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Roland Vauth, Nadine Bull u.a.: Emotions- und stigmafokussierte Angehörigenarbeit [...]

Cover Roland Vauth, Nadine Bull, Gerda Schneider: Emotions- und stigmafokussierte Angehörigenarbeit bei psychotischen Störungen. Ein Behandlungsprogramm. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2009. 116 Seiten. ISBN 978-3-8017-2235-7. 39,95 EUR, CH: 68,00 sFr.

Reihe: Therapeutische Praxis.
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Thema

Das Buch bietet eine Anleitung zur Durchführung von psychoedukativ-verhaltenstherapeutisch orientierten Gruppen für Angehörige von Patienten mit psychotischen Störungen. Neu ist, dass bei dem vorgestellten Behandlungsprogramm besonders die Emotionen der Angehörigen wie Trauer, Schuld, Scham, Angst oder Ärger im Fokus stehen und vorrangig bearbeitet werden sollen.

Autoren

Der Erstautor PD Dr. med. Roland Vauth hat Psychologie und Medizin in Bonn studiert, war lange an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Freiburg tätig und ist seit 2001 Ärztlicher Leiter der sozialpsychiatrischen Ambulanzen der Psychiatrischen Poliklinik am Universitätsspital in Basel. Daneben ist er Lehrtherapeut und –supervisor für Verhaltenstherapie.

Dr. rer. med. Nadine Bull hat in Leipzig Psychologie studiert und war in den Psychiatrischen Universitätskliniken in Leipzig, Ulm und Basel sowie im Kantonsspital Obwalden/Nidwalden tätig. Seit 2007 ist sie Klinische Psychologin in der Psychiatrischen Privatklinik Sanatorium Kilchberg/Zürich. Sie hat bereits in Leipzig an einem Gruppenmanual für Angehörige chronisch psychisch kranker Menschen als beziehungsspezifisches Angebot für Lebenspartner depressiv Erkrankter mitgewirkt, das 2005 im Psychiatrie-Verlag erschienen ist.

Gerda Schneider ist Dipl.-Gesundheits- und Pflegefachfrau. Sie ist seit 1999 am „Ambulanten Zentrum zur Behandlung und Rehabilitation von Menschen mit einer psychotischen Störung“ der Psychiatrischen Poliklinik am Universitätsspital in Basel tätig.

Entstehungshintergrund

Für die psychiatrische Versorgung der Patienten mit Schizophrenie gewannen in den letzten zwei Jahrzehnten besonders die psychoedukativen Patienten- und Angehörigengruppen an Bedeutung. Unter Psychoedukation wird die zielorientierte und strukturierte Vermittlung präventiv relevanter Informationen von Professionellen an die Betroffenen bzw. deren Angehörige, kombiniert mit den psychotherapeutischen Wirkfaktoren einer Gruppentherapie verstanden. Durch Psychoedukation soll einerseits die Anwendung wirksamer Behandlungsmethoden unterstützt und andererseits das Selbsthilfepotential der Patienten bzw. der mitbetroffenen Angehörigen so gefördert werden, dass optimale Behandlungsergebnisse erreicht werden können. Wie die Metaanalyse von Tania Lincoln et al. (2007) zeigte, sind psychoedukative Konzepte besonders dann erfolgreich, wenn Angehörige einbezogen sind und ebenfalls eine psychoedukative Intervention erhalten.

Roland Vauth und seine Ko-Autorinnen haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Angehörigen selbst und deren Adaptation an die Erkrankung in den Vordergrund ihrer Angehörigenarbeit zu stellen. Sie gehen über gängige Konzepte psychoedukativer Angehörigengruppen hinaus und bieten mit dem vorliegenden Manual ein Behandlungsprogramm speziell für Angehörige, mit dem durch affektinduzierende Therapieelemente und konsequente Handlungsorientierung gezielt aktive Bewältigungsstile bei Angehörigen gefördert werden sollen.

