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Wolf Rainer Wendt: Case Management im Sozial- und Gesundheitswesen

Cover Wolf Rainer Wendt: Case Management im Sozial- und Gesundheitswesen. Eine Einführung. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2014. 6., überarbeitete und erweiterte Auflage. 320 Seiten. ISBN 978-3-7841-2696-8. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR, CH: 31,50 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7841-3048-4 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Thema des Buchs ist das Case Management im Sozial- und Gesundheitswesen.

Autor

Dr. Wolf Rainer Wendt ist Honorarprofessor an der Universität Tübingen und hat über viele Jahre die Fakultät für Sozialwesen der Berufsakademie Stuttgart geleitet. Er stellt durch seine Publikationen und sein Wirken die eine starke Initialkraft für die Entwicklung von Case Management im deutschsprachigen Raum dar. In Lehre und Forschung beschäftigt er sich mit der Theorieentwicklung der Sozialen Arbeit und verbindet diese mit dem größeren Rahmen der Sozialwirtschaft. Wolf Rainer Wendt ist Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Care und Case Management und ihr erster Vorsitzender.

Wolf Rainer Wendt beobachtet seit den ersten Versuchen mit Case Management im deutschsprachigen Raum wie und wo sich das Handlungskonzept auf verschiedenen professionellen Hintergründen verbreitet, und er kennt die verschiedenen Felder gut.

Entstehungshintergrund

Beim Buch „Case Management im Sozial- und Gesundheitswesen“ handelt es sich um die 6. Auflage, die gründlich überarbeitet und aktualisiert worden ist. Das Buch ist „der Klassiker“ der Literatur zu Case Management. Die erste Auflage erschien 1997.

Aufbau

  1. Teil 1 des Buches beschäftig sich mit den Grundlagen und dabei insbesondere mit der historischen Entwicklung sowie mit der Frage, was an Management in Humandiensten erforderlich ist, um sowohl den wirtschaftlichen, sachlichen als auch den menschlichen Zielen dienen zu können.
  2. Teil 2 befasst sich mit dem Verfahren, den dazu notwendigen Strukturen und den Funktionen, die Case Manager im gesamten Versorgungszusammenhang innehaben.
  3. In Teil 3 werden verschiedene Anwendungen respektive Einsatzfelder beschrieben. Mit dieser Dreiteilung wird ein Bogen geschlagen von der konzeptionellen Entwicklung von Case Management über das Verfahren mit seinen Prinzipien der Zusammenarbeit im kooperativen, systematischen Prozess bis hin zu den Besonderheiten der Realisierung des Handlungskonzeptes in unterschiedlichen Arbeitsfeldern.

Zum Abschluss jedes thematischen Abschnitts wird weiterführende Literatur und zum Teil auch ganz kurz erläutert. Diese Literaturhinweise sind in der 6. Auflage aktualisiert worden. Schließlich dient ein Glossar dem Verständnis mancher für das Case Management relevanter Begriffe.

Zu Teil 1

Die Entwicklung von Case Management wird im ersten Kapitel auf dem Hintergrund des Wandels im Sozial- und Gesundheitswesen der letzten Jahrzehnte dargestellt. Der Autor geht der Frage nach, was die treibenden Kräfte in den verschiedenen Ländern waren, in denen Case Management-Programme entstanden. Die ersten Entwicklungen sind in der Sozialarbeit beobachtbar, dann im Gesundheitswesen, wobei die beiden Stränge anfangs wenig miteinander verbunden waren. Da die Entwicklung von Case Management vor allem in den USA ihren Anfang nahm und dann Großbritannien mit der „Community Care“ vorangetrieben wurde, sind die ersten Programme auch in hohem Masse von den Verhältnissen in diesen beiden Staaten geprägt. Doch im Rahmen der Reformdebatte in den deutschsprachigen Ländern, bei der auch der auch der Idee von „Managed Care“ Fuß fasste, wurde Case Management mehr und mehr an die europäischen Verhältnisse angepasst. In diesem ersten Kapitel wird die Absicht und Funktionsweise von Case Management grundsätzlich erläutert und in den Bezugsrahmen gesteuerter Leistungserbringung gestellt. Case Management wird auch in Verbindung mit „New Public Management“ und „Neuer Steuerung“ betrachtet. Im Kapitel „Prozessmanagement und Fallführung“ wird verdeutlicht, dass der Begriff „Case Management“ sowohl für das Programm der Behandlung aller Fälle als auch für das manageriale Vorgehen in bestimmten Einzelfällen steht. Die notwendige Verbindung verschiedener Ebenen des Managements, der Systemsteuerung und der fallübergreifenden Prozesssteuerung einerseits und der managerialen Gestaltung des Zusammenarbeitsprozesses im Einzelfall andererseits zeigt, wie anspruchsvoll eine umfassende Realisierung von Case Management ist.

