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Maria-Theresia Münch, Martin R. Textor (Hrsg.): Kindertagesbetreuung für unter Dreijährige [...]

Cover Maria-Theresia Münch, Martin R. Textor (Hrsg.): Kindertagesbetreuung für unter Dreijährige zwischen Ausbau und Bildungsauftrag. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. - DV (Berlin) 2009. 228 Seiten. ISBN 978-3-7841-1919-9. 18,20 EUR.

Für Mitglieder des Deutschen Vereins für öffentliche und private Für­ sorge e.V. 13,70 € (inkl. MwSt., zzgl. Versandkosten). Erschienen bei Lambertus.
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Thema

In dieser Veröffentlichung soll eine Bestandsaufnahme der vielfältigen Entwicklungen der vergangenen Jahre im Bereich der Kindertagesbetreuung vorgenommen werden. Die rechtlichen Grundlagen, die Angebotsformen für unter Dreijährige Kinder sowie die qualitativen Umsetzungen vor Ort werden in den Blick genommen.

AutorIn oder HerausgeberIn

Die Herausgeber zeichnen sich durch jahrelange Berufserfahrung im Feld der Tagesbetreuung für Kinder aus. Maria-Theresia Münch ist wissenschaftliche Referentin im Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. und Martin Textor ist Gründer und Leiter des Instituts für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPFZ). An den einzelnen Kapiteln sind namhafte Wissenschaftler/innen und Praktiker/innen beteiligt.

Aufbau

Nach einer Einführung von den beiden Herausgebern befasst sich der 1. Teil mit der aktuellen Situation der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung von unter Dreijährigen.

Im zweiten Teil werden verschiedene Formen der Kindertagesbetreuung für unter Dreijährige vorgestellt.

Der dritte Teil des Buches befasst sich dann mit der Frage nach der Qualität der Angebote unter dem Titel: Frühkindliche Bildung und die Qualität der Erzieher/innen.

Inhalt

In der Einführung verweisen Münch und Textor auf den in den letzten Jahren enormen quantitativen Ausbau der Kindertagesbetreuung als auch auf eine qualitative „bildungspolitische Aufladung“. Der quantitative Ausbau nimmt die Finanzierung der Angebote, den Bedarf an Angeboten und deren Inanspruchnahme in den Blick. In qualitativer Hinsicht stehen Fragen nach der konzeptionellen Verankerung frühkindlicher Bildung, der Ausbildung sowie Fort- und Weiterbildung der Fachkräfte und der Ausgestaltung der einzelnen Rahmenbedingungen vor Ort im Mittelpunkt. Durch die Verankerung des Rechtsanspruches auf einen Betreuungsplatz für unter Dreijährige ab 2013 haben die Träger der Jugendhilfe eine große Aufgabe zu bewältigen, die sich vor allem an der Sicherstellung von Chancengleichheit für alle Kinder orientieren sollte.

Im ersten Teil startet Textor mit der Darstellung der zunehmenden Politisierung und Ökonomisierung der Frühpädagogik. Der Autor sieht die Fragen durch Zielsetzungen und Anforderungen aus frauen-, wirtschafts-, bildungs-, sozial- und bevölkerungspolitischen Aspekten beeinflusst. Diese unterschiedlichen Blickwinkel setzen den Bereich einer nicht zu unterschätzenden Zerreißprobe aus, die sich unmittelbar auf die Qualität und Quantität der Angebote auswirkt.
Schilling und Fuchs-Rechlin zeigen einen aktuellen und umfassenden Überblick über den quantitativen Ausbau der Angebote und richten ihren Fokus nicht nur auf die Platzzahlen, sondern auch auf weitere Kenngrößen, wie Betreuungszeiten, Gruppengrößen und Personaleinsatz. Durch diesen Beitrag wird die Dynamik der Veränderungsprozesse des Bereiches deutlich.
Der gesellschaftspolitische Veränderungsprozess wird vom Bund in gesetzgeberischer Hinsicht aufgenommen und es werden entsprechende Neujustierungen vorgenommen. Wiesner beleuchtet in diesem Zusammenhang das Zusammenwirken von Bund, Ländern und Kommunen mit all seinen Konfliktpunkten und zeigt ebenfalls die Folgen für die Umsetzung der gesetzten Ziele für den Ausbau auf.
Die Länder haben neben der Finanzierungsverantwortung auch die landesgesetzlichen Ausgestaltungen zu verantworten. Sell beschreibt diese Situation und zeigt erhebliche Defizite auf, die durch die Förderalismusreform und das Konnexitätsprinzip bedingt sind. Auch hier wird darauf verwiesen, dass neben dem Ausbau der Quantität nicht die Qualität der Angebote vergessen werden darf.
Selle stellt die kommunale Ebene in diesem Zusammenhang dar: der konkrete Ausbau der Angebote wird durch relevante Entwicklungslinien, Problemfelder und Handlungsstrategien beeinflusst, die grundsätzlich für alle Kommunen gelten.
Die anerkannten freien Träger der Jugendhilfe haben die Herausforderung zu meistern, die neuen Angebote umzusetzen und dabei auch neue Wege zu beschreiten. Beneke zeigt mögliche Varianten auf und benennt noch offene Fragen in finanzieller, fachlicher und struktureller Hinsicht.

