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Norbert Klusen, Anja Fließgarten u.a. (Hrsg.): Informiert und selbstbestimmt

Cover Norbert Klusen, Anja Fließgarten, Thomas Nebling (Hrsg.): Informiert und selbstbestimmt. Der mündige Bürger als mündiger Patient. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2009. 425 Seiten. ISBN 978-3-8329-4474-2. 54,00 EUR, CH: 90,90 sFr.

Reihe: Beiträge zum Gesundheitsmanagement - Band 24.
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Zielstellung

Die Herausgeber gehen in dem Vorwort zum Band der Reihe Beiträge zum Gesundheitsmanagement auf die Zielsetzung und Intention des hier vorliegenden Bandes ein. Die Interaktion zwischen Arzt und Patient steht im Vordergrund der Betrachtung. Es geht um die „Entscheidungsfindung auf der Basis patientenfreundlicher sowie evidenzbasierter Patienteninformation“ (S.5). Das Werk stellt in diesem Zusammenhang zwei zentrale Aspekte besonders heraus:

  • den Paradigmenwechsel im Arzt-Patienten-Verhältnis von Paternalismus zum selbstbestimmten Patienten und
  • die Bedeutung von Informationen für den Patienten als eine wichtige Voraussetzung für den Paradigmenwechsel (S. 6).

Aufbau

Der Sammelband gliedert sich in vier große, übergeordnete Kapitel. In diesen werden zu den unterschiedlichen Schwerpunkten 23 verschiedene Aufsätze thematisch zusammengefasst. Die vier thematischen Linien sind:

  1. Die (Wieder-)Entdeckung des Patienten

  2. Der informierte Patient: Herausforderungen für die Arzt-Patienten-Kommunikation

  3. Der selbstbestimmte Patient: Politische, ethische und rechtliche Perspektiven

  4. Märkte und Unternehmen für Gesundheitsdienstleistungen

Den Herausgebern ist es mit dem Band gelungen, soviel sei bereits an dieser Stelle vorweg genommen, eine beeindruckende Anzahl an hochkarätigen und renommierten Autorinnen und Autoren für das Werk zu gewinnen. Die mit dem Band verbundene Intention eine Brücke zwischen Wissenschaft und Alltagspraxis zu schlagen, wird allein schon durch die Bandbreite der repräsentierten, interdisziplinär aufgestellten Autorinnen und Autoren bewerkstelligt. So kommen VertreterInnen aus verschiedenen Bereichen der Wissenschaft, des IQWIG als auch KassenvertreterInnen in dem Band zu Wort.

Das Werk besteht mit Ausnahme eines englischsprachigen Artikels aus deutschen Beiträgen.

1. Die (Wieder-)Entdeckung des Patienten

In diesem Kapitel, das sechs Beiträge umfasst, eröffnet Sabine Großkinsky die Sicht auf die Wiederentdeckung des Patienten unter einer salutogenetischen Perspektive und stellt das hierin verortete Potential für den Nutzer im Versorgungssystem (z.B. als Mitgestalter) heraus. Patientenrelevante Endpunkte und patient-reported outcomes in der klinischen Forschung werden in dem gemeinsamen Artikel von Ingrid Mühlhauser und Hardy Krüger anschließend thematisiert. Beispielhaft werden aktuellen Entwicklungen und Kontroversen um patientenrelevante Endpunkte aufgezeigt. Die aktuelle Studienlage zur Frage der therapeutischen Effekte der partizipativen Entscheidungsfindung (PEF) greifen Fülüp Scheibler (IQWiG) und Andreas Loh (Universitätsklinikum Freiburg) auf. Ob Patientinnen und Patienten mündig sein wollen, wird in dem gemeinsamen Beitrag von Thomas Nebling und Anja Fließgarten (beide Techniker Krankenkasse (TK)) thematisiert. Sie stellen eine Befragung der TK vor und kommen zu dem Ergebnis, dass dies eindeutig aus Sicht der Befragten zu bejahen ist. Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse weisen sie besonders auf die strategischen Herausforderungen für alle Akteure im Gesundheitswesen hin, betonen aber die besondere Rolle der Krankenkassen, „die sich als moderne Dienstleister im Gesundheitsmarkt positionieren möchten“ (S. 94). Anhand des Schweizer Modells zur Förderung der Patientenkompetenz zeigt Gerd Nagel auf, dass es ein lohnenswerter Beitrag ist, die Kompetenz der Patienten zu stärken. Albert G. Mulley (Harvard Medical School) stellt in seinem Beitrag die Frage nach der Rolle des Patienten bei medizinischen Entscheidungen und Management aus der amerikanischen Sicht und arbeitet Perspektiven für eine Verbesserung der Wirtschaftlichkeit des Gesundheitswesens heraus.

