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Rainer Zeichhardt: Komik und Konflikt in Organisationen

Cover Rainer Zeichhardt: Komik und Konflikt in Organisationen. Eine kommunikationstheoretische Perspektive. Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. Gabler (Wiesbaden) 2009. 290 Seiten. ISBN 978-3-8349-1619-8. 49,90 EUR.

Reihe: Gabler Edition Wissenschaft.
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Thema

Komik und Konflikt in Organisationen. Eine kommunikationstheoretische Perspektive.

Autor

Dr. Rainer Zeichhardt ist Betriebswirt und Studienleiter des Studiengangs Kommunikationsmanagement an der University of Management an Communication Potsdamm (FH)

Entstehungshintergrund

Dissertation an der FU Berlin 2009

Aufbau und Inhalt

Ausgehend von der Feststellung, dass es in der Sozial- und Managementforschung kaum systematische Untersuchungen über den Zusammenhang von Konflikt und Komik in Organisationen gibt und seiner übergeordneten Fragestellung, ob und wenn ja, welche Interdependenzen es zwischen Komik und Konflikt gibt, geht Zeichhardt aus einer überwiegend verhaltens- und kommunikationstheoretischen Perspektive vier zentralen Forschungsfragen nach:

  1. Wie kann ein Konflikt durch Komik entstehen?
  2. Wie kann Komik durch einen Konflikt entstehen?
  3. Wie kann ein Konflikt durch Komik bearbeitet werden?
  4. Wie kann ein komikbedingter Konflikt bearbeitet werden?

Mit seiner Arbeit will er einen analytisch-theoretischen Rahmen schaffen, von dem aus dann weitergehende empirische Untersuchungen möglich wären. Die Untersuchung ist zwar in diesem Sinne eher theoretisch ausgerichtet, versucht aber immer wieder Anknüpfungspunkte für die pragmatische Umsetzung in der Praxis aufzuzeigen.

Nach der Gegenstandsbeschreibung und Darlegung seiner Forschungskonzeption setzt sich der Autor zunächst mit den wissenschaftlich-begrifflichen Grundlagen über Konflikt und Komik auseinander. Bezüglich der Konfliktthematik fast er die vorhandenen Ansätze zum Konfliktmanagement in einem Episodenmodell sozialer Konflikte zusammen. Etwas ausführlicher beschäftigt er sich dann mit dem Phänomen „Komik“ und den Schwierigkeiten einer eindeutigen Bestimmung dieses Phänomens. Anders als wohl die meisten zeitgenössischen Autoren entscheidet es sich dafür, nicht Humor, sondern Komik als Überbegriff zu verwenden. Nach Darlegung und Zusammenfassung der zentralen Humor- bzw. Komikansätze und Erörterung dieser superioritätstheoretischen inkongruenztheoretischen und spannungsreduktionstheoretischen Ansätze betrachtet er Komik jeweils aus personenzentrierter, interaktionszentrierter, gruppenzentrierter sowie struktur- und kulturzentrierter Perspektive. Hieraus entwickelt er ein interdisziplinäres Komik-Modell unterschiedlicher Reichweite.

Im Hauptteil seiner Arbeit transformiert Zeichhardt dieses Modell in einen kommunikationstheoretischen Bezugsrahmen zur Erklärung und Beschreibung unterschiedlichster Konflikt- und Komikphänomene auf den Ebenen Beziehung, Sache, Ausdruck und Lenkung. Am Ende dieses Teils hebt er die zentrale Bedeutung von Metakommunikation für das Verständnis von Komik und Konflikt und für die Beantwortung seiner 2. und 3. Forschungsfrage hervor und beschreibt in eher pragmatischer Perspektive verschiedene Formen institutionalisierter Komik als Instrumente des Konfliktmanagements. Die Studie schließt mit zusammenfassenden Antworten auf die Forschungsfragen und einen Ausblick auf die Möglichkeiten und Grenzen weiterer konzeptioneller und empirischer Untersuchungen.

