socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Pia Sundermeier: Auf KURS kommen

Cover Pia Sundermeier: Auf KURS kommen. Konzeptioneller Umgang mit rückfallgefährdeten Sexualstraftätern. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2008. 149 Seiten. ISBN 978-3-86676-057-8. 12,90 EUR.

Schriftenreihe des Instituts für Angewandte Rechts- und Sozialforschung der Fachhochschule Braunschweig, Wolfenbüttel - Band 2.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema und Hintergrund

Sexualstraftäter und der gesellschaftliche Umgang mit ihnen ist seit zwanzig Jahren ein hitzig diskutiertes Thema. Diskussionen um Todesstrafe, um „Wegsperren – und zwar für immer“, oder um Kastrationen wie jüngst in Tschechien geistern durch Talk-Shows und Stammtische. Dabei sind Sexualstraftaten mit etwa 1% nur ein winziger Teil der Kriminalität, machen aber zusammen mit Gewaltdelikten die Hälfte der Berichterstattung aus. Viele Bürger glauben deshalb, die Zahl der Taten nehme erheblich zu – was nicht stimmt. Richter und Staatsanwälte, Therapeuten und Gutachter verrichten ihre Arbeit mehr und mehr unter dem Druck dieser öffentlichen Meinung.

Die Fachhochschule Braunschweig will in einer eigenen Publikationsreihe ausgezeichneten Absolventinnen eine Möglichkeit bieten, ihre Diplomarbeiten im Themenbereich Kriminologie und Viktimologie zu veröffentlichen. Im zweiten Band dieser Reihe erscheint die Diplomarbeit von Pia Sundermeier.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in vier Abschnitte gegliedert.

Im ersten Teil wird über sexuelle Delinquenz, ihre Definition, historische Entwicklung, Ausmaß und Formen berichtet. Die Autorin weist darauf hin, dass es bis heute keine allgemein akzeptierten Definitionen für sexuelle Gewalt gibt. Dabei spricht sie von sexuellem Missbrauch bei Handlungen zwischen einem Erwachsenen und unter 18jährigen (womit die gesamte Jugendsexualität kriminalisiert wird, wie Sexualwissenschaftler feststellen). Zum Ausmaß von Delikten verweist Sundermeier auf rückläufige Deliktzahlen im Hellfeld und ein unbekanntes Dunkelfeld.

Im zweiten Teil stellt die Autorin mögliche Ursachen dar. Trotz Hinweis auf die Notwendigkeit einer genauen Prüfung der individuellen Motive sieht Sundermeier als Hauptursachen für sexuelle Gewalt Dominanz, Manipulation und Kontrollwünsche der Täter an. Sie und beschreibt die psychiatrischen Klassifikationssysteme ICD-10 und DSM-IV und spezifischere Erklärungsansätze wie Finkelhors Modelle und Groths Tätertypologien.

Teil 3 widmet sich der Behandlung von Sexualstraftätern und referiert Fragen der Rückfälligkeit. Dabei fokussiert die Autorin auf die Gesetzesverschärfungen für Sexualdelinquenten vom 26.01.1998 und widmet sich folgend vorwiegend der Behandlung von Tätern in den Sozialtherapeutischen Vollzugsanstalten z. B. durch das Behandlungsprogramm für Sexualstraftäter (BPS). Anschließend referiert Sundermeier Untersuchungen und Probleme der Rückfälligkeit. Weshalb aber das niedersächsische Handlungskonzept K.U.R.S. (Konzeption zum Umgang mit rückfallgefährdeten Sexualstraftätern) als innovatives Behandlungsprogramm bezeichnet wird, bleibt das Geheimnis der Autorin.

Im letzten Abschnitt erfolgt eine sehr knappe Diskussion.

Frau Sundermeier versucht mit einigen Widersprüchen eine Versachlichung und Entdramatisierung des Themas. Sie weist auf den Druck der Medien und der öffentlichen Debatte hin. Dass es den Sexualstraftäter nicht gibt, klingt banal, ist aber angesichts vereinfachender Diskussionen und dem Ruf nach (scheinbar) einfachen Lösungen selbst in Fachkreisen ein Hinweis, der immer wieder gemacht werden muss. Innerhalb der Arbeit verengt sich das Thema – Sexualstraftäter im allgemeinen – immer wieder auf sexuelle Missbraucher, wobei nur unzureichend zwischen Pädosexuellen und Missbrauchern unterschieden wird. Auch im Abschnitt über Behandlung werden eher gesetzliche und organisatorische Grundlagen beschrieben als Behandlungsprogramme; dabei hebt die Autorin auf ein Programm ab, das im Bereich des Straf- und Maßregelvollzugs angewandt wird. Der gesamte Bereich der ambulanten Behandlung dieser Tätergruppe fehlt.

Diskussion

Weil es sich um eine Diplomarbeit handelt, dürfen nicht die Ansprüche an ein Fachbuch im üblichen Sinn angelegt werden. Es sind weniger Erfahrungen aus Forschung und Praxis als eine Literaturrecherche zu erwarten. Ärgerlich findet der Rezensent allerdings, dass die Literaturangaben im Text sich nicht im Literaturverzeichnis wieder finden, während andere dort gelistete Titel in der inhaltlichen Argumentation keine Rolle spielen. Auch einige sprachliche Ungenauigkeiten zeigen, dass hier keine Praktikerin/Wissenschaftlerin schreibt. Für Kenner der Materie fällt auf, dass am ehesten feministisch beeinflusste Bezugsliteratur verarbeitet wurde, während eine Reihe sexualwissenschaftlicher Standardtitel unbekannt zu sein scheinen. Kritisch vermerkt werden muss auch, dass in Pia Sundermeiers Buch kritische Reflexionen über die vorgestellten Studien weitgehend fehlen; es hätte z. B. gut getan, sich mit der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) auseinanderzusetzen. Die Darstellung des niedersächsischen Programms K.U.R.S. auf wenigen Seiten zeigt, dass hier die Datensammlung – wie bei anderen Landesprogrammen – im Vordergrund steht; aber dies wird nicht kritisch reflektiert.

Fazit

Sundermeiers Buch ist vielleicht zum Einstieg in die Thematik geeignet. Es ist verständlich und gut lesbar. Wer tiefere Einblicke sucht, ist mit Fachbüchern wie die von Nedopil, Marneros, Fiedler und besser bedient.


Rezension von
Dr. biol. hum. Michael Stiels-Glenn
Kriminologe & Polizeiwissenschaftler M.A. Integrativer Therapeut M.Sc. Supervisor (DGSv)
E-Mail Mailformular


Alle 10 Rezensionen von Michael Stiels-Glenn anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Michael Stiels-Glenn. Rezension vom 15.10.2009 zu: Pia Sundermeier: Auf KURS kommen. Konzeptioneller Umgang mit rückfallgefährdeten Sexualstraftätern. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2008. ISBN 978-3-86676-057-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8290.php, Datum des Zugriffs 30.03.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung