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Adalbert Metzinger: Kindsein heute. Zwischen zuviel und zuwenig

Rezensiert von Dr. Martin R. Textor, 22.04.2003

Cover Adalbert Metzinger: Kindsein heute. Zwischen zuviel und zuwenig ISBN 978-3-87988-706-4

Adalbert Metzinger: Kindsein heute. Zwischen zuviel und zuwenig. Rainer Hampp Verlag (Mering) 2002. 158 Seiten. ISBN 978-3-87988-706-4. 22,80 EUR.

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Autor und Thema

Adalbert Metzinger, promovierter Erziehungswissenschaftler, Lehrer an einer Fachschule für Sozialpädagogik und nebenberuflicher Berater an einer Jugendberatungsstelle, widmet sich der Frage, was Kindsein - als Lebensphase zwischen Geburt und 14. Lebensjahr - heute bedeutet. Dabei zieht er immer wieder Vergleiche zur Situation zu Beginn oder in der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Kindheit heute

Zunächst listet Metzinger schlagwortartig auf, welchen Anforderungen und Belastungen Kinder in der heutigen Gesellschaft ausgesetzt sind und welche einschneidenden Veränderungen in ihren Familien stattgefunden haben. Er folgert: "Dieser gesellschaftlicher Wandel hat die Lebens- und Arbeitszusammenhänge unserer Kinder ... verändert und zu neuen Verhaltensmustern und anderem Lernverhalten ... geführt" (S. 5). Beispielsweise habe sich das Spielverhalten geändert - es wird heute z.B. durch das Fernsehen, eine Unmenge kommerzieller (teurer) Spielsachen, "Horror-" und Kriegsspielzeug und Computerspiele geprägt. Improvisation mit Alltagsgegenständen, (Regel-) Spiele in (größeren) Kindergruppen im Wohnumfeld und selbstständige Naturerkundung werden hingegen immer seltener. Dafür halten sich Kinder mehr im Haus und an "kindgerecht" gestalteten Orten (Spielplätze, Kindertageseinrichtungen, Musikschulen) auf - "Verhäuslichung", "Verinselung", "Organisiertheit" und "Verplantheit" von Kindheit sind relevante Schlagworte, aber auch "Reizüberflutung", "Konsumorientierung" und "Langeweile". An die Stelle des "straßensozialisierten" Kindes trete das "Hochhauskind", das von seiner Mutter (oder später von dem Öffentlichen Nahverkehr) zu seinen Freunden bzw. zu Kindereinrichtungen gebracht wird, nach einem Terminkalender lebt und unter Zeitknappheit leidet.

Ferner befasst sich Metzinger mit der "Medienkindheit", also dem Einfluss von Fernsehen, Computer, Internet und Werbung auf die kindliche Entwicklung. Er beklagt, dass vor allem kleinere Kinder oft durch Fernsehsendungen verängstigt werden, dass sich der hohe Medienkonsum auf Sprach- und Sozialentwicklung negativ auswirke, dass Kinder ein falsches Weltbild erhielten und von der selbsttätigen Welterkundung abgehalten würden, dass sie zu früh mit Erwachsenenthemen wie Sex konfrontiert werden, dass die vielen Gewaltszenen zu mehr Aggressivität führen und manche Jugendliche überwiegend in einer virtuellen Welt leben.

Ein weiteres zentrales Thema ist die Kommerzialisierung von Kindheit ("Haben-Mentalität", "konsumfixierte" Lebenshaltung) auf der einen und die zunehmende Armut (mit vielen negativen psychosozialen Folgen für die betroffenen Kinder) auf der anderen Seite. Ferner befasst sich Metzinger mit Kindern, die zu Gewalttätern geworden sind, aber auch mit der zunehmenden Gewalt in Kindergarten und Schule. Anschließend geht er auf Jugendbanden, Hooligans, Punks und Skinheads ein.

