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Sandra Lutz Hochreutener: Spiel - Musik - Therapie

Rezensiert von Prof. Dr. em. Christel Hafke, 15.01.2010

Cover Sandra Lutz Hochreutener: Spiel - Musik - Therapie ISBN 978-3-8017-2198-5

Sandra Lutz Hochreutener: Spiel - Musik - Therapie. Methoden der Musiktherapie mit Kindern und Jugendlichen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2009. 315 Seiten. ISBN 978-3-8017-2198-5. 29,95 EUR. CH: 49,90 sFr.
Reihe: Praxis der Musiktherapie - Band 1
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Thema und Absicht

Das Buch ist aus der Dissertation von Frau Lutz Hochreutener hervorgegangen. Es spiegelt einen reichen Erfahrungsschatz langjähriger eigener therapeutischer Praxis ebenso wie das Bemühen um Reflexion und theoretische Grundierung dieser gelebten Praxis. Die Autorin möchte ihr Buch als Lehrbuch verstanden wissen, das nicht nur alle derzeit gängigen musiktherapeutischen Themen anspricht und quasi katalogisiert, der Text ist von zahlreichen Fallvignetten aus Ihrer Praxis durchzogen (im Text grau unterlegt) und mit Anregungen für musiktherapeutische Interventionen versehen (grauer Balken am Rand).

Aufbau

Das Buch unterteilt sich in vier sehr ungleich große Kapitel, deren Eigenständigkeit, Zusammenhang und Abfolge nicht begründet wird.

  • Teil 1: Spiel und Musikspiel S. 11 - 90,
  • Teil 2: Musiktherapeutisches Sein und Handeln, S. 91 - 134,
  • Teil 3: Methoden der Musiktherapie, S. 135 - 276 und
  • Teil 4: Positionierung der Musiktherapie, S. 277 - 288.

Zu Teil 1

Das Spiel, scheinbar einfach und als kulturübergreifend zur „Natur des Menschen“ (19) gehörig angenommen, vereint „kaleidoskopartig viele verschiedene, auch paradoxe Aspekte in sich.“ (19) Als fundamentaler Bestandteil von Kinderpsychotherapien ist es wichtig, um die vielfältigen Aspekte des Spiels (dialogisches und interaktives Geschehen, Katharsis, Übung, Erholung, u.a.) zu wissen. Schulenübergreifend wird dem Spielen eine diagnostische und therapeutische Qualität zugesprochen. Es bewirkt sowohl eine vertiefte Selbst- wie auch Interkommunikation, ermöglicht ein Probehandeln und eine Symbolisierung von Konflikten. (24/25) Als Referenzperson gilt Frau Lutz Hochreutener hier der Psychoanalytiker Winnicott, der „das Spiel als (einen) an sich lebenswichtigen kreativen Prozess im Übergangsraum zwischen innerer und äußerer Welt“ (25) beschreibt.

Die Qualität einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung, in der gemeinsam mit dem Kind „Sinn (zu) erschließen“ (27) versucht wird, ist dabei von zentraler Bedeutung. Viele dem Spiel zugeschriebene Wesensmerkmale (22 ff), Zweckfreiheit, Wechsel des Realitätsbezuges, sowie Wiederholung und Ritual, kommen auch beim Musikspiel zum tragen. Wichtig sind eine „leistungsfreie Atmosphäre“(29) und spielen zu können, ohne dass irgendwelche Zwecke erreicht werden sollen, sowie, nicht von „richtig“ oder „nicht gut genug“ beeinträchtigt zu sein. Nur so könne ein „Flow-Erlebnis“ (Csíkszentmihályi) als eine innere Gelöstheit bei gesteigertem Selbstbewusstsein (31) entstehen, das dann für die Bearbeitung schwieriger Themen eine gute Grundlage darstellt.

