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Michael Habersam: Management öffentlicher Krankenhäuser

Cover Michael Habersam: Management öffentlicher Krankenhäuser. Eine Rekonstruktion der theoretischen Grundlagen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 447 Seiten. ISBN 978-3-531-16675-9. 49,90 EUR.
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Autor

Der Autor Diplom-Ökonom Dr. Michael Habersam legt mit dem Buch „Management öffentlicher Krankenhäuser“ seine Habilitation vor. Es handelt sich um ein Buch aus dem Fachgebiet der Organisationslehre. Der Autor arbeitet als Studienbeauftragter Bachelor Wirtschaftswissenschaften Institut für Organisation und Lernen / Controlling in Innsbruck

Thema

Das Thema Krankenhausmanagement ist im wissenschaftlichen Diskurs nicht erst in der jüngeren Zeit Gegenstand der Forschung gewesen. Dieses Teilgebiet der Betriebswirtschaftslehre kann bereits auf eine mehr als 50jährige Entwicklung zurückblicken. Begründet wurde sie von Siegfried Eichhorn, dessen Lehren eines der fünf Kapitel des vorliegenden Buches gewidmet ist. Eichhorn schuf zwischen 1967 und 1987 mit seiner "Krankenhausbetriebslehre Band I – III" die Grundlagen des Faches mit ganzheitlichen Konzepten. Die ihm nachfolgenden Autoren beschränkten sich meist auf die Darstellung von Einzelthemen, oftmals mit einem dezidiert praktischen Fokus. Michael Habersam gibt auch über diese Theoriekonzepte einen Überblick und stellt sie Eichhorns Theorien gegenüber. Abschließend zeigt der Autor Ansätze abseits dieses sog. "Mainstreams" auf, wie der wissenschaftliche Diskurs weitergeführt werden kann.

Habersam beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Darstellung und kritische vergleichende Analyse der existierenden Theoriegebäude, er überprüft diese empirisch auf Leerstellen und "Blinde Flecken", zeigt so auf, ob die Betrachtungen die praktischen Gegebenheiten ausreichend berücksichtigt. Zu diesem Zwecke hat der Autor eine qualitative Studie an einem allgemeinen öffentlichen Tiroler Bezirkskrankenhaus durchgeführt. Er führte 11 Tiefeninterviews mit Angehörigen der Klinikleitung, der Ärzteschaft, Pflegekräften und der Verwaltung durch, um so eine "Momentaufnahme" vom Zustand eines öffentlichen Krankenhauses zu erhalten. Aus diesen Interviews extrahiert er als Quintessenz die Spezifika der Organisation Krankenhaus, welche durch theoretische Ansätze des Krankenhausmanagements abgedeckt werden sollten. Um seine eigenen empirisch gewonnenen Erkenntnisse zu überprüfen, gleicht Habersam diese mit existierenden qualitativen und quantitativen Studien zum Thema ab.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist gegliedert in fünf Kapitel, die von einem 21-seitigen Literaturverzeichnis ergänzt werden. Vorangestellt ist ein jeweils zweiseitiges Abkürzungs- und Tabellenverzeichnis.

Das erste Kapitel beinhaltet die Einführung. Es schildert die Ausgangslage des Buches und deren Intention und Fragestellung. Weiterhin erläutert wird die verwendete Methodik und warum diese angewandt wurde.

Kapitel zwei "Das öffentliche Krankenhaus: ein erster Blick in die Empirie" gibt einen Überblick über die Vorgehensweise bei der durchgeführte qualitative Studie. Anhand von fünf leitenden Fragen wurden die Interviews mit den Klinikmitarbeitern frei durchgeführt. Die erhaltenen Aussagen werden teilweise wörtlich wiedergegeben, analysiert und interpretiert.

Frage 1: Was macht für Sie ein gutes Krankenhaus aus? Die Patientenzufriedenheit steht bei allem Befragten im Mittelpunkt. Denn Sinn eines öffentlichen Krankenhauses sehen sie in der qualitativ hochwertigen Leistung humanitärer Hilfe. Zu Erreichung dieses Ziels sind verschiedene die Organisation betreffende Faktoren entscheidend. Das Krankenhaus ist in einen sozialen und gesellschaftlichen Kontext eingebettet, es agiert nicht in einem luftleere Raum. Ebenso wird der Erfolg durch das Krankenhausmanagement und eine erfolgreiche ökonomische Führung. Daraus ergeben sich drei zentrale Spannungsfelder: Realität vs. Idealbild, Innen- vs. Außenansicht und Qualität vs. Ökonomie.

Frage 2: Wie würden Sie Ihren eigenen Beitrag zu einem guten Krankenhaus beschreiben? Die Mitarbeiter sind entscheidend für den Erfolg des Krankenhauses, sie beeinflussen die Erfahrungen der Patienten, welche diese nach ihrem Aufenthalt in die Umwelt tragen. Sie entsteht eine Wechselwirkung zwischen Krankenhaus und Umwelt.