Im Kapitel „Grundlagen des Managements im personenbezogenen Dienst“ wird ein Management-Verständnis skizziert, das der Arbeit mit Menschen innerhalb komplexer Versorgungssysteme gerecht werden kann. Es wird geklärt, was unter einem „Fall“ verstanden wird. Es werden nicht Menschen gesteuert und versorgt, sondern es werden einzigartige, komplexe Situationen auf eine Art und Weise erfasst, dass eine darauf abgestimmte, kooperative Leistungserbringung möglich wird. Es geht nicht um Versorgung nach Schema X, sondern um eine das zielgerichtete Zusammenwirken der Beteiligten, wobei der Klient / die Klientin in seiner / ihrer Selbstsorge und in der Nutzung passender Dienste eine zentrale Position einnimmt. Auf diesem Hintergrund wird verständlich, wie Unterstützung und Versorgung zu handhaben sind. Definitionen verschiedener Quellen werden herangezogen.

Die Gestaltungsaufgaben in personenbezogenen Diensten sind von folgenden Prinzipien geleitet: Nutzerorientierung (im Gegensatz zur Angebotsorientierung) / Handeln nach Vereinbarung / Prozedurale Fairness / Produkt- und Ressourcenorientierung / Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement. Wenn hier von Versorgungsmanagement gesprochen wird, dann ist die Gestaltung von institutionellen Strukturen gemeint, die ein Umsorgen von Menschen möglich macht. Dies geht nicht ohne eine gelingende Wechselbeziehung zwischen Care Management (Versorgungsmanagement) und Case Management. Im Zentrum stehen dann Koordination, Vernetzung und Kooperation: Kooperation mit und für Bürgerinnen und Bürger – Koordination der Dienste und Kooperation der Fachkräfte.

Angesichts begrenzter Mittel und des Ziels der Wirtschaftlichkeit stellen sich dann auch heikle Fragen rund um Rationalisierung und Rationierung. Der Bedarfsplanung und Arrangements der Versorgung fällt große Bedeutung zu, um soziale und gesundheitlich Wohlfahrt zu erzielen.

Zu Teil 2

Teil 2 beginnt mit der ausführlichen Darstellung der Dimensionen im Case Management. Damit sind die Phasen des systematischen Handlungsprozesses im Einzelfall gemeint und deren Verknüpfung mit dem einzelfallübergreifenden funktionalen Rahmen der Versorgung. Im Abschnitt „Reichweite und Veranlassung“ wird der Prozess des case finding beschrieben. Es geht um die Fragen, für wen eine Einrichtung Case Management vorsieht, wie die Menschen zu den Diensten finden und wie der Entscheid zustande kommt, ob Case Management angemessen ist. Das Assessment wird als nächster Prozessschritt dargestellt, in welchem gemeinsam mit den Klientinnen und Klienten eine Einschätzung der Situation und Bedarfsklärung erreicht wird. Dabei wird auf eine ganzheitliche Betrachtung der Lebenslage geachtet, was den üblichen fachlichen Fokus einer einzelnen Disziplin sprengt. Die Bedürfnisse der Klientinnen und Klienten bilden den Ausgangspunkt für das Ermitteln des Bedarfs. Zielvereinbarung und Handlungsplanung ermöglichen das kooperative, arbeitsteilige Erbringen von Leistungen ebenso wie die Mitwirkung der Klienten und ihres Umfeldes. Unter kontrollierter Durchführung werden einerseits das Linking, also die Verbindung zu den passenden Diensten (Kontraktmanagement) und das Heranziehen von Leistungserbringern im Einzelfall als auch das Monitoring, d. h. die Beobachtung und Überprüfung der Umsetzung des Planes beschrieben. Stichworte zu dieser Dimension des Case Managements sind Dokumentation, Anwaltschaft und Beschwerdemanagement. Die Themen Evaluation und Rechenschaftslegung schließen die Beschreibung der Prozessschritte ab.

Im Kapitel „Strukturen beruflichen Case Managements“ werden die Voraussetzungen dargestellt, welche von den Organisationen geschaffen werden müssen, damit Case Management in fachlich guter Qualität erbracht werden kann. Hier spielen Fragen der Qualifikation, der Möglichkeiten vernetzten Arbeitens und die Funktionen und Berufsrollen von Case Managern eine ebenso entscheidende Rolle wie das Einhalten fachlicher Standards. Beispielhaft für solche Standards werden diejenigen der American Nurses´ Association im vollen Wortlaut in Deutsch wiedergegeben.