Die Autorin beschreibt das Musikspiel als „reale Auseinandersetzung im Hier und Jetzt mit den Instrumenten, der Stimme und dem Gegenüber. Gleichzeitig öffnet es den Raum für innere Bilder, Visionen und Ideen.“ (45)

Es folgen sehr dezidierte Überlegungen zu entwicklungspsychologischen Aspekten des Musikspiels. In der Orientierung an Daniel Stern werden therapeutische Handlungsmöglichkeiten entlang der von ihm kategorisierten Entwicklungsschritte vorgestellt und diskutiert.

Anschließend wird eine reich bebilderte sehr anschauliche Information zum Spielmaterial in der Musiktherapie dargestellt. Die im Kind ausgelöste Reaktion auf die Musikinstrumente, ihre Spielweise, Größe und Gestalt, ihr Klang und ihre Beschaffenheit - ihr so genannter Appellcharakter- können wertvolle diagnostische Hinweise vermitteln. Aber auch die Musik als solche ist Spielmedium: Die Autorin bezieht sich auf Fritz Hegi, wenn sie den Komponenten der Musik Klang, Rhythmus, Melodie, Dynamik und Form (sie fügt noch die Stille hinzu) in ihrer Spezifik nachgeht. Sie vergleicht die Komponenten mit farbigen Bausteinen, die unterschiedliche Figuren und Bedeutungen erzeugen können und in ihrer spezifischen Wirkungsweise „therapierelevante Aussagen der Musik“ (77) verstehbar werden lassen und entsprechend therapeutisch- musikalische Interventionen ermöglichen.

Zu Teil 2

Im Teil 2 geht es um wesentliche Themen des „musiktherapeutischen Seins und Handelns“. Hier werden Fragen der therapeutischen Haltung und Beziehung ebenso differenziert und kenntnisreich untersucht, wie Überlegungen zum therapeutischen Deuten und zu Interventionstechniken angestellt. Die Kritik und Problematisierung, die diese Begriffe immer wieder erfahren haben, werden mit einem feinen Gespür und Rückbindung an den eigenen Erfahrungsschatz reflektiert und als eine überzeugende eigene Haltung dargelegt.

Exemplarisch für eine wachstumsförderliche therapeutische Atmosphäre mögen die in Form eines Briefes an ein zu behandelndes Kind verfassten Gedanken des Respekts, der Wertschätzung und Resonanzbereitschaft auf S. 93 gelten. Wichtig sei es, ein „holding environment“ oder „Safe Place“ zu schaffen, eine Atmosphäre, in der das Kind Vertrauen entwickeln kann. Als Ziel jeder therapeutischen Arbeit wird „die Verinnerlichung des Safe Place“ (94) genannt, d.h., dass es einen Ruhe, Distanz und Sicherheit gewährenden inneren Rückzugs- und Bezugspunkt gibt.

Zur Teil 3

Der dritte und umfassendste Teil des Buches widmet sich dem methodischen Vorgehen in der Musiktherapie. Angesprochen werden sehr unterschiedliche Bereiche, wie Sprache, Körper, Lied, Improvisation, Stille, Imagination, Rollenspiel, Hantieren mit Instrumenten und andere mehr, die sich als musiktherapeutisch gefärbte Möglichkeiten um einen zentralen „Safe Place“ gruppieren. Studierende der Musiktherapie finden hier eine reichhaltige Auswahl an sehr detaillierten methodischen Überlegungen und Anregungen, sowie einige konkrete Übungen für die praktische Anwendung. Dieser Teil ist sehr anschaulich gestaltet mit schönen Fotos und Beispielen aus der Praxis und kann auch langjährige Praktiker einladen, ihr methodisches Repertoire vor diesem Hintergrund zu reflektieren.

