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Franz Billmayer (Hrsg.): Angeboten. Was die Kunstpädagogik leisten kann

Rezensiert von Prof. Dr. Birgit Dorner, 09.12.2009

Cover Franz Billmayer (Hrsg.): Angeboten. Was die Kunstpädagogik leisten kann ISBN 978-3-86736-119-4

Franz Billmayer (Hrsg.): Angeboten. Was die Kunstpädagogik leisten kann. kopaed verlagsgmbh (München) 2008. 262 Seiten. ISBN 978-3-86736-119-4. 18,80 EUR.
Reihe: Kontext Kunstpädagogik - Band 19
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Autor und Entstehungshintergrund

Franz Billmayer ist Professor für Kunstpädagogik an der Universität Mozarteum in Salzburg. Der Band „ Angeboten. Was die Kunstpädagogik leisten kann“ ist Teil 1 der im Rahmen einer zentralen Fachtagung der deutschen und österreichischen Kunstpädagogik von Billmayer herausgegeben Sammlung von Texten zum gegenwärtigen Fachdiskurs (Band 1) und zu Anforderungen, die an Kunstpädagogik heute von außen gestellt werden (Band 2, vgl. die Rezension). Die Fachtagung zum Thema „Erwartungen, Angebote und Nachfrage an die Kunstpädagogik heute“ war von Billlmayer im März 2009 am Mozarteum veranstaltet worden, um die Selbst- und Fremdeinschätzung des Faches Kunst an Schulen in den Blick zu nehmen. Antworten auf die Frage, was Kunstpädagogik leisten kann und soll, sind in der Fachdidaktik zentral, dennoch erscheinen sie selten in solch einer Breite und Konzentration wie in dem Band „Angeboten“ und noch seltener äußern die Abnehmer der „Dienstleistung Kunstpädagogik“, was sie sich von ihr erwarten. Die Frage, was Kunstpädagogik in der Schule heute anbieten kann und soll, wurde im Vorfeld der Tagung explizit an führenden KunstpädagogInnen aus Österreich und Deutschland gestellt, die diese in sehr kurzen Texten beantworten sollten. Die Texte sollten in allgemeinverständlicher Sprache abgefasst werden, sodass sie auch von älteren SchülerInnen und anderen „AbnehmerInnen“ der Dienstleitung Kunstpädagogik verstanden werden können. Die schriftlichen Antworten auf Billmayers Frage liegen nun gebündelt in „Angeboten“ vor. Billmayer damit will eine breitere Diskussion über Bildungsinhalte bezogen auf das Fach Kunst an Schulen anstoßen, die er vermisst.

Aufbau

Der kurzen Einführung des Herausgebers schließen sich 36 kurze Statements von 4 bis 10 Buchseiten führender deutscher und österreichischer Kunstpädagoginnen zum „Angebotsspektrum“ des Faches Kunst in der Schule an. Eine thematische Gruppierung der Texte nimmt der Herausgeber nicht vor, die Texte erscheinen im Buch in alphabetischer Reihung. Folgenden zentralen Themen widmet sich Diskurs im Buch.

Bild- und Medienkompetenz

In der Mehrheit der Beiträge wird der Erwerb und Ausbau von Bildkompetenz und damit natürlich auch Medienkompetenzdurch das Fach Kunst als sein herausragendes Qualitätsmerkmal beschrieben. Über Bild- und Medienkompetenz wird kulturelle Bildung gefördert und die Basis für gesellschaftliche, kulturelle Orientierung durch Kunstunterricht geschaffen. Durch den „iconic turn“ ist die Ästhetik zur „Fundamentaldisziplin“ in der heutigen Welt der Bilder und der Ästhetisierung aller Lebensbereiche geworden wie Reingard Klingler in „Bilder als globale Social Player.“ darstellt. Durch ästhetische Bildung wird Geschmacksbildung entwickelt, die Vorraussetzung für Teilhabe an Kultur ist.