Zu Teil 3

Im Teil 3 werden verschiedene Einsatzgebiete von Case Management einzeln dargestellt: Case Management in der Pflege, in der Rehabilitation, in der Behindertenhilfe, in der rechtlichen Betreuung, in der Familienhilfe, in der Kinder- und Jugendhilfe, in der Straffälligenarbeit, in der Arbeit mit Suchtmittelabhängigen und Wohnungslosen, in der Psychiatrie, in der Krankenversorgung, im Versicherungswesen und Case Management zur Arbeitsmarktintegration. Der Autor beansprucht nicht, dass diese Übersicht vollständig sei, sondern exemplarisch verstanden werden soll. Hier wird deutlich, dass die gemeinsamen Grundprinzipien und Vorgehensweisen je nach Einsatzfeld eigene Spezifitäten annehmen. Gleichwohl wird darauf geachtet, dass die Gemeinsamkeiten nicht durch gewohnte berufliche Aufgabenzuweisungen überlagert werden.

Diskussion

Die Rezensentin kennt kein anderes deutschsprachiges Buch, das die geschichtliche Entwicklung des Case Managements international und im deutschsprachigen Raum so umfassend darstellt und dabei den Blick auf die verschiedenen Entwicklungsstränge lenkt. Da der Autor sich auch immer wieder auf die englischsprachige Originalliteratur bezieht, ermöglicht die Lektüre die wichtigsten Inhalte der englischsprachigen Autorinnen und Autoren zusammengefasst lesen zu können. Man erfährt, wie die Definitionen sich verändert haben. Das Buch setzt einen Kontrapunkt gegen die Tendenz, den Begriff „Case Management“ zu verwässern.

Es ist dem Autor gelungen, Case Management als sektorenübergreifendes Handlungskonzept mit vielen Facetten darzustellen. Dabei werden das Handeln der einzelnen Case Manager, ihre Funktion und ihr Selbstverständnis, ihre Haltung gegenüber den betroffenen und beteiligten Bürgerinnen und Bürgern oder den in die Kooperation einbezogenen Fachleuten ebenso gut herausgearbeitet wie die Bedeutung der Organisationsentwicklung integrierter Versorgung als unentbehrliche Voraussetzung für gelingendes Case Management. Der transdisziplinäre Blick des Autors bringt auf konzeptioneller Ebene das zusammen, was unterschiedliche Logiken der mit Case Management beschäftigten Berufe oft trennen.

Der Versuch des Autors, die verschiedenen Stränge der Entwicklung und der Anwendung im Blick zu behalten, geht manchmal auf Kosten der Übersicht und der inhaltlichen Fokussierung. Auch die thematische Abgrenzung der verschiedenen Kapitel im ersten Teil des Buches ist an der einen und anderen Stelle nicht trennscharf, was allerdings wohl in der Natur der Sache liegen dürfte.

Praktikerinnen und Praktiker finden durch die Lektüre ein gut fassbares, differenziertes Rollenverständnis für die Funktion des Case Managements. Sie werden hingegen für das methodische Arbeiten im Verfahren des Case Managements noch vertiefende Literatur herbei ziehen müssen. Führungskräfte, die für die Umsetzung von Case Management in Organisationen zuständig sind, finden in der Lektüre Klarheit, welche Management-Aufgaben sich auf organisationaler Eben stellen. Die vielen Tücken, die die Realisierung gelingender Kooperation mit sich bringt, werden thematisiert, allerdings nicht in dem Masse, wie sie sich angesichts von Wettbewerb und Spardruck oft stellen. Die unterschiedlichen rechtlichen Grundlagen, die nicht kohärenten Anreize, die meist zu starke Orientierung der Einrichtung an die Wirtschaftlichkeit ihres eigenen Betriebes anstelle der Orientierung an der Wirtschaftlichkeit des gesamten Systems sowie die unterschiedlichen Berufs- und Organisationslogiken sind nur allzu oft große Hindernisse. Das Buch zeigt lehrbuchmässig auf, wie das Funktionieren von Case Management jenseits solcher hindernder Bedingungen konzipiert ist.

Fazit

Das Werk ist unentbehrlich für alle, die Case Management lehren, in Organisationen Case Management einführen, oder ihre Praxis aus der Vogelperspektive in einem Gesamtzusammenhang einordnen und mit der Praxis in anderen Anwendungsfeldern vergleichen wollen.


Rezension von
Prof. Yvonne Hofstetter Rogger
Dozentin BFH Mediatorin SDM Mitherausgeberin und Redaktionskoordinatorin "Perspektive Mediation"
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Zitiervorschlag
Yvonne Hofstetter Rogger. Rezension vom 16.06.2015 zu: Wolf Rainer Wendt: Case Management im Sozial- und Gesundheitswesen. Eine Einführung. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2014. 6., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-7841-2696-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/832.php, Datum des Zugriffs 21.09.2020.


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