2. Der informierte Patient: Herausforderungen für die Arzt-Patienten-Kommunikation

Fragen zum informierten Patienten und den Herausforderungen für die Arzt-Patienten-Kommunikationwerden durch sechs Beiträge im zweiten Kapitel systematisch erörtet.

Von Seiten des Berliner Max-Planck-Institutes für Bildungsforschung wird hierzu von Odette Wegwarth und Gerd Gigerenzer die Frage zu den Risiken und Nebenwirkungen in diesem Kontext aufgeworfen. Untermauert wird die Betrachtung durch die Analyse, was Ärztinnen und Ärzte aber auch Patientinnen und Patienten über Nutzen und Risiken der Krebsfrüherkennungstests wissen. Anhand vieler Beispiele zeigen sie sehr plastisch auf, „dass der Traum von informierten Ärztinnen und Ärzten und Patientinnen und Patienten noch weit von der Realität entfernt ist“ (S. 136). Vor allem die mangelnde Transparenz in der Informationsvermittlung, die nachhaltig zu einer Irreführung statt Aufklärung führt, das fehlende Training in der Risikokommunikation im Rahmen der ärztlichen Ausbildung als auch die Vielzahl der für die informierte Entscheidungsfindung ungeeigneten Informationsquellen, werden von ihnen als Mangel benannt.

David Klemperer (Regensburg) setzt sich mit der Thematik der Qualitätssicherung durch informierte Patienten auseinander und gibt Einblick in einen patientenzentrierten Qualitätsbegriff, der sich an der Qualitätsdefinition des National Institutes of Health (NHI) orientiert. Sein Beitrag gibt zudem einen guten Überblick über die Entwicklungslinien der Patientenorientierung in Deutschland und zeigt sowohl die gesundheitspolitischen als auch die forschungsbezogenen Beiträge auf. Hierauf aufbauend stellt er das Konzept des Shared Decision Making vor und leitet für die zukünftige Gestaltung, den Wunsch nach einer flächendeckenden Implementierung ab.

In ihrem Beitrag „Gemeinsame Entscheidungsfindung zwischen Arzt und Patient“ stellen Daniela Simon und Martin Härter (Freiburg/Hamburg) die Frage, ob es sich hier um einen „Zeitraubender Luxus im Praxisalltag“ handelt oder um eine lohnenswerte und notwendige Strategie. Gisela Brünner (TU Dortmund) gewährt einen Einblick in ihre linguistisch-gesprächsanalytische Analyse. Sie geht der Frage nach, warum die Ziele zur Umsetzung einer partizipativen Entscheidungsfindung, wie sie in den vorangestellten Beiträgen herausgearbeitet wurden, nur mühsam, bzw. nur unvollkommen realisiert werden. Die Verständigung zwischen Arzt und Patient als Experten-Laien-Kommunikation reflektiert die Autorin unter der Berücksichtigung der strukturellen Qualität der Arzt-Patienten-Kommunikation. Gespräche zwischen Patienten und Ärzten – Ein- und mehrsprachige Anamnese im Krankenhaus“, betrachten Kristin Bührig und Bernd Meyer (Universität Hamburg) diskursanalytisch. Sie zeigen die Probleme bei mehrsprachigen Anamnesen auf (mit ad-hoc-Dolmetschern) und leiten Chancen für eine Verbesserung dieser besonderen Herausforderung ab. Die explorative Thüringer Studie, in der sowohl PatientInnen als auch AllgemeinmedizinerInnen befragt wurden, untersucht die Veränderungen der Arzt-Patienten-Beziehung durch das Internet (Wozu braucht man da noch einen Arzt? (Joachim R. Höflich und Team, Universität Erfurt).

