socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Burkhard Müller, Mathias Schwabe: Pädagogik mit schwierigen Jugendlichen

Cover Burkhard Müller, Mathias Schwabe: Pädagogik mit schwierigen Jugendlichen. Ethnografische Erkundungen zur Einführung in die Hilfen zur Erziehung. Juventa Verlag (Weinheim) 2009. 247 Seiten. ISBN 978-3-7799-2204-9. 18,00 EUR, CH: 32,90 sFr.

Reihe: Studienmodule soziale Arbeit.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

„Der Band bietet eine Einführung in die Hilfen zur Erziehung. Anhand von fünf Portraits von Einrichtungen der Erziehungshilfe wird der Leser eingeladen, die sehr unterschiedlichen Arbeitsweisen zu erkunden und einen `forschenden Blick´ zu üben.“ Der erste Abschnitt des Klappentextes benennt die Absicht, die von den Autoren in diesem Buch verfolgt wird. Ziel ist es, eine gelingendere Arbeit zu gewährleisten, aber auch Mut zum Handeln zu entwickeln. Eine stete Neugierhaltung ermöglicht es den Fachkräften in diesen Praxisfeldern, sich auf neue Dinge einzulassen und Altes zu hinterfragen.

Autoren

Die beiden Autoren haben ihre Wurzeln in der pädagogischen Ausbildung von Studenten. Professor Dr. Mathias Schwabe, Jahrgang 1958, hat einen Lehrstuhl an der Evangelischen Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Berlin. Er lehrt Methoden der sozialen Arbeit. Seine Schwerpunkte sind Erziehungshilfen, Hilfeplanung und Fallverstehen. Professor Dr. Burkhard Müller, Jahrgang 1958, war bis 2004 Hochschullehrer am Fachbereich Erziehungs- und Sozialwissenschaften der Universität Hildesheim. Seine Arbeitsschwerpunkte waren Theorien sozialpädagogischen Handelns, psychoanalytische Sozialpädagogik, Jugendarbeit, sowie interkulturelle Pädagogik.

Aufbau

Das Buch lässt sich in drei Teile gliedern.

  1. Im ersten Teil (Kapitel 1-2) wird die Zielformulierung erläutert. Dabei wird dem Setting der Einrichtungen eine zentrale Rolle beigemessen. Um dies zu untermauern, bedienen sich die Autoren verschiedener Arbeitsprinzipien.
  2. Der zweite Teil (Kapitel 3-7) beinhaltet die Bearbeitung der einzelnen Praxisbeispiele. Exemplarisch werden fünf Einrichtungen der stationären Jugendhilfe dargestellt und beobachtet. Die Erkenntnisse und Hypothesen dieser Beobachtungen werden anschließend ausführlich ausgewertet.
  3. Im letzten Teil (Kapitel 8) werden hilfreiche Fragen zur Beobachtung formuliert mit der Anregung, dies selber im Praxisfeld auszuprobieren.

Inhalt

Die Autoren möchten in ihrem Buch eine Balance zwischen theoretischem Fachwissen und Erfahrungswissen herstellen. Um dies zu erreichen fordern sie eine forschende Denkweise ein, die es den Fachkräften ermöglicht, ihre Neugier zu kanalisieren, um das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren. Eine neugierige Grundhaltung ist deshalb wichtig, weil sie den Weg zu innovativen Ideen ebnen kann und der Gefahr einer voreiligen Meinungsbildung entgegen wirkt. Im Buch wird der ethnographische Zugang als geeigneter Forschungsansatz beschrieben, da er besonders durch die Triangulation unterschiedlicher methodischer Zugänge gekennzeichnet ist. Durch das Kennen lernen und Analysieren der Lebenswelten aus unterschiedlichen Blickwinkeln erhält der Beobachter ein sehr komplexes Bild. Eine zentrale Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem teilnehmenden Beobachter zu. Nicht allgemeingültige, durch statistische Methoden hervorgebrachte Ergebnisse stehen im Vordergrund, sondern Einzelsituation, die durch ihre komplexe Beschreibung Richtlinien bieten können.

Die rechtlichen und finanziellen Rahmenbedingungen sowie die Besonderheiten der Heimerziehung werden beleuchtet, um ein umfassendes Bild zu präsentieren und den Kontext als Settingelement ebenfalls mit einzubeziehen.

Im zweiten Kapitel wird der Begriff des Settings sehr ausführlich erklärt und diskutiert. Leitgedanke hierzu ist, dass sich aus der Beobachtung der Settingelemente Handlungsmöglichkeiten ergeben können, die der Arbeit zuträglich sind. Dabei berufen sich die Autoren auf Thierschs Lebensweltbezogenheit. Die Settingelemente beinhalten die Leistungsbeschreibung, die eine Art Preisliste der pädagogischen Angebote darstellt im Gegensatz zur Konzeption, die sie als Landkarte der Einrichtung beschreiben, sowie das Leitbild, dem die Normen und Werte der Konzeption zugrunde liegen. Des Weiteren gehen sie auf die Funktion der Hilfeplanung als Erwartungsbeschreibung der Einzelnen an den Prozess der Hilfe ein und definieren Gelegenheitsstrukturen, die ebenfalls zu den Settingelementen gehören.