Die Notwendigkeit, die Bedeutung der Bilder und Zeichen, die uns umgeben, zu erlernen, zeigt Kunibert Bering in „Orientierung im Dschungel der Zeichen“ auf. Kompetenzen im Umgang mit Bildern müssen erworben werden, Bilder und Symbolsysteme durchschaut und kritisch bewertet werden, Bilder auf ihren Wahrheits-, Wirklichkeitsgehalt bzw. auf ihr Konstruiert-Sein hin untersucht und Bildherstellungsprozesse reflektiert werden. Das Fach Kunst befasst sich als einziges Schulfach mit Konstruktion von Realität, auch politischer, durch die (Bild)Medien, sie untersucht Bildwirkung und -bedeutung in den je spezifischen Kontexten. In besonderem Maße richtet sie ihren Blick auf die für Jugendliche wichtigen „Mit-mach-Medien“ wie das Web 2.0, die Nutzung einschlägiger Communities wie Facebook, MySpace oder Lokalisten und die Selbst-Präsentationen dort. Alexander Glas formuliert es in „Bildkompetenz im Medienzeitalter“ als die spezifische Aufgabe der Kunstpädagogik, Jugendliche zu einer kritischeren Nutzung dieser Medien anzuregen.

Schulung der Wahrnehmung und des Denkens

Kunst thematisiert Wahrnehmung, die subjektive Konstruktion von Wirklichkeit und damit verbunden komplexe Fragen menschlicher Existenz. An ihr kann die Wahrnehmung solch komplexer, subjektiver Realitäten geschult werden und die Reflexion über persönliche sowie kulturelle Wahrnehmungsmuster angestoßen werden. In ästhetischen Schaffensprozessen in besonderer Weise, aber auch in der Betrachtung von Bild- und Kunstwerken, werden sinnliche Wahrnehmung und leibliche Erfahrungen angeregt und weiterentwickelt. Im Ausdruck, im Vergleich mit den Wahrnehmungen und Gestaltungen anderer kommt es zu einer vertieften Beschäftigung mit Selbst- und Fremdwahrnehmung. Die zentralen Inhalte des Faches Kunst, Betrachten und Gestalten, schulen nachhaltig divergentes, assoziatives, synthetisierendes Denkens und damit Phantasie, Imagination und Intuition.

Erfahrung ästhetischer Eigentätigkeit, ästhetischen Ausdrucks und Lernen künstlerischer Tätigkeiten

Kunstunterricht ist eines der wenigen schulischen Fächer, die zur Selbstäußerung anleiten, da er ästhetisches Denken schult, das zum Handeln anstiftet und zur Gestaltung drängt wie Franziska Pirstinger in „Antworten auf häufig gestellte Fragen“ darstellt. Selbst Hand anlegen bedeutet sich als tätiges Subjekt erfahren, Materie und damit Realität als gestaltbar erleben. Damit werden im Kunstunterricht Kompetenzen durch eigengestalterisches Handeln erschlossen, um sich mehrdimensional ausdrücken und in kulturelle Kontexte eingreifen zu können. Die existenzielle Erzähl- und Gestaltungsfähigkeit der Menschen wird über ein Lernen mit allen Sinnen, dem ganzen Körper, durch die Koppelung der gestalterischen Handlungen an meist positive Emotionen, durch das zweckfreies Spiel und offene Lernsituationen gefördert. Kunstpädagogik kann damit „Berge versetzen: „Die Wirksamkeit kunstpädagogischer Prozesse liegt in der Erzeugung von Erzählungen, die etwas verschieben, eine andere Gestalt geben, obwohl dies bis dahin nicht als anders wahrnehmbar, fühlbar, handhabbar, denkbar galt.“ (Karl-Josef Pazzini : Berge versetzen, damit es was zu erzählen gibt, S.158).