3. Der selbstbestimmte Patient: Politische, ethische und rechtliche Perspektiven

Das dritte Kapitel wird von Andreas Köhler eröffnet, der die Patientenorientierung aus Sicht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung darlegt. In dem insgesamt sieben Beiträgen umfassendem Kapitel, schließt Stefan Etgeton mit seinem Beitrag „Konsumentensouveränität im Gesundheitswesen - Anforderungen an die Gesundheits- und Verbraucherpolitik“ aus der Perspektive des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen (Berlin) an. Sehr systematisch setzt er sich mit den unterschiedlichen Rollen der Verbraucher im Gesundheitswesen auseinander.

Frank Mathwig (Bern) geht mit seiner Expertise als Beauftragter für Ethik am Institut für Theologie und Ethik des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) der Frage nach einer „menschenwürdige“ Gesundheitsversorgung nach und bezieht Stellung zu ethischen Aspekten einer gerechter Verteilung im Gesundheitswesen.

Unter dem Fokus der selbstbestimmten Lebensführung pflegebedürftiger Menschen zeigt Michael Wiese (Westsächsische Hochschule Zwickau) die Herausforderungen für eine professionelle Begleitung durch eine qualifizierte-professionelle Pflege auf. Hier gilt es, pflegebedürftige Menschen vor „den Strapazen der Selbstständigkeit und der Last der Verantwortung zu scheitern“, zu bewahren (S. 295).

Dieter Hart zeigt in seinem Beitrag zur „Ärztliche Aufklärung bei der Arzneimittelbehandlung –System und neuere Rechtssprechungsentwicklungen insbesondere beim medizinischen Erprobungshandeln“ (Universität Bremen), dass Aufklärung – „mehr noch als bei der Standardbehandlung“ – beobachtungs- und prozessorientiert ist und die „Geschäftsgrundlagen“ der Einwilligung ständig mit dem Prozess des Erkenntnisgewinns und der Steigerung von Bewertungssicherheit zu verknüpfen (S. 311) sind.

Die Rolle der Versicherten im Recht der gesetzlichen Krankenversicherung untersucht Georgia Skorczyk (TK Hamburg, Bereichsleiterin Recht und Vergabe). Sie führt sehr grundlegend in die verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen ein, zeigt den Einfluss des Europäischen Gemeinschaftsrechts und des Völkerrechts und veranschaulicht anhand des GMG und des GKV-WSG den Einfluss auf die Rolle des Versicherten. Die darin enthaltenen Erweiterungen der Wahlmöglichkeiten für Versicherte (Krankenkassenwahl, Wahltarife, Kostenerstattung, private Zusatzversicherungen) werden von ihr aufzeigt und in den Zusammenhang zu den Partizipationsmöglichkeiten der Versicherten (Selbstverwaltung, Patientenvertreter im G-BA) gesetzt.

Im abschließenden Beitrag geht Anne-Kathrin Klemm (TK Hamburg) der Frage „Mehr Versichertensouveränität durch Wahltarife in der gesetzlichen Krankenversicherung?“ nach.

4. Märkte und Unternehmen für Gesundheitsdienstleistungen

Auch im letzten Kapitel werden Autorinnen und Autoren unterschiedlichster Arbeitsfelder unter einem thematisch äußerst spannenden Fokus zusammengeführt.