Aufbau

Im Kapitel 1 des Buches werden die Merkmale und der Verlauf schizophrener Erkrankungen beschrieben.

Kapitel 2 enthält eine Einschätzung der Rolle der Angehörigen schizophren Erkrankter und Informationen zu den etablierten familientherapeutischen und psychoedukativen Interventionen und deren Wirksamkeit.

Im Kapitel 3 wird der Aufbau des eigenen Behandlungsprogramms dargestellt und sitzungsübergreifende Handlungsanweisungen gegeben.

Danach folgt im Kapitel 4 das eigentliche Manual mit einer genauen Anleitung für die Durchführung von bis zu 13 Gruppensitzungen. Für jedes inhaltliche Modul gibt es eine einseitige Übersicht zu den didaktischen Zielsetzungen, dem konkreten Ablauf, den eingesetzten Arbeitsmaterialien und den wichtigsten Punkten zur Vorbereitung. Daran schließt sich die genaue Beschreibung der jeweiligen Sitzungen an. Abschließend werden Beispiele für den Umgang mit schwierigen Gruppensituationen gegeben.

Im Anschluss an das Kapitel 4 folgt das Literaturverzeichnis von 5 Seiten.

Im Anhang werden Vorlagen für 30 Arbeitsblätter zur Verfügung gestellt. In einer wieder verschließbaren Plastiktasche findet sich eine DVD mit allen Arbeitsblättern (pdf-Dateien) sowie fünf Videos aus dem Alliance Psychoedukations Programm, das von der Arbeitsgruppe Kissling, Rummel und Pitschel-Walz (2003) von der TU München entwickelt wurde. Das sechste Video (Modul 9) aus dem Alliance Psychoedukations Programm „Die Rolle der Angehörigen“ ist nicht enthalten.

Inhalt

Im 4. Kapitel, werden der Einführungsabend, 3 Basis-Module für insgesamt 7 Gruppensitzungen und 3 Wahl-Module für insgesamt 5 Gruppensitzungen (Umfang je 120 Minuten inkl. Pause) beschrieben.

  • Sitzung 1 fungiert als Kennenlern-Abend, der auch dazu dient, die thematischen Schwerpunkte der Wahl-Module (Thema „Schuld“, „Hilflosigkeit und Unsicherheit“, „Ärger/Mangelnde Kooperation“) festzulegen.
  • Zwei Sitzungen befassen sich mit dem Basismodul „Die Schande – Umgang mit Scham und Stigmatisierung“. Ziel dieses Moduls ist es, eine Akzeptanz der Erkrankung zu erreichen.
  • Das Wahl-Modul „Die Schuld – Was Abgrenzen und gesunde Anreize für Veränderung und Kooperation manchmal erschwert“ sieht zwei Sitzungen vor. Ziel dieses Moduls ist die Verminderung von Schuldgefühlen.
  • Das Wahl-Modul „Hilflosigkeit und Unsicherheit – Umgang mit Restsymptomen“ umfasst zwei Sitzungen. Ziel hierbei ist, die Hilflosigkeit und Unsicherheit im Umgang mit verschiedenen Restsymptomen wie z.B. Stimmenhören, Negativsymptomatik, Suizidalität oder Aggressivität zu reduzieren.
  • Für das Basis-Modul „Die Zukunft – zwischen Hoffnung und Resignation“ sind wiederum zwei Sitzungen vorgesehen. Ziel dieses Moduls ist vor allem die emotionale Entlastung.
  • Das Basis-Modul „Rückfall- Angst vor dem nächsten Mal“ sieht drei Sitzungen vor. Bei diesem Modul geht es darum, Hoffnung und Sicherheit zu vermitteln und die Selbstwirksamkeitserwartung für das Krisenmanagement zu stärken.
  • Das Wahl-Modul „Ärger/Mangelnde Kooperation (Sucht, Schulden und Non-Compliance)“ kann in einer Sitzung abgehandelt werden. Mit diesem Modul soll eine Verbesserung der Selbstregulation von Ärgergefühlen erreicht werden.