Um den Begriff des Settings klarer abzugrenzen, bedienen sie sich verschiedener Arbeitsprinzipien. Sie beschreiben Rousseaus Eingrenzung des Settings als Lernraum, in dem die natürliche Umwelt als Möglichkeit zum Wachsen genutzt wird. Als nächstes wird Bettelheims „Therapeutisches Milieu“ vorgestellt, bei dem im Vordergrund die logische Aufeinanderfolge der für das Setting gewählten Komponenten steht, sowie das Aushalten der Fachkräfte von der Zerrissenheit seelisch schwer beeinträchtigter Kinder in diesem Setting mit dem Ziel der langsamen Integration.

Das Konzept der „Offenen Milieubildung“ nach Böhnisch geht davon aus, dass die Chance im sich öffnen für die jeweiligen Milieus der Kinder- und Jugendlichen liegt. So können sie Sicherheit und Geborgenheit erfahren und lernen, dass sie partizipieren können, ohne dass andere darunter leiden müssen.

Die Begriffe des „Therapeutischen Milieus“ und der „Offenen Milieubildung“ von Makarenko und Bernfeld fassen die Autoren unter dem Begriff der Kollektiv- oder Gemeinschaftserziehung zusammen.

Winkler geht in seinem Konzept von einem so genannten „neuen Ort“ aus, in dem es zunächst keine Berührungspunkte zum alten Milieu gibt und die Kinder und Jugendlichen so die Möglichkeit erhalten, unbelastet neu anfangen zu können. Körners Schwerpunkt liegt in der Rahmengestaltung, deren Grenzen von den Kindern und Jugendlichen immer wieder ausgetestet werden. Erst durch die Standhaftigkeit dieses Rahmens erfahren die jungen Menschen Sicherheit und Orientierung. Der theoretische Exkurs ist deshalb so interessant, weil die Arbeitsprinzipien essenziell gegenüber gestellt und kritisch hinterfragt werden.

Im zweiten eher praxisorientierten Teil des Buches werden die fünf Portraits der Einrichtungen vorgestellt. Dabei achten die Herausgeber darauf, immer zunächst eine detaillierte Beschreibung der Rahmenbedingungen und des Settings voran zu schicken. So werden sie dem Anspruch der Lebensraumperspektive bzw. des Settings als entscheidendes Kriterium für die pädagogische Arbeit gerecht. Zeitweise wird dabei auf die vorher dargestellten Arbeitsprinzipien zurück verwiesen.

Das erste Fallbeispiel wird exemplarisch am Ausführlichsten vorgestellt. Der Beobachter schildert die ersten Eindrücke der Einrichtung und Räumlichkeiten und verbindet dies mit einem Interpretationsversuch des Gesehenen. Dabei macht er den Leser auf die unterschiedlichsten Verführungsmöglichkeiten der Beobachtungsrolle aufmerksam. Er erläutert, warum auch erfahrene Fachkräfte solchen Verführungen erliegen können. Er macht zum einen deutlich, wie wichtig und unverzichtbar eine stetige Reflexion des eigenen Handelns ist und vermittelt zum anderen dadurch gerade Berufseinsteigern Mut, sich auszuprobieren.

Die Beobachtungen der Einrichtungen werden klar und strukturiert beschrieben und anschließend im ständigen Bewusstsein der Subjektivität hinterfragt. Durch die ausführliche Hypothesenbildung hat der Leser die Möglichkeit, der Reflexion sehr gut folgen zu können. Dabei werden die Hypothesen kontrovers und in der Annahme kontingenter Möglichkeiten diskutiert. In diesen Sequenzen machen die Autoren besonders deutlich, dass es ihr primäres Ziel ist, die Handlungsspielräume zu erweitern. Der Leitgedanke des Settings wird konsequent verfolgt. Die einzelnen Elemente werden deutlich herausgearbeitet und in Bezug gesetzt.

Bis auf eine Ausnahme sind alle Portraits Momentaufnahmen. Die dritte Einrichtung ist den Autoren schon über einen längeren Zeitraum bekannt. Neben den Beobachtungen werden hier Interviews mit Jugendlichen, die schon über einen längeren Zeitraum ausgeschieden sind, herangezogen. Manche Einrichtungen haben ihre Konzeption nach der Studie verändert. Insgesamt wird deutlich, dass es sich bei allen um einen dynamischen Prozess handelt und dass sie offen für neue Impulse sind.