Peter Oberender und Jürgen Zerth (beide Universität Bayreuth) konzentrieren sich auf die Perspektive des nachfragegesteuerten Gesundheitswesens und setzen sich mit den unterschiedlichen Konditionen und gesundheitspolitischen Maßnahmen auseinander.

Am Beispiel der HELIOS Kliniken und unter dem Motto „Qualität zahlt sich aus!“ zeigen Hennig T. Baberg und Francesco De Mero (Berlin) auf, wie sich Qualität und wirtschaftlicher Erfolg miteinander vereinbaren lassen.

Einen Einblick in die Erfahrungen mit der ersten deutschen Patientenuniversität an der Medizinischen Hochschule in Hannover berichten Marie-Luise Dierks und Gabriele Seidl. Seit 2006 findet dort entlang des amerikanischen Vorbildes der Mini-Med-Schools ein Angebot statt, dass sich einerseits an Bürgerinnen und Bürger, Patientinnen und Patienten richtet, anderseits an Vertreterinnen und Vertreter der Selbsthilfe und der Patientenvertretung. Mit der Patientenuniversität soll die Gesundheitskompetenz der BürgerInnen erhöht, „ihr präventives Bewusstsein“ weiterentwickelt (S. 379) werden und „die Rechte von Patientinnen und Patienten unterstützt und die Gesundheitssystemkompetenz der Vertreter von Patientenorganisationen“ (ebenda) gefördert werden. Der Beitrag gibt vor allem einen dezidierten Einblick in die erfolgreiche Bildungsreihe „Gesundheitsbildung für Jedermann“ mit den einzelnen Lernstationen, Inhalten und den Ergebnissen der begleitenden Evaluation über das Angebot und deren Nachfrage.

Im abschließenden und letzten Beitrag des Bandes, erläutern Christoph Strauch und Thomas Nebling die Versorgungsstrategie der Techniker Krankenkasse (TK) „Vom Patient zum Partner“ und stellen unter diesem Schlaglicht die verschiedenen Elemente der TK zur Vermittlung der Gesundheitskompetenzen und der verwendeten Medien dar (S. 397). Sie zeigen auf, welche Möglichkeiten Kassen in Zeiten des Morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleiches und Gesundheitsfonds trotz Verlustes der Beitragssatzautonomie haben und das die Förderung der Gesundheitskompetenz der Versicherten durch verschiedene Maßnahmen durchaus einen wichtigen Beitrag liefern können.

Fazit

Das Buch richtet sich an Vertreterinnen und Vertreter der Kassen, an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich mit den Themen der informierten Entscheidungsfindung, den komplexen Fragen zur Interaktion und Kommunikation zwischen ÄrztInnen und PatientInnen befassen. Weitere enge Zielgruppen sind Juristinnen und Juristen als auch Studierende der relevanten Studiengänge. Durch die hohe Interdisziplinarität wird in besonders herausragender Weise ein sehr umfassender Einblick in die aktuellen Diskurse um den mündigen Bürger und Patienten geschaffen. Das Werk hilft, den Blick auf den Paradigmenwechsel zwischen Paternalismus und Autonomie zu schärfen und die Komplexität der Wechselwirkungen zwischen PatentInnen und Professionellen, also auch BürgerInnen und Professionellen, in dem Veränderungsprozess zu verstehen.


Rezensentin
Prof. Dr. Frauke Koppelin
Homepage tinyurl.com/koppelin
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Zitiervorschlag
Frauke Koppelin. Rezension vom 08.11.2010 zu: Norbert Klusen, Anja Fließgarten, Thomas Nebling (Hrsg.): Informiert und selbstbestimmt. Der mündige Bürger als mündiger Patient. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2009. ISBN 978-3-8329-4474-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8330.php, Datum des Zugriffs 13.11.2019.


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