Die affektiven Prozesse werden in den Modulen jeweils mit provozierenden Statements stimuliert und dann kognitiv (Interaktive Informationsvermittlung, Videos, Gruppendiskussionen, kognitive Umstrukturierung) oder handlungsorientiert (Erstellung individueller Handlungspläne, Zwischensitzungsübungen etc.) bearbeitet.

Diskussion

Mit dem Manual ist den Autoren ein hilfreiches Buch gelungen, das den Leitern von therapeutischen Angehörigengruppen wichtige Hintergrundinformationen und praktische Handlungsanweisungen zur Verfügung stellt, die sie für eine erfolgreiche Gruppendurchführung benötigen. Die eingestreuten grau hinterlegten Beispiele veranschaulichen die Umsetzung des Programms und bieten wertvolle didaktische Hilfen und Formulierungsvorschläge. Das umfangreiche Arbeitsmaterial ist flexibel einsetzbar.

Trotz der Beschreibung der einzelnen Sitzungen setzen das Behandlungsmanual und eine erfolgreiche Umsetzung des Manuals eine gute kognitiv-verhaltenstherapeutische Vorbildung und Erfahrungen im Umgang mit Angehörigen von Patienten mit psychotischen Störungen auf Seiten der Anwender voraus. Gerade bei der Evozierung von Emotionen im Rahmen einer Gruppentherapie ist es wichtig, dass die Gruppenleiter über entsprechende Strategien zur Lenkung der Gruppenprozesse verfügen, um die angestrebten Zielsetzungen zu erreichen. Daher richtet sich das Buch vorrangig an verhaltenstherapeutisch geschulte Psychologen und Psychiater, die in ambulanten oder stationären psychiatrischen Einrichtungen tätig sind und mit Angehörigen psychoedukativ-verhaltenstherapeutisch arbeiten wollen.

Leider werden professionell geleitete Angehörigengruppen noch zu wenig angeboten. Nach einer Umfrage von Rummel-Kluge et al. (2006) erhalten nur ca. 2% der Angehörigen von schizophren Erkrankten eine psychoedukative Intervention. Das liegt einerseits an den Vorbehalten der Angehörigen vor allem in ländlichen Gebieten (die Stigmatisierung und Selbststigmatisierung verhindert in dem Fall häufig den Besuch einer Angehörigengruppe, evtl. auch einer stigmafokussierten Angehörigengruppe), aber andererseits auch an der Zurückhaltung der Professionellen, die aus zeitlichen oder abrechnungsbezogenen Gründen keine Gruppen anbieten. Für die Verbreitung des vorliegenden Programms wäre es daher hilfreich gewesen, wenn die Autoren der Frage der Implementierung außerhalb der Sondersituation in Basel nachgegangen wären.

Aus wissenschaftlichem Interesse und nicht zuletzt für die Motivierung von Angehörigen für die Gruppe wäre es wünschenswert zu erfahren, wie Teilnehmer das Programm erlebt haben und welche Erfolge damit erzielt wurden. Evaluationsergebnisse sind in dem Buch jedoch nicht dargestellt.

Fazit

Eine gute Anleitung und vielfältiges Arbeitsmaterial zur Durchführung von Angehörigengruppen für verhaltenstherapeutisch erfahrene Anwender.


Rezensentin
Dr. rer. biol. hum. Gabi Pitschel-Walz
Psychologische Psychotherapeutin
Leitende Psychologin
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der TU München
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Zitiervorschlag
Gabi Pitschel-Walz. Rezension vom 15.01.2010 zu: Roland Vauth, Nadine Bull, Gerda Schneider: Emotions- und stigmafokussierte Angehörigenarbeit bei psychotischen Störungen. Ein Behandlungsprogramm. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2009. ISBN 978-3-8017-2235-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8263.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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