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Claus Otto Scharmer: Theorie U. Von der Zukunft her führen

Cover Claus Otto Scharmer: Theorie U. Von der Zukunft her führen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. 494 Seiten. ISBN 978-3-89670-679-9. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR.

Reihe: Management. Originaltitel: Theory U.
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Verändern heißt Zukunft denken

Die von den Vereinten Nationen beauftragte Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ hat als Ergebnis des Nachdenkens über den aktuellen Zustand der Welt und ihrer gegenwärtigen und zukünftigen Entwicklung 1995 den dramatischen Appell formuliert: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Sie folgt damit den in den letzten Jahrzehnten vielfältigen Prognosen und Analysen, wie etwa den Berichten an den Club of Rome, von Global 2000, der Agenda 21 und zahlreichen weiteren Vorschlägen (vgl. dazu auch die Rezension zu Worldwatch Institute, Hrsg., Zur Lage der Welt 2009, sowie die Rezension zu Heinrich-Böll-Stiftung u.a., Hrsg., Wem gehört die Welt?). Die wissenschaftlichen Analysen sind nicht zuletzt getragen von interdisziplinär arbeitenden Expertinnen und Experten aus dem berühmten MIT, dem Massachusetts Institute of Technologie.

Entstehungshintergrund und Thema

Einer aus diesem Kreis, der deutsche Wissenschaftler Claus Otto Scharmer, Senior Lecturer am MIT, hat 2007 die Ergebnisse des Nachdenkens darüber, dass die bisher gewohnten Einstellungen des „Take, make, waste“ (Nimm, nutzt, wirf weg!), was in der Diskussion um eine andere, nachhaltige Entwicklung auch mit einem Stopp des „Immer-weiter-immer-höher-immer-schneller-immer-mehr“ bezeichnet wird, mit dem Originaltitel vorgelegt: „Theorie U. Leading From the Future as it Emerges. The Social Technology of Presencing“. Soeben hat nun der Carl Auer Verlag, Heidelberg, die deutsche Übersetzung herausgebracht. Der Autor bezeichnet die deutsche Herausgabe seines Buches als „nach Hause kommen“; was bedeutet, dass die Ideen und Analysen, die er in „Theorie U“ entwickelt, ihren Ursprung in seinem jahrzehntelangen Nachdenken darüber haben, wie es möglich ist,

  • „das Bewusstsein für … Veränderungs- und Führungsarbeit in allen Bereichen von gesellschaftlicher Entwicklung zu schaffen“,
  • „eine Sprache zu entwickeln, die es Praktikern und Forschern in Veränderungsprozessen erlaubt, … ihre(n) Erfahrungen auszutauschen“,
  • „eine soziale Technik zu entwickeln, die es Akteuren in Veränderungsprozessen erlaubt, effektiver und schöpferischer mit den kollektiven Führungsherausforderungen unserer Zeit umzugehen“.

Aufbau und Inhalt

So wird man die Arbeit von C. Otto Scharmer als einen Schlüssel für ein genaues Hinsehen der von uns Menschen selbst erzeugten Möglichkeiten und Problemen in unserer sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt bezeichnen können. Die Grundlagen und Methoden dafür finden wir in den europäischen Denkprozessen und in der amerikanischen Aktionsforschung. Damit fügen sich die beiden Wertekonstanten zu einer neuen Blickrichtung und damit zur Herausforderung zum Perspektivenwechsel zusammen. Aber das Umdenken vollzieht sich nicht als eine „Flucht nach hinten“, mit all den erkennbaren und deutlich werdenden Formen, wie Fundamentalismen, Nationalismen und Egoismen, sondern als „Umstülpung des sozialen Feldes“, und zwar als „Presencing“ (Gegenwärtigung oder Anwesendwerden) und „Sensing“ (er-spüren) von den Wirkungsweisen einer entstehenden Zukunft. Wichtig ist dabei, für Führungskräfte wie für Dich und mich, zu erkennen, dass „soziale Felder die Grundvoraussetzung für produktive soziale Beziehungen sind“. Scharmers „U“ setzt sich zusammen aus der Erkenntnis, dass Wissen und Erkenntnis im aristotelischen Sinne besteht aus dem „Was-Wissen“ (episteme), dem praktischen und technischen „Wie-Wissen“ (phronesis, techne),sowie dem „inneren Wissen“ (nous) und der „Weisheit“ (sophia). Es sind die fünf Ebenen der Veränderung, die sich in der U-Achse als Spannbreite von „Herausforderung“ und „Aktion“ darstellen.

