Fabienne Becker-Stoll, Bernhard Nagel (Hrsg.): Bildung und Erziehung in Deutschland
Rezensiert von Anne Kirchhoff, 26.11.2009
Fabienne Becker-Stoll, Bernhard Nagel (Hrsg.): Bildung und Erziehung in Deutschland. Pädagogik für Kinder von 0 bis 10 Jahren.
Cornelsen Scriptor
(Berlin) 2009.
221 Seiten.
ISBN 978-3-589-24615-1.
21,95 EUR.
CH: 38,90 sFr.
Reihe: Frühe Kindheit - Pädagogische Ansätze.
Thema
Dieses Buch widmet sich unter anderem der Frage, wie die bestehenden Bildungspläne in den Bundesländern umgesetzt werden können. Es wird auf gelungene Beispiele der Umsetzung eingegangen, entsprechende Einrichtungen (Praxisstandorte) werden im Anhang kurz aufgezählt. Weiterhin wird darauf eingegangen, welche Rahmenbedingungen für Aus-, Fort- und Weiterbildung es geben kann/soll/muss, um die Umsetzung der Bildungspläne zu gewährleisten bzw. zu verbessern.
HerausgeberIn
HerausgeberIn des Buches ist zum einen die Privatdozentin Fabienne Becker-Stoll, welche in München an der Ludwig-Maximilians-Universität lehrt und das Staatsinstitut für Frühpädagogik leitet, zum anderen der Diplom-Psychologe Dr. Bernhard Nagel (Abteilungsleiter am Staatsinstitut für Frühpädagogik).Die verschiedenen Autoren werden im Anhang des Buches vorgestellt.
Aufbau und Inhalt
Nach einer Einführung beginnt das Buch mit dem ersten Kapitel, welches sich Impulse aus der Forschung nennt. Die Aufsätze der jeweiligen Kapitel untergliedern sich je nach Länge in unterschiedliche Überschriften. Der Großteil der Aufsätze endet leserfreundlich mit einer kleinen prägnanten Zusammenfassung. Das erste Kapitel wird in folgenden drei Aufsätzen bearbeitet:
- Lernen und Lernprozesse in der Frühpädagogik
- Entwicklungspsychologische und bindungstheoretische Grundlagen
- Sozial-kognitive Entwicklung und Handlungsverstehen in der frühen Kindheit
Hier wird das Kind als kompetentes Wesen vorgestellt und genauer auf das Spiel als Lernform eingegangen. Die Autorin grenzt die Begriffe Spielen und Lernen dabei aber auch voneinander ab. So schreibt Ingrid Pramling Samuelsson: „(...) gibt es Spieldimensionen im Lernen und Lerndimensionen im Spiel, die wichtig sind, wenn es um das Lernen und die Entwicklung von jungen Kindern geht.“ (S.39). Becker-Stoll zeigt im nächsten Unterpunkt auf, welche Rolle entwicklungspsychologische Aspekte spielen und, dass eine gelungene Bindung von Kindern eine wesentliche Vorraussetzung für das Lernen ist. Sie verdeutlicht gleichzeitig, wie sich außerfamiläre Betreuung auf Kinder auswirkt und macht dabei darauf aufmerksam, dass: „ Für die Entwicklung des Kindes (...) die Qualität der Betreuungssituation entscheiden“ ist, „ nicht die Tatsache, ob es nur von seiner Mutter zuhause oder zusätzlich auch von anderen Personen außerhalb der Familie betreut wird.“ (S. 52). Im letzten Punkt des ersten Kapitels gehen Sodian und Thoermer hauptsächlich auf die „Theory of mind“ ein. Sie reißen u.a. einige Studien an, die „bei normal entwickelten Kindern auf spezifische Entwicklungszusammenhänge zwischen sozial-kognitiven Leistungen im Säuglings- und Kleinkindalter und späterer Theory of mind“ (S.62) hinweisen.