Familienerziehung heute

Im letzten Drittel seines Buches behandelt Metzinger den Familienwandel, wobei er demographische Grunddaten referiert, die steigende Scheidungshäufigkeit und die zunehmende Zahl von Alleinerziehenden herausstellt, die Trends zur Kleinfamilie und zur Müttererwerbstätigkeit beschreibt und die finanzielle Situation von Familien herausarbeitet (z.B. Benachteiligung gegenüber Kinderlosen, Überschuldung, Sozialhilfebezug). Er thematisiert die Krise der familiären Erziehung, die sich seines Erachtens auf eine Verunsicherung der Eltern, eine durch Berufstätigkeit überlastete und unter Identitätskrisen leidende Mutter, eine unklare, "nebensächliche" Vaterrolle ("latente Vaterlosigkeit", Sozialisationsschwäche), Einzelkind-Situation, Scheidung der Eltern sowie Erziehungsfrust und -not zurückführen lasse. Kinder würden heute von ihren Eltern unter Leistungsdruck gesetzt ("Schulstress", Hausaufgabenkontrolle, Nachhilfe) und überfordert (Ziel: das "perfekte", leistungsfähige Kind), zu schnell wie Erwachsene behandelt (verfrühte Selbstständigkeit als "Schlüsselkind", Zuweisung von Verantwortung) sowie zu früh und zu lange in die Fremdbetreuung "abgeschoben" (Folgen: Trennungsängste, mangelnde Geborgenheit, Bindungsunsicherheit usw.). Immer mehr Kinder würden von ihren Eltern emotional und sozial vernachlässigt, aber auch immer mehr Kinder würden ihre Eltern "terrorisieren", nur noch sich selbst sehen (Narzissmus) und sich nicht altersgemäße Rechte nehmen.

Empfehlungen

Letztlich beschreibt Metzinger in seinem Buch ein "Horrorszenario"; man hat sogar den Eindruck, dass er Eltern und Kinder bereits aufgegeben hat. Dementsprechend umfassen seine "Empfehlungen und Forderungen" auch nur 10 von 156 Seiten, wobei viele Aussagen Allgemeinplätze sind: Metzinger fordert einen gerechteren Familienlastenausgleich, eine kinderfreundlichere Gesellschaft sowie "die Wiederentdeckung und die Intensivierung der folgenden elterlichen Qualitäten:

1. "Bereit und fähig sein, das Kind um seiner selbst willen zu lieben",

2. "Sich Zeit nehmen für das Kind und sich mit ihm so häufig wie möglich beschäftigen",

3. "Dem Kind bei der Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls (Ich-Stärke) helfen",

4. "Dem Kind Leistungsfreude vermitteln",

5. "Das Kind bei der Erkundung seiner Umwelt unterstützen",

6. "Gemeinsam und allein erziehende Eltern sollten aktiv daran arbeiten, die Familienzusammengehörigkeit zu stärken",

7. "Das Kind bei seinen natürlichen Bewegungsbedürfnissen unterstützen",

8. "Dem Kind Kontakte und Beziehungen außerhalb der Familie ermöglichen",

9. "Dem Kind Regeln und Werte vermitteln" und

10. "Das Kind Verantwortung übernehmen lassen" (S. 153-156).

Letztlich erhalten also die Eltern die Aufgabe und Hauptverantwortung, durch verstärktes, leidenschaftliches Engagement die Familienerziehung zu verbessern. Aber müssten sie nicht dazu erst befähigt werden?

Abschließende Würdigung / Fazit

Die Inhalte des Buches von Metzinger sind nicht neu, rütteln aber durch die Massierung negativer Aussagen über die Kindheit von heute auf. Ignoriert wird jedoch, dass Kindsein auch positive Seiten hat - und dass die weitaus meisten Kinder laut Umfragen glücklich sind und sich zu Hause wohl fühlen. Würden frisch Verheiratete dieses Buch lesen, würden sie abgeschreckt, Kinder zu zeugen. Paare bzw. Eltern sind jedoch nicht so sehr die Zielgruppe, an die sich das Buch richtet. Es ist vor allem für Lehrer/innen, Erzieher/innen, Sozialpädagog/innen und Studierende gedacht. Für sie ist es eine spannende und gut verständliche Lektüre.

Rezension von
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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Es gibt 72 Rezensionen von Martin R. Textor.

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ISSN 2190-9245