SchülerInnen- und subjektorientierte ästhetische Bildung,

Werner Bloß zeigt in seinem fiktiven Interview auf der Grundlage einer Befragung 15 bis 19jähriger SchülerInnen »Es gibt was, das fast unabhängig vom Lehrer ist«, was SchülerInnen am Fach Kunst schätzen. Die interviewte fiktive Schülerin stellt besonders den Freiraum hervor, den das Fach Kunst bietet, Freiraum experimentieren zu können und für sich einen geeigneten Weg zu finden, jenseits eines vorgegebenen Lösungswegs. Damit schafft das Fach Kunst einen Rahmen für Entwicklung eigener Ideen. Von Bedeutung war für die Schülerin darüber hinaus das Kennen lernen von Gestaltungstechniken, genauso wie die Begegnung mit Werken der Bildenden Kunst. Alltagsästhetik als Gegenstand des Unterricht hielt sie dagegen für eher verzichtbar und langweilig.

Die fiktive Schülerin wird in ihrer Argumentation beispielsweise durch den Artikel von Andreas Brenne „Bildungskrise und Kunstpädagogik. Heterogenität als Chance einer subjektorientierten ästhetischen Bildung“ unterstützt, in dem Brenne individualisierte Zugänge zu Lernen als Forderung aktueller Bildungsdiskurse darstellt. Kunstpädagogik hätte durch die lange Tradition hinsichtlich Heterogenität und Individualität ihrer Bezugsdisziplin Kunst das Potential hier Modell zu werden für andere Fächer bzw. für Schulreformen überhaupt.

Kunstorientierung des Faches

Bildende Kunst ist die zentrale Bezugsdisziplin des Faches Kunst an Schulen. Sie selbst hat oft implizite didaktische Anteile, die es aufzuzeigen gilt. Schulischer Kunstunterricht schafft eine Basis für ein Verständnis von Kunst allgemein, das breite Spektrum an künstlerischen Positionen und Werken im Laufe der Geschichte der Bildenden Kunst und Zugänge zu zeitgenössischer Kunst wie Sabine Fett in „Wenn …, dann …, oder doch eher ohne Gewähr?“ darlegt. Im gestalterischen Bereich erfolgt künstlerisches Lernen oft über kunstnahe Prozesse wie das Mapping.

Persönlichkeitsbildung durch Differenzerfahrung

In Auseinandersetzung mit Bildern werden deren Mehrdeutigkeiten erfahren, im Austausch über Bilder Verständnis und Akzeptanz für verschiedenen, plurale Sichtweisen eingeübt. Gerade in der Begegnung mit Kunstwerken kann Begegnung und Umgang mit dem Fremden erfahren werden wie Johannes Kirschenmann in „Bildbildung. Mit Bildern etwas über sich und die Welt erfahren“ darstellt. Bewusstwerdungsprozesse von Fremdheit und Differenz schaffen Öffnung für Neues durch und in der ästhetischen Erfahrung. Das Ungewohnte, Widerständige, Plötzliche, Unerwartete kann feste Vorstellungen verflüssigen und durch Kunstbegegnung kann über die Reflexion von eigenen und fremden Lebensentwürfen Identitätsentwicklung angestoßen werden. Durch das Einfühlen in anderen Sichtweisen kann Empathie befördert werden.

Förderung von Organisations-, Planungskompetenz von Prozessen und von Selbstkompetenz

Um die komplexen Arbeitsabläufe, die für ein gestalterisches Projekt notwendig sind, durch verschiedene Stadien von der Idee bis zum Ergebnis zu realisieren, lernen die SchülerInnen ihr Vorgehen zu planen und organisieren. In der Arbeit an eigenen Projekten werden Ausdauer, Belastbarkeit, Frustrationskompetenz geschult. Teamfähigkeit wird gefördert durch Gruppenarbeiten, aber auch dadurch, dass die eigenen Sichtweisen im gemeinsamen Gestaltungsprozess verglichen werden, da im Kunstunterricht im Gegensatz zu anderen Fächern voneinander abgeschaut werden darf und soll. So trägt das Fach Kunst zu einer mehrdimensionalen Kommunikationsfähigkeit und zur Entwicklung von Kreativität bei.

