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Heinrich Tröster: Früherkennung im Kindes- und Jugendalter

Rezensiert von Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner, 10.12.2009

Cover Heinrich Tröster: Früherkennung im Kindes- und Jugendalter ISBN 978-3-8017-2078-0

Heinrich Tröster: Früherkennung im Kindes- und Jugendalter. Strategien bei Entwicklungs-, Lern- und Verhaltensstörungen. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2009. 376 Seiten. ISBN 978-3-8017-2078-0. 39,95 EUR. CH: 68,00 sFr.

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Autor

Dr. Heinrich Tröster, Diplompsychologe, ist Professor für Rehabilitationspsychologie an der Technischen Universität Dortmund.

Thema

Prävention und Früherkennung sind sowohl gesellschaftlich wie individuell relevante Themen, zum einen um Kosten im Gesundheitswesen zu reduzieren, zum anderen um sich von der Sorge um das eigene Wohlergehen oder um das des Kindes zu entlasten. Früherkennung kann auch Ängste wecken. Chancen, Risiken und Kosten sind abzuwägen. Es ist sinnvoll, sich mit den Grundlagen der Früherkennung auseinanderzusetzen.

Inhalt und Aufbau

Kapitel 1: Prävention und Gesundheitsförderung

In diesem Kapitel führt der Autor in die Begrifflichkeit der Prävention ein. Er erläutert die unterschiedlichen Zielgruppen für eine Prävention und stellt, jeweils an verschiedenen Beispielen, Maßnahmen vor, die darauf abzielen, Störungen durch die Ausschaltung der Ursachen- und Risikofaktoren zu verhindern (primäre Prävention), bereits eingetretene Störungen rechtzeitig zu erkennen (sekundäre Prävention) oder bei bestehenden Störungen einer Chronifizierung oder Verschlechterung entgegen zuwirken (tertiäre Prävention).

Kapitel 2: Grundlagen der Früherkennung

Früherkennung stellt eine sekundäre Präventionsmaßnahme dar, in der eine Störung bereits vorhanden ist, sich aber noch nicht voll entfaltet hat. Tröster geht auf konzeptionelle Grundlagen ein und bespricht die Bedeutung von Frühförderung und Frühtherapie, von Screening-Verfahren als Strategie sowie als Bewährungskriterien in der Praxis Ertrag, Effektivität und Effizienz.

In einem umfangreichen methodischen Teil werden die Güteeigenschaften von Screening-Verfahren sowie die Berechnung von entsprechenden Indices dargestellt. Der Autor geht auch ausführlich auf die Bewertung der Güteindizes ein und erläutert, bei welcher Fragestellung welches Gütekriterium wie wichtig ist. Als Beispiele werden häufig Kennwerte des Dortmunder Entwicklungsscreening für den Kindergarten (DESK 3–6) und des Bielefelder Screening zur Früherkennung von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (BISC) herangezogen.

Kapitel 3: Früherkennungsuntersuchungen für Kinder

In diesem Kapitel werden die Früherkennungsuntersuchungen für Kinder (U1 – U9) hinsichtlich Inanspruchnahme, Ertrag und Effektivität kritisch beleuchtet. Abschließend relativiert Tröster die hochgesteckten Erwartungen, dass die U-Untersuchungen wesentlich dazu beitragen können, psychosoziale Problemlagen der Familien zu erkennen oder Bildungsbenachteiligungen auszugleichen.

Kapitel 4: Früherkennung von Entwicklungs- und Verhaltensstörungen

Zu Beginn des Kapitels wird das Konzept der Risiko- und Schutzfaktoren vorgestellt und diskutiert. Tröster stellt fest, dass Risiko- und Schutzfaktoren als Indikatoren für komplexe Wechselwirkungsprozesse stehen. Die Mechanismen, die zu Fehlentwicklungen führen oder diese verhindern, sind dagegen noch weitgehend unbekannt.

Risikofaktoren sind zu unspezifisch, um Störung zuverlässig vorhersagen zu können. Früherkennung geht von Auffälligkeiten im Verhalten aus. Früherkennung im Vorschulalter versucht - je nach Ziel - spezifische Frühsymptome, Basiskompetenzen für oder Vorläuferfertigkeiten von noch zu erwerbenden Fertigkeiten oder allgemeine Entwicklungsgefährdung zu erfassen. Bei der Früherkennung geht es nicht darum, möglichst frühzeitig eine Diagnose zu stellen, sondern den besonderen Förderbedarf zu erkennen, bevor Probleme entwickelt werden. Es kommt darauf an, Entwicklungsgefährdungen zu entdecken, die normalerweise nicht bemerkt werden. Screening-Verfahren sollten eine Filterfunktion erfüllen und entwicklungsgefährdete Kinder einer gezielten Diagnostik zuführen, in der der spezifische Förderbedarf von Fachdiensten abgeklärt wird. Als Beispiel wird das Dortmunder Entwicklungsscreening für den Kindergarten (DESK 3-6), das vom Autor mitentwickelt wurde, vorgestellt.

Ausführlich wird dann die Früherkennung von aggressiv-dissozialen Verhaltensproblemen und von Aufmerksamkeits/Hyperaktivitätsstörungen besprochen. Es wird für beide Problemgruppen die Symptomatik beschrieben und in die ICD-10 und das DSM-IV eingeordnet, Angaben zu Prävalenz, Verlauf und Stabilität gemacht sowie Risikofaktoren, Prädiktoren und Fragen der Diagnostik diskutiert. Als Strategie wird ein „Multi-Gating-Screening“ empfohlen, bei dem in mehreren aufeinander aufbauenden Stufen schrittweise Risikokinder identifiziert werden.

Für den Bereich der aggressiv-dissozialen Verhaltensprobleme wird festgestellt, dass es kein flächendeckendes, institutionell abgesichertes Früherkennungsprogramm im Vorschulalter gibt. Obwohl also die Möglichkeiten der Vorhersage begrenzt sind, bleibt eine Früherkennung sinnvoll, um möglichst frühzeitig korrigierend eingreifen zu können.

Auch bei hyperkinetischen Störungen ist eine frühe Erkennung anzustreben, um große Belastungen der Kinder und deren Familien und psychosoziale Folgebeeinträchtigungen zu verringern. Hyperaktives und impulsives Verhalten scheint im Vorschulalter der beste Prädiktor für eine spätere Störung zu sein.

Bei Kindern mit aggressiven und oppositionellen Verhaltensauffälligkeiten und bei Kindern mit hyperaktiv-impulsivem Verhalten besteht ein erhöhtes Risiko für Fehlentwicklungen. Tröster empfiehlt, dass sich die Früherkennung auf früh einsetzende externalisierende Verhaltensweisen stützen sollte und Hilfen für diese Kinder angeboten werden sollten. Die Entwicklung von verlässlichen Screening-Verfahren steht aber noch am Anfang.

Kapitel 5: Früherkennung von Lernstörungen

In diesem Kapitel wird die Früherkennung von Lernstörungen diskutiert. Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten sind keine Eigenschaften des Kindes; sie entstehen in der Auseinandersetzung mit den schulischen Anforderungen. Das Konzept der Lernstörung basiert auf einem intraindividuellen Vergleich, die schulischen Leistungen (bzw. ein Teilbereich) entsprechen nicht dem potentiellen Leistungsvermögen, ohne dass andere Ursachen dafür verantwortlich gemacht werden können.

Tröster bespricht Lese-Rechtschreibstörungen und Rechenstörungen. Für beide Störungen wird jeweils die Definition, Symptomatik und Klassifikation, Prävalenz und Verlauf sowie die Diagnostik (einschließlich diagnostischer Verfahren) dargestellt.

Ausführlich geht Tröster jeweils auf die Früherkennung ein. Für die Vorhersage von Lese-Rechtschreibstörungen können Vorläuferfertigkeiten, u.a. phonologische Bewusstheit, erfasst werden. Dabei erzielte ein Verfahren, das BISC, in einer Evaluationsstudie ein gutes Ergebnis, das aber so nicht repliziert werden konnte; die genaue Zuverlässigkeit ist noch nicht abschließend geklärt.

Zur Früherkennung der Rechenstörung werden Vorläuferfertigkeiten und Prädiktoren gesucht; der Forschungsstand liegt aber weit hinter dem zur Lese-Rechtschreibstörung. Erste viel versprechende Ansätze zur Früherkennung liegen vor; vorschulisches Wissen über Mengen und Zahlen scheint bedeutsamer zu sein als allgemeine Basisfähigkeiten.

Diskussion

Bei der Früherkennung von Entwicklungsgefährdung geht es nicht darum, eine Diagnose zu stellen, sondern darum, den besonderen Förderbedarf des Kindes zu erkennen, bevor manifeste Probleme auftreten. Es wird in den Kapiteln 4 und 5 deutlich, dass sich Früherkennung nicht nur finanziell für die Gesellschaft, sondern auch für das jeweilige betroffene Kind und seine Eltern lohnen würde. Zum Teil gibt es gute Ansätze für Screening-Verfahren, bis in allen Bereichen befriedigende Verfahren vorliegen bedarf es jedoch noch umfangreichreicher Forschungsanstrengungen. Die ärztlichen Früherkennungsuntersuchungen jedenfalls erfüllen nicht die hochgesteckten Erwartungen.

Zielgruppen

Alle Berufsgruppen, die pädagogisch, medizinisch oder therapeutisch mit Kindern arbeiten

Fazit

Das Buch gibt einen guten Überblick über methodische Grundlagen und den aktuellen Forschungsstand. Es bietet gute Grundlagen, um in der Praxis entscheiden zu können, ob ein Verfahren verlässliche Informationen liefert. Die einzelnen Kapitel sind insgesamt didaktisch gut aufgebaut, die Vielzahl der in Kästen abgesetzten Definitionen und Exkurse finde ich jedoch als des Guten zuviel.

Ergänzender Hinweis: In diesem Sommer sind beim Hogrefe-Verlag drei Bücher erschienen, die für alle, die diagnostisch und therapeutisch mit Kindern in den ersten Lebensjahren und mit deren Familien arbeiten (sei es in Frühförderung, Erziehungsberatung oder anderen Praxisfeldern), sehr zu empfehlen sind. Neben dem hier besprochenen Buch handelt es dabei um

  • Sarimski: Frühförderung behinderter Kleinkinder, und
  • Irblich & Renner: Diagnostik in der klinischen Kinderpsychologie.

Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
ehem. Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen in Dorfen, Erding und Markt Schwaben im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Es gibt 204 Rezensionen von Lothar Unzner.

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ISSN 2190-9245