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Ines Himmelsbach: Altern zwischen Kompetenz und Defizit

Cover Ines Himmelsbach: Altern zwischen Kompetenz und Defizit. Der Umgang mit eingeschränkter Handlungsfähigkeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 323 Seiten. ISBN 978-3-531-16442-7. 64,99 EUR.

Reihe: VS research - Theorie und Empirie lebenslangen Lernens.
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Thema

Ausgehend vom gegenwärtigen, überwiegend an den Ressourcen und Kompetenzen des Alterns orientierten Stand der Gerontologie richtet die Autorin den Blick auf Einschränkungen der Handlungsfähigkeit im Alternsprozess. Hierzu wählt sie das Beispiel der altersbedingten Makuladegeneration, welche - bei Erhalt geistiger und körperlicher Kompetenzen - zur hochgradigen und irreversiblen Sehbehinderung der Betroffenen führt. In einer sehr differenzierten qualitativen Untersuchung auf der Grundlage von je zwei Interviews mit in der Beratung tätigen Expertinnen und mit selbst betroffenen Frauen verfolgt die Autorin individuelle Aspekte der Kompensation, des Coping, aber auch der Annahme der eingetretenen Entwicklung zunehmender Handlungseinschränkungen. Der Ertrag der empirischen Untersuchung führt zu einer Auseinandersetzung mit den aktuellen Theorien des Alterns und den damit verbundenen Bildungskonzepten. In diesem Zusammenhang geht die Autorin explizit auf die Paul Baltes zugeschriebene "Idealsicht" des Alterns ein, die angesichts individuell unterschiedlicher, in jedem Fall aber realer Einschränkungen zu relativieren ist. Dies gilt insbesondere beim Vorliegen ungünstiger Alternsverläufe, etwa im Fall von dementiellen aber auch anderen schweren Erkrankungen. Auch die geläufige Trennung in "drittes" und "viertes" Lebensalter erscheint der Autorin auf Grund ihrer empirischen Untersuchung als fragwürdig.

Die aus der Untersuchung resultierende Bildungsaufgabe erfordert eine verstärkte interdisziplinäre Vernetzung von Gerontologie, Erziehungswissenschaften und praktischer Altenbildung. Ziel ist ein Konzept von "Bildungsprozessen Älterer in sozialen Welten". Darunter versteht die Autorin ein Wechselverhältnis zwischen einerseits der Aufnahme, andererseits der Konstitution von sozialen Welten auf der einen und des Bildungsprozesses auf der andern Seite. Es geht also letztlich um "weitest mögliche Aneignung von Welt durch das Subjekt" im Sinne Wilhelm v. Humboldts.

Autorin

Die Soziologin Dr. Ines Himmelsbach ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forum Alterswissenschaften und Alterspolitik der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt/Main. Die vorliegende Arbeit wurde 2008 als Dissertation der Autorin vorgelegt.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit ist - nach einer Einleitung - in fünf Teile gegliedert mit folgenden inhaltlichen Schwerpunkten:

In der Einleitung (S. 15-17) stellt die Autorin das Ziel ihrer Untersuchung - die Überprüfung der gegenwärtigen Verortung der Altenbildung - und den inhaltlichen Aufbau vor.

Teil I (S. 21-85) behandelt Theoretische Grundlagen, Untersuchungsgegenstand, Methode der Arbeit. Er ist in fünf Abschnitte gegliedert:

  1. Theoretische Prämissen aus Gerontologie und Erziehungswissenschaft, (S. 21-41) enthält eine auch für sich sehr lesenswerte Übersicht über die neueren Theoriebildungen der Gerontologie.
  2. Formen des Pädagogischen (S. 43-59) entwickelt neue Perspektiven der Altenbildung, die sich aus der systematischen Bezugsetzung zu den allgemeinen Erziehungswissenschaften ergeben. Dabei entwickelt die Autorin mehrdimensionale Perspektiven der Altenbildung auf der Grundlage des von J.Kade u.a. angestoßenen Entgrenzungsdiskurses und stellt damit die Altenbildung in den Zusammenhang der Frage nach der Einheit des Pädagogischen (S.44).
  3. Sehbehinderung im Alter (S. 61-70) erläutert das Krankheitsbild der altersbedingten Makuladegeneration und stellt Bezüge zur gerontologischen Sehbehindertenforschung und zu entsprechenden erziehungswissenschaftlichen Betrachtungen her.
  4. Fragestellung und Akteure (S.71-75) entwickelt das Setting der empirischen Untersuchung.
  5. Methodisches Vorgehen (S. 80-85) erläutert die Grounded Theory auf der Grundlage eines qualitativen Erhebungsverfahrens.

Teil II (S. 87-194) beleuchtet die Perspektive der Experten. Dabei wertet die Autorin ausführliche Interviews mit zwei in der Beratung bei altersbedingter Makuladegeneration tätigen Frauen aus.