Diskussion

Die Arbeit von Zeichhardt hebt sich positiv von vielen populärwissenschaftlichen, manchmal sehr vereinfachenden und Widersprüche ausblendenden Veröffentlichungen zum Thema Komik und Humor der letzten Jahre ab, in dem er das „Phänomen Komik“ in seinen Ambivalenzen und Paradoxien auf der Basis einer interdisziplinären Betrachtung sehr facetten- und materialreich mit dem zentralen Problem menschlicher Kommunikation und Interaktion, der Entstehung und Bearbeitung von Konflikten, verknüpft. Allerdings kann der Rezensent die Entscheidung „Komik“ als Oberbergriff für Phänomene zu nutzen, die er selbst unter dem Begriff Humor behandeln würde, (Effinger 2009, 33ff) nicht so recht nachvollziehen. Mit einem Begriff, bei dem es laut Duden eher um die Technik der Erheiterung oder um deren Wirkung geht, lässt sich allenfalls im Rahmen dieser Arbeit etwas Klarheit schaffen, wenn man dem Autor unhinterfragt in seinen Systematisierungsversuchen folgt. Die Ambivalenzen des Phänomens selbst lassen sich dabei aber kaum einfangen oder gar auflösen. Zweifellos lässt sich dieses Phänomen nur schwer fassen und es entzieht sich eindeutiger, auf lineare Kausalitäten ausgerichteter wissenschaftlicher Betrachtung ebenso wie sich die darin enthaltenden Potentiale für eine humane Gestaltung menschlicher Beziehungen in und außerhalb von Organisationen nur schwer verallgemeinern und treffsicher für eindeutige Handlungsanweisungen erschließen lassen. Zeichhardt bemüht sich zwar recht akribisch darum eindeutig positive und negative Seiten, die Ambivalenzen und Paradoxien als Risiken und Chancen herauszuarbeiten und muss dann doch immer wieder feststellen, dass sich verallgemeinernde Aussagen verbieten, weil der Einsatz von Komik eben doch sehr situations- und kontextabhängig ist. Der Leser bekommt in diesem Sinne zwar keine eindeutigen Gebrauchsanweisungen – zum Glück – aber dennoch einen sehr ausgefeilten Eindruck von der „Vieldeutigkeit des Phänomens Komik“ oder Humor. Hier zeigt sich dann, dass der Einsatz von Komik und Humor in der praktischen Beeinflussung und Gestaltung menschlicher Beziehungen (Management, Therapie, Soziale Arbeit, Pädagogik, Beratung usw.) eine Kunst ist und jene, welche mit diesem Medium arbeiten oder arbeiten möchten, so etwas wie risikobereite „Sozialunternehmer“ sind oder sein müssen, die sich der Zweischneidigkeit von Komik- oder Humorinterventionen bewusst sind und sich dieses Mediums trotz seiner ihm immanenten Risiken bedienen, weil sie so hoffen, einen humanen Mehrwert bei der Gestaltung sozialer Beziehungen zu erzielen. Humor- oder Komikinterventionen sind ohne positives Denken und eine prinzipiell die Widersprüche des Lebens akzeptierende Grundhaltung kaum vorstellbar.

Vielleicht ist es dem Anspruch einer wissenschaftlichen Arbeit geschuldet, dass der Autor in seiner Arbeit trotz der immer wieder beschriebenen Ambivalenzen versucht, Eindeutigkeit herzustellen, wo es nach Ansicht des Rezensenten keine Eindeutigkeit gibt und geben kann. Aber auch der Weg zur Wahrheit führt über den Zweifel. Wer sich für den Einsatz von Komik oder Humor entscheidet, muss sich m. E. bewusst für die Möglichkeit des Mehrdeutigen entscheiden und eine positive Haltung zu den Mehrdeutigkeiten und Widersprüchlichkeiten (im Sinne von Paradoxien) des Lebens entscheiden. „Vollkommen bin ich nur im Konjunktiv“ singt Annett Luisan. Um das auch theoretisch noch ein wenig mehr und besser einzufangen, ist vielleicht ein verändertes, Paradoxien noch stärker integrierendes Wissenschaftskonzept erforderlich, wie dies beispielsweise in systemisch-konstruktivistischen und lösungsorientierten Ansätzen geschieht.

Aber es geht hier ja nicht darum die Leidenschaften des Rezensenten zu befriedigen, sondern festzuhalten, dass hier eine in vielen Punkten anregende Studie vorliegt, die sehr viele Impulse für die weitere theoretische und praktische Erschließung bisher noch viel zu wenig genutzter Potentiale in Theorie und Praxis liefert.

Fazit

Wer professionell mit Menschen zu tun hat und deren Denken, Verhalten und Empfinden verstehen und erfolgreich beeinflussen möchte, mit Ratgeberlektüre eher auf Kriegsfuss steht und (trotzdem) auf der Suche nach seriösen Hinweisen über die ambivalenten Wirkungen bewusster oder unbewusster Komik ist, der oder die Anstöße zum Verstehen und Verändern von als veränderungswürdig angesehenen Situationen sucht, der oder die sollte sich dieses Buch mit seinen vielen Schaubildern , einigen veranschaulichenden Witzen und Beispielen beschaffen.

Literatur:

Effinger, Herbert (Hg.) 2009: „Die Wahrheit zum Lachen bringen“ Humor als Medium in der Sozialen Arbeit. Weinheim und München: Juventa Verlag


Rezensent
Prof. (em) Dr. Herbert Effinger
Diplomsozialpädagoge (DBSH, Supervisor (DGSv), Case Management Ausbilder (DGCC), Professor für Sozialarbeitswissenschaft/Sozialpädagogik an der Evangelischen Hochschule Dresden
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Zitiervorschlag
Herbert Effinger. Rezension vom 08.01.2010 zu: Rainer Zeichhardt: Komik und Konflikt in Organisationen. Eine kommunikationstheoretische Perspektive. Betriebswirtschaftlicher Verlag Dr. Th. Gabler (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-8349-1619-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8275.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


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