Frage 3: Was würden Sie bei ausreichend zur Verfügung stehenden Ressourcen verbessern? Hier wurden drei Punkte im Besonderen genannt: Investitionen in die Hardware, die Vornahme von Prozessoptimierungen zur besseren Ressourcennutzung und zusätzliches Personal, sowie eine verbesserte Personalentwicklung.

Frage 4: Was würden Sie bei knappen Ressourcen verbessern? Hier war die einhellige Antwort, dass die Qualität unter diesen Umständen nicht einmal gehalten werden könnte.

Frage 5: Wohin würden Sie Ihr Krankenhaus und Ihren Arbeitsbereich in der Zukunft hin entwickeln wollen? Der zukünftige Erfolg wird im Aufbau einer Nische der krankenhäuslichen Versorgung gesehen abseits vom bisherigen Ansatz als allgemeines Haus. Weiterhin muss der Informationsfluss für Entscheidungen verbessert und die Organisation an sich verändert werden.

Aus den fünf beantworteten Fragen kondensiert Habersam zehn Spezifika der Organisation eines öffentlichen Krankenhauses: Patienten, Sinn und Zweck, gesellschaftlicher und sozialer Kontext, Struktur und Prozess, Mitarbeiter, zentrale Beziehungen, Management und Führung, Ökonomie, Qualität und Spannungsfelder.

Das dritte Kapitel "Das öffentliche Krankenhaus: ein zweiter Blick in die Empirie als systematischer Perspektivenwechsel" führt die Außenperspektive ein, in dem die gewonnenen Erkenntnisse aus den Interviews mithilfe empirischer Daten anderer Studien überprüft werden. Die vorgestellten zehn Spezifika werden aus den Studien herausgearbeitet und ihre Validität überprüft. Habersam findet seine empirischen Ergebnisse darin bestätigt.

Er nutzt vier qualitative Studien zur Überprüfung. Die Spezifika werden anhand quantitativer Großstudien einzeln erörtert. Abschließend erfolgt die Einbeziehung des publizierten Erfahrungsberichtes einer ehemaligen Krankenschwester und Organisationsberaterin für Heil- und Pflegeeinrichtungen über ein Zeitraum von mehr als 20 Jahren.

Kapitel vier befasst sich mit den Managementkonzeptionen für das öffentliche Krankenhaus und eröffnet damit die Analyse und Gegenüberstellung der theoretischen Konzepte des Krankenhausmanagements. Auch hier nutzt der Autor als Methodik das Instrument des Fragenstellens, wozu abermals Leitfragen der Untersuchung vorangestellt werden.

  • Wie ist die Aufgabenstellung und welche Notwendigkeiten konstatiert das Konzept
  • Welche grundlegenden Annahmen werden getroffen?
  • Welcher Gesamteindruck des Managements öffentlicher Krankenhäuser entsteht?
  • Inwieweit werden die in Kapitel 2 erarbeiteten Spezifika durch das Theoriegebäude behandelt?

Habersam nimmt eine Rekonstruktion klassischer Managementkonzeptionen für das öffentliche Krankenhaus vor. Die Theorien und Konzepte Siegfried Eichhorns werden den Konzepten anderer Autoren gegenübergestellt. Eichhorns Ansatz fasst der Autor wie folgt zusammen:

  • Die medizinische Zielsetzung steht konträr zu einem evtl. Rentabilitätsstreben.
  • Veränderungen können nur durch Planung und Organisation gemeistert werden.
  • Nur durch Planung kann eine erfolgreiche Betriebsführung realisiert werden.
  • Qualität und Wirtschaftlichkeit sind das Ergebnis aus dem Zusammenspiel aller Beteiligten.
  • Zielkonflikte sind die Regel.
  • Zur übermittlerfreien Weitergabe muss intern ein Informationssystem geschaffen werden.
  • Vornahme einer wissenschaftstheoretischen Positionierung Eichhorns

Auch befasst sich Habersam mit der Weiterentwicklung von Eichhorns Theorien nach der Veröffentlichung des dritten und letzten Bandes der Krankenhausbetriebslehre im Jahre1987. Diese ist gekennzeichnet durch die Berücksichtigung radikal geänderter Rahmenbedingungen. Patienten entwickeln erstmals ein Anspruchsdenken und werden zum Kunden, die Medizin wird zunehmend technisiert, der Kostendruck auf öffentliche Krankenhäuser nimmt immer weiter zu. Dies erfordert Änderungen im Managementkonzept, dass den Faktor Qualität zum entscheidenden Erfolgsfaktor erhebt.

Habersam stellt auch hier eine hohe Deckungsgleichheit der Theorie mit seinen Spezifika fest.

