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Elisabeth Karnatz: Sexualerziehung im Kindergarten [...]

Cover Elisabeth Karnatz: Sexualerziehung im Kindergarten als Prävention von sexuellem Missbrauch. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2009. 153 Seiten. ISBN 978-3-631-58304-3. 26,80 EUR.
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Thema

Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit Sexualerziehung im Kindergarten bedeutsam ist und in welcher Form sie zur Prävention von sexuellem Missbrauch beitragen kann. Die Autorin geht von der Annahme aus, dass das Vorschulalter ein sehr bewegter Entwicklungszeitraum ist, in dem sich die eigene Identität bildet und der Platz in der Familie gefunden wird. Gleichzeitig werden soziale Bindungen zu Gleichaltrigen aufgenommen und intensiviert, auch werden in dieser Zeit gesellschaftliche Normen und Werte übernommen und spielerisch erprobt.

Sexualerziehung von klein auf wird als bester Garant vor sexuellem Missbrauch angesehen und entsprechend besprochen. Sexueller Missbrauch im Vorschulalter stellt für Eltern und Erzieherinnen ein eher schwieriges Thema dar, welches tabuisiert wird und Vorbehalte hervorruft. Das Buch soll Mut machen, den sexuellen Missbrauch zu thematisieren und stellt ein eigenes Präventions­programm vor.

Aufbau

Das Buch hat einen theoretischen Teil (Kapitel zwei, drei und vier) im dem Begrifflichkeiten geklärt und Inhalt sowie Rahmenbedingungen besprochen werden und einen praktische Teil (Kapitel fünf), der ein fünftägiges Präventionsprogramm für Kindergärten beschreibt. Das SKIP-Konzept (Sexueller Missbrauch KIndertagesstätten Präventionsprogramm) beinhaltet sowohl die Arbeit mit Kindern als auch die Informationsveranstaltungen für Erzieherinnen und Eltern sowie diverse Elternbriefe zum jeweiligen Themenkomplex.

Inhalt

Im ersten Kapitel wird das Buch mit seinen Inhalten, Schwerpunkten und Frage­stellung vorgestellt, nämlich: inwieweit Sexualerziehung im Kindergarten bedeutsam ist und in welcher Form sie zur Prävention von sexuellem Missbrauch beitragen kann.

Im zweiten Kapitel wird eine Begriffsklärung zum Terminus „Sexualerziehung„vorgenommen. Hinsichtlich des Vorschulalters konkurrieren widerstrebende Überzeugungen. Einerseits gibt es Befürworterinnen und Befürworter der gefühlsbejahenden normenkritischen Sexual­erziehung ? dagegen stehen Vertreterinnen und Vertreter, die befürchten, dass Kinder in diesem Alter mit Sexualinformationen überfordert sind.

Im dritten Kapitel werden kurz die Theorien von Sigmund Freud und Albert Moll vorgestellt, die die psychosexuelle Entwicklung biologisch determiniert beschreiben. Weiterhin werden verschiedene Facetten kindlicher Sexualität und der kindliche Zugang zum Thema vorgestellt, wie Körperkontakt, Selbststimulation, sexuelle Spiele etc. Das Sexualverhalten sexuell missbrauchter Kinder wird skizziert und anhand verschiedener Studien belegt.

Das vierte Kapitel bildet den Abschluss des theoretischen Teils. Nach der Begriffsbestimmung und den Rechtsgrundlagen wird der sexuelle Missbrauch im Vorschulalter dargelegt. Ausführlich werden die drei verschiedenen Präventionsformen im Hinblick auf den sexuellen Missbrauch im Kindergarten besprochen, wobei die Autorin Erkenntnisse aus unterschiedlichen empirischen Studien zu den Effekten von Massnahmen zusammenträgt.

Im fünften Kapitel wird SKIP ? das Präventionsprogramm für Kindertagesstätten vorgestellt, ein sexualpädagogisches Konzept, das von drei wichtigen Säulen getragen wird: den Erzieherinnen, den Eltern und den Kindern. Die Erzieherinnen werden für den sexuellen Missbrauch sensibilisiert und tauschen sich im Kollegium aus. Die Elternarbeit findet vor und parallel zur Durchführung Konzeptes statt. Die präventive Arbeit findet innerhalb von fünf Tagen statt, an denen sowohl jeweils ein spezifisches Thema besprochen und diskutiert wird als auch Handlungskompetenzen eingeübt werden. Die fünf Themen lauten:

  • 1. Tag: Gefühle
  • 2. Tag: Ich und mein Körper
  • 3. Tag: Berührungen ? Nicht jeder darf mich anfassen!
  • 4. Tag: „Nein, nein, nein - ich entscheid' allein!“
  • 5. Tag: Geheimnisse und Hilfe holen - Ich sag dir was, was du nicht weißt!