Zu Teil 4

Im vierten Teil wird versucht, eine Positionierung der Musiktherapie gegenüber benachbarten Fachdisziplinen vorzunehmen. Dabei geraten die anfänglichen, vergleichenden Überlegungen zu Therapie und Pädagogik aus mehreren Gründen problematisch: Gegenübergestellt werden Musiktherapie und Pädagogik, aber nicht Musiktherapie und Musikpädagogik! Zudem wird für diesen Abgrenzungsversuch Literatur hinzugezogen, die - bis auf 2 Quellen – z.T. wesentlich älter als 10 Jahre ist! Doch was hat sich in den letzten Jahren in den Schulen nicht alles geändert! So nimmt es nicht Wunder, wenn die angestellten Vergleiche auf S. 279 – 281 der heutigen Realität kaum standhalten, was die unterstellte Schulsituation betrifft, insbesondere, wenn man Musik-Pädagogik als Bezugspunkt nimmt.

Die Positionierung der Musiktherapie als eigenständiges Berufsbild und Heilverfahren innerhalb der Kinderpsychotherapieverfahren kann als von zunehmender Akzeptanz geprägt beschrieben werden. Nach wie vor gibt es etliche an die großen Therapieschulen angelehnte musiktherapeutische Ansätze, die mit ihren jeweiligen Forschungen zur Anerkennung der Musiktherapie beigetragen haben. (Ist es Zufall, dass die systemisch orientierte Musiktherapie nicht erwähnt wird?)

Die spezifischen Potenziale von Musik und Musikspiel sieht Frau Lutz Hochreutener in den ressourcenorientierten Zugängen, vielfältigen Möglichkeiten für Ausdruck, Symbolbildung und Kommunikation.

Diskussion

Die Autorin versteht ihre Therapien als einen „emotionalen Prozess, bei dem die Therapeutin parteilicher Teil eines sich fortwährend verändernden Beziehungssystems ist und nicht von außen eingreifende Instanz mit einer - illusorischen – Objektivität oder Neutralität. Zwischen ihr und dem Kind besteht eine dialogische Beziehung“ (101), die unter anderem durch „Gleichwertigkeit und gegenseitige Bezogenheit“ bestimmt sei. Letzteres mutet merkwürdig an, denn wenig später nennt Frau Lutz Hochreutener mehrere asymmetrische Beziehungsmerkmale - „erschwerte Bedingungen“ (101) -, die dem entgegenstehen: beispielsweise der Wissensvorsprung der Therapeutin, ihre Definitionskompetenz, ungleiche Kenntnis der biographischen Details, dass es eine bezahlte Begegnung ist. Durch einen „liebenden Bezug“ und „tiefe Seelenberührung“ soll die Auflösung der „durch die Asymmetrien entstandenen Macht-Ohnmacht-Mechanismen“ (102) möglich sein und eine in die Tiefe wirkende Therapie ermöglichen. Mag man angesichts der Fallvignetten und differenzierten Reflexion von Frau Lutz Hochreutener glauben, dass ihr das gelingt, bzw., dass es ihr gelingt, diese Asymmetrien in den Hintergrund zu schieben. Es sei jedoch mit Blick auf den Anspruch des Buchs, nämlich Lehrbuch zu sein, mit ihren eigenen Überlegungen hinter diese schnelle Schlussfolgerung ein dickes Fragezeichen gesetzt: Ihre Ausführungen zu Übertragung und Gegenübertragung zeigen zahlreiche Fallgruben und Stolpersteine auf, mit denen Kindertherapeuten zu tun haben; und gerade die Ausblendung der Asymmetrie könnte sich hier diese verschärfend und verhängnisvoll auswirken.

Der Übertragungsbegriff als solcher ist ja ein Machtbegriff, der Deutungshoheit über das Beziehungsgeschehen beansprucht. Denn wer entscheidet, was „Vergegenwärtigungen ‚alter‘ Atmosphären und Szenen“ (106) sind und was als aktuelles Beziehungsgeschehen zu gelten hat: die Mehrheit der das Kind behandelnden Helfer oder eine Übereinkunft in der „interdisziplinären Zusammenarbeit“ (107)? So differenziert Frau Lutz Hochreutener den Übertragungsbegriff angeht: was die Therapeutin als stimmig akzeptiert, ist ihre subjektive Interpretation, die viel mit ihrer Sicht auf die Welt und die Situation, mit ihrem Habitus zu tun hat und es ist unmöglich, „stellvertretend für das Kind Entwicklungsarbeit“ (112) zu leisten.