Aufbauend auf die Theorien Eichhorns wendet sich Habersam nun der Sichtweise anderer Autoren zu und stellt diese Eichhorns Ansätzen gegenüber. Diese haben meist eine praxisbezogene Aufgabenstellung – anders als Eichhorn, der das Krankenhausmanagement ganzheitlich betrachtete – ihre wissenschaftstheoretische Ausrichtung ist der von Eichhorn jedoch identisch. Nach der Gegenüberstellung der Theorien erfolgt der Abgleich mit den empirisch gewonnenen Spezifika, wobei ein hoher Grad an Übereinstimmung festgestellt wird. Lediglich bei der inhaltlichen Ausgestaltung der Charakteristika ergeben sich Unterschiede, wodurch auch gegenseitige "Leerfelder" entstehen können. Die Konzepte werden als sehr einheitlich und festgefügt beurteilt, betrachten daher Aspekte nicht, die empirisch als relevant erkannt wurden.

Kapitel fünf beinhaltet alternative Theoriekonzepte und analysiert diese. Habersam greift hierfür bestehende Ideen auf, die nicht in den Mainstream-Ansatz aus Kapitel 4 Eingang gefunden haben und entwickelt eigene Anregungen, wie aus organisationstheoretischen Ansätzen ein Konzept zur Steuerungsfunktion des Managements zwischen statischer Beharrung und dynamischer Veränderung entstehen kann.

Der Autor benennt hier vor allem zwei alternative Ansätze, die zur Weiterentwicklung der Organisation Krankenhaus beitragen können. Zum einen kann das Krankenhaus als lernende Organisation betrachtet werden. Innerhalb dieses Konzeptes sind die Mitarbeiter das zentrale Element, da es die Prozesse aktiv mitgestaltet. Die Organisationsentwicklung ist ein dynamischer Prozess, der von allen internen Beteiligten ausgeht und von ihnen mit gestaltet wird. In diesem Sinne greifen Personal- und Organisationsentwicklung ineinander.

Der zweite Ansatz betrachtet das Krankenhaus als Expertenorganisation, es ein"Reich von Fürstentümern", d.h. leitende Ärzte agieren in ihren Bereichen als Leiter und lassen sich nur in geringem Maße durch die Klinikleitung beeinflussen. Daher kann nur durch autonome Organisation und Selbstverwaltung das Krankenhaus funktionieren. Der Klinikleitung kommt die Aufgabe zu koordinieren und die Kommunikation zwischen den Abteilungen zu steuern. Die Führung der Abteilungen erfolgt vornehmlich durch das Aufbauen eines Rationalisierungsdrucks.

Abschließend führt Habersam alternative Öffnungsmöglichkeiten des inhaltlichen Diskurses zur Weiterentwicklung des Krankenhausmanagements aus, die vor ethische Aspekte, eine stärkere Rolle der Unternehmenskultur und ein differenziertes Verständnis des Controllings als Ausgangspunkt für Veränderungen sehen. Damit schließt das Werk ab.

Fazit

Das vorliegende Werk stellt eine systematische wissenschaftliche Aufbereitung des Themenfeldes Management öffentlicher Krankenhäuser dar. Der Autor nimmt eine umfassende Analyse der theoretischen Grundlagen vor und stellt sie gegenüber. Durch eigene qualitative Befragungen und das Heranziehen vorhandener wissenschaftlicher Studien ermittelt er, welche Inhalte die Forschung zum Krankenhausmanagement haben müsste, um einen praktischen Mehrwert generieren zu können. So zeit er Schwachstellen und Lücken in der Theorie auf bzw. stellt fest, dass theoretische Zielsetzung und praktische Notwendigkeiten weitgehend deckungsgleich sind. Dies ist für den wissenschafts-theoretisch orientierten Leser interessant, dem aus der Praxis stammenden wird das Buch dagegen kaum interessante Inhalte liefern können.

Die Komplexität der verwendeten Sprache und des Satzbaus erschwert dem Leser jedoch erheblich das inhaltliche Verständnis. Ebenso hätte durch eine andere Formatierung des Buches das Verstehen der vielschichtigen Materie erleichtert werden können. Hilfreich wäre z.V., wenn am Ende eines jeden Unterkapitels ein Zwischenergebnis formuliert würde.

Zusammengefasst lässt sich der Gesamteindruck als fundierte Analyse der wissenschaftlichen Theorien mit Schwerpunkt auf Aspekten der Organisationslehre beschreiben, die sich dezidiert an einen kleinen wissenschaftlichen Leserkreis richtet, was jedoch angesichts der Tatsache, dass der Autor seine Habilitationsschrift vorgelegt hat, nicht verwundern darf.


Rezension von
Prof. Dr. Friedrich Vogelbusch
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Zitiervorschlag
Friedrich Vogelbusch. Rezension vom 24.12.2010 zu: Michael Habersam: Management öffentlicher Krankenhäuser. Eine Rekonstruktion der theoretischen Grundlagen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16675-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8284.php, Datum des Zugriffs 25.05.2020.


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ISSN 2190-9245

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