Der dritte Teil, das letzte Kapitel, ist sehr kurz gehalten und bietet eine Art Fragenkatalog für Beobachtungen zum Selbermachen. Angeführt wird dieser Katalog von einem Appell an die Fachkräfte, sich auszuprobieren. Die Autoren können sich dieses knappe Resümee ihrer Arbeit leisten, da sie in den jeweiligen vorangegangenen Kapiteln detaillierte Zusammenfassungen ihrer Ergebnisse präsentiert haben. Allerdings bleiben dem Leser, der nach Lösungen sucht, einige Fragen offen. Der Anspruch der Autoren scheint aber auch ein anderer zu sein. Es geht ihnen darum, Einblicke in die Lebensbereiche der Heimerziehung zu geben und die Pädagogen dafür zu sensibilisieren, durch geschulte Beobachtung und mit Neugier ihre Arbeit zu hinterfragen, um so ein Problemverständnis zu bekommen und Handlungsspielräume zu erweitern. Um dies zu erreichen wird in dem Buch eine Art fachlicher Dialog geführt, der für Außenstehende gut nachvollziehbar ist.

Diskussion

Gerade die stationäre Jugendhilfe stellt einen hohen Anspruch an das autonome Arbeiten der Pädagogen, die im Dienst meist alleine ihren Mann oder ihre Frau stehen müssen. Ein wichtiger Aspekt dabei ist, auch in prekären Situationen die Kontrolle nicht zu verlieren. Man darf nicht vergessen, dass es sich um Jugendliche mit meist besonders hoher Gewaltbereitschaft handelt. Viele von ihnen haben Suchtprobleme und sind strafrechtlich auffällig geworden. In allen Fällen der hier beschriebenen Einrichtungen haben die Jugendlichen schon eine lange Jugendhilfekarriere hinter sich und sind dadurch geschult im Umgang mit Pädagogen. Besonders für Berufsanfänger stellt sich immer wieder die Frage: Wie kann ich in einer unvorhergesehenen Situation möglichst pädagogisch wertvoll agieren? Denn gerade diese Erlebnisse können für die jungen Menschen häufig richtungsweisend sein. Wie kann ich Impulse geben, die eine Kooperationsbereitschaft begünstigen und im besten Fall zur Einsicht führen? Die Unsicherheit bleibt, da der Mensch kontingent ist und sein Verhalten nur bedingt vorhersehbar. Deshalb reicht das bloße Erlernen von Techniken nicht aus, um den komplexen Anforderungen dieser besonderen Arbeit mit Jugendlichen gerecht zu werden. Vielmehr ist in der Ausbildung der pädagogischen Fachkräfte eine gute Verknüpfung von Theorie und Praxis gepaart mit ständigem Hinterfragen des eigenen professionellen Handelns notwendig. Es gibt also zu keinem Zeitpunkt die Sicherheit, im objektivsten Sinn „richtig“ gehandelt zu haben. Hinzu kommt, dass der Berufseinsteiger sich beim Übergang von der Ausbildung zum Praxisfeld in einer Diskrepanz zwischen Berufsvorstellung und tatsächlicher Berufsrealität wieder findet.

Genau an dieser Stelle greift dieses Buch. Durch die anschaulichen Praxisbeispiele gelingt es den Autoren, eine Art Handbuch zu entwickeln, das besonders Berufseinsteigern ein Wegweiser sein kann. Dabei vermitteln sie eine neugierige Grundhaltung, die Handlungsspielräume schafft, so dass auch in unvorhersehbaren Situationen die Kontrolle nicht verloren geht. Sie ermutigt den Leser eine neugierige Distanz einzunehmen, um dann praktisch handeln zu können. Die Autoren arbeiten das ständige Spannungsfeld zwischen dem was erwartet wird und dem, was leistbar ist sehr gut heraus. Sie halten ihren Blick konsequent auf die Kinder- und Jugendlichen und die verantwortlichen Pädagogen gerichtet, und entgehen damit einer allzu theorielastigen Arbeit, die der Titel zunächst vermuten lässt. Somit ist dieses Buch sowohl für das Studium, um grundsätzlich die Arbeit der stationären Jugendhilfe kennen zu lernen, wie für Berufseinsteiger, aber auch für langjährige Pädagogen, die drohen im Sumpf des Gewohnten unter zu gehen, hervorragend geeignet. Sie werden angeregt, ihr professionelles Handeln zu hinterfragen, geleitet durch die zahlreichen innovativen Impulse, die das Buch bietet.

Fazit

Eine praktische Anleitung im Mantel der Wissenschaft, die Hemmschwellen abbaut und Lust zum Ausprobieren macht.


Rezensentin
M.Sc. Angelika Alieff-Sliepen
Sozialpädagogin / Sozialarbeiterin Supervisorin (M.Sc.) (DGSv.) Invisio. Praxis für systemische Beratung, Supervision und Coaching, Münster


Alle 10 Rezensionen von Angelika Alieff-Sliepen anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Angelika Alieff-Sliepen. Rezension vom 30.11.2009 zu: Burkhard Müller, Mathias Schwabe: Pädagogik mit schwierigen Jugendlichen. Ethnografische Erkundungen zur Einführung in die Hilfen zur Erziehung. Juventa Verlag (Weinheim) 2009. ISBN 978-3-7799-2204-9. Reihe: Studienmodule soziale Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8286.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung