatsch-Geschichten schreibt. Mit ihm sprachen Jessica Kunert und Sarah Lynn Paetzel. Weil „Aufmerksamkeit die Währung der Promis“ zu sein scheint, sind die Stars und Machtmenschen aus Politik, Kultur und Wirtschaft bei den Journalisten die fleißigsten Lieferanten von Skandalberichten. Kneissler hat dafür eine einfache Erklärung: „Schnorren und Abkassieren“. Und die Voyeure und Zuschauer sind zufrieden, denn „je schlechter es einem selbst geht, desto mehr freut man sich über das Scheitern der Großkopferten“.

Der Kieler Rechtsanwalt und FDP-Politiker Wolfgang Kubicki pflege sein Image als harter Hund, in der Politik wie vor Gericht, so formulieren Marcus Schuster und Jan Kluczniok ihre Information über den Interviewten. Bei dem aufregendsten Wirtschaftsskandale in Deutschland, der VW-Affaire, zeig(t)en sich Strukturen, die sich zwischen Gewöhnung und Verführung bewegen und sich etwa in der Aussage fokussieren: „Über das Risiko denken sie gar nicht nach, das wurde einfach gemacht“.

Dass der Berliner, heute in Los Angeles lebende Journalist Tom Kummer mit seinen gefälschten Star-Interviews über zwei Jahrzehnte dem Ansehen des Journalismus schwer geschadet habe, sieht er ganz anders. Claudia Beckschebe und Jon Mendrala, interviewten ihn. „Ich war wohl ab einem bestimmten Zeitpunkt von meiner eigenen Karriere berauscht“; und weil der Leser eine gewisse Überdrehtheit erwarte, suchte er für seine Interviews eine geeignete Figur und Projektionsfläche. „Ja, der Scoop macht einen verführbar“.

Der Spiegel-Redakteur Hans Leyendecker gilt als einer der erfolgreichsten Enthüllungsjournalisten in Deutschland. Sarah-Lynn Paetzel und Florian Diekmann sprachen mit ihm über zahlreiche Skandale in Politik und Wirtschaft. „Ich allein habe wenig bewirkt, aber der recherchierende Journalismus insgesamt schon. So setzt sich bei den Eliten in der Wirtschaft zunehmend die Einsicht durch, dass Schweinereien am Ende herauskommen…“.

Der beim evangelischen Pressedienst (epd) in Frankfurt/M. tätige leitende Redakteur und seit 2007/08 an der Universität Hamburg lehrende Stiftungsprofessor Volker Lilienthal spricht mit Friederike Meister und Silvia Worm über seine Methoden, seine Berufsauffassung und erläutert, wie er den größten Schleichwerbe-Skandal des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aufgedeckt hat. „Eine Lehre aus der Geschichte war für mich, dass man große Themen in einer journalistischen Arbeitsgruppe angehen sollte“.

Der australische Fotograf Darryn Lyons hat 1992 die Paparazzi-Fotoagentur Big Pictures gegründet. Mit Kübra Yücel und Jessica Kunert unterhält er sich über das Geschäft mit Prominentenfotos, die Ruhmessucht der Stars und den „faustischen Pakt mit der Presse“. Es sind ambivalente, bizarre bis simple Antworten auf die insistierenden Fragen der Interviewer: „Wo ist das Problem? Wirklich Angst haben muss ja nur derjenige, der Dreck am Stecken und etwas zu verbergen hat…“.

Mit dem Bestseller „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ wird die französische Kunsthistorikerin und Kuratorin Catherine Millet weltweit bekannt. Annika Giese und Gregor Haschnik wollten von ihr wissen, wie es sich lebt, wenn man sich mit seinem Intimleben der Öffentlichkeit aussetzt. „Es gibt Dinge im Leben, über die ich nicht rede, weil ich Scham empfinde, doch das wird niemals etwas sein, das mit Sex zu tun hat“. Ihre sibyllinische Antwprt: „Vor der Moral sollte man sich in Acht nehmen. So absolut sie auftritt, so relativ ist sie“.

Der Londoner PR-Berater Clarence Mitchell ist dadurch bekannt geworden, dass er für die Eltern des verschwundenen Kindes Madeleine McCann eine Medienkampagne unvorstellbaren Ausmaßes inszeniert. Dominik Betz und Cliff Lehnen wollten von ihm wissen, wie er zur „Story seines Lebens“ steht und wo er die „Grenzen des guten Geschmacks“ sieht. Wiewohl die Maddie-Story einem Unterhaltungsroman gleiche, sieht Mitchell es als seine Aufgabe an, „die Geschichte zurück in die Realität zu holen“.

Die Berliner Entertainerin Désirée Nick gilt bei den Boulevardmedien als „Meisterin des Zickenkriegs“; eine „Skandalnudel“ jedoch will sie nicht sein; so jedenfalls wehrt sie sich gegen die Anwürfe, die die Interviewer Florian Diekmann und Olivia Konieczny an sie richten.“. Ich leide aber nicht übermäßig darunter, denn ich weiß, wo ich hingehöre“. Wohin?

Gabriele Pauli, dem „buntesten Vogel der CSU“, mittlerweile ausgetreten und als Parteigründerin für Furore sorgend, wird der Rücktritt des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber zugeschrieben. Mit Christopher Beschnitt, Marina Leunig und Jon Mendrala spricht sie über Intrigen und Strategien . „Die entscheidende Frage ist, wie Menschen Macht und Einfluss erlangen…“.

Der Berliner Rechtsanwalt Matthias Prinz wird von den Interviewern Juliane Schramm und Marcus Schuster als „Rächer der Begehrten“ tituliert, weil er seit langem als Medienanwalt Prominente berät und verteidigt. „Es gibt … lediglich zwei Gründe, aktiv zu werden: wenn Medien unwahre Geschichten verbreiten oder Menschen verletzen, indem sie intime Details aus deren Leben ans Licht der Öffentlichkeit zerren“.

Der ehemalige Bild-Chefredakteur Udo Röbel ist in der medialen Welt an der Inszenierung und Aufdeckung von mehreren öffentlichen Skandalen in Deutschland beteiligt. Annika Giese, Hanna Klimpe und Jan Kluczniok wollten von ihm wissen, welche Zusammenhänge er zwischen dem Machen und dem Aufdecken von Skandalen sieht: „Medien reagieren, sie bedienen vor allem, was gewünscht wird…“.

Der Profi-Radrennfahrer Patrik Sinkewitz wird von Gregor Haschnik und Cliff Lehnen als „einsamer Kronzeuge“ bezeichnet, weil er mit seinem Dopinggeständnis den „ganz normalen Wahnsinn des Leistungssports“ aufgezeigt hat. Dass er am Ende des Interviews erkennt, „dass ich mit meinen Aussagen nicht das Geringste am System ändern konnte“, verbittert ihn.

Der Regisseur Rosa von Praunheim hat öffentlich homosexuelle Prominente auch gegen ihren Willen genannt. Weshalb er das getan habe, das erklärt er Gregor Haschnik und Julika Meinert. Mit seinem 1973 in der ARD ausgestrahlten Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ provoziert er in der Gesellschaft eine ambivalente Aufregung und Empörung. Aber: „Für mich ist ein Skandal etwas Fruchtbares. Er regt auf und dazu an, sich für ein Thema leidenschaftlich zu engagieren“.

Der Jurist, Politiker, ehemaliger Bundestagsabgeordneter und späterer Burda-Manager Jürgen Todenhöfer, hat vor allem für seine persönliche Wende hin zum engagierten Journalisten und Berichterstatter im Irak-Krieg öffentliche Aufmerksamkeit gefunden. Mit Ina Almeroth, Annika Giese und Kübra Yücel sprach er über Propaganda-Lügen, eingebetteten Journalismus und die Macht der Bilder.

Den Abschluss der Interview-Serie bildet ein Gespräch, das Inse Leinen und Gregor Haschnik mit Günter Wallraff, dem „Meister der verdeckten Recherche“, führen. „Ich will nicht Journalist sein, sondern einfach nach meinem Gewissen handeln. Dabei bin ich auch parteiisch… ich lasse mich aber nicht instrumentalisieren, ich diene niemandem als Sprachrohr. Allerdings gilt für mich: Der Schwächere bekommt mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit von mir“.

Fazit

Das Interview-Projekt, das mit Studierenden der Journalistik durchgeführt wurde, ist nicht nur ein Lehrstück, wie journalistische Methodik und Ethik vermittelt werden kann, sondern auch eine Gradwanderung zwischen den Polen, die bei investigativen und alltäglichen journalistischen Recherchen zu beachten sind; letztlich zwischen Banalem und Sensationellem. Dass die Aufzeichnung der Interviews zu keinem voyeuristischem Guckloch und zu keiner „Skandalogie“ geworden ist, sondern zu bemerkenswerten, knappen Zeugnissen – und manchmal sogar Bekenntnissen - von Tätern und Opfern der Macht öffentlicher Empörung, ist es, was die Veröffentlichung wertvoll macht; und zwar nicht nur für angehende und tätige Journalisten, sondern auch für SchülerInnen, Studierende, Politiker und alle diejenigen, die die Macht der öffentlichen Empörung auslösten und spüren.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1545 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.10.2009 zu: Jens Bergmann, Bernhard Pörksen (Hrsg.): Skandal! Die Macht öffentlicher Empörung. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2009. ISBN 978-3-938258-47-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8261.php, Datum des Zugriffs 18.05.2022.


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