Das zweite Kapitel, Wissenschaftliche Grundlagen und Beispiele aus der Praxis, welches deutlich umfangreicher ist, untergliedert sich in die neun folgenden Aufsätze:
- Familie als Bildungsort
- Stärkung des Bildungsortes Familie in der Praxis
- Mathematik und Naturwissenschaften im Elementarbereich
- Förderung naturwissenschaftlicher und mathematischer Kompetenz
- Literacy in Kindertageseinrichtungen und Familie-sprachliche Entwicklung von Kindern in Theorie und Praxis
- Gesellschaftlicher Wandel und Übergänge-(neue) pädagogische Herausforderungen
- ÜbergangKindergarten-Grundschule: Entwicklung für Kinder und Eltern
- Förderung lernmethodischer Kompetenzen-eine Aufgabe für den Elementarbereich
- Förderung lernmethodischer Kompetenzen-eine Herausforderung für pädagogische Fachkräfte in Kindertagesstätten
Im ersten Aufsatz des zweiten Kapitels erläutert Minsel, mit Verweis auf einen demographischen Wandel, die Wichtigkeit von der Einbeziehung verschiedener Generationen in der Familienbildung. Generell wird hier die Bedeutung der Familie in Bildungsprozessen von Kindern beschrieben. Familie wird von der Autorin vor allem als Ressource gesehen. Schnabel arbeitet im zweiten Aufsatz praktische Erfahrungen auf. Dabei bezieht er sich auf eine Bildungspartnerschaft in einer Münchener Kinderkrippe sowie auf eine Zusammenarbeit zwischen Kindergarten bzw. Kinderkrippen und Familienzentren in Frankfurt. Schmitt leitet das Thema Mathematik und Naturwissenschaften mit einer Forschung zum intuitiven Zahlenverständnis von Kleinkindern ein (S.78), um daraus u.a. Schlüsse für die Umsetzung im Elementarbereich zu ziehen. Winterhalter-Salvatore beschreibt die Förderung math./naturwissenschaftlicher Kompetenzen in der Praxis. Hierbei bezieht sie sich auf einen Münchener Kindergarten, in welchem ganzheitliche Bildung im Projekt „Licht und Schatten“ aufgearbeitet wird. Eine Tabelle bietet eine Übersicht bezüglich der Einbeziehung der Bildungsbereiche. Zum Thema Literacy in Theorie und Praxis beschäftigt sich Kieferle mit Sprachkompetenz, der Literacy-Entwicklung aber auch die Bedeutung von Migration bezüglich der besagten Themen. Sie verweist außerdem auf die Pisastudie, die einen Zusammenhang zwischen Leistung und sozio-ökonomischen Status zeigt (S.97). Auch die Themen Zweitspracherwerb und Mehrsprachigkeit werden von der Autorin bearbeitet. Mit Pluralisierung, Individualisierung und neuer Sozialstruktur beschäftigt sich Schumacher im nächsten Aufsatz. Sie beschreibt die Auswirkungen selbiger auf das Bildungswesen und bearbeitet dann das Thema Übergänge. Für die Veranschaulichung des Themas Gesellschaftlicher Wandel und Übergänge verwendet sie mehrere Graphiken. Sie trägt Faktoren zusammen, die zur positiven Bewältigung von Übergängen beitragen können (S.115). Dass der Übergang vom Kindergarten zur Grundschule eine Entwicklungsaufgabe für Kinder und Eltern ist, zeigt Griebel. Er erklärt den Transitionsansatz und unterteilt anschließend in drei Ebenen der Entwicklungsaufgaben; die individuelle Ebene, die Beziehungsebene und die Ebene der Lebensumwelten. Abschließend werden zwei Beispiel aus der Praxis (Bayern und Hessen) erläutert und das europäische Konzept „TRANSITION“ (S.128) vorgestellt. Speck-Hamdan und Hellfritsch beschäftigen sich in den letzten beiden Aufsätzen mit der Förderung der lernmethodischen Kompetenzen. Während sich Speck-Hamdan auf die Aufgaben für den Elementarbereich an sich bezieht, beschreibt Hellfritsch neue Herausforderungen für Erzieherinnen mit anschließendem Praxisbeispiel einer Münchener Krippe.
Das dritte Kapitel, Bildungspläne in Bayern und Hessen als ko-konstruktive Entwicklung, wird in zwei Unterpunkten bearbeitet
- Die Bildungspläne von Bayern und Hessen – Länderkooperation als Chance und Bereicherung
- Sicherung von Qualität durch Evaluation und Dokumentation: Vergleich Bayern – Hessen
Reichert-Garschhammer erläutert einleitend, dass die Länder Bayern und Hessen sich im Jahr 2004 mit einem Kooperationsvertrag entschlossen haben mit dem Staatsinstitut für Frühpädagogik bei der Entwicklung ihrer Bildungspläne (IFP) bis Ende 2007 zusammenzuarbeiten. In Reichert-Garschhammers Aufsatz werden nun die Bildungspläne der beiden oben genannten Bundesländer ausführlich erläutert. Aufbau und Inhalt werden angeführt und auf Unterschiede trotz Verzahnung hingewiesen. Im letzten Aufsatz wird die Qualitätssicherung von Berwanger, Lorenz und Minsel erläutert. Von beiden Bundesländern werden verschiedene Aspekte dargelegt: die Dauer der Erprobungsphase sowie die Auswahl der Modelleinrichtungen, die Methodik der wissenschaftlichen Begleitung und die Ergebnisse der schriftlichen Befragung.
In einem Ausblick setzt sich Nagel mit der Perspektive für die Weiterentwicklung von Bildungsplänen in Deutschland auseinander. Hierbei macht er deutlich, dass allen Bildungsplänen ein gewisses Verständnis von Bildung zu Grunde liegt, welches weder in den Plänen noch bei den Initiatoren einheitlich ist. Auch die Verbindlichkeit und der Geltungsbereich sind nicht bundesweit einheitlich geregelt. Die Rolle und die Qualifikation des pädagogischen Fachpersonals werden an dieser Stelle thematisiert. Es folgen Literaturhinweise und ein Autorenverzeichnis.
Diskussion
Schon in der Einführung wird deutlich, was sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch zieht. Hier findet eine deutliche Konzentration auf den Hessischen sowie den Bayrischen Bildungsplan statt. Zwei Drittel der Autoren arbeiten am oder für das Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP), welches die Pläne der oben genannten Länder entwickelt hat. Dementsprechend sind sämtliche Praxisbeispiele aus diesen Regionen. Wer darüber hinweg sehen kann, erhält interessante, lesenswerte Informationen aus Wissenschaft und Forschung zusammengefasst.
Fazit
Im Großen und Ganzen hält der Titel nicht, was er verspricht, da eine konkrete Darstellung und zu erwartende Vergleiche der Umsetzung der Bildungspläne aller Länder größtenteils ausbleiben und ein starker Fokus auf Hessen und Bayern gelegt wird. Dennoch habe ich viele interessante Informationen aus diesem Buch ziehen können.
Rezension von
Anne Kirchhoff
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