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Wolfgang Kindler: Schnelles Eingreifen bei Mobbing

Cover Wolfgang Kindler: Schnelles Eingreifen bei Mobbing. Strategien für die Praxis. Verlag an der Ruhr (Mülheim an der Ruhr) 2009. 127 Seiten. ISBN 978-3-8346-0450-7. D: 14,80 EUR, A: 15,20 EUR, CH: 26,10 sFr.
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Thema und Hintergrund

Verbale Attacken, Prügeleien auf dem Schulhof, Bullying, Ausgrenzung…

Mobbing ist eine Gewaltform, die Schulen Probleme bereitet. Der Autor weist im Vorwort auf Françoise Alsaker hin, die in ihrem Buch (Literaturtipp im Buch vorhanden) davon spricht, dass über 80% der Kinder und Jugendlichen, die die Schule wegen Mobbing verlassen, kein Gespräch über ihre persönliche Situation mit einem Lehrer hatten. Nichtstun ist das Schlimmste was LehrerInnen und Erwachsene Kindern antun können:

  • LehrerInnen verlieren die Akzeptanz vor der Klasse
  • das Opfer erfährt keine Hilfe und erlebt, dass es sich damit abfinden muss, weiter gequält zu werden
  • Täter erleben, dass ihre Übergriffe folgenlos bleiben und sie weitermachen können, da Regelbrüche an Schulen die Normalität sind und nicht geahndet werden.

Pflicht bei Mobbing ist einzugreifen und aktiv dagegen vorzugehen. Das Buch von Wolfgang Kindler arbeitet mit Beispielen und möchte konkrete Handlungstipps geben.

Autor

Wolfgang Kindler, ist selbst Lehrer an einem Gymnasium in NRW und unterrichtet Deutsch, Sozialwissenschaften und Pädagogik. Seit dem Amoklauf von Emsdetten 2006 berät er Schulen in ganz NRW zu Mobbing. Kindler gilt als nationaler und internationaler Experte zum Mobbing-Thema. Seine Bücher werden in Deutschland, Österreich und der Schweiz angeboten.

Zielgruppen

Zielgruppe sind in erster Linie die LehrerInnen, die bei Mobbing sich selbst positionieren müssen und über das Buch Hinweise zum Umgang und zur Vorgehensweise bei Mobbing mit den SchülerInnen und Eltern von Opfern und Mobbern erhalten sollen.

Aufbau und Inhalt

Wolfgang Kindler beginnt in seinem Buch mit dem Inhaltsverzeichnis. Einem kurzen Vorwort folgen acht Kapitel, die mit einigen Literaturtipps ihren Abschluss finden. Insgesamt zählt das Buch 127 Seiten, ist auf jeder Kapitelerstseite mit einem Foto versehen und enthält zahlreiche Beispiele, Tabellen, Checklisten und Tipps.

Kapitel 1 (S. 5-20) beschreibt Mobbing als eine besondere Gewaltform und als Täterproblem, des Weiteren was Mobbing nicht ist, dessen Ursachen und wie es sich auf die Klasse auswirkt.

Kapitel 2 (S. 21-44) führt erste Schritte gegen Mobbing anhand von Beispielen auf, gibt klärende Hinweise wie Mobbing erkannt werden kann, welche Vorgehensweisen sinnvoll sind und bietet eine kleine Exkursion in das Modell des No Blame Approach („Keine-Schuld-Ansatz“) an.

Kapitel 3 (S. 45-49) enthält Hinweise zum gezielten Vorgehen gegen Mobbing, wie Gespräche mit KollegInnen und Eltern (Opfer und Täter) vorbereitet, Opfer geschützt und Versöhnung angegangen werden können.

Kapitel 4 (S. 59 – 66) widmet sich den Sanktionen bei Mobbing am Beispiel des ernsten Gespräches (nach Olweus) und der Eskalationsstufen bei Ordnungsmaßnahmen.

In Kapitel 5 (S. 67 – 96) geht es um die Arbeit mit den Beteiligten, also der Klasse, des Kollegiums, den Eltern, dem Opfer und dem/n Täter/n. Die Spanne reicht von Prävention und Aufklärung über diverse Gesprächs- und Coaching-Maßnahmen, einen Vertrag gegen Mobbing, über Hilfe statt Mitleid hin zur Konfrontation der Täter mit ihrem Verhalten und angemessenen Sanktionen.