  • In zwei ersten Abschnitten werden diese Interviews zunächst für sich detailliert erläutert und ausgewertet.
  • Ein dritter Abschnitt stellt einen Vergleich beider her, wobei es insbesondere um Unterschiede zwischen der (im ersten Fall) professionell tätigen und der (im zweiten Fall) aus eigener Betroffenheit eine Selbsthilfegruppe leitenden Expertin geht.
  • Im vierten Abschnitt werden allgemeine Folgerungen zu Strukturierung, Umgangsformen, pädagogischer Systematisierung und Angebotsgestaltung in der Sehbehindertenhilfe entwickelt.

Teil III (S. 195-282) nimmt in analoger Vorgehensweise zu Teil II die Perspektive der Betroffenen in den Blick. Es handelt sich um Auswertung und Vergleich von Interviews mit zwei durch Makuladegeneration sehbehinderten Frauen mit deutlich verschiedenem Coping-Verhalten. Im Fallvergleich (Abschnitt 3) entwickelt die Autorin vor dem Hintergrund von Kompetenz- und Defizitzuschreibungen fünf Thesen, die im vierten Abschnitt - Einordnung weiterer Teilnehmer - zu Typologien weiterentwickelt werden. Diese können wiederum in der fallbezogenen Arbeit mit sehbehinderten älteren Menschen die Basis individueller, auf die jeweiligen Defizite und möglichen Kompetenzen bezogener Hilfekonzepte bilden.

Teil IV (S. 283-313) nimmt die Ergebnisse der vorangegangenen empirischen Untersuchung auf und bezieht sie auf die Ebene der theoretischen Auseinandersetzung mit Altern und Bildung. Dabei geht es der Autorin vor allem darum, eine allgemeine Theorie des Alterns aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive ins Gespräch zu bringen und diese zur spezifischen Sozialen Welt der Sehbehinderung in Beziehung zu setzen.

Das Buch wird durch 36 Schaubilder im Text illustriert und enthält ein umfangreiches Literaturverzeichnis am Schluss.

Zielgruppe

Das Buch ist - insbesondere in seinem allgemeinen Ertrag - ein Beitrag zur Theoriediskussion in der Gerontologie und Geragogik und mithin für Lehrende und Lernende an Hochschulen nutzbringend. Das betrifft vor allem die grundsätzliche gerontologische Frage nach dem Verhältnis von Defiziten und Kompetenzen im Alter und nach möglichen Coping-Strategien beim Eintritt von gravierenden und irreversiblen Behinderungen.

Es ist aber auch - insbesondere durch seine Erörterung methodischer Fragestellungen - für alle diejenigen hilfreich, die im Rahmen von Sozialer Arbeit mit alten Menschen, von Geragogik, Altenarbeit und -bildung mit der Frage nach den Grenzen der Ressourcenorientierung konfrontiert werden.

Diskussion

Im Spannungsfeld von Defizit- und Ressourcenorientierung innerhalb der Alternswissenschaften der letzten Jahrzehnte bildet das Buch von Ines Himmelsbach insofern einen wichtigen Beitrag, als es an die Stelle prinzipieller, bisweilen auch ideologisch anmutender Positionen den individuellen Befund setzt. Dazu kommt das nachvollziehbare Interesse der Autorin, die Theorie der Altenbildung - gerade im Zusammenhang zugespitzter Situationen beim Eintritt von Einschränkungen der Handlungsfähigkeit - im Feld der Erziehungswissenschaften zu verankern. Dies erweitert vor allem die Diskursfähigkeit und die Möglichkeiten der Interdisziplinarität von Konzepten der Altenbildung.

Dass diese Absichten und Ziele der Autorin konsequent aus empirischen Verfahrensweisen (Grounded Theory) entwickelt werden, verleiht ihnen Gewicht im wissenschaftlichen Diskurs.

Allerdings ist gerade hier auch eine Einschränkung zu vermerken: Die Verallgemeinerung von ausschließlich in qualitativen Erhebungsmethoden gewonnenen Erkenntnissen ist nicht unbedenklich. Immerhin handelt es sich im vorliegenden Fall nur um vier befragte Personen (2 Expertinnen/2 Betroffene). Da es sich bei den Befragten überdies ausschließlich um Frauen handelt, kommen geschlechtsspezifische Aspekte in der Untersuchung überhaupt nicht zur Sprache. Dies wäre jedoch gerade im Blick auf die Frage nach unterschiedlichem Coping-Verhalten bei Männern und Frauen unerlässlich. - Insofern wäre es wünschenswert, wenn die von der Autorin vorgetragenen Ergebnisse und Folgerungen in einem weiter führenden Verfahren durch quantitative Erhebungen noch sicherer erhärtet würden.

Fazit

Das Buch ist ein wichtiger Diskussionsbeitrag in der gegenwärtigen Frage nach dem Verhältnis von Defizit- und Ressourcenorientierung in der Gerontologie und Altenbildung. Zugleich bildet es einen lesenswerten Beitrag zur Frage nach der wissenschaftssystematischen Verortung von Konzeptentwicklungen und Methodenfragen der Altenbildung im Rahmen der allgemeinen Erziehungswissenschaften.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 11.11.2009 zu: Ines Himmelsbach: Altern zwischen Kompetenz und Defizit. Der Umgang mit eingeschränkter Handlungsfähigkeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16442-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8326.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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