Auch bleibt es angesichts der nachgeordneten Funktion der Sprache in der Musiktherapie (216 ff) offen, wie Gewissheit darüber erzielt wird, ob ein Kind sich verstanden fühlt (123); Musik ist ambivalent und vieldeutig und ohne dass das Kind die von der Therapeutin empathisch vermutete Befindlichkeit (133) sprachlich bestätigt, bleibt deren Annahme spekulativ.

Die Reflexionen der Autorin zeichnen eine beachtliche Differenziertheit aus, wo es um therapie-immanente Themenkomplexe geht. Es wird deutlich, dass es ihr wesentlich um die Anerkennung des musiktherapeutischen Handelns als therapeutisches Verfahren geht. Dabei gerät leicht aus dem Blick – oder kommt es vielleicht gar nicht mehr in den Blick? -, dass Klassifizieren und Diagnostizieren gesellschaftlichen Normierungsprozessen unterliegen, die spezifische Anpassungsleistungen darstellen, Formen „sanfter“ oder „symbolischer“ Gewalt (Bourdieu). Deutlich tritt dies in Sätzen wie den folgenden zutage: „Das Kind kann dabei üben, sich an geltende Normen anzupassen“ (45) oder: „Dies bedingt, dass die Musiktherapeutin die allgemein-gültigen Gesetzmäßigkeiten der kindlichen Entwicklung kennt und Abweichungen feststellen kann.“ (50)

Was ist das wirkliche Ziel von Therapie? Welches sind die vermeintlich allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten und was gilt als Abweichung und wer stellt sie fest? Therapie hat ihren festen Platz in gesellschaftlichen Disziplinierungsprozessen, das ist der Preis für ihre Anerkennung. Und je netter sie daherkommt, desto gefährlicher, weil das Disziplinierende nicht gespürt wird.

Fazit

Dass es nicht unproblematisch ist, musiktherapeutisches „Wissen“ zu katalogisieren und in einem Lehrbuch darzustellen, hat die Autorin selbst geahnt, wenn sie fragt: „Kann das komplexe Ganze eines Therapieprozesses (…) durch Zergliederung in einzelne Teile besser verstanden werden?“ (14) Sie schildert den Spagat zwischen vielschichtigem Beziehungsgeschehen im therapeutischen Prozess und dem sorgfältigen Umgang mit fachspezifischem Detailwissen, zwischen „Zielsetzungen und Strukturen ebenso wie Offenheit für das Unvorhersehbare, den Zufall.“ (15)

Dass trotz der sehr systematischen Katalogisierung eine gewisse Lebendigkeit und Begeisterung erhalten bleiben, mag als einer der Gründe gelten, dieses Buch zu empfehlen. Ungeachtet meiner Kritikpunkte möchte ich betonen, dass sich dieses Buch durch Qualität und Differenziertheit der Reflexionen von den vielfältigen Veröffentlichungen im Bereich Musiktherapie sehr unterscheidet.

Rezension von
Prof. Dr. em. Christel Hafke
em. Professorin der Fachhochschule Emden, lehrte schwerpunktmäßig im Bereich Kultur/Ästhetik/Medien, Soziologie und Ethik
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Es gibt 25 Rezensionen von Christel Hafke.

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Zitiervorschlag
Christel Hafke. Rezension vom 15.01.2010 zu: Sandra Lutz Hochreutener: Spiel - Musik - Therapie. Methoden der Musiktherapie mit Kindern und Jugendlichen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2009. ISBN 978-3-8017-2198-5. Reihe: Praxis der Musiktherapie - Band 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8262.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


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