Kapitel 6 (S. 97 – 110) fordert veränderte Strukturen bei Mobbing in der Schule. Über Fragebogenerhebung, Leitfadeninterviews, das Installieren eines Handlungsteams mit beratender Funktion, wöchentliche Sprechstunden, ein Moderatoren- oder Patenkonzepte, Regeln und Hausordnung, veränderte Konferenzinhalte an Schulen, versucht der Autor Anti-Mobbingarbeit zu installieren.

Kapitel 7 (S. 111 – 120) stellt verschiedene Mobbingfälle und Interventionsstrategien vor, in denen sich die Interventionen schwierig gestalten. Vier Fälle werden geschildert und Lösungsvorschläge überlegt.

Kapitel 8 (S. 121 – 125) enthält Checklisten für planvolles Vorgehen bei Mobbing. Dabei geht es um die Ziele der Antimobbingarbeit und die Schrittfolge gegen Mobbing.

Auf den letzten beiden Seiten finden sich 15 Buchtipps, wovon sieben vom Autor selbst stammen.

Diskussion

Die kurz gefassten Beispiele und Herangehensweisen, die nicht lange durchgearbeitet werden müssen, sondern zum kurzfristigen Ausprobieren animieren, dürften für viele LehrerInnen als erste Schritte hilfreich sein. Einige der Kurzfassungen sind jedoch so knapp beschrieben, dass sie neue Fragen aufwerfen, die unbeantwortet bleiben. In jeder Schule muss dann die Tiefe dessen ausgearbeitet werden, was hier angerissen wurde, gerade auch im Zusammenspiel unter den LehrerInnen. Hier setzt die Frage an, ob das Ziel des Autors - gemeinsames, abgestimmtes Vorgehen innerhalb von Schule zu etablieren - über die weitgehend alleinige Verantwortung der LehrerInnen erreicht werden kann?! Eine vertiefte Antimobbingarbeit kann nur gelingen, wenn sich von Schulleitungsseite klar nach unten positioniert wird, Vorgehensweisen bewusst in den Schulalltag und -rahmen konsequent eingeplant werden und die Kooperation mit der internen Sozialarbeit und professionellen externen Stellen etabliert wird. Dieser Aspekt fehlt in der Gesamtsicht und das, obwohl wir hier von Realitäten an Schulen sprechen, die sich beispielsweise über Distanz und Intransparenz zwischen LehrerInnen und SchülerInnen, hohem Krankenstand unter dem Lehrpersonal, Abwehr des Themas von Schulleitungsseite und hoher Diversität von Haltungen (bis hin zu bewusstem Negieren und Interesselosigkeit) zum Thema unter den LehrerkollegInnen zeigt. Wichtig jedoch bleibt der Ansatz des Autors, die KollegInnen ins Boot zu holen und zu schulen, denn schulische Antimobbingarbeit ist schwerpunktmäßig Arbeit am und mit dem System Schule und wird bisher nicht in die Lehrerausbildung integriert.

Unterschiedliche Beispiele, wie auch der Blick auf differenziertes Sanktionieren bei Mobbingfällen, sind hilfreiche Beschreibungen des Autors, um strategisches Vorgehen einzuüben. Differenzierter in der Darstellung könnten Checklisten, Hinweise auf Informations- und Aktionswochen, diverse Konzepte wie z.B. der Klassenrat oder Feedback-Kultur und Literaturhinweise sein.

Fazit

Wolfgang Kindlers Engagement für SchülerInnen beim Mobbingthema, seine Aufforderung für LehrerkollegInnen zum folgerichtigen Eingreifen und die Hinweise zu möglichen Vorgehensweisen, wie auch die Betonung von Elternarbeit lassen erkennen, dass es dem Autor mit der Verbreitung möglicher Handlungs- und Lösungswege bei Mobbing ernst ist.


Rezensentin
Dipl. Sozialpädagogin Monika Hirsch-Sprätz
Supervisorin, Mediatorin und Leiterin der Mobbingberatung Berlin-Brandenburg. Arbeitsschwerpunkte: Information, Beratung, Training, Moderation, Konfliktmanagement, Mediation, Kooperation mit interdisziplinärem Experten-Netzwerk. Face-to-Face- und Online-Beratung. Bereiche: Schule, Ausbildung und Arbeitswelt.
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Zitiervorschlag
Monika Hirsch-Sprätz. Rezension vom 30.12.2010 zu: Wolfgang Kindler: Schnelles Eingreifen bei Mobbing. Strategien für die Praxis. Verlag an der Ruhr (Mülheim an der Ruhr) 2009. ISBN 978-3-8346-0450-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8279.php, Datum des Zugriffs 23.01.2019.


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