Nicht zuletzt leistet sie einen Beitrag zur Genussfähigkeit im Erleben von Kunst durch die „Hedonistische Funktion der Kunst“ und damit zur Lebenskunst wie Dietrich Grünewald in seinem Beitrag: Ziel: Bildkompetenz! Kunstunterricht als Kunstunterricht ein Bekenntnis zur Lebenskunst“ aufzeigt.

Standards für das Fach Kunst an Schulen

Das Thema verbindliche Standards für das Fach Kunst an Schulen scheint seine Aktualität im Fachdiskurs gerade auch nach all den „Bologna-Wirren“ an den Hochschulen verbunden mit kontinuierlichen Standard- und Kompetenzbeschreibungen verloren zu haben, allein Ernst Wagner greift dieses Thema explizit in „Die Leistungen des Fachs Kunst/Bildnerische Erziehung im Lichte aktueller bildungspolitischer Debatten“ auf. In anderen Beiträgen werden Standards eher in einer Form der negativen Abgrenzung diskutiert.

Anforderungen an das Fach Kunst an Schulen und seine mangelnde Ausstattung

In vielen Beiträgen wird die Diskrepanz zwischen den hohen Anforderungen, die die Kunstpädagogik selbst an sich stellt, der gesellschaftliche Überhöhung alles Künstlerischen und der schlechten Ausstattung des Faches Kunst bzw. aller ästhetisch-künstlerischen Fächer in allen Schularten und Schulstufen thematisiert. Diese Spannung führt zwangsläufig zu vielfach krampfhaften Legitimationsversuchen der KunstpädagogInnen, überhöhten Außendarstellungen des Faches und permanenten Selbstüberprüfungdiskursen aufgrund mangelnden fachbezogenen Selbstbewusstseins.

In der Freizeit hat musisch-kreative Betätigung Hochkonjunktur, viele andere Felder entdecken das Potential des Ästhetischen, doch der Staat leistet sich für seine Kinder und Jugendlichen im Bereich Bildung nur mehr das Nötigste, die Grundversorgung, wie Uli Schuster in seinem Text „Was die Kunstpädagogik verspricht“ anprangert. Schöne Fächer, wie Kunst, mit höhere Selbstbeteiligung und höherer Freiraum, mehr Teamarbeit und oft mehr Spaß als in sog. wichtigen Fächern, bleiben dabei auf der Strecke.

Im Kontext Schule verwässern zudem fachfremd unterrichtende LehrerInnen und Vertretungen, die wenig Geld kosten und nach „Rezepten“ der Schulbuchverlage arbeiten, das Profil des Faches Kunst wie Jutta Ströter-Bender in »Möglichst einfache Hausmannskost« darstellt.

Fazit

Franz Billmayers Anliegen mit Buch und Tagung war es, eine Reflexion der Stellung und der Positionierung der Kunstpädagogik in Schule und Gesellschaft anzustoßen. Dafür hat er in seinem Buch, wesentliche Vertreter der meisten gegenwärtigen kunstpädagogischen Fachdiskurse unkommentiert zu Wort kommen lassen. Aufgrund der guten Lesbarkeit und Verständlichkeit der einzelnen Beiträge und ihrer Heterogenität, ihrer zuweilen konträren Argumentationen wäre mit dem Band „Angeboten“ die Basis für eine breite Diskussion über das Fach Kunst durchaus geschaffen. Es bleibt zu hoffen, dass das Buch tatsächlich auch jenseits des Zirkels der KunstpädagogInnen gelesen und diskutiert wird.

Rezension von
Prof. Dr. Birgit Dorner
Katholische Stiftungsfachhochschule München, Fachbereich Soziale Arbeit
Professorin für Kunstpädagogik in der Sozialen Arbeit
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Es gibt 12 Rezensionen von Birgit Dorner.

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Zitiervorschlag
Birgit Dorner. Rezension vom 09.12.2009 zu: Franz Billmayer (Hrsg.): Angeboten. Was die Kunstpädagogik leisten kann. kopaed verlagsgmbh (München) 2008. ISBN 978-3-86736-119-4. Reihe: Kontext Kunstpädagogik - Band 19. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8295.php, Datum des Zugriffs 02.10.2022.


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