Die methodische Struktur der fünf Tage des Präventionsprogramms wird skizziert. Das durchgeführte SKIP-Programm wird nach Realisierung anhand nicht standardisierter Experten­interviews ausgewertet und besprochen.

In Kapitel sechs und sieben diskutiert die Autorin ihre Erkenntnisse und Schlussfolgerungen anhand drei zentraler Thesen: „Erste These: Kinder im Vorschulalter sind sexuelle Wesen. Zweite These: Sexualerziehung findet im Kindergarten statt, egal ob aktiv praktiziert oder aktiv tabuisiert. Dritte These: Sexualerziehung kann präventiv vor sexuellem Missbrauch wirken.„(Karnatz, 2009, 73).

Informationsveranstaltungen für Erzieherinnen und Eltern, Einladungen zum Elternabend und Elternbriefe befinden sich im Anhang, so auch die Transkription einiger Experteninterviews.

Diskussion

Der Titel des vorliegenden Buches Sexualerziehung im Kindergarten als Prävention von sexuellem Missbrauch trägt die beiden Aspekte Sexualerziehung und Prävention in sich und wird diesem Anspruch auch gerecht, wobei allgemeine Aspekte der Sexualerziehung eher etwas kurz kommen. Der Inhalt ist umfassend recherchiert, es werden vorhandene Studien in die Beweisführung einbezogen. Es wird jedoch nicht ganz deutlich, ob das SKIP Präventionsprogramm im fünften Kapitel (in Kombination mit dem Anhang), eine Kurzfassung ist und ob es noch eine erweitere Version mit genaueren Angaben und Hintergrundinformationen gibt.

Ob es sinnvoll ist, den Präventionsgedanken, der unbestritten seine Berechtigung hat, als „Begründung“ für notwendige Sexualerziehung im Kindergarten zu bemühen, sei dahingestellt und ist zumindest eine kritische Frage wert.

Der Kindergarten hat zweifelsfrei auch einen sexualpädagogischen Bildungsauftrag, der, wenn man ihn ernst nimmt und fachlich durchführt, gegebenenfalls auch präventiv wirken kann. Es liegt nahe, dass eine bejahende Sexualerziehung stark macht und Vorschulkinder, die ein adäquates kognitives Wissen zum Thema Körper und Sexualität und entsprechende Kompetenzen haben (ich weiß, was mir gefällt, ich kann „Nein„sagen etc.) dann hoffentlich einen Schutz im Hinblick auf eventuellen Missbrauch haben. Ob diese Prävention auch wirksam ist, wurde, wie die Autorin bemerkt, bislang nicht erforscht. Obschon die Autorin mehrfach darauf hinweist, dass die Verantwortung für den sexuellen Missbrauch nie beim Kind liegt, setzt SKIP doch dort an und darin liegt eine gewisse nicht aufzulösende Schwierigkeit.

Fazit

Das Buch richtet sich an Erzieherinnen und Erzieher und gibt wertvolle Anregungen und Hinweise, sich dem Themenkomplex Prävention von sexuellem Missbrauch innerhalb der Sexualerziehung anzunähern. Es eignet sich für Fachpersonen im Bereich der Vorschulerziehung, die sich zutrauen, den sexuellen Missbrauch als Teil universeller Sexualerziehung zu thematisieren. Es beinhaltet diverse Hintergrundinformationen, stützt sich auf diverse Studien zur Thematik und kann auf jeden Fall in Kombination anderer Fachliteratur auf professionelle Art und Weise zur Prävention von sexuellem Missbrauch beitragen.

Das vorliegend Werk gibt wichtige Anregungen und Anstöße für die Zielgruppe und könnte in der vorliegenden Fassung eine methodisch-didaktische Erweiterung vertragen. Die Autorin hat ja in den Experten­interviews weitere wertvolle Hinweise zur Optimierung erhalten.


Rezensentin
Prof. Claudia Roth
Homepage www.fhnw.ch/sozialearbeit
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Zitiervorschlag
Claudia Roth. Rezension vom 26.07.2011 zu: Elisabeth Karnatz: Sexualerziehung im Kindergarten als Prävention von sexuellem Missbrauch. Peter Lang Verlag (Bern · Bruxelles · Frankfurt am Main · New York · Oxford) 2009. ISBN 978-3-631-58304-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8310.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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