Der zweite Teil der Veröffentlichung zeigt zunächst durch Textor einen Überblick über die institutionellen Betreuungsangebote. Es werden die aktuell existierenden Formen umfassend dargestellt und Vorteile und Nachteile hinsichtlich der Bedarfe von Kindern unter drei Jahren aufgezeigt.
Gerszonowicz zeichnet in ihrem Beitrag die Entwicklungslinien der Kindertagespflege nach, die als Form der Kindertagesbetreuung eine immer stärkere Bedeutung gewinnt. Das besondere Profil der Kindertagespflege wird hier verdeutlicht.
Neben den klassischen Angeboten für Kinder unter drei Jahren in Kindertageseinrichtungen gibt es auch weitere Angebotsformen, die einen wichtigen Bestandteil des Angebots ausmachen. Diller und Schneider zeigen deren Fokus auf Familien- und Sozialraumorientierung auf.
Främcke und Linhart stellen den Bereich der betrieblichen Kindertagesbetreuung dar und zeigen auf, dass Familienfreundlichkeit auch von Unternehmen als wichtiger Standortvorteil immer mehr erkannt wird.
Der Bereich der gewerblichen Kinderbetreuung wird von Larra unter der Fragestellung bewertet, ob dies eine Chance oder eine Gefahr für den Bereich darstellt. Das Für und Wider eines Ausbaus privat-gewerblicher Angebote wird diskutiert.
Die Qualität der vorhandenen frühpädagogischen Angebote und der eingesetzten Fachkräfte in der Frühpädagogik werden im dritten Teil des Buches behandelt. Becker-Stoll stellt aus dem Blick des Kindes aktuelle empirische Befunde aus der Kindheits- und Bindungsforschung dar und zieht die daraus entstehenden Konsequenzen für die Angebote an die Kinder. Auch die Anforderungen, die sich daraus bezüglich der Rahmenbedingungen und des Personals ergeben werden diskutiert.
Bostelmann stellt wichtige Eckpunkte für ein aktuell anwendbares Konzept der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung vor und geht dabei auch der Frage nach, ob es derzeit in Deutschland überhaupt eine Pädagogik für Kinder unter drei Jahren gibt.
Wesentliche, allgemeingültige und anerkannte Dimensionen von Qualität im Bereich der frühkindlichen Pädagogik werden von Braun dargestellt. Der fortlaufende Qualitätssicherungsprozess muss mit der Sicherstellung von adäquaten Rahmenbedingungen einhergehen.
Die Fachkräfte der Frühpädagogik und deren qualitativ hochwertige Aus-, Fort- und Weiterbildung wird von Franke thematisiert. Sie gibt einen Überblick über eine diffuse Qualifizierungslandschaft und stellt Handlungsbedarfe vor.
Die Rolle der Fachberatung für Kindertagesbetreuung wird von Münch abschließend in den Blick genommen. Hier wird der Versuch unternommen eine systematische Auseinandersetzung mit dem Feld der Fachberatung zu führen und es werden Handlungsbedarfe für Ausgestaltung und Weiterentwicklung der Fachberatung vorgestellt.

Diskussion

Die Veröffentlichung von Münch und Textor bietet ein breites Feld an Informationen und Diskussionen aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln des Themenfeldes und damit ein weites Spektrum an fachlicher Auseinandersetzung. Es ist hier sehr gut gelungen, auch durch die Beteiligung von Autor/innen mit unterschiedlichsten beruflichen Hintergründen, einen umfassenden Überblick zu verschaffen und Forderungen für die weitere Entwicklung des frühpädagogischen Bereiches zu formulieren.

Der schon lange notwendige zahlenmäßige Ausbau der Angebote an frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung in Deutschland hat begonnen. Umso wichtiger ist es, immer wieder darauf zu verweisen, dass es dabei alleine nicht bleiben darf. Um die so dringend von Familien gebrauchten Angebote in einer guten Qualität vorhalten zu können, benötigen wir gut ausgebildete pädagogische Fachkräfte, gute Rahmenbedingungen wie Kind-Erzieher/in-Schlüssel, räumliche Ausstattungen, … und ein haltgebendes Unterstützungssystem für die Anbietenden. In der Gesamtheit der Veröffentlichung wird dies deutlich vermittelt.

Das im zweiten Teil des Buches auch Formen der Kindertagesbetreuung in den Fokus genommen werden, die nicht die zu den klassischen und allseits bekannten gehören, fällt sehr positiv auf. Meiner Meinung nach ist es hier gelungen, einen vollständigen Überblick zu bieten.

Fazit

Kindertagesbetreuung für unter Dreijährige zwischen Ausbau und Bildungsauftrag von Münch und Textor bietet einen vollständigen Überblick über die derzeit herrschende wissenschaftliche und öffentliche Diskussion um den quantitativen Ausbau der Betreuungsangebote für Kinder unter drei Jahren und zeigt das Spannungsfeld zur ebenso notwendigen qualitativen Stärkung des Berufsfeldes auf.


Rezension von
Dipl. Soz.-Päd Sonja Hees
Leiterin einer integrativen Kindertagesstätte, Fortbildnerin für Erzieher/innen und Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Koblenz im Studiengang „Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt frühe Kindheit“.


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Zitiervorschlag
Sonja Hees. Rezension vom 17.03.2010 zu: Maria-Theresia Münch, Martin R. Textor (Hrsg.): Kindertagesbetreuung für unter Dreijährige zwischen Ausbau und Bildungsauftrag. Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge e.V. - DV (Berlin) 2009. ISBN 978-3-7841-1919-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8329.php, Datum des Zugriffs 08.08.2020.


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