Im ersten Teil des Buches führt der Autor den Leser auf diesen Weg seiner „U-Theorie“, indem er mit hilfreichen Grafiken und auto-biographischen und Fallbeispielen die vier Ebenen des Lernens und von Veränderungsprozessen aufschlüsselt und schließlich Presencing definiert als die „Fähigkeit einzelner Menschen oder kollektiver Einheiten, sich direkt mit ihrer höchsten zukünftigen Möglichkeit zu verbinden und von dort aus unmittelbar zu handeln“. Es ist immer wieder der „blinde Fleck“, sowohl in unserem individuellen Denken und Handeln, als auch im (lokal- und global-) gesellschaftlichen Agieren, der es schwierig macht, „neu zu denken“, also die Schwelle des Gewohnten zu überschreiten und damit die „blinden Flecke“ unseres Denkens und Tuns zu erkennen; gewissermaßen also das Werkzeug dafür auszuwählen und handhaben zu lernen.

Im zweiten Teil stellt Scharmer einen geordneten Werkzeugkasten dazu vor, der es ermöglicht, nicht nur die Werkzeuge des Denkens und Handelns darin aufzubewahren, sondern sie auch wieder zu finden und situations- und feldgerecht anwenden zu können. Dazu benutzt er die technologischen Begriffe „Downloaden – Runterladen“, um die Barrieren des organisationalen Lernens und der Veränderungsfähigkeit zu verdeutlichen: „Nicht erkennen, was man sieht“ – „Nicht sagen, was man denkt“ – „Nicht tun, was man sagt“ – „Nicht sehen, was man tut“. Dazu bedarf es aber auch des richtigen „Hinsehens – Seeing“, des „Hinspürens – Sensing“, des „Vergegenwärtigens – Presencing“, des „Verdichtens – Kristallieren“, des „Erprobens – Prototyping“ und schließlich des „In die Welt Bringens – Performing“.

Der dritte (Haupt-)Teil widmet sich, im Sinne der Aktionsforschung, den Techniken und Handlungsquellen, die Führungskräfte berücksichtigen sollten, wenn sie Veränderungs- und Innovationsprozesse einleiten und begleiten wollen. Die „Grammatik des sozialen Feldes“, gewissermaßen (s)eine soziale Feldtheorie, leitet der Autor mit 21 Thesen ein, die dazu dienen sollen, „das allgemeine Versagen und Zusammenbrechen der sozialen Systeme am Beginn des 21. Jahrhunderts besser zu verstehen und mögliche Interventionen und Handlungsstrategien zu skizzieren“; um danach auf den fünf Systemebenen – der Mikro-, Meso-, Makro-, Mundo- und Metaebene – die universalen Prozesse des „denkenden Handelns“, des „kommunikativen Handelns“, des „organisationalen Handelns“ und schließlich des „globalen Handelns“ zu diskutieren. Dabei legt er nachdrücklich und nachvollziehbar die Finger in die Wunden der sozialen Wirklichkeit und zeigt Möglichkeiten auf „zu lernen, den Entstehungsprozess von sozialer Wirklichkeit einzufangen“. Dabei zeigt Scharmer in zahlreichen Beispielen auf, wie individuelle und gemeinsame Wahrnehmung von Zukunftsintentionen entstehen können, um „das Neue in die Welt (zu) bringen“.

In seinem Epilog stellt C. Otto Scharmer eine Vision und gleichzeitig eine Realisation vor. Die Vision besteht in der Gründung einer globalen Aktionsforschungsuniversität, in der die „blinden Flecke“ kultur( r )evolutionär aufgedeckt und als „Kraftorte“ der Veränderung etabliert werden, und die Realisation wird angedeutet durch das vom Autor gegründete „Presencing Institute“ und der überraschenden und gleichzeitig wegweisenden Erfahrung, die er und seine Studierenden mit dem „Global Classroom“ – Projekt gemacht haben: „Je unterschiedlicher und entfernter die Akteure und Perspektiven eines gemeinsamen globalen Feldes sind, die man in einem Gespräch zusammenbringt, desto größer ist die mögliche gemeinsame Bewusstseinserweiterung“.

Fazit

Der „Feld“ – Versuch von C. Otto Scharmer ist ein faszinierendes und innovatives Beispiel dafür, wie es gelingen kann, dass die lokale und globale Erkenntnis – „Du brauchst eine neue Mitte, du musst Dein Leben ändern!“ – eingebracht werden kann in unser alltägliches Denken und Handeln, individuell und institutionell. Die „Theorie U“, als Möglichkeit der Öffnung des Denkens, Fühlens und Willens, ist eine Anleitung für Management und alltäglicher Gegenwarts- und Zukunftsbewältigung. Es sollte auf den Schreibtischen von Führungskräften aus Politik und Wirtschaft liegen, genau so wie auf den Arbeitstischen von Erzieherinnen, Erziehern, und auf den Familientischen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.10.2009 zu: Claus Otto Scharmer: Theorie U. Von der Zukunft her führen. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2009. ISBN 978-3-89670-679-9. Reihe: Management. Originaltitel: Theory U. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8328.php, Datum des Zugriffs 20.10.2017.


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